Ladurners Blog für Einblicke in unübersichtliche Landschaften

Die Lichtgestalt Petraeus überdeckte das Scheitern der Weltmacht USA

Von 14. November 2012 um 11:34 Uhr

General David Petraeus ist während seiner aktiven Laufbahn so gelobt worden, wie kaum ein anderer Offizier der US-Armee. Ob Politiker oder Journalisten, man lag ihm zu Füßen. Er war der “beste Soldat seiner Generation” — wie es in Washington auch jetzt noch heißt. Nun, da er über eine Affäre gestürzt ist, stellt sich die Frage: Wie wurde Petraeus zum Helden? Was brauchte er dafür?

Ehrgeiz, Intelligenz, Machtinstinkt — das alles hat Petraeus ohne Zweifel, sonst wäre er nicht so schnell so weit gekommen. Doch er brauchte auch etwas anderes, damit er glänzen konnte: eine Katastrophe. Genau dies war der Irakfeldzug der US-Armee im Jahre 2007. Damals übernahm Petraeus im Irak das Kommando. Er hatte sich dafür empfohlen, weil es ihm als Kommandeur der 101. Luftlandedivision gelungen war, die Lage in der äußerst gewalttätigen irakischen Millionenstadt Mosul zu beruhigen.

Petraeus wandte dort seine Strategie der counterinsurgency an – der Aufstandsbekämpfung. Er hatte darüber ein Buch geschrieben, das in Militärkreisen schnell zu einem der meistgelesenen Werke wurde. Es war die Bibel für eine ganze Generation von Offizieren. Als Petraeus 2007 von dem damaligen Präsidenten George W. Bush zum Oberkommandeur der amerikanischen Truppen im Irak ernannt wurde, war der Begriff counterinsurgency bald in aller Munde. Petraeus stieg vor dem blutigen Hintergrund eines grausamen Krieges zu einer Lichtfigur auf. “King David”, diesen Spitznamen bekam er im Irak verpasst.

“Köpfe und Herzen” gewinnen

Seine Strategie fasste er in drei Wörtern zusammen: clear, hold, build – also: erobern, halten, aufbauen. Damit wollte Petraeus die “Köpfe und Herzen der Iraker” gewinnen. Immer wieder strich er heraus, dass die US-Armee zu diesem Zwecke auch “kulturell sensibel” sein sollte. Das heißt, die Soldaten sollten wissen, in welchem Umfeld sie agierten, sie sollten die lokalen Sitten und Gebräuche respektieren.

Im Grunde waren dies Selbstverständlichkeiten, nur konnte sie keiner so gut verkaufen wie Petraeus. Schon gar nicht zu diesem so günstigen Zeitpunkt: Die US-Armee war spätestens 2007 mit ihrer shock and awe-Strategie gescheitert, die auf Überwältigung durch schiere Überlegenheit fußte.

Petraeus erhielt aus Washington alles, was er wollte. Viele, viele Millionen Dollar und Zehntausende Soldaten. Petraeus war der Architekt des surge, der Aufstockung. 30.000 zusätzliche Soldaten bekam er im Irak, und 30.000 Soldaten zusätzlich schickte Präsident Barack Obama im Jahr 2009 auf Drängen von Petraeus auch nach Afghanistan.

Im Irak beruhigte sich ab 2007 die Lage. Bis dahin hatte der Bürgerkrieg horrende Ausmaße angenommen. Petraeus gilt seither als der Mann, der die Wende im Irak brachte. Allerdings ist nicht klar, worin diese Wende bestehen soll. Die USA sind aus dem Irak abgezogen, und nicht einmal die Befürworter dieses Krieges würden behaupten, dass er gewonnen wurde. Der Irak ist den USA verloren gegangen. Sie haben dort so gut wie keinen Einfluss mehr.

Ein ähnliches Schicksal droht den USA und ihren Verbündeten in Afghanistan. Auch dort konnte der von Petraeus durchgesetzte surge den Krieg nicht entscheiden. Nach dem geplanten Abzug 2014 droht Afghanistan wieder ein schrecklicher Bürgerkrieg.

Todesschwadronen und schwache Partner

Petraeus’ Strategie hat nicht funktioniert. Man könnte nun behaupten, das sei nicht seine Schuld, er habe nur größeren Schaden abwenden können. Doch in Wahrheit gründet sein Ansatz clear, hold, build auf ein paar äußerst fragwürdigen Voraussetzungen.

Clear hieß, die US-Soldaten sollten so viele Gegner töten, bis sie das Feld räumten. Sie mussten weiter immer bereit sein, den Feind zu töten, damit er nicht auf das geräumte Feld zurückkehren konnte. Darum war Petraeus auch der König der verdeckten Operationen. Die Killteams – nichts anderes als Todesschwadronen – schwärmten nachts aus. Sie verbreiteten Angst und Schrecken. Wie sollte man eine Zivilbevölkerung bei Tag gewinnen, wenn man bei Nacht seine Killer losschickte?

Auf diese Frage konnte Petraeus keine Antwort geben. Auch als CIA-Chef hielt er bis zuletzt an dieser Strategie fest. Er sandte Drohnen nach Pakistan, nach Jemen und in andere Länder, um Feinde mit gezielten Schlägen zu eliminieren. Petraeus war bis zum Schluss ein Schattenkrieger par excellence.

