‹ Alle Einträge

Handelt es sich wirklich nur um Einzelschicksale?

 

Vor einigen Tagen berichtete Lisa Rank über Misshandlungen in der DDR-Kinderkrippe. Ihr Text löste Widerspruch aus. Andere Leser berichten ähnlich Erschütterndes.


Die Debatte um die neun jungen Ostdeutschen löste gewaltige Emotionen, aber auch viele interessante Debatten aus. Am schärfsten wurde der Text von Elisabeth Rank diskutiert, die über Misshandlungen in der DDR-Kinderkrippe berichtete. Wir haben hier eine Auswahl von Kommentaren zusammengestellt, die sich mit der Frage befassen, ob sich solche Erlebnisse verallgemeinern lassen. Einige Leser beschreiben eigene erschütternde Erfahrungen.

Uns selbst haben Lisa Ranks Schilderungen und die Reaktionen darauf zu der Frage gebracht, ob und wie wir dieses Kapitel noch einmal redaktionell darstellen sollten.  Dieses Thema gehört zu dem weiten Feld unzureichend aufgearbeiteter DDR-Geschichte. Und vielleicht zeigt es auch exemplarisch, wie schwer es ist, das Thema DDR zu diskutieren.

sonneleipzig
Sehr befremdlich fand ich den Text von Elisabeth Rank. Auf der einen Seite kann ich mich an kleine Episoden erinnern die in eine ähnliche Richtung gingen. Ja, solche Episoden gab es. Essen, das man nicht mochte und trotzdem essen musste. Aber prägend waren diese Einzelepisoden nicht. Es tut mir leid, dass die Autorin solch sadistische Erfahrungen machen musste: Jedoch muss ich betonen (auch wenn das die Autorin schon oft gehört hat und nicht verstehen kann) diese sadistischen Methoden waren Einzelfälle, nicht der Standard.

micr0bi
Da versucht Frau Rank, welche als 5-jährige die Wende miterlebt hat, der Welt zu beweisen, dass Ostalgie schlecht sei und erklärt ihre Erfahrungen für allgemein gültiges Erziehungsstatut der DDR. Darüber kann ich nur müde lächeln. So traurig und schrecklich das von ihr Erlebte auch ist und so sehr wir uns auch bemühen müssen, dass das nie wieder vorkommt, aber auch hier sollte man differenzieren. Ich habe das nie erlebt, ich war gerne Pionier, ich hatte eine wunderschöne Kindheit ohne das meine Eltern in der Partei waren und das wichtigste ist – ich bin damit keine Ausnahme!

Lusatia
Elisabeth Rank, war voll am Thema vorbei. Kein Jahr vergeht ohne Problemfilm zum Thema DDR, am besten mit Veronika Ferres, und die stört das angebliche verschweigen und glorifizieren. Was sie beschreibt, mag stattgefunden haben wie auch in anderen Ländern, also als Ausnahme. Sie bedient die gängigen Klischees mit maßloser Übertreibung.

Bremser
Die Liegen bestanden aus einer Hartfaser-Platte mit Holzrahmen und einklappbaren Holzstützen an Fuß- und Kopfende. Es gab keine Matratzen, nur eine dünne, kratzige Decke und ein kleines Kopfkissen. Die Liegen waren im großen Saal geometrisch wohlangeordnet aufgestellt. Sie mussten immer ordentlich ausgerichtet dastehen. Es war mucksmäuschenstill. Alle Kinder schliefen oder stellten sich schlafend, um nicht aufzufallen. Das einzige Geräusch war das Rascheln hinter mir am Tisch, wenn die Erzieherin die Zeitung umblätterte.

Ich stand die ganze Mittagsschlafzeit zwischen dem Tisch und den Liegen. Ich hatte an einer Schnur einen Bierdeckel umgehangen bekommen. Auf dem stand „BUMMELORDEN“. Das war meine Strafe für wiederholtes Bummeln beim Mittagessen.

Als meine Mutter mich an diesem Tag zur üblichen Zeit abholen wollte, hieß es: „Der …….. wird jetzt noch nicht abgeholt, der hat wieder nicht aufgegessen.“Diesen Spruch haben meine Eltern öfters zu hören bekommen, sagten sie mir vor ein paar Jahren, als ich ihnen vom Bummelorden erzählt habe. Sie hatten bis dahin keine Ahnung. Ich hab es nie erzählt.

[…]

Ich hatte als Kind öfters Nasenbluten. Einmal saß ich im Kindergarten beim Mittagessen und das Blut tropfte auf den Teller mit Suppe/Eintopf. Ich musste den Teller trotzdem aufessen.

