Ladurners Blog für Einblicke in unübersichtliche Landschaften

Der gefährliche Überlebenskampf der Mullahs

Von 31. August 2012 um 16:24 Uhr

Wir sind nicht isoliert! Das ist die Botschaft, die das iranische Regime auf dem Gipfel der Blockfreien Staaten vermitteln wollte. Der Gipfel fand in Teheran statt. Der Iran übernahm von Ägypten für drei Jahre den Vorsitz über diese 118 Staaten umfassende Organisation. Es war eine gute Gelegenheit, sich der Welt zu präsentieren. Doch das ist gründlich schief gelaufen, nicht nur wegen des Auftritts von Ägyptens Präsident Mursi.

Der Spielverderber ist die Internationale Atomenergie-Agentur (IAEA) mit Sitz in Wien. Sie veröffentlichte just während des Gipfels einen Bericht, wonach der Iran weitere Gaszentrifugen zur Anreicherung von Uran gebaut habe. Und plötzlich redet alles nur mehr von der nuklearen Gefahr, die von Teheran ausgeht. Der Iran befand sich im Handumdrehen genau dort, wo ihn seine Gegner haben wollen: In der Ecke des isolierten Pariahs.

Warum hat die IAEA ihren Bericht gerade jetzt veröffentlicht? Das iranische Regime gibt darauf eine eindeutige Antwort: Die IAEA sei keine unabhängige Institution und sie habe  die Namen von Wissenschaftlern, die am iranischen Atomprogramm arbeiten, an westliche Geheimdienste weitergeben. Eine ganze Reihe dieser Experten sind inzwischen Attentaten zum Opfer gefallen. In Teheran behauptet man da einen Zusammenhang. Man muss diese Auffassung des Regimes nicht teilen, doch es besteht kein Zweifel daran, dass der Krieg gegen Teheran schon seit einiger Zeit geführt wird. Die Attentate sind ein Teil davon, die Attacke mit dem Computervirus Stuxnet ebenfalls, auch die harten Sanktionen der USA und Europas sind in diesem Zusammenhang zu sehen. Das alles geschieht angeblich, um zu verhindern, dass der Iran die Atombombe baut.

Aber es sind Zweifel angebracht, dass dies das primäre Ziel dieser Politik ist. Alle Experten sind sich einig, dass kein einziges Mittel, welches eingesetzt wird, den Iran auf lange Sicht davon abhalten könnte, ein Bombe zu bauen. Selbst ein Krieg brächte nur eine Verzögerung. Wenn Teheran will, dann wird es die Bombe bauen. Ja, selbst wenn morgen die Opposition an die Macht käme, ist es nicht ausgemacht, dass der Iran von seinem nuklearen Weg ablassen wird. Auch die Führer der Grünen Bewegung haben nie ausdrücklich auf das Recht verzichten wollen, Uran anzureichern. Dieses Recht steht dem Iran zu. Allerdings nur dann, wenn Uran für zivile Zwecke angereichert wird und nicht für den Bau einer Bombe.

Das Regime in Teheran sieht sich zu Recht in einem Abwehrkampf, bei dem es um seine Existenz geht. Die Herrscher wissen auch, dass sie eine Bombe politisch zwar völlig ins Abseits stellen würde, sie aber militärisch unangreifbar macht. Durch eine Bombe wären sie immun. Obwohl die Mullahs gerne als Verrückte dargestellt werden, sind sie es keineswegs. Sie verhalten sich rational. Deswegen spielen sie mit der Möglichkeit, eine Bombe zu bauen – doch sie lassen die Welt darüber im Ungewissen, ob sie sich dazu entschieden haben. Es ist nicht einmal sicher, ob die Führung beschlossen hat, eine Bombe herzustellen.

Im jüngsten IAEA-Bericht steht, dass der Iran mehr Gaszentrifugen gebaut hat, als bis dahin angenommen wurde. Doch diese “neuen” Zentrifugen arbeiten noch nicht. Teheran will damit sagen: Wir könnten, wenn wir wollen. Und es hängt von eurer Politik ab, ob wir diesen Weg beschreiten. Was aber bezweckt das Regime damit? Vor allem eines: auf Dauer zu überleben. Wenn möglich ohne Bombe, wenn nötig mit.

Kategorien: Allgemein
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Ich denke, dass der letzte Satz wirklich alles sagt:

    “Vor allem eines: auf Dauer zu überleben. Wenn möglich ohne Bombe, wenn nötig mit.”

    Nicht nur Israel will überleben, der Iran möchte es auch.
    Durch die Sanktionspolitik wurden und werden die Preise im Iran immer höher.
    Der größte Teil der Bevölkerung konnte sich zum Ramadan nicht einmal Fleisch leisten. Die Sanktionen treffen nicht das Regime, sondern die Bevölkerung.
    Außerdem muss man sich doch wirklich fragen, ob der Iran wirklich wegen dem möglichen Bau der Atombombe sanktioniert wird oder wegen politischen Interessen.

    • 31. August 2012 um 17:36 Uhr
    • shippy
  2. 2.

    Die Bombe macht sie gegenüber den USA unverwundbar. Der Iran hat Öl, die USA wollen Öl und führen dafür auch gerne Kriege.
    Man würde die Bombe nicht haben wollen, wenn wir nicht bereits 2 Kriege in diesem Jahrtausend wegen des Öls geführt hätten.

