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Das Jahr eins nach Wikileaks. Was bisher geschah und aktuell geschieht

 

Wikileaks hat der Weltmacht USA auf’s Maul gehauen. Und zwar mehrfach. Mit Vorsatz. 2010 war ein Jahr digitaler Erdbeben. Und jetzt ist nichts mehr so, wie es noch ein Jahr zuvor war. Politik und Öffentlichkeit haben sich fundamental verändert. Es ist längst bekannt und tausendfach diskutiert, aber zum Start dieses Blogs muss es noch einmal ausgesprochen werden. Wikileaks hat mit der konzertierten Veröffentlichung der Afghanistanprotokolle, der Iraq War Logs und der US-Botschaftsdepeschen in Kooperation mit den Redaktionen der New York Times, des britischen Guardian, des deutschen Spiegel und einiger anderer unsere Einschätzung der aktuellen Kriege und der politischen Diplomatie ebenso gravierend verändert, wie unsere Vorstellung von investigativem Journalismus und (digitaler) Öffentlichkeit. Die ZEIT ONLINE Themenseite liefert hierzu einen Überblick.

Während Geheimnisse in einem nie zuvor gesehenen Ausmaß ans Tageslicht kommen, diplomatische Verwicklungen in Serie entstehen (die amerikanische Außenministerin ist gerade auf Abbittetour im arabischen Raum), das politische Establishment wiederholt kompromittiert wird, entstehen neue Formen der journalistischen Berichterstattung. Datenjournalismus, interaktive Grafiken, Visualisierungen, neue Formen des Prozessjournalismus, interaktive Tools. Der britische Guardian etwa fordet seine Leser auf, bei der Recherche in den Dokumenten mitzuwirken.

Unterdessen sind nicht nur konventionelle Redaktionen aktiv, sondern auch Tausende Wikileaks-Sympathisanten im Netz. Sie haben die von Amazon vor die Tür gesetzte Wikileaks-Seite weltweit hundertfach gespiegelt, also auf Hunderte dezentrale Server kopiert. Unter CrowdLeak.net ist eines von vielen Crowdsourcing-Portalen ins Leben gerufen worden, um den Schwarm unabhängig von Zeitungsredaktionen in den Dokumenten suchen zu lassen. Auch Onlinespiele wie Cablegame und Co zeigen: Wikileaks hat eine breite Basis unter den Netzbewohnern.

Gleichzeitig steht die breite Öffentlichkeit der Fülle neuer Informationen über das schmutzige Gesicht des Krieges und der Radikalität des diplomatischen Tons jenseits des berühmten diplomatischen Parketts überwältigt, irritiert und verunsichtert gegenüber. Verblüfft warten Leser und User auf den nächsten großen Coup.

Das Ringen zwischen der US-Regierung und den Wikileaks-Aktivisten und ihren Sympathisanten setzt sich dabei im Hintergrund fort. Das US-Justizministerium sucht seit Monaten fieberhaft nach Gründen für eine Anklage Assanges, während die Geldflüsse an Wikileaks in den USA massiv behindert werden. Seit einigen Tagen ist nun öffentlich, dass der Dienstleister Twitter zur Herausgabe persönlicher Daten von tatsächlichen oder vermeintlichen Wikileaks-Akteuren gezwungen wurde. Die Justizbehörden sind offenbar noch nicht besonders weit in ihren Ermittlungen.

Aber der Geist will nicht mehr zurück in die Flasche. Eine juristische Handhabe gegen die Whistleblowingplattform ist mehr als fraglich. Der Freedom of Information Act sollte Wikileaks und Assange schützen. Auch wenn sich amerikanische Journalistenorganisationen vielfach distanziert haben, wie der Miami Herald berichtet:

“The freedom of the press committee of the Overseas Press Club of America in New York City declared him “not one of us.”…

Nicht gerade das, was man von den Vertretern der sogenannten vierten Gewalt in stürmischen Zeiten erwartet.

Aber die Lecks sind geschlagen. Auch komplett neue Whistleblowingplattformen werden angekündigt oder sind im Entstehen. OpenLeaks.org steht in den Startlöchern (Interview mit Daniel Domscheit-Berg, einem der früheren Wikileaks-Sprecher und Initiatoren der neuen Plattform, im Digital Planet der BBC).