Sie mögen vielleicht andere, bessere Erfahrungen gemacht haben. Aber ich finde es unerträglich, wenn Sie deshalb Frau Rank als Lügnerin hinstellen.

Tilman Steffen
Welche Agenda hat eigentlich Elisabeth Rank, wenn Sie den DDR-Kindergarten beschreibt, als sei er ein Mix aus Konzentrationslager und Abu Ghraib? Und diese nicht mal im Ansatz eingeordneten Grauens-Szenen mit dem Statement abbindet, sie wolle keine Verklärung?

Darf ich einwenden, dass solche Vorkommnisse ein Fall für die Polizei gewesen wären? Misshandlung von Kindern war sicher auch in der DDR strafbar. Und das dürfte auch den Eltern bekannt gewesen sein.

Ich würde gern differenziert über Ostdeutschland diskutieren und was die Menschen ost- und westdeutscher Herkunft verbindet und trennt. Elisabeth Rank hat dafür mit ihrem Krimi keine Anregung geliefert. Sie polarisiert nicht mal, sie verärgert nur.

-Aki-
Frau Rank hat an keiner Stelle behauptet, dass die von ihr geschilderten Vorkommnisse in der DDR Standard gewesen seien;  Sie hat von Erscheinungen berichtet, die es dort gegeben hat, und rückt damit das romantisierende Bild einer auf politischer Ebene zwar diktatorischen, aber auf der alltäglichen Ebene dafür umso humaneren Gesellschaft in ein realistischeres Licht.

1984

Ich bin sehr froh über den Beitrag von Frau Rank. Es ist auch mein Thema.
Ich habe ähnliches erlebt. Handelt es sich wirklich nur um Einzelschicksale? Es interessiert mich brennend wie vielen Kindern es in der ehemaligen DDR genauso erging, eine Erhebung hierbei ist aber schwierig, denn so furchtbare Erlebnisse in früher Kindheit werden oft verdrängt.

So konnte ich mich erst als Erwachsene erinnern:

+Jeden Tag trinke ich meine Milch, ich ekel mich davor, sie hat eine dicke Pelle oben drauf, ich entferne die Pelle und stürze die Milch herunter, danach beiße ich schnell in meine Stulle. Ich habe nie danach gefragt ob ich die Milch stehen lassen darf, wahrscheinlich gab es diese Möglichkeit wohl nicht.

+Es ist nachmittags, die anderen spielen schon, ich sitze immer noch an meinen Weintrauben, ich mag die Kerne nicht mitessen und muss sie rauspulen, aber ich muss aufessen.

+Wir waren duschen im Keller, sind nackt und nass, die Erzieherin: Wir zählen jetzt bis zehn, wer dann nicht angezogen ist wird eingesperrt. Wir Kinder machen schnell.

+Ich spiele, die anderen Kinder und Erzieherinnen bilden ein Kreis und fassen sich an den Händen. Komm schnell, wir wollen ein Lied singen! Ich komme aufgeregt und voller Freude und schließe den Kreis. Erst jetzt sehe ich den kleinen Jungen mit nasser Hose, der mich entsetzt anschaut. Es wird: Schäm dich, schäm dich, alle Leute sehen dich, gesungen.

Ich bin auch Jahrgang 1984, erlebte nur 5 Jahre DDR-Diktatur, versuchte nicht zu fliehen, war nicht im Gefängnis und werde mich trotzdem den Rest meines Lebens fragen ob die letzen Jahre der DDR verantwortlich für mein Schicksal sind. Ich leide unter starken Angststörungen, hierzu gehört die Angst vor anderen einzunässen und eine Phagophobie, die Angst feste Nahrung zu verschlucken.

In einigen Kommentaren wurde gesagt, dass es Kindesmisshandlung (und auch Zwang und seelische Gewalt, Beschämung, sind Misshandlungen) ja auch im Westen gab oder auch von Eltern ausgeübt wurde, zumindest nichts mit dem System der DDR an sich zu tun hätte.

Das sehe ich anders, das Ziel der DDR war es ja auch schon Kleinkinder zu sozialistischen Persönlichkeiten zu erziehen. Das Kind sollte sich ins ‚Kinderkollektiv‘ einfügen und alle Kinder sollten sich gleich verhalten. Ich weiß nicht wie viele gute Erzieherinnen es gab, aber die weniger einfühlsamen haben diesen Erziehungsauftrag vielleicht als Erlaubnis genommen sich so zu verhalten und Regeln durchzusetzen.