    Das haben “wir” uns also selbst eingebrockt.

  3. 3.

    “Nicht nur Israel will überleben, der Iran möchte es auch.”

    Sagen wir lieber “Die Islamische Republik Iran”, denn das Fortbestehen Irans als Staat stellt an sich niemand in Frage, das von Israel dagegen schon.

  4. 4.

    Isolation ist in der globalisierten Welt von heute doch gar nicht mehr absolut möglich. Für jeden, der isoliert, gibt es einen der davon zu profitieren versucht und dem zu isolierenden (offen oder verdeckt) die Hand reicht. Politisch oder wirtschaftlich oder beides.
    Was über 60 Jahre Kuba-Embargo gezeigt haben, gilt erst recht für ein geostrategisch völlig anders gelagertes, großes Öl-Land wie den Iran.
    Also kann man diese Idee des Westens getrost ins Reich der Wunschträume verbannen.
    Es wäre viel klüger und im Sinne der Friedenssicherung für den gesamten Nahen und Mittleren Osten auch politisch konstruktiver sowie zu allem Überfluss auch der einzige moralisch einwandfreie Weg, mit dem Iran echte, faire Verhandlungen zu führen. Nicht bloß diese Pseudo-Verhandlungen über die IAEO. So, als gäbe es nur dieses eine Thema. Im Iran liegt der (oder zumindest: ein) Schlüssel für die Lösung für den Irak, für Afghanistan, für Syrien.
    Diese gesamte pseudo-moralisierende Blockadehaltung und der peinlicher Versuch, dieses riesige Land und sein 80Mio.-Volk politisch zu isolieren/negieren und mit Sanktionen immer stärker zu quälen ist eine Bankrotterklärung der Außenpolitik und pure Verschwendung wertvoller Zeit.

    • 31. August 2012 um 18:59 Uhr
    • FLH80
  5. 5.

    Die Anzahl der Zentrifugen wurden doch der IAEA von den zuständigen iranischen Behörden mitgeteilt,woher sonst sollte die IAEA einen Kenntnissstand über die Anzahl der Zentrifugen besitzen.
    In der Ecke des isolierten Pariahs bräuchte der Iran gar nicht stehen, wenn er nicht vom Westen in diese Ecke gestellt worden wäre.

    Ulrich Ladurners Ein/-Ansichten sind, soweit ich mich erinnern kann, immer sehr treffend, ein guter,ja autarker Beitrag.

    • 31. August 2012 um 19:02 Uhr
    • gooder
  6. 6.

    [...] Sanktionen gegen …FOCUS OnlineWie der Iran den Frust der Atomwächter anreichertDiePresse.comDer gefährliche Überlebenskampf der MullahsZEIT ONLINE (Blog)Financial Times DeutschlandAlle 573 [...]

  7. 7.

    Israel-Spezial

    Wäre es nicht schön, wenn der Iran-Fokus der ZEIT durch einen Bereich ergänzt werden würde, der uns Israel ein wenig näher bringt und vielleicht auch die Kritik an deren Politik?

    Ich weiß, Herr Grass wurde mit dem Versuch schnell als Antisemit abgestempelt, das können wir aber besser.

    Es ist sicher gut gemeint, dass man den Iran in allen Facetten, speziell aber die auf “die Bombe” reduzierte, darstellt. Ich denke, diese Bombe soll sich auch fest in den Köpfen verankern, damit man sich beim Frieden schaffen später dann leichter tut.

    Ich glaube nicht, dass ein Land wie der Iran derart reduziert werden sollte. Auch glaube ich nicht, dass Israels und speziell das US-Engagement sich vor Bomben fürchten müssen, denn davon hat die Welt schon genug.

    Eher fürchte ich mich davor, was Grass “Gleichschaltung” nannte. Der uniforme Tenor, Iran sei die Quelle des Übels der Welt und das Ausblenden der Rolle der USA einschließlich der Motivation einer israelischen Politik unter Netanjahu sind einfach nicht das, was ich mit guter Berichterstattung verbinde.

    Mea Culpa

  8. 8.

    Richtig.
    Aber gleichzeitig wird Israel (u.a. von der iranischen Führung) als Staat (in der jetzigen Form ohne Zweistaatenlösung) in Frage gestellt, während der Iran als Land mitsamt seinem Volk offen mit militärischem Angriff bedroht wird.
    Nirgends ist je vom Iran (selbst von den größten Demagogen) offen mit militärischem Angriff gedroht worden!
    Im Fall eines Krieges wird selbst in den Best-Case-Szenarien nicht davon ausgegangen, dass nicht auch Menschen ums Leben kommen. Zumindest das Personal der Nuklearanlagen.
    Und das will man ja wohl auch, denn die Techniker tragen das Know How… Also nimmt man somit offen den Verlust einer unbestimmten Zahl von Menschenleben in Kauf.
    Das ist weder völkerrechtlich, noch moralisch zu rechtfertigen, da der Iran im Unterschied nie mit ähnlichem gedroht hat. Das wird stets von israelischer (und in der Folge eher widerwillig von US-) Seite behauptet, um (ähnlich wie damals im Irak) eine Rechtfertigung für einen Angriffskrieg zu fingieren.

    • 31. August 2012 um 19:07 Uhr
    • FLH80
  9. Kommentar zum Thema

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