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“Europa könnte sich zerlegen”

 
"Europa könnte sich zerlegen"
Bahnhof Šid © Ulrich Ladurner

Eine grauer Himmel hängt über der serbischen Stadt Šid. Kalter Wind fegt über das flache Land. Die wenigen Passanten in den Straßen haben es eilig. Sie ziehen die Mantelkrägen hoch und laufen über die Bürgersteige, die an vielen Stellen aufgerissen sind. Šid wirkt wie eine sterbende Stadt. Im Bahnhof ist es feucht. Eine Gruppe junger Algerier harrt hier aus, wartet auf besseres Wetter und auf eine Chance, nach Kroatien zu kommen. 

“Wohin wollt ihr?”

Nach Frankreich!”, antwortet einer von ihnen.

Aber warum geht ihr nicht direkt von Algerien nach Frankreich?”

Das ist schwierig, hier ist es leichter”, sagt der junge Mann und denkt kurz nach. “Na, wir dachten, es sei leichter.”

Dann lacht er ein müdes Lachen.

Und was wollt ihr in Frankreich machen?”

Eine Frau heiraten!”, sagt der Mann und ruft dann laut in die leere, düstere Wartehalle des Bahnhofs hinein: “Une femme!”

Dann lachen alle zusammen. Ob sie es ernst meinen, das lässt sich in diesem Moment nicht sagen. Sie haben vielleicht von den Ereignissen in der Silvesternacht in Köln gehört. Es ist also durchaus möglich, dass sie sich einen Scherz erlauben, indem sie laut ausrufen: “une femme!”. Vielleicht spielen sie mit den Ängsten der Nordeuropäer, vielleicht verspotten sie auf diese Art deren Angst. Es bleibt aber keine Zeit, sie zu fragen, ob sie über die Kölner Ereignisse überhaupt informiert sind und was sie darüber denken. Denn ganz plötzlich brechen sie auf, raffen ihre Habseligkeiten zusammen und laufen aus dem Bahnhof. Wohin? “Es gibt warmes Essen”, ruft einer, doch es ist schon später Nachmittag; vielleicht haben sie eine unerwartete Möglichkeit gefunden, weiterzufahren.

Dem Bahnhof gegenüber steht ein gründerzeitliches Gebäude, das von einem großen Gartengrundstück umgeben ist. Dort sind große, weiße Zelte errichtet worden, die Migranten und Flüchtlinge aufnehmen können. Die Zelte sind an diesem Tag halb leer. Am Vormittag soll ein Zug mit 2.000 Menschen den Bahnhof Richtung Kroatien verlassen haben. Das Haus hingegen ist voller Menschen. Viele von ihnen sind an der Grenze abgewiesen worden.

Ein serbischer Mitarbeiter der UNHCR geht durch die Flure des Hauses. Er ist ein großer, schlanker Mann, mit leicht vornübergebeugter Haltung. Seit zwanzig Jahren arbeitet der Mann, der seinen Namen nicht veröffentlicht wissen will, im Dienst des UNHCR. Er hat vieles gesehen, viel Leid und viel Hoffnung. Doch eine Massenwanderung dieser Art, “so viele Menschen in so kurzer Zeit”, hat er noch nie erlebt.

Glauben sie, dass bald weniger Menschen kommen werden?”

Das kann ich nicht sagen, es hängt von so vielen Faktoren ab, zu vielen. Es ist eine sehr komplexe Angelegenheit … .”

Er denkt kurz nach.

Ich weiß aber, dass Europa sich zerlegen könnte. Das wäre eine große Katastrophe!”

Dann zieht er einen Vergleich zu dem Zerfall Jugoslawiens ins den neunziger Jahren.

“Ich bin in Jugoslawien aufgewachsen. Es war ein gutes Land. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass es zerfällt. Niemals! Aber dann waren plötzlich die Nationalisten da und binnen kurzer Zeit brach alles zusammen!”

9 Kommentare

  1.   Thomas D.

    Irgendein serbischer UNHCR-Mitarbeiter sagt was zwischen Tür und Angel und bekommt einen eigenen Artikel bzw. eine Headline …

  2.   feuerbach

    Klar, die Nationalisten waren da. Und dann brach alles zusammen.
    Liebe Güte, was ein Unsinn.

    Völlig verschiedene Situationen und Bedingungen!

