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Er is(s)t wirklich so!

 
© Loice Venance/AFP/Getty Images

Durch die Reportage über Gérard Depardieu im ZEITmagazin wurde ich an verschiedene Begegnungen mit diesem sinnesfrohen Menschen erinnert.

Vor einigen Jahren, anlässlich der Verleihung der Goldenen Kamera 1995, bereitete ich ein Buffet mit meinen Jeunes Restaurateurs-Freunden zu. Damit wollten wir die ca. 1000 Gäste direkt nach der Verleihungszeremonie bewirten.
Die Vorbereitungen waren gerade abgeschlossen und wir waren auf „Bereitschaft“ im noch menschenleeren Foyer.

Wir hielten etwas abseits vom Buffet noch einen kleinen Kollegenplausch in Erwartung des Geschehens , als ein großer, rustikal-ländlich gekleideter Mann mit dunklem Schlapphut ziemlich zügig auf das Buffet zumarschierte. Zielsicher lupfte er ein paar Deckel und genauso geschwind fischte er mit seiner Hand ein paar geschmorte Ochsenschwanzstücke aus der Soße heraus.

Ich staunte nicht schlecht und stürmte auf diesen „Clochard de luxe“ zu. Dabei dachte ich mir noch: Wie kommt so ein Typ überhaupt durch die Security?
Also, erstmal aufplustern und ein freundlich bestimmtes „Wie kann ich Ihnen helfen?“.
Daraufhin ein leises „C’est bon“.
Unter dem Hutschatten blitzten mir zwei neugierige Augen entgegen. Und ich erkannte Gérard Depardieu.

Ich erklärte ihm in meinem holprigen Küchenfranzösisch, was er sowieso schon wusste: Queue de Boeuf braisé en vin rouge… Daraufhin fischte er nochmals ein paar Stücke aus der Tunke, dann kamen auch schon zwei sehr aufgeregte Event-Organisatoren, um ihn „einzufangen“, zumal Thomas Gottschalk gerade schon den Hauptpreisträger der Goldenen Kamera 1995 anmoderierte: Gérard Depardieu.

Jahre später:
Ich hatte beruflich in Shanghai zu tun und schon einige authentische Chinakneipen durchgefuttert, als ich zum Abschluss mit meiner Frau die Shanghaier Depandance der Gebrüder Pourcel (Jardin des Sens, Montpellier) besuchte.
Es sollte zum Abschluss ein entspanntes déjeuner geben und wir waren ganz angetan von der fein balancierten Gewürzküche (übrigens damals besser als im Montpellier) als G.D. mit Gefolge (ca. 10 Personen) das Restaurant betrat.
Als ich ihn erkannt hatte, sagte ich zu meiner Frau: „Der hat bestimmt den Eingang durch die Küche genommen!“
Jedenfalls nahm er am Tisch direkt neben uns Platz und dann ging es auch schon los. Wie im Kino: ein einziges lukullisch-opulentes Festmahl, erstmal was zu trinken, Bordeaux, natürlich Magnum. Genügend Brot um die gesamte Tischdecke zu verkrümeln, Gespräche durcheinander. Die umliegenden Tische wurden förmlich mitgerissen. Im vormals schicken, aber etwas steifen Restaurant herrschte auf einmal Partystimmung.

Ich wollte ihn noch ansprechen auf mein Ochsenschwanzragout (an Essen erinnert er sich doch bestimmt?), habe es dann aber sein lassen weil ich auch schon zu bedüdelt war.
Gérard Depardieu, er ist wirklich so! Das Leben, ein Fest!

