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Das geteilte Land

 

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Es ist ein bisschen so, als ob nie etwas gewesen wäre: 25 Jahre nach dem Fall der Mauer sind die Spuren der Teilung aus dem Straßenbild nahezu vollständig verschwunden. Auf den ersten Blick ist aus zwei Staaten einer geworden. Wo verlief die Grenze? So genau ist das nicht mehr zu sagen.

Doch die Grenze gibt es noch heute. Ziemlich genau dort, wo sie real existierte, ist Deutschland weiter zweigeteilt. Bis heute, 25 Jahre nach dem Ende der erzwungenen Teilung, gibt es gravierende demographische und ökonomische Ungleichgewichte, dazu unterschiedliche Lebensgewohnheiten.

Wir haben uns auf die Suche gemacht nach Daten und Zahlen, die – oft unerwartet, manchmal kurios – von Kontrasten erzählen. Gefunden haben wir für unsere Longform-Reportage Das geteilte Land zahlreiche Statistiken, die auf verblüffende Weise verdeutlichen: Die DDR mag Geschichte sein. Ihre Umrisse sind noch heute zu erkennen. Drei Beispiele: Wäschetrockner? Im Westen weit verbreitet, im Osten kaum. Eine Waffe besitzen? Interessiert in Ostdeutschland nur wenige. Das Haushaltseinkommen? Immer noch deutlich niedriger im Osten. Paul Blickle vom ZEIT ONLINE-Infografik-Team erklärt in diesem Video, wie die Visualisierungen entstanden sind.

Wie erleben Sie, ein Vierteljahrhundert nach dem Fall der Mauer, das Zusammenleben in Deutschland? Sehen Sie sich heute noch ausdrücklich als Ostdeutsche(r), als Westdeutsche(r)? Ist das wichtig? Wenn ja, was bedeutet das für das Land insgesamt?

Wir interessieren uns sehr für Ihre Perspektive und freuen uns auf die Debatte in den Kommentaren.

62 Kommentare

  1.   neu-ossi

    Es ist sehr wichtig sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Allein mit diesen sehr oberflächlichen Daten lassen sich strukturelle Unterschiede andeuten und feststellen. besonders stark finde ich jedoch den strukturellen geschellschaftlichen Unterschied, den ich beobachtet habe, und ich glaube hier gibt es noch viel Arbeitsbedarf. Ich merke, dass vieles aus der DDR-Zeit nicht richtig aufgearbeitet wird, was wiederum Verdruss entstehen lässt hier in Ostdeutschland. Nicht alles war schlecht in der DDR und dennoch entsteht das Gefühl, dass die Gesellschaft es verdrängen sollte, ohne richtig damit abzuschliessen. Im Endeffekt könnte man aber durch eine besser Aufklärung, auch in den Schulen (auch beim Lehrpersonal), viel Verdruss abbauen und auch der Westen könnte ein bisschen was Lernen, vom Osten, bezüglich der Lebensführung und herangehensweise ans Leben.

  2.   das_as

    Während die sprachlichen Unterschiede eigentlich total irrelevant sind und zur Vielfalt betragen sind andere Unterschiede bedenklich. Die Deges hat hauptsächlich versucht die Stukturschwäche des Ostens mit Straßen- bzw. Autobahnbau zu lösen. Dieses hat im Westen für Verdruss gesorgt da viele Projekte gestoppt oder verschoben worden, um Straßen zu bauen für die es damals noch keine Autos gab. Um im Osten hat es dazu geführt das dies – als einzige funktionierende „neue Struktur“ zu massiven Pendlermassen geführt hat. Dies kann man 2x die Woche z.B. auf der A4 zw. Thüringen und Hessen erleben. Besonders dramatisch ist daran das die geschaffenen Werte hauptsächlich dem Westen zur Verfügung stehen und andererseits vom Lohn des Ostdeutschen viel größere Kosten abgezogen werden müssen. Also ziehen viele nach einer Weile um, sodass das Potential bald wertvolle Arbeits- und Versorgungsstrukturen zu schaffen verloren geht.

  3.   Ostkind

    Ich verstehe nicht was es noch „aufzuarbeiten“ gibt? Das ist eine hohle Politikerphrase für etwas das nicht ab- oder veränderbar ist… Es gilt die Ossis, Wessis und deren Lebensraum gleich zu behandeln! Wenn bei Renten und Infrastruktur der Berliner anders behandelt wird als der Bremer, ist klar das einer von beiden Minderwertigkeitskomplexe bekommt!

