Ladurners Blog für Einblicke in unübersichtliche Landschaften

Die simulierte Revolution

Von 23. Januar 2013 um 14:35 Uhr

Zehntausende Pakistaner demonstrierten in Islamabad gegen die Regierung. Ein charismatischer Prediger verlangte deren Rücktritt. Gleichzeitig ordnete das Oberste Gericht die Verhaftung des Premierministers an. Pakistan schien vor wenigen Tagen am Rande einer Revolution zu stehen – und was ist geschehen? Die Regierung machte dem Prediger Tahir ul Qadri einige Zugeständnisse und dieser schickte darauf seine Anhänger einfach nach Haus. Der Premierminister sitzt nicht in Haft. Die Revolution ist abgesagt, ja nicht einmal die Regierung ist gestürzt.

Das ist auf den ersten Blick erstaunlich. Denn Pakistan ist gezeichnet von extremen sozialen Gegensätzen, die Elite des Landes ist korrupt und die Regierung unfähig. Die Voraussetzungen für eine Revolution wären also da.

Doch was wir in diesen Tagen in Pakistan erlebt haben, war nur die Simulation einer Revolution. Darüber sollte man sich, trotz all des Getöses, nicht wundern. Denn in Pakistan fehlt das revolutionäre Subjekt: das Volk. Jenes schwer zu fassende, aus zig Millionen Menschen bestehende Subjekt, das jede Angst ablegt, ist die einzige Kraft, die eine radikale Veränderung herbeiführen kann.

Das pakistanische Volk aber ist immer nur der Zuschauer eines Machtkampfes, der innerhalb der Elite ausgetragen wird. Militär, Justiz und Regierung bekämpfen sich bis aufs Blut – und einigen sich dann wieder. Was so revolutionär erschien, war nichts anderes als die Balancierung der Machtverhältnisse innerhalb der herrschenden Elite. Sie mussten etwas ins Gleichgewicht bringen. Das wars.

Die Pakistaner sind Statisten, eine andere Rolle ist ihnen nie zugedacht worden, eine andere haben sie für sich bisher nicht gewinnen können.

Warum aber ist die Masse der Pakistaner nicht in der Lage, das Joch dieser zynischen Elite abzuschütteln? Warum kann es nicht ins Zentrum der Geschehnisse rücken und sie vorantreiben? Weil Generäle, Großgrundbesitzer und Mullahs – das Dreigestirn der pakistanischen Macht – es bis zur Perfektion verstehen militärischen Krisen (Indien), religiösen Extremismus und feudale Abhängigkeiten zum eigenen Nutzen einzusetzen. Die Pakistaner bleiben Gefangene dieses dichten Geflechts.

Kategorien: Allgemein, Pakistan
Leser-Kommentare
  1. 1.

    << " Was so revolutionär erschien, war nichts anderes als die Balancierung der Machtverhältnisse innerhalb der herrschenden Elite. Sie mussten etwas ins Gleichgewicht bringen. Das wars. …" <<

    Was erleben wir alle 4 Jahre in Deutschland?
    Richtig, eine Balancierung der Machtverhältnisse innerhalb der herrschenden Elite.
    Und das die Machtverhältnisse nicht unangenehm zulasten jener Eliten verschoben werden, dafür sorgen die Massenmedien mit permanenter PR zugunsten dieser (werden schließlcih auch von denen bezahlt).

    Denn auch hier ist die breite Bevölkerung nicht Souverän, sondern Statist, der weitgehend unbemerkt den Anweisungen der herrschenden Klasse folgt.

    Wir sollten das mal ändern.

  2. 2.

    [...] ZEIT ONLINE: Politik [...]

  3. 3.

    “das Joch dieser zynischen Elite abzuschütteln”

    Das hört sich ja an, wie aus einem der letzten Besinnungsaufsätze aus der DDR über die Weltherrschaft des Westens. Oder aus einem bei PressTV übertragenen Aufruf von Occupy-East-Coast, oder so. Erstaunlich.

    “Pakistan fehlt das revolutionäre Subjekt: das Volk. Jenes schwer zu fassende, aus zig Millionen Menschen bestehende Subjekt, das jede Angst ablegt, ist die einzige Kraft, die eine radikale Veränderung herbeiführen kann.”

    Neben allem Fanatismus scheint auch noch ein gewisser Fatalismus eine Rolle zu spielen.

    Aber auf einen gewissen Nationalismus als Antriebskraft dürfte bei aller konfusen Gemengelage gleichwohl noch Verlass sein. Mal sehen, bei wem alles.

    “Wir sind ein Volk !” – “Wir auch !”

  4. 4.

    Sehen Sie, Herr Ladurner, das kommt bei dem ganzen Relativismus-Geschreibe heraus:

    “Denn auch hier ist die breite Bevölkerung nicht Souverän, sondern Statist, der weitgehend unbemerkt den Anweisungen der herrschenden Klasse folgt.” (#1)

    Ist es das wert ?

  5. 5.

    Wow! Ein Aufruf zur Revolution in der “Zeit”. Wer hätte das gedacht? Zu diesem Thema einen Spruch von Michael Köhlmeier (aus dem Gedächtnis zitiert): “Revolutionen beginnen nicht, wenn es vielen schlecht geht, sondern wenn die Vielen durch eine Revolution mehr gewinnen als verlieren können”. Insofern haben die Pakistanis wohl den Eindruck, daß sie bei einer Revolution noch zu viel zu verlieren haben. Und das verbindet uns doch mit dem pakistanischen Volk, oder?

    • 25. Januar 2013 um 14:52 Uhr
    • quietschaber
  6. Kommentar zum Thema

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