Ladurners Blog für Einblicke in unübersichtliche Landschaften

Obama, der Afghanistan-Realist

Von 11. Januar 2013 um 12:00 Uhr

Wenn Afghanistans Präsident Hamid Karzai sich am Freitag in Washington mit Barack Obama trifft, wird er mit einem US-Präsidenten sprechen, der sich dem Realismus verschrieben hat. Für Afghanistan bedeutet das Treffen das Ende des militärischen Engagements durch den Westen. Barack Obama hatte den Afghanistan-Einsatz immer als einen “notwendigen” Krieg bezeichnet, im Unterschied zum Irakkrieg, der ein “falscher” Krieg sei. Notwendig erschien dem US-Präsidenten dieser Krieg, weil er eine Reaktion auf 9/11 war.

Al-Kaida hatte 2001 die USA angegriffen, Al-Kaida musste also zerstört werden — und ihre Basen lagen nun einmal in Afghanistan. Die dort herrschenden Taliban legten ihre schützende Hand über die Terroristen. Also mussten auch die Taliban gestürzt werden. Das war die nachvollziehbare Logik. Nach nicht einmal sechs Wochen Krieg flüchteten die Taliban aus der afghanischen Hauptstadt Kabul. Al-Kaida war zwar nicht vollkommen zerschlagen, aber Afghanistan war keine Basis mehr von der aus sie operieren konnten. Das Ziel des “notwendigen Krieges” war erreicht.

Aber es gab keinen Rückzug – im Gegenteil. Nachdem die Taliban vertrieben worden waren, engagierten sich die USA und mit ihr die Nato immer stärker. Zuerst waren es ein paar tausend Soldaten, im Jahr 2010 jedoch waren es bereits 130.000, davon 90.000 aus den Vereinigten Staaten. Diese hatten jetzt nicht nur Terroristen zu bekämpfen, sie sollten auch ein zerstörtes Land wieder aufbauen. Doch das war keine klassische Aufgabe für Armeen. Das konnten die Soldaten nicht, sie waren überfordert.

Afghanistan ist daher ein klassischer Fall von “mission creep” — von einer schleichenden Ausweitung des Einsatzes. Es gab eine klare Begründung für den Krieg, es gab aber keine mehr für das, was nach dem Fall von Kabul im Herbst 2001 folgte. Warum sind westliche Soldaten in Afghanistan? Darauf gab es im Lauf der Jahre viele langatmige Antworten. Sie überzeugten aber nicht, zu widersprüchlich waren sie, zu wolkig.

US-Präsident Barack Obama will jetzt offensichtlich für klare Verhältnisse sorgen. Er spielt mit dem Gedanken nach 2014 sämtliche Truppen aus Afghanistan abzuziehen. Damit kehrte er konzeptionell in den Herbst 2001 zurück. Der afghanische Präsident Hamid Karzai will von einem Komplettabzug aber nichts wissen. Er hat gute Gründe dafür. Es waren US-Truppen, die ihm 2001 den Zugang zur Macht eröffnet hatten. Es ist sehr fraglich, ob er sich ohne US-Soldaten im Amt halten wird.

Kann der Westen es sich denn leisten, ganz aus Afghanistan abzuziehen?

Die Frage muss man anders stellen: Kann der Westen es sich leisten, dort mit vielen tausend Soldaten zu bleiben?

Die Antwort ist: Nein.

Der Afghanistan-Einsatz ist der Bevölkerung in den USA nicht mehr zu vermitteln, in Europa war es immer schon schwierig. Es ist oft davon die Rede, dass die westlichen Völker keine Geduld hätten, dass sie nicht bereit wären, für eine Sache zu kämpfen, dass sie allesamt “postheroische” Gesellschaften seien (postheroisch ist das Wort, das Akademiker gerne für feige verwenden). Das ist ein unberechtigter Vorwurf. Immerhin haben diese angeblich so postheroischen Gesellschaften mehr als elf Jahre lang einen Krieg unterstützt — wenn auch murrend —, der viele Milliarden Euro verschlang, tausenden Soldaten das Leben gekostet hat und dessen Begründung ziemlich wackelig war. Feigheit sieht anders aus.

Der Abzug ist unvermeidlich, weil dieser Krieg keine Legitimation mehr hat. Trotzdem sollte man das Mögliche tun, damit Afghanistan nicht verloren geht — wobei verloren gehen vor allem eines hieße: Das Land versinkt wieder in Bürgerkrieg und Chaos.

Das wäre in erster Linie bitter für die Afghanen, aber es hätte möglicherweise auch Folgen für den Westen. Worin besteht das Mögliche, das man tun kann? Darin, Hilfe zu leisten. Das geht auch ohne Soldaten.

Kategorien: Allgemein
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Ich bin heilfroh dass Deutschland so postheroisch geworden ist, wie man es sich vor 70, 80, 100 Jahren wohl kaum zu träumen gewagt hätte.

