Ladurners Blog für Einblicke in unübersichtliche Landschaften

Grillo und die zähmende Kraft des Parlamentes

Von 20. März 2013 um 11:38 Uhr

Beppe Grillo lebt von der permanenten Erregung. Daher verstärkt der Führer des Movimento 5 Stelle (M5S) seine Attacken auf das System — wie er es nennt. Er will seinen Zusammenbruch erreichen. Grillo setzt auf Schnelligkeit. Er muss das tun. Denn die revolutionäre Hochstimmung seiner Anhänger wird bald verfliegen. Revolutionäre sind Kurzstreckenläufer. Die lange Strecke ist ihre Sache nicht. Das ist ihre Schwäche.

Der Marathon ist hingegen die Spezialität der viel gescholtenen repräsentativen Demokratie. Sie ist langsam, mühselig, und doch leistet sie das Entscheidende: Sie stellt über viele Verfahren den Konsens her, den eine Gesellschaft benötigt. Dafür braucht es Zeit. Die aber will ihr Grillo nicht lassen, die darf er ihr nicht lassen, wenn er weiter Erfolg haben will. Darum ist der entscheidende Kampf, der im Moment in Italien stattfindet, der Kampf um die Zeit.

Grillos Problem ist, dass sich seine M5S jetzt durch den Wahlsieg im Herzen der Demokratie befindet, im Parlament. Und je länger die Grillini dort sitzen, desto mehr bekommen sie das Eigengewicht und die Struktur dieser Institution zu spüren. Ein Präsident wird gewählt, Fraktionen werden gebildet, Ausschüsse besetzt und vieles mehr. Strukturen aber fürchtet Grillo. Bei ihm ist alles Bewegung. “Wir haben keine Strukturen, Hierarchien, Chefs, Sekretäre” — das sagt Grillo über den M5S. Es muss alles im Fluss bleiben. Nur dann kann er sich als autoritärer Führer halten.

Grillo will deshalb möglichst bald wieder aus dem Parlament auf die Straße. Er will Neuwahlen und hofft dann seine Truppen soweit verstärken zu können, dass die M5S dem “morschen System” den Todesstoß versetzen kann. Im Interview mit Time sagte er: “Wir wollen nicht 25, oder 30 Prozent, sondern 100 Prozent!” Alles oder nichts.

Doch inzwischen verrichten die Institutionen ihr zähes Werk. Sie stellen qua Verfahren die Abgeordneten der M5S vor die Frage: Wen unterstützt ihr? Wen wählt ihr? Zuletzt mussten der Senat und die Abgeordnetenkammer bestimmt werden. Grillo wollte, dass die M5S niemanden unterstützten. Doch einige Grillini haben die Kandidaten der Sozialdemokraten unterstützt. Diese Abweichler sind dem Gewicht der Institutionen erlegen. Man könnte auch sagen: Sie haben verstanden, dass sie nun, da sie gewählt sind, Verantwortung für das ganze Land haben.

Kategorien: Allgemein
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Grillo ist ein typischer Langstreckenläufer.
    Ich fände es sehr gut, wenn jemand mit seinen Ansichten auch in Deutschland den Bundestag und die Landtage so richtig durcheinanwirbeln würde. Vor allem finde ich es sehr gut, daß Grillos Leute auf den Geldregen verzichten, der mit einer Wahl ins Parlament verbunden ist.
    Ich hoffe, daß er für eine neue Offenheit in der Politik und mehr Engagement für die Menschen steht. Ich bin es langsam leid, zu sehen, wie unsere Politiker den Konzernen und ihren Vertretern willfährig sind.

    • 20. März 2013 um 16:38 Uhr
    • gquell
  2. 2.

    Möglicherweise ist es notwendig, dass Italien die Anarchie kennenlernen muss, damit die Politiker ebenso wie die Bürger den Segen der Demokratie wieder zu würdigen wissen.

    • 20. März 2013 um 17:04 Uhr
    • RobertIonis
  3. 3.

    Die Anhänger der M5S verfolgen und unterstützen Grillo’s Denkweise schon seit Jahren, daher dient die subjektive Sichtweise der revolutionären Kurzstreckler lediglich der Meinungsmache. Die Zeit ist im übrigen auf der Seite der M5S, und Konsens ist nicht Programm!

  4. 4.

    “Dagegen sein” ist leicht, doch es hapert bald, wenn man selbst politische Verantwortung übernehmen soll. Das gilt für Grillo genau wie für unsere Steinewerfer, Autonomen, Piraten etc etc.

  5. 5.

    ““Wir wollen nicht 25, oder 30 Prozent, sondern 100 Prozent!” Alles oder nichts.”

    Ob das Grillo und der M5S zugestanden wird liegt letztendlich bei den Wählern. Nicht bei Grillo und auch nicht beim “System”.

    Autoritäre Systeme zeichnen sich dadurch aus dass sie hierarchisch und starr strukturiert sind. Dann Grillo als autoritär zu bezeichnen, gerade wenn er Strukturen und Hierarchien ablehnt und abschaffen möchte ist absurd.

    Einen autoritären Geist zeigt der Autor des Artikels, wenn er Grillo und der M5S ein autoritäres Verhalten nachsagt.

    • 20. März 2013 um 17:19 Uhr
    • flip
  6. 6.

    Ich freue mich, dass Laura Boldrini (tolle Frau) neue Präsidentin des Abgeordnetenhauses in Italien geworden ist. Genauso freue ich mich über die Wahl von Piero Grasso (ex Mafia Jäger) als Senatspräsident, danke Grillini!

    Und sofort haben beide sich die Gehälter gekürzt und fordern Gehaltskürzungen für alle Abgeordneten (liebe Zeitonline leider kein Wort diesbezüglich)

    http://www.stern.de/politik/ausland/abstimmung-in-rom-laura-boldrini-ist-neue-parlamentspraesidentin-in-italien-1984976.html

    http://www.wienerzeitung.at/nachrichten/europa/europastaaten/532837_Italiens-Parlamentspraesidenten-kuerzen-sich-die-Gehaelter.html

  7. 7.

    Fakt ist doch das über 25 % der Italiener die M5S gewählt haben, mit den Etablierten nichts mehr zu tun haben wollen. Ich habe den Eindruck, dass sie von ihrem Erfolg selber überrascht sind. Was nun? Einfach Staat und andere Parteien kaputt machen, wie Herr Grillo dies postuliert geht es wohl nicht. Mit Neuwahlen kann er insofern weiterkommen, dass sie die absolute Mehrheit gewinnen, was ich mir im Moment noch nicht vorstellen kann. Also müssen auch die Grellini Kompromisse machen. Wie die aussehen, können sie ja jetzt schon bestimmen. Also sollten sie nicht zu viel taktieren, denn auch sie wissen nicht, wie lange sie in einer solch komfortablen Situation sind. Es wäre schade, wenn diese Chance vertan würde.

  8. 8.

    Das ist zutreffend, sobald man in die Strukturen der etablierten Politik kommt, wird man verschlungen von diesem Dauer-Status -Quo.
    Deshalb hält das sich auch so gut.
    Meine eigene Meinung: ich schätze mich defätistisch und fatalistisch ein, weil ich in dem Systemn eh nichts mehr zu verlieren habe, und hoffe, dass Grillo es gelingen mag, das System zu sprengen oder sagen wir sanfter: zu verändern.

  9. Kommentar zum Thema

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