Wenn Eltern kamen um ihre Kinder abzuholen und diese noch aßen, mussten die Eltern warten. Eltern, die ihre Kinder nicht in die Krippe gebracht haben wurden schief angeschaut. Das gehört doch alles zusammen.

16 Kommentare


  1. Schäm dich schäm dich – alle Leute sehn dich! Ich kann mich auch noch an dieses Schandlied erinnern, das die Erzieherinnen anstimmten, als mal bei uns in der Gruppe ein Junge seine roten Strumpfhosen eingenässt hatte. War das allgemeines Demütigungskulturgut in ostdeutschen Kindergärten, oder was? Absolut entsetzt war ich, als dem Jungen dann noch die Hosen ausgezogen wurden, so daß er sich untenrum nackt von uns beschämen lassen mußte. Er hat geweint wie sonst was und ich dachte nur „Mein Gott, hoffentlich passiert mir das nie“. Manche „lauten“ Kinder bekamen auch ein Pflaster auf den Mund geklebt als Strafe. Klar war der Kindergarten auch oft schön, aber wenn ich heute einen Fettrand am Fleisch sehe, bin ich knapp vor Kotzen, weil wir damals immer „aufessen“ mußten. Notfalls auch ne Stunde lang. Da gabs kein Erbarmen.


  2. Ich persönlich plädiere übrigens dafür, niemandem persönliche Erinnerungen vorzuwerfen. Manche Kommentatoren scheinen Frau Ranks Schilderungen ja geradezu als persönliche Beleidigung zu empfinden. Das ist absurd! Ich meine, hey! Sie hatte schließlich eine Scheißzeit dort – nicht Ihr! Ich kann mir durchaus vorstellen, daß DDR-Kindergärten für sensible oder „nichtfunktionierende“ Kinder zum Teil die Hölle gewesen sein können. Nichts war ja auf Individualität zugeschnitten, alles nur auf funktionales Kollektiv. Etwas Empathie wäre nicht schlecht. Im Westen war sicher auch nicht alles Gold, was glänzte. Aber in der Zone eben auch nicht.

  3.   John Winston

    Ich kann mich konkret an folgendes aus den späteren 70ern erinnern – aus dem „West-Kindergarten“!:
    1. Es wurde teils so lange am Ohrläppchen gezogen, bis es blutete.
    2. Kinder wurden an Stühle gefesselt, wenn sie „unruhig“ waren
    3. „Vorlauten“ Kindern wurde der Mund zugeklebt, oft in Kombination mit dem 2. Punkt.

    Die Schmähungen, Herabsetzungen und Wutausbrüche „im Vorbeigehen“ mal nicht mitgerechnet.

    Das pikante dabei: Es war zur Hauptsache meine Großtante, die das machte!
    Gesagt habe ich zuhause nie was.

    Diese sogenannten Einzelfälle gab/gibt es zuhauf. Sie sind aber nur Einzelfälle, weil sie eben von vornherein als singulär betrachtet werden, wobei die Opfer die Demütigung der Einzelbetrachtung ertragen müssen. Viele habe das Gefühl, sich für das Erlittene auch noch rechtfertigen zu müssen („Ach, da bist Du aber ein Einzelfall!“ – Heißt: Zählt nicht!).
    – Oft auch, weil viele Ober-Verdränger einschüchternd sofort „Einzelfall“ brüllen.

    Ich denke aber, es geht tiefer. Kaiserreich, Drittes Reich, die Kriegsschäden, der verlorenen Krieg und auch die Teilung haben aus den Deutschen ein sehr ruppiges, teil neurotisches Volk gemacht. Das ist aus psychologischer Sicht auch nicht anders möglich.

    Aber: Wir Deutschen stellen uns nicht diesen Dingen, die ja den Blick auf etwas viel größeres und tieferes (und erschreckendes!) freigeben würden, immer noch nicht.

    Vielleicht schafft die in diesem Bereich „versehentlich“ angestoßene Debatte es, eine Sensibilisierung, die vielleicht auch in einer wissenschaftlichen Betrachtung mündet, anzustoßen.

    Zurück zum Kern: Ich denke, diese Fälle waren keine Einzelfälle, auch wenn es kein geplantes System dahinter gab. Und sie gelten für Ost und West.
    Meine blanke Vermutung ist, daß durch die politischen Zielvorgaben und dem allgemeinen Leidensdruck diese Fälle im Osten noch mehr begünstigt wurden.
    Im Westen war das vielleicht mehr Privatsache und wurde hinter der Haustür ausgeübt. Da kenne ich zumindest auch genügend solcher Fälle.