    • 11. Januar 2013 um 15:24 Uhr
    • bowie
  2. 2.

    Ich teile ihre Ansicht, doch ist sie meines Erachtens sehr Einseitig. Aus der sicht von Kasai wäre der Abzug der Internationalen Truppen ein Desaster, für Afganistan wird es sehr schwer werden seine neuerdings zumindest Liberaleren Staat gegen die Taliban zu Verteidigen. Ohne Internationale Hilfe ist dies nur schwer Möglich, Die vielen Jahre unter Taliban Herrschaft lösen sich nicht so einfach aus den Köpfen. Der Westen kann sich nicht mal eben so aus Afgahnistan zurückziehen. Zumindest nicht solange Afgahnistan nicht in der Lage ist sich selber zu Verteidigen und die Rechte seiner Bewohner zu Schützen. Mir fällt jetzt auf Anhieb auch kein anderer Weg ein die Afgahnische Bevölkerung zu beschützen ausser mit Soldaten und Ausbildern. Ein Abzug aus Afgahnistan hat ebenso Folgen für den Westen wie ein verlängerter Aufenthalt. Und ich will nicht zwischen diesen Gewichten müssen. Das Leid der Soldaten und ihrer Familien auf der einen und das Versprechen die Afgahnische Bevölkerung nicht im Stich zu lassen auf der anderen. Beides unzumutbare Zustände.

    • 11. Januar 2013 um 15:28 Uhr
    • Philipp
  3. 3.

    Terror gibt es, wenn augenzwinkernde Dritte-Welt-Eliten das so wollen, nicht weil Menschen arm sind, oder archaisch leben.

    Allerdings wurde zum Terror soviel Fanatismus aufgewirbelt, dass die betreffenden Dritte-Welt-Eliten jetzt wohl kaum noch verhindern können, dass die Einpeitscher die Massen zum Konfessions-, bzw. Ethnischen Konflikt mit den Nachbarländern geleiten. An die Konstellation Pakistan, Iran, Saudi-Arabien wäre hier auch zu denken.

    Die Archaik, lange verkifft und verschlafen, ist derweil nämlich sakral anspruchsvoll geworden und sucht sich ihre Ungläubigen, wo man sie treffen kann. Warten, bis wieder jemand aus der Ferne daherschweift, wäre in der Tat zu wenig postheroisch.

  4. 4.

    Mit dem nächsten Konflikt abzuwarten, bis wieder jemand aus der Ferne daherschweift, wäre in der Tat eine allzu postheroische Zumutung.

  5. 5.

    Wie soll diese Hilfe von der Sie sprechen denn aussehen? Unbewaffnete Entwicklungshelfer nach Afghanistan schicken, die dann reihenweise von Taliban ermordet oder entführt werden? Stumpf Geld nach Kabul schicken, dass dann in den Taschen korrupter Politiker landet?
    Antimilitaristen führen ein wunderbar einfaches Leben, denn sie glauben, dass ohne Militärs alles von selbst gut wird.

  6. 6.

    “Al-Kaida hatte 2001 die USA angegriffen, Al-Kaida musste also zerstört werden — und ihre Basen lagen nun einmal in Afghanistan. Die dort herrschenden Taliban legten ihre schützende Hand über die Terroristen. Also mussten auch die Taliban gestürzt werden. Das war die nachvollziehbare Logik.”

    1.Es gibt keinen Beweis dafür, das die Regierung in Afghanistan die Anschläge in New York autorisierte oder billigte.
    http://www.spiegel.de/politik/ausland/us-voelkerrechtler-dieser-krieg-ist-illegal-a-164785-2.html
    2.Die ehemalige FBI-Mitarbeiterin Sibel Edmonds erklärte die USA habe bis 2001 enge Beziehungen zu den Taliban und Bin Laden unterhalten.
    http://www.bradblog.com/?p=7332
    3.Die Taliban, mit denen bis 2001 über den Bau einer Pipeline verhandelt wurde, wollten Bin Laden sehr wohl ausliefern.
    http://www.spiegel.de/politik/ausland/verhandlungen-taliban-wollten-angeblich-bin-laden-loswerden-a-165012.html
    http://www.spiegel.de/politik/ausland/terrorismus-wollten-die-taliban-bin-laden-ausliefern-a-302730.html
    4.die Beweislage gegen Bin Laden ist laut FBI dünn und er selber bestritt die Verantwortung für die Anschläge.
    http://www.ibtimes.com/osama-bin-laden-never-charged-911-inside-job-likely-210784
    http://articles.cnn.com/2001-09-16/us/inv.binladen.denial_1_bin-laden-taliban-supreme-leader-mullah-mohammed-omar?_s=PM:US
    5.Ex-Senator Bob Kerrey aus Nebraska, ein Demokrat, der in der gesonderten 9/11 Commission tätig war, sagte in einer eidesstattlichen Erklärung, dass “wesentliche Fragen” zur Rolle saudischer Institutionen “unbeantwort bleiben”. “Beweise, die sich auf die plausible Beteiligung möglicher Agenten der saudischen Regierung an den Anschlägen vom 11.September bezogen, wurden nie vollständig verfolgt.”
    http://www.nytimes.com/2012/03/01/us/graham-and-kerrey-see-possible-saudi-9-11-link.html?_r=2&pagewanted=all&

