Ladurners Blog für Einblicke in unübersichtliche Landschaften

Pakistans Demokratie gebührt ein Lob

Von 22. Juni 2012 um 14:37 Uhr

Es gibt wenige Gelegenheiten, um Pakistan zu loben. Jetzt ist eine gekommen. Das Oberste Gericht des Landes hat den Rücktritt des Premierministers Yousaf Raza Gilani  erzwungen. Er war wegen Missachtung der Justiz für amtsunfähig erklärt worden. Hintergrund ist, dass Premier Gilani sich weigerte, die Behörden der Schweiz um die Wiederaufnahme eines Korruptionsverfahrens gegen Pakistans Präsidenten Asif Ali Zardari zu ersuchen. Zardari soll in den neunziger Jahren mit seiner Frau, der ermordeten Ex-Regierungschefin Benazir Bhutto, Bestechungsgelder auf Schweizer Konten geschafft haben. Die Schweiz legte ihre Ermittlungen auf Eis, als Zardari 2008 Präsident wurde.

Präsident Zardari gehört wie Gilani der Pakistan Peoples Party (PPP) an. Die PPP gewann 2008 die Wahlen und beendete damit eine neun Jahre währende Herrschaft des Generals Pervez Musharraf. Die Tatsache, dass das Gericht den Rücktritt des Premiers erzwingt, ist ein Zeichen dafür, dass die Gewaltenteilung in dem viel gescholtenen Pakistan mitunter funktioniert.

Nun wird viel darüber spekuliert, dass das Gericht nur das Geschäft der Militärs verrichte. Die Generäle Pakistans liegen seit Langem im Streit mit der PPP. Doch diese Interpretation unterschlägt, dass der Oberste Richter Iftikar Chaudry im Jahre 2007 an der Spitze einer breiten Bewegung stand, die schließlich mit Erfolg den Sturz von General Musharraf erreicht hatte. Etwas überspitzt und verkürzt gesagt: Chaudry hat die Generäle aus der Politik vertrieben und in die Kasernen zurückgeschickt.

Ja, Pakistan ist das Hort des Terrorismus; Pakistan ist eine instabile atomare Macht; Pakistan exportiert Instabilität nach Afghanistan; Pakistan wandelt immer am Rande des Zusammenbruchs. Das ist alles richtig. Dennoch, man muss Pakistan unvoreingenommen betrachten. Dann könnte man sehen, dass es auch in diesem Land – so wie in jedem anderen Staat – gesunde Kräfte gibt, denen es ernst ist mit dem Kampf gegen die Korruption und ihrem Glauben an die Demokratie und die Gewaltenteilung.

Man muss aus Chaudry keinen Helden machen, sondern nur öffentlich zur Kenntnis nehmen, dass das Gericht einen Premier stürzte, der nach Meinung der Antikorruptions-NGO Transparency International der “schlimmste in der 65jährigen Geschichte des Landes” war. Pakistans Demokratie gebührt ein Lob.

Kategorien: Allgemein
Leser-Kommentare
  1. 1.

    [...] Es gibt wenige Gelegenheiten, um Pakistan zu loben. Jetzt ist eine gekommen. Das Oberste Gericht des… [...]

  2. 2.

    Schön das sich plötzlich wieder die ganzen Pakistanspezalisten zu Wort melden die keine Ahnung von irgendetwas haben. Das die Bhutto im Westen schon als Heilige verehrt wurde zeigt alles.
    Mein Vater kannte die “Heilige” noch höchstpersönlich und auch ein Teil der Taten die dieser Clan verbrochen hat.
    Jedes Kommentar oder Meinung aus den deutschen Medien bzgl. Pakistan beruht auf realitätsfremden Fakten oder Standpunkten. Genauso wie dieser Eintrag.
    Ich würde mich freuen wenn die deutschen Medien sich einfach nur auf die objektive Berichtserstattung beschränken würden! Wenn ich mir Märchenanhören will dann lese ich BILD.

    • 22. Juni 2012 um 15:25 Uhr
    • Heinz
  3. 3.

    Wenn man die Demokratie eines Landes ausdrücklich loben muss, hat es eigentlich keine richtige !!!

    • 22. Juni 2012 um 16:16 Uhr
    • Ohje
  4. 4.

    Im Gegensatz zu der unseren, wenn Staatsstreiche à la ESM wirklich durchkommen und nicht vom Verfassungsgericht kassiert werden. Ich bin gespannt, ob man unser Land Demokratie nennen kann. Wenn nicht, dann werden hoffentlich viele Bürger Widerstand leisten.

    • 22. Juni 2012 um 16:26 Uhr
    • Karsten S
  5. 5.

    Pakistans Demokratie ist schon ganz am Anfang vor die Hunde gekommen. Der Staatsgründer, Muhammad Ali Jinnah, wollte eine Westminster-Demokratie einführen, auch laizistisch, wie sein Vorbild Kemal Atatürk in der Türkei eingeführt hat. Leider starb Jinnah viel zu früh und das Land wurde sehr schnell von den Militärs übernommen.

    Und dann kam die Islamisierung durch General (!) Zia-ul-Haq, der seinen westlich geprägten, wenn auch korrupten Vorgänger, Ali Bhutto hinrichten ließ.

    Ich glaube nicht an eine “wirkliche” Demokratie in Pakistan, in diesem immernoch feudalen Staat, wo 60% der Bevölkerung in bitterer Armut lebt.

    Ich war mal dort, noch vor 9/11

    • 22. Juni 2012 um 16:29 Uhr
    • Layer 8
  6. 6.

    Pakistans Demokratie? Wie kann man diese 2 Wörter überhaupt in dieser Reihen folge verwenden? In Pakistan gab es nie eine Demokratie, es gibt auch jetzt keine und es wird auch in 1000 Jahren keine geben.

    • 22. Juni 2012 um 16:42 Uhr
    • sibeur
  7. 7.

    Interessantes Interview mit Imran Khan…..vor wenigen Tagen mit Assange geführt…..http://www.youtube.com/watch?v=WacS98ATtIM&feature=player_embedded

  8. 8.

    Also wenn mir hartgesottene Geschäftsleute die um die ganze Welt gejettet sind sagen, Pakistan sei “das einzige Land gewesen in dem ich wirklich Angst um mein Leben hatte” (ist allerdings auch schon einige Jahre her, ich selbst war noch nie dort und will mir deshalb kein Urteil erlauben) dann ist es doch erfreulich, dass das hohe Gericht soviel Macht hat, einen potenziell korrupten Präsidenten zum Rücktritt zu zwingen.

    Es gibt andere Staaten die wir als “demokratisch” befinden, in denen das nicht “so einfach” möglich wäre.

    • 22. Juni 2012 um 17:35 Uhr
    • deDude
  9. Kommentar zum Thema

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