  4.   jost epstein

    An das Schandlied erinnere ich mich auch, auf den Mund geklebte Pflaster habe ich auch gesehen. Ich erinnere mich außerdem daran, während des Mittagsschlafs eingekotet zu haben als Fünfjähriger, weil wir während der Schlafenszeit nicht auf die Toilette durften. Als das Malheur dann entdeckt wurde, musste ich mich von der Sauerei auf dem Gemeinschaftsklo selbst befreien, während die anderen Kinder zusahen und mich auslachten. Kinder wie ich, die mittags fast nie schlafen konnten, und nicht diszipliniert genug waren, die Augen, wie gefordert, geschlossen zu halten, bekamen ein Tuch aufs Gesicht gelegt. Trotz Ekel aufessen und ergo kotzen müssen, das war so das Klassiker, glaube ich, das kenne ich persönlich, aber auch aus Erzählungen anderer. Ich meine allerdings auch, mich erinnern zu können, dass Erziehungsmaßnahmen stark von den einzelnen Erzieherpersönlichkeiten abhingen. Staatliche Direktiven zur Kindsdemütigung wird es wohl nicht gegeben haben, dafür sind die individuellen Erfahrungen zu unterschiedlich. Da sich ähnliche Dinge damals wie heute auch innerhalb vieler Familien abspielen, ist im Grunde nichts wirklich erstaunlich daran. Ich vermute, dass die Ausbildung in der frühkindlichen Erziehung zu DDR-Zeiten eher mau war, gerade die ältere Generation hat wohl im Wesentlichen ihre pädagogischen Privatüberzeugungen zur Verwirklichung gebracht, ohne dass staatlicherseits irgendjemand genauer hingesehen hätte. In der Schule wehte dieser Geist weiter, je nach Lehrer unterschiedlich stark oder eben gar nicht ausgeprägt, bis hoch ins Gymnasium, wo viele verschiedene Formen vor allem öffentlicher Demütigung an der Tagesordnung waren. Der Unterschied: Hier war es wegen der veränderten Kräfteverhältnisse leichter, aufzubegehren. Ansonsten: Verächtliche, relativierende Kommentare zum Thema sind irrelevant für die Einschätzung des Sachverhalts und also nicht hilfreich. Das Problem ist, dass zu viele Menschen Grundannahmen treffen, die unhaltbar sind und jeglicher Grundlage entbehren („sind alles Einzelfälle“ etc.) Niemand will pauschalisieren. Die Reaktionen zeigen, dass eine genauere Untersuchung dieses Teils der DDR-Bildungsgeschichte längst überfällig ist. Es ist ja wohl eine küchenpsychologische Binsenweisheit, dass frühkindliche Erfahrungen sich maßgeblich auf die weitere Persönlichkeitsentwicklung und -entfaltung auswirken. Schon 1999 gab es einen großen Eklat, als Kriminologe Christian Pfeiffer die Vermutung anstellte, dass die autoritäre Erziehung in den Kindergärten der DDR (die er anhand diverser Zeugnissse für belegt hielt) im Zusammenhang stehen könnte mit dem erstarkenden Rechtsradikalismus junger Leute in der DDR. Ist alles nachzulesen im Netz. Pfeiffer fragte übrigens auch, im März 1999: „Hat denn wirklich die DDR-Erziehungswirklichkeit aufgehört mit der Wiedervereinigung? Das kann doch gar nicht sein! Es sind doch dieselben Eltern, dieselben Erzieher, dieselben Lehrer, dieselben Gruppen, die Einfluß haben.“ Vielleicht doch noch mal genauer hingucken?


  5. Ich kann diese Kommentatoren nicht nachvollziehen. Offenbar war es normal, Kinder derart seelisch zu misshandeln. Der Hinweis, dass im westen auch nicht alles gut war ist absurd: Wir reden hier über die 80er Jahre. Ich war damals ebenfalls im Kindergarten im Westen und das hier geschilderte – auch die Verhöhnungen wegen Einnässen oder der Zwang zum Aufessen – wären undenkbar gewesen und hätten sicher zu Strafverfahren oder mindestens Entlassungen geführt. Es liegt auf der Hand, dass hier die Diktatur schuld war und es wundert mich, dass man in den neunziger Jahren hier nicht versucht hat, strafrechtliche aufzuklären: Diktatur oder nicht, die Handlungen der Erzieherinnen sind offenbar als Misshandlung einzustufen.
    Infam und dumm übrigens, einen Menschen, der von solchen Erlebnissen berichtet, dafür zu kritisieren.

