Ladurners Blog für Einblicke in unübersichtliche Landschaften

Wider den Afghanistan-Pessimismus

Von 20. Februar 2013 um 14:30 Uhr

2014 werden die letzten Nato-Kampftruppen Afghanistan verlassen haben. Gerade mal 10.000 Mann wollen die US-Amerikaner im Land belassen. Was wird danach geschehen? Die meisten Szenarien, die derzeit darüber entwickelt werden, sind düster. Sie reichen vom Bürgerkrieg bis zur Rückkehr der Taliban an die Macht.

Es gibt sicher viele gute Gründe daran zu zweifeln, dass Afghanistan nach 2014 Frieden finden wird. Trotzdem ist es schon erstaunlich, wie wenig man den Afghanen selber zutraut. Immerhin ist Afghanistan ihr eigenes Land. Da kann man annehmen, dass sie selbst am besten wissen werden, wie es zu einer Versöhnung unter ihnen kommen kann.

Aber nein: Wir glauben, dass der Abzug der Nato–Soldaten unweigerlich in einer weiteren Katastrophe mündet. Wenn die Eltern aus dem Haus sind, dann streiten sich die Kinder. Das ist eine unverhohlen paternalistische Haltung, die hier zum Ausdruck kommt.

Der Zweck dieser Behauptung ist leicht durchschaubar. Die imaginierte, vorweggenommene Gewalt in Afghanistan dient dazu, den zu Ende gehenden Einsatz zu rechtfertigen. “Seht Ihr, was sie ohne uns machen! Sie schlagen sich tot!” Das bedeutet im Umkehrschluss: “Als wir noch da waren, war es besser!” Tatsächlich hat sich die Nato immer gerne als eine Art gütiger Vater dargestellt, der die ungezogenen, gewalttätigen Kinder unter Kontrolle hielt. Nichts liegt der Wahrheit ferner.

Die Nato war immer Kriegspartei, sie unterstützte eine Seite gegen die andere. Und wenn ihre Vertreter auch behaupteten, sie wollten Demokratie, Rechtsstaat und Menschenrechte durchsetzen, verfolgten sie dabei doch eigene strategische Interessen. Das ist legitim, nur sollte man es auch aussprechen. Den Krieg hat die Nato jedenfalls nicht beendet, eher hat sie ihn befeuert.

Könnte es aber sein, dass die Afghanen nach 2014 Frieden finden? Möglich ist es, auch wenn es schwierig wird. Hier sind eine paar Argumente dafür, dass es so kommen könnte.

Die afghanische Armee hat bereits in großen Teilen des Landes die Sicherheitsverantwortung übernommen. Sie wird immer wieder in Kämpfe verwickelt und zunehmend mehr ihrer Soldaten kommt dabei ums Leben. Aber insgesamt hat die Anzahl der Anschläge, Attentate und Angriffe abgenommen. Das bedeutet, dass auch die Taliban ihre Strategie verändert haben.

Warum? Viele Taliban haben immer gesagt, dass sie zur Waffe greifen, um gegen die Besatzer zu kämpfen und dafür, dass diese vollständig abziehen. Möglich, dass jetzt eine ganze Reihe von Taliban — immerhin ist das eine sehr heterogene Gruppe — die Waffen schweigen lässt, weil ihnen gelungen ist, was sie erreichen wollten.

Die Geschichte des modernen Afghanistan gibt wenig Anlass zu Optimismus, doch an eines sollte man doch erinnern: Das große Unglück kam für Afghanistan meist von außen.

Kategorien: Afghanistan, Allgemein
Leser-Kommentare
  1. 9.