    Die Leute die bei der UN arbeiten, angefangen von diesem Herrn ganz unten bis zu P. Sutherland und L. Swing ganz oben, leben scheinbar in einer eigenen Welt.
    Nein, die “Nationalisten” können Europa retten. Denn überforderte Großdenker haben scheinbar so lange rumgepfuscht mit unserem alten Kontinent und seinen Völkern, bis alles zusammen zu brechen droht.
    Ein riesiges Experiment das sie nicht gebacken kriegen, weil sie Dinge zusammenrühren die nicht zusammen passen
    und Grenzen aufheben die gebraucht werden. So wie man als Mensch seine Haut braucht als “Abgrenzung” und seine vier Wände. Aber Ideologie, chices Gerede von Überwindung des Nationalen, und angeblichen Prozessen denen man sich fügen muss, haben uns reingeritten.
    Wer hat denn noch Vertrauen in Juncker, Merkel, Draghi, Schulz, und wie sie alle heißen? Ganz zu schweigen von unseren strategischen Deutschen-Verdünnern wie Joschka Fischer.

  3.   GhostOfDorian

    In Jugoslawien wollten Volksgruppen anderen Volksgruppen, die wenig miteinander gemein hatten, eine einseitige “Solidarität” aufzwingen, für die es mangels Gemeinsamkeit keine politische Unterstützung gab.

    Ganz ähnlich verhält es sich in der EU. Die unsoliden wollen den soliden Ländern mit dem Euro einen Finanztransfer aufzwingen, welchen die Sparsamen nicht leisten wollen. Die reichen Länder wollen hingegen den armen Ländern Flüchtlinge aufzwingen, die vom Reichtum angelockt wurden, und nie freiwillig in die Armenhäuser des Kontinents gereist wären.

    Gemeinsamkeit zu erzwingen wo es eine Solidarität nicht gibt, führt zur Scheidung oder schlimmer noch zum Krieg.

    Wer dem Kontinent den Frieden und die Zusammenarbeit bewahren will, nimmt sich in der Vergemeinschaftung von Aufgaben und Wohlstand besser zurück. Ansonsten wird er schnell zum Feind eines vereinten Europas

  4.   chantecler

    Er meint wohl, die EU könne sich zerlegen? Könnte sein.

  5.   Ecki 52

    Warum sollte Europa sich wegen der Flüchtlinge zerlegen? Es zerlegt sich nur, wenn es die Interessen der Migranten/Flüchtlinge voranstellt. Europa ist ein Club, der auch Eintritts- und Mitgliedsregeln + eine gewisse okzidentale Etiquette hat. Wenn dieser Mainstream politisch umgesetzt wird, muss einem um Europa nicht bange sein.

  6.   Whiskeyjack

    Lustig… die Serben fanden das serbisch dominierte Jugoslawien also ganz gut. Sowas.

  7.   zeilenknecht8

    So, so, die Leute von der UN, speziell von UNHCR leben in einer eigenen Welt. In der Tat, in der realen Welt vor Ort und nicht an der Tastatur in den sicher abgegrenzten vier Wänden. Da Sie aber von UNHCR nichts halten, empfehle ich Ihnen jetzt lieber auch nicht die jüngste Pressemitteilung von UNHCR vom 12. Februar. Sie könnte Dinge enthalten, die geeignet wären, Sie in ihrem Vorurteil zu beunruhigen…
    Also, kurz gesagt – mich überzeugt der Mann mehr als Ihre Position mit dem ganzen – sorry- leicht schwurbeligen über Haut und Nationales. Klingt mir künstlicher als das, was der Mann vor Ort sagt.

    Und von wegen “Verdünnen” versuche ich mir immer vorzustellen, wie die ganzen gida-Anhänger und selbst die meisten AfDler reagieren, wenn Özil das Siegtor im EM-Finale schießen würde… Ok, der war jetzt deutlich unter Ihrem Niveau, aber musste sein 😉

  8.   feuerbach

    Gratulation zu Ihrem Beitrag. Sie sprechen vielen aus der Seele.
    Nur müssen wir uns alle zusammentun und die Unfähigen abwählen!

  9.   alter_Pfadi

    Lieber feuerbach,
    wenn es in Syrien, Ägypten, Afghanistan, Irak, Eritrea, Libyen usw. keine brutale und gewalttätige Nationalisten und Rassisten gäbe, hätten wir diese Flüchtlingsströme gar nicht, die Ihnen solche Angst einjagen.
    Ich jedenfalls lege mein Schicksal zigfach lieber in die Hände einer Merkel als in die eines Kaczynskis oder Orbans, die vor allem sich selbst dienen.