  6.   Leidensgenossin

    Der Artikel von Elisabeth Rank und einige dazu verfasste Kommentare haben mich beim Lesen sehr aufgewühlt. In meiner Kindergartenzeit habe auch ich einige Dinge erlebt, die ich jetzt besser einordnen kann. Ich dachte immer meine Erlebnisse sind nur mir passiert. Das Wissen, dass dem anscheinend nicht so ist, beruhigt mich in gewisser Art und Weise, macht mich aber gleichzeitig auch betroffen.

    Wir mussten damals im Kindergarten alle zum Frühstück eine Tasse heiße Milch trinken. Es gab keine Ausnahmen. Mir ist damals immer vom Geruch der Milch schlecht geworden. Auch hat es mich vor der dicken Haut geekelt, die sich auf der Oberfläche gebildet hat (ich komme an Milch heute noch nicht ran). Wenn man Milch mochte, hatte man kein Problem. Man hat sie ausgetrunken und durfte, wie alle Kinder, nach dem Frühstück spielen gehen. Bei mir war das anders. Aus meiner Erinnerung heraus kann ich sagen, dass ich keinen einzigen Tag meine Milch getrunken habe (und ich war von 3 bis 7 Jahren im Kindergarten, ich selbst bin Jahrgang 1983). Die Konsequenz: ich musste jeden Tag solange vor meiner Milch sitzen bleiben, bis ich diese ausgetrunken habe. Da dies nicht passiert ist, saß ich wahrscheinlich jeden Tag 1-2 Stunden still davor und durfte den anderen Kindern beim Spielen zusehen. Irgendwann später kam meine eigentliche Kindergärtnerin, welche ich als sehr nett in Erinnerung habe, und ich durfte aufstehen und spielen gehen. Dieses Schauspiel spielte sich jeden einzelnen Tag ab. Ich habe es als Kind gehasst. Einmal haben mir die Erzieherinnen der Frühschicht sogar mal versucht die Milch gewaltsam einzuflößen. Eine hielt mich dazu fest, die andere drückte meine Kiefer auseinander und schüttete die Milch hinein. Ich habe mich davon vor ihre Füße übergeben. Danach haben die Erzieherinnen keine Versuche dergleichen mehr unternommen. Das Warten jeden Tag blieb. Ich habe es auch meinen Eltern erzählt, sie haben alle möglichen Sachen ausprobiert. Sie haben dieses Instant-Kakaopulver (in den zylinderförmigen Dosen) besorgt, was damals glaub ich vergleichsweise teuer war, und haben es bei den Erzieherinnen abgegeben mit der Bitte mir davon etwas in die Milch zu rühren, damit der Geruch verschwindet. Auch haben sie gefragt, ob ich statt Milch lieber Tee bekommen könnte (den gab es immer zur Vesper, so nannten wir das Nachmittagsbrot). Es ging kein Weg hinein, es gab keine Extrawurst. Der Kakao war meist irgendwann „verschwunden“ und auch Tee gab es nicht. Meine Nachfragen haben nichts gebracht und irgendwann habe ich aufgehört zu fragen. Ich dachte damals das gehört so. Ich habe mich mit der Situation abgefunden, und einen Weg gefunden, die Sache zu überstehen (keine Widerrede, keine Diskussionen, einfach still dasitzen und abwarten). Einordnen kann ich das ganze erst jetzt mit einigem Zeitabstand.

