Wikileaks, OpenLeaks und die Folgen

Logbuch eines Untergangs

Von 2. September 2011 um 09:55 Uhr

WikiLeaks ist am Ende. Die letzten Tage belegen das. Wer aber das Ende verstehen will, muss sich den Anfang noch einmal vergegenwärtigen. Und der eigentliche Start dieser seltsamen Weltkarriere eines Netzportals ist nicht die Gründung vor Jahren. Der tatsächlich Aufstieg beginnt im Sommer 2010. In kurzer Zeit geht es dann steilstmöglich nach oben. WikiLeaks wird zum Globalplayer in Sachen Weltpolitik. WikiLeaks veröffentlicht gemeinsam mit zahlreichen Medienpartnern die Kriegstagebücher der US-Armee in Afghanistan. Eine nur Insidern bekannte Netzorganisation dominiert plötzlich weltweit die Nachrichtensendungen. Im Herbst 2010 legt die Wistleblowerplattform unerschrocken nach. Die Iraq War Logs erscheinen. Wieder wohl dosiert. Wieder von großen Medienpartnern aufwendig aufbereitet. Das Beben ist gewaltig. Weltweit. Es geht weiter Schlag auf Schlag. Winter 2010. Die Botschaftsdepeschen erscheinen. WikiLeaks ist längst zum Akteur auf der politischen Weltbühne geworden. Alle Prognosen erwarten von jetzt an regelmäßige digitale Beben von WikiLeaks.

Nichts scheint mehr so zu sein wie es war. Journalismus. Staatsgeheimnisse. Die Macht des anonymen Einzelnen. Die Revolution der Öffentlichkeit scheint vollendet. Nicht mehr investigativ arbeitende Redaktionen und Journalisten wühlen in den Geheimnissen der Regierungen und Unternehmen, sondern Insider. Mitarbeiter, Armeeangehörige und Beamte, die sich mit Vorgängen konfrontiert sehen, die sie kaum noch ertragen, von denn sie sich nichts sehnlicher Wünschen, als das die Öffentlichkeit, am besten die Weltöffentlichkeit von ihnen erfährt. Das Comeback des schlechten Gewissens, die asymmertrische Macht des Einzelnen, als Korrektiv bestimmter Degenerationen und Defekte demokratischer Gesellschaften.

Das ideale Werkzeug der vernetzten Gesellschaft für diese Zwecke ist eine Whistleblowerplattform im Internet. Größtmögliche Anonymität, prominente Medienpartner Veröffentlichung und sorgfältige redaktionelle Aufbereitung der Unterlagen. Eine perfekte Strategie. WikiLeaks wird in kurzer Zeit zum Prototypen dieses publizistischen Werkzeugs neuer Art. Aber der Absturz folgt. Umgehend.

Und es geht bei diesem Absturz nur am Rande um die kritische Einordnung der vermeintlichen sexuellen Praktiken Julian Assanges, der Führungsfigur von WikiLeaks. Es geht um die technische Integrität eines publizistischen Angebots, dessen Nutzung Whistleblower in existentielle Gefahr bringen kann. Es geht um die politische Nüchternheit und strategische Klarheit der Entscheider, die ihre Kompetenzen und Kenntnisse im Sinne ihrer Aufgabe einsetzen sollten. Es geht um Reputation und Glaubwürdigkeit, diese wohl kostbarste Währung der Publizistik im Netzzeitalter. Kurz gesagt: Es geht um Reife und Professionalität.

Mit Blick auf diese Faktoren sind die letzten Tage die letzten Belege für den (vorläufigen) Untergang eines grandiosen Konzepts. Wer das Logbuch des Niedergangs liest, fühlt sich an eine unheimlich anmutende Mischung aus Shakespeare, Dallas und Denver-Clan erinnert. Wenige Auszüge und Schlaglichter genügen, um zu sehen, dass dieser Bewegung kein Whistlebower in einem Ministerium, einem Weltkonzern oder einer global agierenden Bank mehr trauen wird.

Dienstag. 30. August. Früher Abend, New York Ortszeit. Nichts geht mehr. Es ist nur ein temporäres Problem. Aber es ist symptomatisch. Und selbstverschuldet. Die Netzseite der Whistleblower-Organisation WikiLeaks ist down. Nach dem tausende Depeschen unredigiert veröffentlicht wurden, sieht sich die Seite massiven Cyberattacken ausgesetzt.

Freitag letzter Woche. Eine geheimnisumwitterte CD soll seit einiger Zeit im Netz zirkulieren. Cables.csv ist ihr entwaffnent schlichter Titel. Sie ist zwar verschlüsselt. Aber das Passwort soll ebenfalls im Netz zu finden sein, berichtet die Wochenzeitung Der Freitag. WikiLeaks reagiert mit Anschuldigungen Richtung Domscheit-berg. Kurze Zeit später aber publiziert die Leaking-Plattform tausende unbearbeitete Depeschen. Die CD könnte das von Domscheit-Berg mehrfach angesprochene Sicherheitsleck bei WikiLeaks belegen.

Montag, 21. August. Der WikiLeaks-Dissident gibt die endgültige Löschung zahlreicher Datensätze von WikiLeaks bekannt, die er aus Sicherheitsbedenken bei seinem Ausscheiden an sich genommen hatte.