    Es ist sehr interessant und gleichzeitig lustig zu lesen, was aus Unwissen und Fehlinformation über eine Sache resultiert.
    Alle die schönen Worte und Fachbegriffe helfen nicht in der Sache weiter, wenn das Wissen über ein Sachverhalt darüber fehlt.
    Der Einsatz in Afghanistan hat nicht den Ziel dort Frieden, Bildung für Frauen und all die schönen Vorstellungen zu bringen. Das Land verfügt über enorme Bodenschätze wie Lithium, Erdöl mehr als Iran, Erdgas und so weiter , und die strategische Lage.
    Und das ist der eigentliche Grund warum die Amerikaner, die Nato untersteht praktisch Amerika obwohl es nach außen als eine demokratische Einrichtung den Anschein macht, in Afghanistan sind. Die anderen Nato Mitgliedsländer machen aus der Lage, das für sie am günstigste was machen können. So kann Deutschland weitere neue Waffen dort erproben und die Waffenindustrie produziert schön weiter.
    Man muß uns nur noch von der Notwendigkeit des Einsatzes überzeugen, damit wir bereit sind unserer Steuergelder an die Waffenindustrie los zu werden.
    Dafür braucht macht ein Vorwand, wie Frauen werden unterdrückt- die Medien brauchen Sensationsmeldungen damit sie genug Leser haben-, und wir glauben wir tuen was gutes und billigen so Einsatz zu.
    In Wahrheit zerstören wir viele Länder weltweit damit. Würde man uns die Wahrheit sagen, hätten wir natürliche Gewissensprobleme und das ganze funktionierende System was der Waffenindustrie würde nicht verdienen und mit einer schönen Lüge lassen sich auch die Intellektuelen gut täuschen wie die Leser dieser Zeitung.
    Nun muß man aber sagen, daß diese Lüge mit Krieg Frieden, Freiheit für Frauen und wenn auch immer, zu bringen seit Jahrtausende schon funktioniert.
    Man muß also nur wirtschaftlich denken und ein Land sich aus suchen,wo sich der Einsatz durch Bodenschätze lohnt und muß eine schönen Vorwand dafür finden. Den Rest machen die Medien automatisch für Einen. Siehe aktuell Mali.
    Warum greift man nicht Indien ein? Wenn Ehemänner sterben werden die Frauen lebendig mit verbrannt.
    Die Antwort ist ganz einfach: es gibt nicht zu holen in Indien.
    Man sollte immer nachdenklich werden bei diesen Einsätzen. Es gibt keinen berechtigten Krieg, außer Verteidigung. Frieden kommt nicht durch Aggression sondern durch zähe und mühselige Arbeit.
    Zum Schluß: wir müssen anderen nicht unsere Kultur und Werte aufziehen und denken das wir immer im Recht sind. Denn einen Deutschen würde es auch nicht passen, wenn er von heute auf morgen wie ein Hindu, ein Afrikaner oder ein Araber leben müßte.
    Und liebe Journalisten: bedenken Sie jedes Wort gut was Sie schreiben und was sie Gutes und schlechtes damit auslösen können. Nicht ist so schön wie die Wahrheit, wenn sie auch am Anfang manchmal schwerfällt.

    • 21. Februar 2013 um 04:28 Uhr
    • Info
  2. 10.

    [...] ZEIT ONLINE: Politik [...]

  3. 11.

    *’=)(/& wg. “DOppelter-Kommentar”

    “Die Nato war immer Kriegspartei, sie unterstützte eine Seite gegen die andere.”

    Ja, was wollte denn die andere Seite ? Soll jetzt der Betrieb einer Mädchenschule mit deren Einnebelung in Giftgas auf eine Stufe gestellt werden ?

    “Und wenn ihre Vertreter auch behaupteten, sie wollten Demokratie, Rechtsstaat und Menschenrechte durchsetzen, verfolgten sie dabei doch eigene strategische Interessen.”

    Demokratie, Rechtsstaat und Menschenrechte sind und haben strategische Interessen.

    “Das ist legitim, nur sollte man es auch aussprechen.”

    Allerdings.

    “Den Krieg hat die Nato jedenfalls nicht beendet, eher hat sie ihn befeuert.”

    Aber wer hat zum (unausgesprochenen) Krieg genötigt ?

    “Die imaginierte, vorweggenommene Gewalt in Afghanistan dient dazu, den zu Ende gehenden Einsatz zu rechtfertigen. “Seht Ihr, was sie ohne uns machen! Sie schlagen sich tot!””

    Und wegen wegen einer solchen Rechtfertigung-Wirkung soll die Prognose falsch sein ?

    Im übrigen folgt viel eher aus einem absehbaren Schlachthaus AfPak, dass das ganze Engagement überhaupt nichts genutzt hat, sondern lediglich einen Kontext abgegeben hat, in dem sich die Parteien der kommenden Konflikte bereichert, bewaffnet und vor-positioniert haben.