Hold, das bedeutet, dass man Partner vor Ort hatte, auf die man sich verlassen konnte. Denn die US-Truppen konnten nicht auf Dauer bleiben. Lokale Kräfte aber durchaus. Petraeus setzte dabei schlicht und einfach auf Geld. “Money is ammuniton” wiederholte er immer wieder. Er ließ im Irak und in Afghanistan Unsummen an bewaffnete Gruppen auszahlen. Er tat dies wohl in der Illusion, dass man sich Loyalität kaufen kann.

Geld für Waffen, die sich gegen US-Soldaten richteten

Doch die vielen Millionen Dollar, die Petraeus ohne größere Kontrolle verteilen ließ, förderten die Korruption. Dieses Geld untergrub alle Versuche, staatliche Autorität aufzubauen. Und Petraeus’ Politik hatte noch eine weitere, für die USA besonders bittere Folge: In vielen Fällen kauften sich zum Schein gewendete Aufständische mit US-Dollar Waffen, mit denen sie später auf US-Soldaten schossen.

Build stützt sich auf die Idee, dass es in dem betreffenden Land Kräfte gibt, die in der Lage sind, einen Staat für alle Bürger aufzubauen. Aber das ist weder in Afghanistan noch im Irak geschehen. Im einen wie im anderen Land ist der Staat, soweit er überhaupt existiert, von ethnischen (Tadschiken in Afghanistan) oder religiösen (Schiiten im Irak) Gruppen besetzt. Er wird nur dazu benutzt, um die Angehörigen der eigenen Gruppe zu fördern. Staatliche Autorität blieb auch schwach, weil sie von der allgegenwärtigen Korruption ausgehöhlt wurde.

Wenn man all dies in Betracht zieht, muss man sich also fragen, worin eigentlich der Erfolg von Petraeus bestand? Was machte ihn zum besten Soldaten seiner Generation? Die Antwort: Petraeus war die mediale überhöhte Figur, die das Scheitern der Weltmacht auf dem Feld überdecken half.

Kategorien: Afghanistan, Irak, Krieg, Obama
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Medien sind wie Aasgeier und Bluthunde… wer stolpert wird nach allen Regeln der Kunst verspeist.

    • 14. November 2012 um 15:08 Uhr
    • J to the J
  2. 2.

    @1. Das stimmt irgendwie. Allerdings verschwindet damit auch schnell das Aas.

    • 14. November 2012 um 15:30 Uhr
    • habe8
  3. 3.

    That’s live.

    • 14. November 2012 um 15:31 Uhr
    • Sophie27
  4. 4.

    ” Was machte ihn zum besten Soldaten seiner Generation?”

    Alle anderen waren noch schlechter?

    • 14. November 2012 um 15:34 Uhr
    • Chali
  5. 5.

    naja, jedes land, insbesondere jedoch die usa brauchen helden. wenn mann keinen hat dann strickt man sich halt einen. wird das elend welches man anstellt bzw. hinterlaesst fuer die heimatfront ertraeglich.

    • 14. November 2012 um 15:41 Uhr
    • rainer60
  6. 6.

    Vielen Dank für den Hinweis auf das Handbuch. Kann hier gratis runtergeladen werden.
    http://de.wikipedia.org/wiki/FM_3-24_Counterinsurgency
    Es handelt sich um ein beeindruckendes Schriftstück. Ein kurzes Zitat aus dem Abschnitt “ASPECTS OF INSURGENCY”:

    “The exception to this pattern of internal war involves resistance movements, where indigenous elements seek to expel or overthrow what they perceive to be a foreign or occupation government.”
    Weiter dann:
    “During the Cold War, the Soviet Union and the United States participated in many such conflicts. Today, outside actors are often transnational organizations motivated by ideologies based on extremist religious or ethnic beliefs.”
    Diese Textstelle schreit nahezu von der ideologischen Verblendung Petraeus’. Er sieht offenbar nicht, dass er selbst Teil dieser besagten “outside actors” ist, und zwar in Gestalt des o.g. “foreign or occupation government”.
    Überliest man die offenkundige ideologische Verblendung allerdings, dann sollte dieses Handbuch Pflichtlektüre sein. Für den Fall, dass man selbst irgendwann von ähnliche denkenden Gestalten zum Feind erklärt wird.

  7. 7.

    tja, Herr Ulrich Ladurner. was soll man zu ihrem Kommentar groß sagen. polemisch und inhaltslos. General Petreus ist der sicherlich beste General, den man sich nur wünschen konnte.

    alles Andere ist grober Unfug und sie finden im Prinzip keine Argumente dagegen.

    • 14. November 2012 um 15:43 Uhr
    • flo22457
  8. 8.

    Dem, was Sie da sagen kann ich nur-ZU 100% ZUSTIMMEN!
    Die Medien als 4., aber tatsächlich als 1.Macht im Staate!!
    Immer am Wort,der Öffentlichkeit jederzeit zugänglich-DEM IST KEINER GEWACHSEN,niemand, auch der Mächtigste nicht!
    Ich lese gerade: “We amusing ourselves to death”,von Neal POSTMAN,zum Thema, das kann ich nur empfehlen! MfG. Ihr,

    • 14. November 2012 um 15:43 Uhr
    • Dr.Robert Balint ERÖS, Österreich
  9. Kommentar zum Thema

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