    6.O-Töne ZDF am 11.09.2001:”Es wird also vermutet, dass eine kleine Terrororganisation so etwas überhaupt nicht bewerkstelligen könnte, sondern dass da schon staatliche Unterstützung dahinter stecken muss. [Udo van Kampen] (…) Hier ist die Komplizenschaft von Geheimdiensten anderer Staaten und mächtigen Organisationen von Nöten, andererseits kann man nicht unbemerkt von der Aufmerksamkeit aller amerikanischen nationalen Sicherheitsdienste diesen Angriff vorbereiten. Irgendwas hätten die Amerikaner, CIA, National Security Agency,erfahren müssen. [Stephan Hallmann] (…) Ich kann mir das nicht erklären. Ich denke, dass eine solche Anschlagserie, diese Brutalität, durchaus an manchen Stellen transparent sein musste. Und das es keine Vorwarnung gab das verstehe ich heute nicht, aber das werden wir vielleicht in der Zukunft verstehen, was hier los war, wie Dienste unter Umständen hier blind geworden sind für bestimmte Vorgänge, aus welchen Gründen auch immer.(…) Wie wurden mit vielem konfontiert. Wir hatten auch in den Neunziger Jahren bis in die jüngste Vergangenheit Anschlagsplanungen für Hochhäuser aus Flugzeugen, aus ferngesteuerten Fluggeräten. Das war alles möglich und das konnte man sich vorstellen. [Bernd Schmidbauer, ehem. Geheimdienst Koordinator]Ich glaube das amerikanische Sicherheitskreise und heute auch der amerikanische General Clark deutlich gemacht haben, es kann unmöglich Osama Bin Laden alleine gewesen sein. (…) Osama Bin Laden wurde über Jahre hinweg gehätschelet von den USA, sein Umfeld auch, vergessen wir das nicht. [Dietmar Ossenberg]”

    7.Die Behauptungen der verantwortlichen Akteure in der Bush-Regierung,niemand hätte die Angriffe mit zu fliegenden Bomben umfunktionierten Passagiermaschinen voraussehen können und es hätte vorab keine Warnungen gegeben, entpuppten sich als unwahr.
    http://www.foxnews.com/story/0,2933,53065,00.html

    Die FAZ vom 11.9.2001:
    ” Westliche und nahöstliche Nachrichtendienste sollen nach dieser Zeitung vorliegenden Informationen schon seit mehr als sechs Monaten Hinweise darauf erhalten haben, dass Attentäter mit entführten Flugzeugen Anschläge auf ” herausragende Symbole amerikanischer und israelischer Kultur ” nicht nur in den Vereinigten Staaten planten. Aus Kreisen deutscher Sicherheitsbehörden hieß es, entsprechende Warnungen hätten amerikanischen, israelischen und angeblich auch britischen Geheimdiensten vorgelegen.(…) Richard Tomlinson, ein ehemaliger Mitarbeiter des britischen Auslandsgeheimdienstes MI 6 (…) sprach von einem ” offenkundigen völligen Versagen der Geheimdienste “.

  7. 7.

    Eigenartiger Titel:

    “Ein Krieg, der keine Legitimation mehr hat”

    Pardon, aber hatte dieser Krieg denn jemals eine !?

  8. 8.

    Ich teile ihre Ansicht, doch ist sie meines Erachtens sehr Einseitig. Aus der sicht von Kasai wäre der Abzug der Internationalen Truppen ein Desaster, für Afganistan wird es sehr schwer werden seine neuerdings zumindest Liberaleren Staat gegen die Taliban zu Verteidigen. Ohne Internationale Hilfe ist dies nur schwer Möglich, Die vielen Jahre unter Taliban Herrschaft lösen sich nicht so einfach aus den Köpfen. Der Westen kann sich nicht mal eben so aus Afgahnistan zurückziehen. Zumindest nicht solange Afgahnistan nicht in der Lage ist sich selber zu Verteidigen und die Rechte seiner Bewohner zu Schützen. Mir fällt jetzt auf Anhieb auch kein anderer Weg ein die Afgahnische Bevölkerung zu beschützen ausser mit Soldaten und Ausbildern. Ein Abzug aus Afgahnistan hat ebenso Folgen für den Westen wie ein verlängerter Aufenthalt. Und ich will nicht zwischen diesen Gewichten müssen. Das Leid der Soldaten und ihrer Familien auf der einen und das Versprechen die Afgahnische Bevölkerung nicht im Stich zu lassen auf der anderen. Beides unzumutbare Zustände.

  9. Kommentar zum Thema

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