Und Ochsenschwanz, rustikal in Rotwein geschmort, geht so:

Zutaten für 4 Personen:
– 2500 g Ochsenschwanz (in etwa 5cm große Stücke schneiden)
– Traubenkernöl zum anbraten

– 300 g Zwiebeln
– 100 g Karotten
– 100 g Sellerie
– 100 g Lauch
alles in etwa 1 cm große Stücke geschnitten

– 0,2 l Portwein
– 0,7 l Rotwein
– 1,5 l brauner Fleischfond
– 50 g Tomatenmark
– 30 g Preiselbeerkonfitüre
– 5 Nelken
– 2 Lorbeerblätter
– 10 Wacholderbeeren, zerdrückt
-1/2 TL zerdrückte weiße Pfefferkörner
– 1 Zweig Thymian
– 1 Zweig Rosmarin
– gegebenenfalls 1 Knoblauchzehe

Die Ochsenschwanzstücke in wenig Traubenkernöl von allen Seiten kräftig anbraten. Zwiebeln, Karotten und Sellerie dazugeben und mit anrösten.
Den Bratensatz mit Portwein ablöschen, Tomatenmark dazugeben und leicht gehen lassen . Danach Preiselbeerkonfitüre dazugeben und mit Rotwein und Fleischfond auffüllen.
Nun Lauch und die Gewürze dazugeben. Das Ganze etwa 1,5 bis 2 Stunden zugedeckt auf kleiner Flamme garen, bis der Ochsenschwanz weich ist.
Danach den Ochsenschwanz aus der Soße nehmen und in mundgerechten Stücken von den Knochen lösen. Die Soße sorgfältig entfetten und reduzieren, bis die Soße kräftig ist. Eventuell mit einem Mixstab ganz kurz anpürieren.
Für die feinere Version die Soße jetzt durch ein feines Sieb passieren. Wenn nicht, muss man halt die Zweigchen und Gewürzkörner so rausfischen.
Die Fleischstücke in die Soße geben, aufkochen und mit wenig Salz und Pfeffer abschmecken.

Dazu Bordeaux und Baguette reichen

11 Kommentare

  1.   6bb6

    Magnum Bordeaux zum *Frühstück*? Wow!


  2. Wunderbar, so zu leben!


  3. Mea culpa, natürlich ein „déjeuner“ (anfangs zwar „petit“, aber dann….)

    Grüßle Jürgen Koch

  4.   Rheinländer

    Was lange schmort,wird letzlich gut.
    Mache ich oft mit dem etwas günstigeren Suppenfleisch(1a vom Metzger des Vertrauens,selbstredend).In dem alten gußeisernen von Omma.
    Oh du göttliches,geschmortes Rinderfett,du.
    Da rumpelts mir sofort im Magen und die Verdauungssäfte werden angekurbelt.
    Auf ein genußreiches,erfülltes Leben,Herr Depardieu.
    Auch ihnen,Herr Koch.Prosit.

  5.   JacqueC

    Und wenn s nicht Depardieu gewesen wäre sondern tatsächlich irgendein „Clochard“ , hätten Sie ihn wahrscheinlich von den Security-Muskelprotzen herausprügeln lassen, nicht wahr. Irgendwie widert mich das an..

  6.   Kurt

    Tja, so ein Promigeschwaller wird durch das Rezept am Ende überhaupt nur verdaulich.

  7.   6bb6

    Tja, JacqueC: Quod licet Iovi, non licet bovi. Und das ist auch gut so.

  8.   Gelegenheitsarbeiter

    „Und das ist auch gut so.“

    Hier böte sich zur Präzisierung die Ergänzung von „aus meiner Sicht“ („…und das ist aus meiner Sicht auch gut so.“) an.

    @JacqueC
    Da ist (bis auf „Hinausprügeln“, hier wäre „Hinauskomplimentieren“ passender) u.U. durchaus was dran.
    ;):D

  9.   walled

    b66b kann nicht nur ausrechnen. wie die ausgaben für lebensmittel eines durchschnittsdeutschen sich auf die einnahmen eines 50er-jahre bauern(ernährt 5 familien) sich aufs heutige einkommen desselben(!) bauern auswirken, latein kann er/sie auch noch….
    si tacuisses, ….

  10.   Sara

    @6bb6: Aber wieso darf Depardieu dann mit seinen Klofingern in der Suppe herumfischen? Wenn der nicht aussieht und redet wie ein Rindvieh- wer dann? Oje- dann ist das ja auch noch Kannibalismus! Allerdings: gute Filme macht er schon, vor allem „Abendanzug“ von 1985.