    Es gibt noch mehr dieser Geschichten zu erzählen. Zum Bsp. Das Thema Mittagsschlaf. Wie einige hier schon geschrieben haben, mussten wir auf solchen Sperrholzpritschen mit Holzrahmen und einklappbaren Füssen schlafen. Die waren denke ich so 50cm breit und pastellgrün/-blau eingefärbt. Darauf kam ein normales Laken ohne Matratze. Nach etwa 10 min habe ich jeden einzelnen meiner Knochen gespürt, an Schlaf war nicht zu denken. Ich habe auch zu hause niemals Mittagsschlaf gemacht, aber im Kindergarten habe ich mich immer schlafend gestellt aus Angst vor Bestrafung. Unsere eigentliche Kindergärtnerin, die ich wie gesagt in sehr guter Erinnerung habe, hatte wahrscheinlich so eine Art Mittagspause. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass wir von der Putzfrau beaufsichtigt wurden. Wir hatten alle angst vor ihr. Ich kann mich immer noch an Ihren Namen, die behaarten Beine, ihren Gestank und die Kittelschürze erinnern. Sie lief durch die Reihen und achtete darauf, dass alle Kinder schliefen. Ich konnte mich manchmal nicht überzeugend genug schlafend stellenn und habe mit den augen geblinzelt oder so. Sofort kam die Frau angeschossen und zog mir die Decke über den Kopf. Die Decke wurde unter dem Kopf festgesteckt. Ich musste mir immer unauffällig ein kleines Loch zum Atmen frei „schaufeln“. Hat man daraufhin immer noch nicht geschlafen (sich z.B. etwas bewegt oder so) wurde man angeschrien (wodurch spätestens dann die anderen Kinder auch wach waren) und meist zum in der Ecke stehen in der Gaderobe verdonnert. Das war immer sehr kalt, da man nichts außer Unterwäsche anhatte. Eine Geschichte bleibt mir besonders im Kopf. Ich hatte Geburtstag und irgendwoher hatten meine Eltern eine Tüte Haribo-Gummibärchen für mich bessorgt, die ich promp mit in den Kindergarten nahm, um sie mit den anderen Kindern zu teilen. Unsere Kindergärtnerin erlaubt jedem Kind zwei Gummibärchen zu essen. Die restlichen Gummibärchen wurden in den Schrank gelegt, um zur Vesper noch mal jedem Kind ein paar Gummibärchen zukommen zu lassen. Dort fand sie prompt die uns immer beaufsichtigende Putzfrau und aß sie einfach auf. Ich habe das alles mitbekommen, weil ich niemals geschlafen habe. Ich habe mich aber nicht getraut etwas zu sagen, da ich solche Angst vor der Frau hatte. Ich weiß noch, wie ich still in mich hineingeweint habe und einen ganz schön großen Kloß im Hals hatte.

    Ich war auch mal im Vorschulalter mit Lungenentzündung im Krankenhaus (Kinderabteilung Krankenhaus Dresden Neustadt). Das war auch kein Zuckerschlecken. Ich wurde in ein Gitterbett eingesperrt, aus dem ich ohne Hilfe nicht rauskam (obwohl ich schon viel zu alt dafür war). Es gab keinen Notfallknopf und ich musste minutenlang nach einer Schwester schreien, um mal auf Toilette zu dürfen. Und dann durfte man nicht mal auf die Toilette (es gab nur eine Toilette auf dem Gang), sondern musste auf einen Nachttopf gehen (entwürdigend für mich damals, wo ich diese Phase längst überwunden hatte). Es gab feste Besuchszeiten für die Eltern (jeden Tag 1h von 16:00-17:00). Selbst meine Mutter wurde angeschnauzt, was ich auf dem Gang zu suchen hätte, als sie mit mir auf Toilette gehen wollte. Ich weiß noch, wie ich meiner Mutter hinterher geweint habe, als diese das Krankenhaus verlassen musste. Alle mitgebrachten Lebensmittel (Obst, Süssigkeiten, Säfte) wurden danach eingezogen und waren meist auf Nachfrage auf wundersame Weise „verschwunden“. Ich habe die Süssigkeiten daraufhin immer unter meinem Kopfkissen versteckt, damit sie mir niemand wegnehmen konnte. In meinem Zimmer befand sich ein kleinerer Junge, der immer viel geweint hat und diese bellenden Hustenanfälle hatte. Dadurch konnte er meist sein Essen nicht richtig essen, da er es durch den Husten meist wieder ausgespuckt hat. Es kam daraufhin nicht etwa eine einfühlsame Krankenschwester vorbei, sondern stattdessen wurde er von den Schwestern angebrüllt, und es wurden ihm Strafen angedroht, sollte er sein essen nicht komplett aufessen. Ich kann mir irgendwie nicht helfen, aber irgendwie waren diese Kinderkrankenschwestern absolut ungeeignet für den Umgang mit Kindern. Die Sache entspannte sich dann für mich erst in meiner 2. Krankenhauswoche. Dann durfte ich aus dem Bett ins Spielzimmer. Die Betreuerin dort war wirklich sehr nett zu uns.

    Generell glaube ich, dass zu DDR-Zeiten eine komische Vorgehensweise im Umgang mit Kindern herrschte. Selbst kleinste Kinder mussten den ganzen Tag von ihren Eltern getrennt verbringen. Selbst im Krankenhaus und zur Kur. Ich selbst war wegen einer chronischen Bronchitis im Alter von 4-6 jahren zwei mal jeweils 4 Wochen zur Kur in Bad Sulza, natürlich ohne Eltern. Die Kur hat mir zwar sehr geholfen, aber ich hatte schreckliches Heimweh. Meine Eltern haben mir zwar täglich Briefe geschickt mit vielen Bildern, aber sie durften mich nicht besuchen. Ich denke 4 Wochen allein für ein 4jähriges Kind ist schon ganz schön lange.