    • 21. Februar 2013 um 10:17 Uhr
    • Thomas Holm
  4. 12.

    “Immerhin ist Afghanistan ihr eigenes Land. Da kann man annehmen, dass sie selbst am besten wissen werden, wie es zu einer Versöhnung unter ihnen kommen kann.”

    Da beginnt leider schon das Missverständnis. Afghanistan ist kein Land, was natürlich gewachsen wäre, wie wir es in Europa kennen. Es ist eine umgewandelte Kolonie, deren Grenzen nicht von der Bevölkerung oder in Konflikten mit den Nachbarn festgelegt wurden, sonder so wie es dem Kolonialherren eben gerade gepasst hat. Dabei sind dann halt auch Völker, die eigentlich nichts miteinander zu tun (haben wollen) zusammen gewürfelt worden oder andere durch künstliche Grenzen getrennt worden…

    Insofern kann man nicht von einem Automatismus ausgehen, der aus Verbundenheit zum Land oder zu den Landsleuten schon “irgendwie das richtige” erreichen wird. So etwas mag es in Europa durchaus geben. Aber in Afghanistan ist davon genauso wenig auszugehen, wie im Nachbar Pakistan, dem Kongo oder anderen, mit dem Lineal auf Weltkarten gezogenen Ländern.

    Ob die fremde Besatzungsmacht mehr schadet, als nützt, darüber kann man natürlich diskutieren. Aber dass, wenn man “die in Ruhe lässt” große Tendenzen zu einer friedlichen Einigung entstehen, halte ich für eine gefährliche Romantisierung.

    • 21. Februar 2013 um 13:27 Uhr
    • Achim
  5. 13.

    [...] Bitte keinen Afghanistan-Alarmismus Die Nato geht, und das Land versinkt im Chaos, so lauten die Prognosen im Westen. Doch das große Unglück kam für die Afghanen meist von außen. ZEIT [...]

  6. 14.

    Nichts für ungut,
    ich habe erst auf der ZEIT gelesen, dass erstmals die zivilen Opfer zurückgehen. Anscheinend hat der ABzug der Freunde Afghanistans auch einen positiven Effekt.

  7. 15.

    Hm – vieles ist ganz gut – der größte Teil der Dinge ist eher schlechter als 2001. Damals, kurz nach der Invasion hätte man mit einem mutigen Aufbauprogramm wirklich Land und Leuten auf die Beine helfen können. Der Wille dazu existierte jedoch gar nicht – der vorwiegend militärische – bisweilen paranoide Blick verhinderte wirkliche Anstrengungen dieser Art. Als ich 2008 zum ersten Mal in Kabul war – konnte nicht glauben, was ich da sah.
    Die Macht der Land-/ Warlords und – die Zahl ihrer Waffen und Truppen sind größer denn je – damit sind auch die vielen ehrlichen und überaus warmherzigen Menschen umso mehr wieder Angst und Willkür ausgeliefert.
    Und – gerade die Städte sind hochgradig fragmentierte Hochsicherheitstrakte.
    Insofern könnte es tatsächlich nicht zu einem Bürgerkrieg kommen, weil alte Verwaltungsfragmente und War-/ Landlords die alten Mafia- Domänen Boden/ Wohnraum und Wasser nutzen werden, um so die vielen abhängigen Menschen stetig im Würgegriff zu halten. So wie in Sizilien und Campanien etwa seit mehr als 130 Jahren.
    Wichtig ist insofern eher, die Zivilgesellschaft zu unterstützen und – dafür ist Empathie und Problembewusstsein erforderlich. Beides hat der Westen bisher nicht besonders ausgeprägt drauf gehabt.

    • 21. Februar 2013 um 21:35 Uhr
    • Aflaton
  8. 16.

    ebenfalls @ Paul Reiser:

    Ihnen scheint die Bedeutung des Begriffs des Paternalismus nicht bekannt zu sein, was Sie meinen ist das Patriarchat. Der Begriff existiert im Übrigen mindestens seit dem 19. Jht. (wurde also nicht von der Frankfurter Schule in die Welt gesetzt) und war, zumindest zu Beginn, durchaus nicht nur negativ besetzt.
    Wenn die Nato (oder sonstwer) Überlegungen anstellt, was für die afghanische Bevölkerung des Beste sei, ohne deren Meinung dazu einzuholen, und im Anschluss an diese Überlegungen wie auch immer geartete Handlungen folgen lässt, die das Schicksal der Afghanen beinflussen, handelt es sich um eine typisch paternalistische Vorgehensweise. Wie man diesen Paternalismus beurteilen mag, ist eine völlig andere Frage.