  4.   neu-ossi

    Nun ja unteranderem gilt es dafür zu sorgen weiterhin die Dinge bewusst gesellschaftlich zu thematisieren, denn es kann z.b. nicht sein, dass lehrpersonal lapidar aussagen bringt, wie z.b.“damals war alles besser“ usw. Das ist ja schön und gut, aber es word sich oft nicht bewusst damit auseinandergesetzt was besser war und was evtl. Heutzutage besser sein könnte. D.h. konkret es wird wenig dafür getan reflektiert abzuwägen und diese abwägungen mit in einem gesellschaftlichen diskurs einzubauen…


  5. Vielen Dank für einen interessanten Bericht. Ich finde die Grafiken sehr spannend und zutreffend. Selbst 6 Jahre alt als die Mauer fiel und noch in Karl-Marx-Stadt geboren, kann ich mich mittlerweile nicht mehr so richtig über die Wiedervereinigung freuen, denn egal wo man im Osten hinschaut – Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, Militär – sind Posten nach wie vor mit Westdeutschen besetzt. Nach der Wende kamen sog. „Aufbauhelfer“ rüber, die es i.d.R. im Westen zu nichts gebracht hatten und spielten sich hier auf. Bis heute sitzen die auf ihren Posten und rekrutieren nur aus ihren westdeutschen Netzwerken. Einige Beispiele: Uni Leipzig, Sächsische Staatsregierung, Leitung von Behörden überhaupt, Militärs – Großteil des Fußvolkes, insbesondere bei Auslandseinsätzen, sind Ostdeutsche, aber die Führung haben ausschließlich Westdeutsche. Wirtschaft: 3 Vorstände der DAX-geführten Unternehmen sind Ostdeutsche, keines hat einen Sitz in der ehem. DDR. Was ist mit den Tausenden Unternehmen, speziell aus Sachsen, die nach 45 sich im Western niedergelassen haben? Was ist mit den Hunderttausenden Wanderarbeitern heute? Obendrein kam noch hinzu, dass sowohl CDU als aus SPD bis heute SED, sogar Stasileute versorgt hat. Letztes Beispiel ist der stellv. Landtagspräsident in Sachsen. Grundsätzlich spielen heute Qualifikationen keine Rolle, sondern nur die Herkunft. Das sind meine Erfahrungen, evtl. noch eine Parteimitgliedschaft. Also nicht anders als es in der DDR gewesen ist. Westdeutsche behandeln Polen, Tschechen besser als die eigenen Landsleute aus der ehemaligen DDR. Vielleicht war die Vereinigung doch ein Fehler und die DDR hätte bestehen bleiben sollen. Für mich persönlich haben sich die Erwartungen trotz super Ausbildung mit Promotion überhaupt nicht erfüllt. Man wird nach wie vor benachteiligt, obwohl man wesentlich besser ausgebildet ist, um nicht zu sagen unterdrückt.

  6.   Matthias Hogrefe

    Als kurz nach der Wende Geborener ist Ostdeutschland für mich persönlich kein qualitativ anderer Raum als Nord-, Süd- oder Südwestdeutschland. Bekannte kommen aus Mecklenburg-Vorpommern oder studieren in Zwickau, Chemnitz, Magdeburg. Dresden erlebe ich zur Zeit sogar als Trendstadt für Studenten* aus Bayern. Obwohl die sächsische Hauptstadt sicher in vielerlei Hinsicht nicht repräsentativ für die neuen Bundesländer ist, scheint es jedenfalls keine Berührungsängste mit dem „Gebiet der ehemaligen DDR“ zu geben. Auch ostdeutsche Kommilitonen müssen oder dürfen sich die gleichen Frotzeleien wie Bremer oder Bayern anhören. Der Eindruck aus keinem Bekanntenkreis ist, dass keine besonderen Stereotypen mehr gepflegt werden und die Mauer in den Köpfen vorhanden ist.
    Ausnahmen gibt es dennoch, insbesondere bei jungen Menschen, die sehr stark in ihrer Region verwurzelt sind. Dort wird Ostdeutschland z. T. noch als geographisch und kulturell weit entferntes Land wahrgenommen. Dennoch glaube ich, dass solche Einstellungen bei den heute geborenen Kindern verschwinden werden, weil auch die Wende-Erfahrungen im Bekannten- und Verwandtenkreis deutlich abnehmen werden.