    Ich weiß, dass diese Sachen nicht hochdramatisch sind und sie wahrscheinlich auch nicht illegal waren. Aber ich kann sie nun mit dem nötigen Zeitabstand und den Erzählungen anderer Leute einfach besser einordnen. Vielen Dank dafür. Ich weiß jedenfalls noch, wie sehnlichst ich die Schule erwartet habe. Ich gehörte 1990 zum ersten Jahrgang, der nach der Wende eingeschult wurde. Endlich keine Zwangsmilch mehr zum Frühstück und kein Mittagsschlaf. Man wurde auch mal nach seiner Meinung gefragt und fühlte sich nicht ständig gegängelt.

  7.   Leidensgenossin

    Ich habe übrigens noch eine interessante Beobachtung gemacht. Meine Schwester (Jahrgang 1991) besuchte den selben Kindergarten, wie ich, aber alles hatte sich ganz schön geändert, seit ich da raus war. Ich habe sie damals oft nach der Schule vom Kindergarten abgeholt. Es gab zum Schlafen richtige Matratzen, keine der mir bekannten Kindergärtnerinnen arbeitete mehr dort. Meine Schwester schwärmte immer in den höchsten Tönen vom Kindergarten, sie liebte Ihrer Erzieherin abgöttisch. Ich kann nicht sagen, ob das in allen Einrichtungen so ablief nach der Wende. Die Frage bleibt aber, was aus den ganzen Kindergärtnerinnen aus DDR-Zeiten geworden ist. Es gab ja nicht nur schlechte. Wie gesagt meine eigentliche Kindergärtnerin aus der „Normalschicht“ war sehr nett, wir haben viel unternommen und viel gebastelt. Ich habe Freunde fürs Leben getroffen, aber eben auch viele befremdliche Sachen erlebt.

  8.   -aki-

    @5: „Der Hinweis, dass im Westen auch nicht alles gut war ist absurd: Wir reden hier über die 80er Jahre. (…) hätten sicher zu Strafverfahren oder mindestens Entlassungen geführt.“

    Falsch. Ich kenne z.B. jemanden, dem haben sich in den 80er Jahren die West-Kindergärtnerinnen regelmässig mit der Vagina auf das Gesicht gesetzt, bis er keine Luft mehr bekam.
    Kinder reden in der Regel nicht über ihre erlebten Misshandlungen. Und selbst wenn sie drüber reden, nutzt es selten was: Missbrauchs-Opfer vertrauen sich laut Statistik im Durchschnitt sieben Mal Erwachsenen an, ohne dass diese ihnen glauben oder helfen.

    @4: “Hat denn wirklich die DDR-Erziehungswirklichkeit aufgehört mit der Wiedervereinigung? Das kann doch gar nicht sein! Es sind doch dieselben Eltern, dieselben Erzieher, dieselben Lehrer, dieselben Gruppen, die Einfluß haben.”

    Super Zitat, bringt es genau auf den Punkt. In den 80er und 90er Jahren war man, wie der vorige zitierte Beitrag belegt, der Überzeugung dass alles Schlimme mit der Nachkriegszeit vorbei war. Und jetzt kam die Geschichte mit den Katholiken raus, dann kam die Geschichte mit dem Kindesmissbraucher vom BBC raus, dann die 1500 von Pakistani missbrauchten Kinder in England. Wer da noch das Wort „Einzelfälle“ in den Mund nimmt, oder daran glaubt dass es heute keine großflächigen Misshandlungen und Missbräuche in Einrichtungen und Familien gibt, ist ein Träumer.

    Wenn wir aus dieser und ähnlichen Diskussionen keine Handlungen von Seiten der Politik einfordern, sind wir nur eine weitere Generation von Schweigern und Duldern. Das schlimmste ist für Opfer oft nicht die Tat – das Schlimmste ist, dass ihnen niemand geholfen hat.

    @6: „Ich weiß, dass diese Sachen nicht hochdramatisch sind (…)

    Doch. Das ist hochdramatisch. Danke für die Berichte.

  9.   -aki-

    Noch mal zu diesem Zitat:
    „Hat denn wirklich die DDR-Erziehungswirklichkeit aufgehört mit der Wiedervereinigung? Das kann doch gar nicht sein! Es sind doch dieselben Eltern, dieselben Erzieher, dieselben Lehrer, dieselben Gruppen, die Einfluß haben.”