Dazu kommen die täglichen neuen Storys aus den circa 250.000 Depeschen auf. Geheime Satellitenprogramme, Spekulationen über den Verlust der deutschen Führungsrolle beim Thema Klimawandelbekämpfung, Staatsgeheimnisse des Vatikan, versunkene Schätze …

Die Auseinandersetzung wird von Dauer sein. Die Fragen liegen auf dem Tisch und warten auf Antworten. Ist Whistleblowing eine neue Form des Journalismus? Gar überlebenswichtig für eine Demokratie im 21. Jahrhundert? Oder ist es eine digitale Form der Subversion, die das Funktionieren von Staat und Gesellschaft gefährdet? Mit einem Mann an der Spitze, den die Süddeutsche Zeitung im Versuch eines Psychogramms als Gegenverschwörer charakterisierte, den der berühmt berüchtigte amerikanische Radiomoderator Rush Limbaugh gerne am nächsten Baum hängen sehen würde, der als Terrorist gejagt werden sollte, wie es die schwer erträglich Sarah Palin nach der Veröffentlichung forderte und dem der streitbare Onlinepionier Jaron Lanier in einem grauenhaft reaktionären Essay gerade erst “digitale Selbstjustiz” vorwarf.

Das Jahr eins nach Wikileaks ist also gerade erst der Anfang. Wikileaks und die vielen verwandten Portale könnten Staat und Gesellschaft, Journalismus und Öffentlichkeit nachhaltiger verändern, als wir es uns heute vorstellen können.

P.S.: auch der Autor weiß, dass wir nicht im tatsächlichen Jahr eins nach Wikileaks leben. Das Whistleblowingportal wurde ja bereits 2006 ins Leben gerufen. Aber für das digitale Whistleblowing im Allgemeinen und Wikileaks im Konkreten war keines der letzten Jahren so bedeutend wie das letzte. Ein Quantensprung.

9 Kommentare

  1.   bongbong

    Auf amazon.com kann bereits ein Buch vorbestellt werden. Mit dem vielsagenden Titel „The End of Secrecy: The Rise and Fall of WikiLeaks“. Zu Beachten „Fall“ also Niedergang! Der Autor: der renommierte „the guardian“, die Zeitung also, die mit WL zusammenarbeitet, aber auch in letzter Zeit durch unfaire Artikel (im Bezug auf WL) aufgefallen ist. Der Verdacht liegt nahe, daß in Bildzeitungsmanier erst aufgebaut/ausgeschlachtet und dann der Hauptdarsteller geköpft wird.

    Hier auch ein kurzer Artikel eines zur Washington Post gehörenden Blogs.
    http://wikileaks.foreignpolicy.com/posts/2011/01/07/is_the_guardian_predicting_wikileaks_demise

  2.   xandl

    wer war nochmal amazon bitte ?

  3.   Markus Heidmeier

    Danke für die Hinweise. Die ganze Welt scheint aktuell Bücher über Wikileaks vorzubereiten. Bringen in Kürze eine erste Übersicht.


  4. […] Das Jahr eins nach Wikileaks. Was bisher geschah und aktuell geschieht » Wikileaks, Jahr, Auch, Jou… (tags: wikileaks supertaalk recherche zeit.de blog jahresrückblick 2010) […]

  5.   Marie-Lena

    Der Grund für die unfairen Artikel des Guardian ist ein Journalist dieser Zeitung, der es sich mit Assange verscherzt haben soll. Jetzt kommt also die Rache in Form von Hetzartikeln. Ich finde allerdings grundsätzlich, dass viele Menschen sehr schwer differenzieren können zwischen der Person Julian Assange und Wikileaks. Ich halte Assange für einen egomanischen Narzissten, der für sich selbst sehr viel Pressearbeit betreibt. Man merkt ihm in Interviews an, wie sehr er die Aufmerksamkeit genießt. ABER: Wikileaks ist eine wunderbare Idee, die den Gefälligkeitsjournalisten mal gehörig den Kopf zurecht gerückt hat. Dass was Wikileaks veröffentlich hat sind Beweise für Ahnungen, die eigentlich jeder Mensch bereits hatte. Assange mag nicht ganz normal sein, aber um so ein gewagtes Projekt durchzuziehen, bedarf es wohl so einer Person.Otto-Normal-Verbraucher und Lieschen Müller sind ja zu sehr damit beschäftigt IKEA-Möbel zu kaufen, neuste Party-Fotos bei Facebook hochzuladen oder neuste Apps für ihr IPhone runterzuladen.