    Es geht auch nicht darum ob, wann und wie erfolgreich sich die Afghanen (und nicht die Taliban!) äußerer Feinde erwehren konnten und können. Und zweifelsohne kämen die Taliban ohne Nato im Lande prima zurecht, das steht wohl kaum zur Debatte. Vielmehr geht es darum, ob sich die nichttalibanische Bevölkerung (bzw. die vom Westen eingesetzte Regierung) ohne Nato der Taliban erwehren kann und v. a. ob es die Aufgabe der Nato ist, sie dabei zu unterstützen. (Die Frage der Sicherheit in Europa und den USA vor terroristischen Anschlägen sei hier einmal außen vorgelassen.)
    Man kann sich auf einen kulturrelativistischen Standpunkt stellen und davon ausgehen, dass erstens westliche Mächte mit ihrem Blick von außen und ihrer eigenen kulturellen Determination die Kulturen und politischen Gegebenheiten in Afghanistan ohnehin nicht vollständig begreifen können, und dass sie zweitens auch überhaupt kein moralisches Recht besitzen, aufgrund eigener und anderer Wertvorstellungen hier militärisch einzugreifen. Der erste Punkt lässt sich kaum bezweifeln, beim zweiten wird es hingegen deutlich schwieriger.

    Sicherlich sind die Taliban mit ihrer religiösen Ideologie einer Tradition verhaftet, die sich in der Vorstellung von “Menschenrechten” nun einmal deutlich von der europäischen und amerikanischen unterscheidet. Man muss aber auch bedenken, dass diese Ideologie, wie sie sich heute darstellt, nicht einfach eine autarke Entwicklung oder gar ein seit Jahrhunderten unveränderter Zustand ist. Vielmehr hat sich der afghanische Islamismus, wie auch anderswo, gerade in Opposition zur Kultur des Westens (was auch immer das genau sein mag) entwickelt.
    Wesentlich schwerer wiegt noch die Tatsache, dass ein großer Teil der Bevölkerung in Afghanistan gar nicht gewillt ist, sich der Ordnung eines durchgeknallten Gottesstaates zu unterwerfen. Und hier kommt nun die Frage nach unsere eigenen Ideologie ins Spiel. Können wir (als “der Westen”) es mit unserer Moral vereinbaren, dass anderswo Menschen (d. h. Frauen, Oppositionelle und überhaupt Andersdenkende jeglicher Art) aufs Massivste unterdrückt und bei jeglicher Auflehnung einfach abgemurkst werden, wenn diese Menschen, mögen sie auch aus Afghanistan stammen, sich der Ideologie der Taliban überhaupt nicht verbunden fühlen?
    Aus den westlichen Wertvorstellungen, egal ob auf das Gedankentum des Christentums oder der Aufklärung zurückgeführt, entspringt nun einmal die moralische Verpflichtung, Schwächeren und Unterdrückten beizustehen. Und diese Wertvorstellungen werden sicherlich von einem Großteil der Bevölkerung in Europa und den USA geteilt. Ich persönlich bin ziemlich froh über unseren Wertekonsens. Und da wir nun tatsächlich die Macht besitzen, die Taliban daran zu hindern, die Herrschaft über die gesamte afghanische Bevölkerung wieder zu übernehmen, halte ich einen Truppenabzug bis zu dem Zeitpunkt, an dem der afghanische Staat seine militärischen Kräfte hinreichend konsolidiert hat, schon aus diesen philanthropischen Erwägungen für absolut nicht vertretbar. Die Frage nach unserer Sicherheit und nicht zuletzt unserer Verantwortung, die aus dem Beitrag der westlichen Staaten zur Entstehung des Islamismus im Allgemeinen und dem Erfolg der Taliban im Besonderen entspringt, ist dabei noch gar nicht berücksichtigt.

    • 21. Februar 2013 um 22:29 Uhr
    • korrektur
  9. Kommentar zum Thema

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