    Das Problem wäre sicher nicht aus der Welt wenn es genau diese Leute nicht mehr gäbe, denn eine neurotische Gesellschaft wird immer neue Sadisten hervorbringen. Und natürlich werden so veranlagte Menschen immer Wege finden wie sie Zugang zu potenziellen Opfern bekommen, sei es über den Beruf, oder sei es indem sie selber welche „produzieren“. Die Frage ist und bleibt: Was tut unser Staat dafür, seine Schwächsten zu schützen? Im Moment sehe ich es so, dass die gesamte Politikerkaste wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt werden sollte.


  10. Ich danke allen für ihre mutigen Berichte hier! Ich kann mir vorstellen, daß es einiges an Überwindung kostet, von diesen Erlebnissen aus der Kindheit zu berichten. Ich persönlich habe mal versucht, mit meiner Mutter darüber zu reden, wie scheiße ich es als Kind immer fand, den ganzen Tag so allein und abgeschoben in irgendwelchen Kindereinrichtungen gewesen zu sein. Ich wurde dort zwar nie mißhandelt – zum Glück – aber ich weiß noch, wie sehr ich mich immer gefreut habe, wenn meine Mamma nach einer gefühlten Ewigkeit endlich kam, und mich abgeholt hat. Wir Kinder waren ja oftmals 10 Stunden am Stück in diesen Kinderaufbewahrungsanstalten. Wir wurden mehr fremdbetreut, als elternbetreut. Für mich ist das staatlich gelenkte Kinder-Eltern-Entfremdung, aber für meine Mutter war das irgendwie völlig ok. Es gibt offenbar keine Stelle in ihrer Seele, die ihr deswegen Schmerz bereitet. Mir schon und ich werfe es nicht nur dem System DDR vor, sondern auch indirekt meiner Mutter. Dabei hatte ich noch unheimliches Glück, da ich nicht mal in einen DDR-Krippenplatz für Kleinstkinder gedrückt wurde, sondern in den Babyjahren von meiner Großmutter betreut wurde. Ich bin gegen meine DDR-Biografie Vollzeitmutter geworden. Dabei wollte ich eigentlich gar keine Kinder! Aber als das erste Kind da war bzw. in mir heranwuchs, habe ich regelrechte Panik bekommen. Ich wußte nicht, wie ich dieses Kind erziehen soll. Nur eines wußte ich: Nicht so, wie ich es erlebt habe. Für mich kam nie in Frage, meine eigenen Eltern als Vorbild zu nehmen. Auch, weil meine Mutter uns z.B. mit Ohrfeigen körperlich diszipliniert hat, was ich nie wollte! Also habe ich mir alles an moderner Erziehungsliteratur besorgt, was irgendwie zu haben war, von Frédérick Leboyer bis Steve Biddulph und zurück und war erstaunt, wie anders Erziehung sein kann. Später kam dann noch Alice Miller hinzu und das Verständnis, warum unsere Eltern und deren Generation so sind, wie sie sind. Interessant finde ich, wie unterschiedlich die Ost-Erziehung bei meinen im Osten sozialisierten Altersgenossen wahrgenommen wird. Die einen haben gar kein Problem damit, andere fanden sie schrecklich. Ich persönlich glorifiziere nichts und bin der Ansicht, besonders in Sachen Beziehungsfähigkeit und Kindererziehung besteht bei vielen Ostdeutschen ein blinder Fleck. Die Scheidungsraten im Osten bzw. der Umstand, daß man gar nicht erst heiratet, sind schon bizarr. Warum? Und außer mir selbst kenne ich KEINE EINZIGE OSTFRAU, die Vollzeit-Mom ist. Ich meine, klar gibt es unterschiedliche Lebensmodelle, die alle funktionieren können. Aber diese panische Ablehnung des Mutterseins für ein paar Jahre ist schon erstaunlich. Kaum ist das Kind ein Jahr alt, muß es fremdsozialisiert werden. Ich missioniere in dieser Beziehung übrigens nicht in meiner Verwandtschaft und Bekanntschaft, da ich sonst als Freak gelte. Aber ich mache auch mittlerweile klar, daß ich keine Töpfchenendiskussionen (ist sie schon sauber?) und Kindergartendiskussionen mehr will(wann geht sie denn nun endlich in den Kindergarten?) Meine Eltern sind übrigens geschieden:-) Jeder hat eben seine eigene Wahrheit. Das muß man akzeptieren.