  6.   Jamuro

    Unabhängig von der Tatsache, ob man die Veröffentlichungen für gut oder schlecht hält, muss man ganz unvoreingenommen feststellen, dass das Geschwafel auch und gerade der USA von Demokratie das Papier nicht wert ist, auf den es gedruckt wird.
    Die Reaktionen dieser Nation auf diesen Fall zeigt, dass die USA (und viele andere „Verbündete“ auch in Westeuropa) Demokratie, Menschenrechte und Pressefreiheit für ein Gebilde halten, dem sich trefflich an hohen Feiertagen huldigen lässt und das man im Alltag möglichst aus dem Weg geht.
    Dort in den täglichen Niederungen geht es nur um Macht- und Gewaltausübung zum jeweilig eigenen Vorteil, koste es was es wolle.
    Man muss sich neben den blödsinnigen entlarvenden Kommentaren der Polit- und Medienklasse in USA nur mal die dazu passenden jeweiligen Gesetze ansehen (z.B. den Jesse Helms Act, wonach gewaltsame Befreiungen angeklagter US-Bürger egal in welchem Land und vor welchem Gericht zulässig, bzw. z.T. sogar geboten sind. Siehe Internationaler Strafgerichtshof). Und dieses Beispiel lässt sich hundertfach erweitern. Und Länder wie Schweden haben leider nicht nur die Kinder von Bullerbü und den Nobelpreis, sondern vor allem die Hosen voll, wenn der Militaristen-Cowboy mit seinem Colt wedelt. Wie übrigens Deutschland auch. Angie steht auch immer stramm vor den Cowboys. Und sie hätte sogar beim Kriegsverbrechen von Georgie Bush im Irak mitgemacht, wenn sie damals die Gelegenheit gehabt hätte.

    Insofern, ja der Autor hat Recht und man muss versuchen, solche Dinge wie Wikileaks zu unterstützen, um unserer eigenen Freiheit willen. Und die Journalisten müssen wieder etwas unabhängiger und auch investigativer werden. Was waren das noch für Zeiten, als Augstein für seine Überzeugung ins Gefängnis ging, oder Watergate aufgedeckt wurde.


  7. […] [Lesenswert!] Das Jahr eins nach Wikileaks. Was bisher geschah und aktuell geschieht […]


  8. Wirklich, also ich kenne Assange nicht persönlich und würde mir aus den Interviewschnippseln von ihm auch kein Urteil über seine Persönlichkeit erlauben. Nach eigener Aussage erklärte er sich nicht gerade begeistert bereit den Kopf für Wikileaks in der Öffentlichkeit hinzuhalten…. nicht mehr und nicht weniger.

    Aber es stimmt schon hinter Wikileaks stehen wirklich sehr viele Mitarbeiter und Assange hat immer betont dass die Arbeit mit vermehrter Intensität weitergehen wird selbst wenn ihm etwas zustößt.

    Viele Leute suchen aber in der Tat einen HELDEN weil sie nicht begreifen dass WIR ALLE dazu beitragen können und müssen, dass sich unsere Situation verbessert.

    Die Presse bzw die die dahinterstecken, greifen dieses Bedürfnis nach einem Retter natürlich auf. Der Prozess um Assange und vielleicht auch „sein Niedergang“ soll die Masse der Menschen mehr beschäftigen als die korrupten Geschäfte der Regierungen und ihrer Lobbyisten.

    Noch dazu muss man einfach mal erwähnen gibt es neben Wikileaks wirklich noch sehr viele Aufklärungsplattformen, die hervorragende Arbeit leisten nur eben bisher nicht in den Mainstreambereich vorgedrungen sind.

  9.   Strom23

    moin,

    also mal ehrlich wirklich folgenreiches wurde doch bisher nicht geleakt!
    wl bezeichnet die aufstände in tunesien als erste wikileaks revolution.
    für den westen hat es bisher nicht gereicht obwohl man vollmundig ankündigte geschichte zu schreiben. wo sind die politisch hochbrisanten leaks?
    was ist mit dem explosiven material das so gefährlich ist das man es prüfen muß bevor es veröffentlicht wird?
    zugegeben es kamen ein paar interessante facts der weltpolitik aber den wirklich großen schlag gab es nicht und so wie ein welt redakteur schreibt wird es den mit den cables auch nicht geben.

    wo bleibt das banken leak und warum werden die steuer cds wieder erst mit behörden zusammen geprüft? für mich alles heiße luft und ich bin enttäuscht.
    mit diesem dauerfeuer der ankündigungen macht sich wl unglaubwürdig.
    mich beschleicht die annahme das wir helden feiern die am ende nichts wirklich bewirkt haben aber am ende der grund dafür sind unsere freiheit einzuschränken in dem der sicherheitsgürtel der regierungen enger gezogen wird.

    langer text danke für´s lesen