    Ein Kommentar noch zu den Statistiken: Das unterschiedliche Alter und Einkommen schlägt sich u. a. in den Wahlergebnissen sehr deutlich wieder, sodass feste Unterschiede entlang der alten Grenze festzustellen sind. Eine kulturelle Teilung lässt sich meines Erachtens aber nicht daraus destillieren. So ist die Grafik zu den Reisezielen ziemlich nichtssagend: Die Hälfte der Reiseziele wird quasi gleich oft frequentiert, Unterschiede lassen sich vor allem mit der räumlichen Nähe der jeweiligen Ziele erklären.
    Die Begriffs-Grafik sagt letztendlich das aus, was meiner Ansicht nach der produktivste Umgang mit dem Thema wäre: Ja, auch Ostdeutschland hat seine kulturellen Eigenarten. Es ist dabei aber kein homogener Raum (siehe Tacker) und als Ergänzung zu den bekannten Süd-Nord-Unterschieden zu sehen.
    Letztendlich sind Thüringen, Sachsen, S.-Anhalt, Mecklenburg-V. und Brandenburg genausowenig das gelobte Land wie ein Klotz am Bein der „alten Bundesländer“.

  7.   neu-ossi

    Danke matze1983, ich will dir nun nicht zu nahe treten, aber genau solch eine unreflektierte herangehensweise gilt es aus meiner sicht eigentlich zu überwinden! Btw. Nur als kleines Beispiel, um dir zu widersprechen, der alte und neue Ministerpräsident Sachsens, Stanislaw Tillich ist gebürtiger Sachse…. Und er hat wenn auch nur eine kurze aber dennoch eine Ausbildung in einer SED-Kaderschmiede geniessen dürfen ;)…. Wird sowas wirklich thematisiert und hinterfragt nein, und man merkt solche pol. Hintergründe auch im rigorosen teil, repressalen regierungshandel unserer sächsischen CDU… Und man merkt dies auch in unserer rigorosen, sächsischen Justiz (z.b. im unterschieldichen umgang mit rechtsextremismus und „linksextremismus“)

  8.   Guido3

    Solche Jammerpostings finde ich furchtbar. Müssen sich die „Wessis“ eigentlich auch unterdrückt fühlen, weil Deutschland von „Ossis“ geführt wird? Bundeskanzlerin und Bundespräsident sind schließlich beide „Ossis“.

    «Westdeutsche behandeln Polen, Tschechen besser als die eigenen Landsleute aus der ehemaligen DDR» Geht es noch? Ich will und kann keine Ferndiagnosen stellen. Der erste Eindruck nach ihrem Posting ist aber schon, dass ihre offensichtlichen Job- und Minderwertigkeitsprobleme in ihrer Person begründet liegen. Es ist natürlich bequemer böse Wessis, Verschwörungstheorien etc. als Erklärung anzuführen.

    Ich bin in der DDR aufgewachsen, lebe seit über 20 Jahren im Westen. Heute bin ich weder Ossi noch Wessi sondern einfach Deutscher. Auch im Westen gibt es übrigens starke strukturelle Unterschiede zwischen einzelnen Regionen. Unterschiede bei Begrifflichkeiten gab es schon immer. Gleichmacherei ergibt da auch überhaupt keinen Sinn. Sind wir erst richtig wiedervereinigt, wenn niemand mehr das Wort Broiler benutzt oder was ist die Aussage?

    Wir leben immer noch in der ersten Generation nach der Wiedervereinigung. In zukünftigen Generationen werden einige Unterschiede abnehmen.

  9.   Dan

    Oh, liebe ZEIT. Wie Du Dich mal wieder bemühst, um die Einheit der Deutschen und dann doch immer wieder in die Falle der „West-Sicht“ tappst. Wenn Du da schreibst, „Die Deutschen haben sich nach 1990 bemüht, alle Spuren, die die deutsche Teilung hinterlassen hat, so schnell wie möglich verschwinden zu lassen. Von der Berliner Mauer stehen nur noch wenige Meter. Der Palast der Republik ist weg, vieles andere auch. Es ist, als sei die Teilung verschwunden.“, dann ist es so, als sei der sicht- und erkennbare Osten–also Mauer, Palast der Republik und ORWO–die einzige Spur der Teilung und nur das einseitige Verschwinden dieser Architekturen und Kultur führt eventuell zur Einigung Deutschlands. Das ist eben leider noch immer die Logik des Anschlusses … Trotzdem, liebe Grüsse nach Hamburg

  10.   Oliver Dzierzon

    Mal abgesehen von den Einkommenunterschieden sollten wir ja froh sein, dass es noch regionale Unterschiede gibt. Diese haben ja häufig auch nicht unbedingt was mit Ost oder West zu tun, sondern sind einfach Ausdruck unterschiedlicher Bräuche in den einzelnen Regionen.
    Das ist auch gut so, wer will schließlich schon einen Einheitsbrei.
    Regionen mit all ihren Eigenheiten sind wichtig und werden immer wichtiger gerade auch in Hinblick auf ein Europa, das sich in immer mehr Belange seiner Bürger einmischen wird.
    Wir brauchen keine starken Nationalstaaten mehr, wir brauchen starke Regionen, die schon jetzt in der Realität nationalstaatliche Grenzen Grenzen durchbrechen.