Mittwoch, 31. August. WikiLeaks geht per Anwalt gegen OpenLeaks-Gründer Domscheit-Berg vor und legt ihm zum wiederholten Male “ein gesteigertes Maß an Niedertracht vor”. Unter anderem soll er der Wochenzeitung Der Freitag die Daten auf der omniösen Cables.csv CD zugänglich gemacht haben.

Vorangegangen sind diesen letzten Indizien für eine Agonie der ehedem noch strahlenden Leaking-Bewegung eine Reihen von Konflikten, Dramen und Ablenkungsmanövern, die sich mit allem beschäftigen, zerbrochenen Freundschaften, wettstreitende Alphatiere, Verschwörungstheorien finsterster Sorte, aber nicht mit der adäquaten Pflege der Leaking-Bewegung, dem angemessenen Umgang mit geleakten Dokumenten und ihrer entsprechenden Vermittlung an die Öffentlichkeit.

Vielleicht ist dieser Untergang der WikiLeaks-Idee kein rasanter Absturz, vielleicht ist es eher eine Agonie. Unter dem Strich aber spielt die Art des Siechtums keine Rolle. Unter dem Strich bleibt der Ruin einer anspruchsvollen Idee. Eine innovative Strömung hat sich selbst zu Grunde gerichtet. Historisch betrachtet ist das keine Neuigkeit. Schon immer fielen politische Erneuerer durch Streit, Spaltung und Egomanien auf. Da stellen Julian Assange und Domscheit-Berg keine Einzelfälle dar.

Für die Gegenwart und die nähere Zukunft jedoch ist dieser Untergang ein herber Verlust. Es wird Jahre dauern, bis Whistleblower wieder Vertrauen zum Konzept der anonymen Abgabe brisanter Materialien haben werden.  Und es bleibt abzuwarten, ob die erfolgreichen Leaking-Schnittstellen zwischen Öffentlichkeit und Whistleblower dann wieder auf oder zumindest wenigen Plattformen konzentriert sein werden oder ob sich die Prognosen aus dem Winter 2010 bewahrheiten, dass derartige Angebote zukünftig zum technischen Repertoire jedes größeren journalistischen Angebots im Netz sind. Pilotprojekte gibt es bereits viele. Hoffen wir, dass einige von Ihnen die momentane Krise der Leaking-Idee als Chance nutzen können.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Einmal GAU in Wikiland:
    Und also hat Wikileaks der Unverantwortlichkeit, sämtliche vertraulichen Botschaftsdepeschen zu veröffentlichen, die Krone aufgesetzt – den Verrat an den Informanten der amerikanischen Botschaften. Vielleicht berichten Zeitungen – die Wikileaks umjubelt haben – ja ab und an auch von den nun Verschwindenden, Verhafteten, Ermordeten. Die Angehörigen können sich dann beim Grossegomanen Julian Assange bedanken. Mit Grössenwahn durchtränkter Messianismus hat wieder das übliche, vorhersagbare und potentiell mörderische Ergebnis produziert. Und ganz nebenbei potentielle “Whistleblower” gründlichst abgeschreckt. Das Ergebnis war unabhängig von dem Daten-GAU von vornherein klar – weniger Transparenz, nicht mehr. Danke, Wikileaks.
    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • 2. September 2011 um 14:25 Uhr
    • ThorHa
  2. 2.

    Für mich war es sowieso immer schwer nachvollziehbar, wie ausgerechnet ein Hacker, der es eigentlich besser wissen sollte, absolute Sicherheit versprechen kann. Jeder weiß, dass es das nicht gibt. Aber es war wohl genau diese Arroganz, die überhaupt das ganze Projekt nach oben schoss, die es auch wieder zu Fall brachte.

    • 2. September 2011 um 15:34 Uhr
    • Christiane Schulzki-Haddouti
  3. 3.

    WikiLeaks ist tot, es lebe WikiLeaks!

    • 2. September 2011 um 20:14 Uhr
    • MiaMiau
  4. 4.

    WIKILEAKS ist Tot?
    Es lebe WIKILEAKS!

    und DDB und OL
    chancenlos!

  5. 5.

    Openleaks ist doch nur die GUI die DDB benötigt um sich zu profilieren und Whistleblowing Seiten in den Schmutz zu ziehen. Im übrigen ist DDB einfach nur peinlich. Er lügt, er macht schwammige Aussagen, in denen er dann wiederrum lügt oder seinen eigenen Lügen widerspricht.

    So sehr ich WikiLeaks mochte, muss ich trotzdem jetzt bitter feststellen, dass es einen single point of failure gab. Falsches Vertrauen. Demnächst sollte sich die Organisation vielleicht mal genauer anschauen, mit wem sie sich da überhaupt einlassen.
    Oder sollten sie sich überhaupt noch auf jemanden einlassen? Der Betrieb läuft ja schon seit längerem wie geschmiert. Die Fehler wurden alle schon vor mehreren Monaten begangen und kommen jetzt erst raus.

    Wikileaks arbeit wird – hoffentlich – trotzdem weitergehen. Am besten nur noch durchs Veröffentlichen und durchs Crowdsourcing.

    • 3. September 2011 um 17:10 Uhr
    • MiaMiau
  6. 6.

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  7. 7.

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  8. 8.

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  9. Kommentar zum Thema

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