Es geht auch ohne Fernsehen

“Everything is a Remix” – endlich komplett

Von 17. Februar 2012 um 10:20 Uhr

Die Gegner von veralteten Urheberrechtsvorstellungen und Hinterzimmerverträgen können dieser Tage zufrieden sein. Der umstrittene US-Gesetzentwurf Sopa ist vorübergehend gestoppt, gegen das internationale Handelsabkommen Acta wird aktuell europaweit demonstriert. Und doch: Patentkriege, Plagiate, Netzsperren, Abmahnwellen – die Diskussion um das sogenannte “geistige Eigentum” ist aktueller denn je. Und damit auch die Diskussion darüber, was eigentlich genau dieses Eigentum ist, und ob man es überhaupt “stehlen” kann, wie es die Rechteinhaber- und Verwalter so gerne behaupten.

Der New Yorker Filmemacher Kirby Ferguson versucht in seiner Webserie Everything is a Remix mit der Mär vom “Originalinhalt” aufzuräumen. In den ersten drei Episoden zeigte er am Beispiel der Musik-, Film- und Computerbranche, dass der sogenannte “Remix” kein neues Phänomen ist, sondern seit Jahrzehnten, wenn nicht gar Jahrhunderten, die treibende Kraft der Kulturindustrie ist: Erst wenn wir uns bestehenden Wissens angenommen haben, können wir etwas Eigenes schaffen. Etwas, das wiederum nicht neu ist, sondern vielmehr die Transformation einer Idee. Kreativität ergibt sich vor allem, so Ferguson, aus dem Verbinden von bestehenden Ideen, oder kurz: im Remix. Henry Ford hat das getan, als er zwei bestehende Ideen (das Auto und die Fließbandarbeit) kombinierte, und auch Apple hat sich während der Entwicklung des Macintosh großzügig bei der Konkurrenz bedient.

Fergusons Argumentation ist nicht neu. Aktivisten und Theoretiker wie Lawrence Lessig sprechen sich seit Jahren für eine freie Kultur aus, weil gerade das Internet die alten Konzepte von Eigentum und Urheberrecht auflöst. Und schon die poststrukturalistische Literaturtheorie um Roland Barthes sprach vom “Gewebe von Zitaten”, aus dem der Autor unwissend schöpft – eine Theorie, die sich problemlos auch auf andere kulturelle Sphären erweitern lässt. So genügt beispielsweise ein Blick auf die Kinoszene der letzten Jahre, in der vor allem Fortsetzungen und Adaptionen die größten Erfolge feierten.

Doch viele Rechteinhaber denken noch immer anders. Sie fordern einen Schutz des geistigen Eigentums, den es in dieser Form eigentlich nicht geben kann. Sie argumentieren, häufig unbewusst, gemäß dem Motto: “Kopieren, ja, aber nicht von mir!”.

Genau dieses Dilemma greift Ferguson im letzten und besten Teil von Everything is a Remix mit dem Titel System Failure auf. Auf sachliche und gut verständliche Weise erklärt er, wie Urheber- und Patentreche im vergangenen Jahrhundert auf die vermeintlich falsche Spur geraten sind. Statt, wie ursprünglich gedacht, Innovationen anzustoßen und zu fördern, hat sich die Kultur- und Kreativindustrie in eine Position gebracht, in der Geltungssucht, Profitgier und die Angst vor disruptiven Technologien überwiegt. Entwürfe wie Acta und Sopa sind dabei lediglich die aktuellsten Versuche, fehlgeleitete Annahmen durchzusetzen anstatt sich auf die ursprüngliche Idee der “soziokulturellen Evolution” zu besinnen: dem Allgemeinwohl.

Abgesehen von dieser Feststellung bleibt Ferguson, der für dieses Jahr ein Projekt über den US-Wahlkampf plant, eine Lösung schuldig. Das ist nicht weiter schlimm und letztlich der Komplexität des Themas geschuldet. Aber auch so ist Everything is a Remix ein guter und wichtiger Beitrag, der deutlich macht, dass neue Überlegungen über unser “geistiges Eigentum” überfällig sind.

Die ersten drei Episoden der Serie gibt es nach dem Klick.

Kategorien: Feature, Webserie
Leser-Kommentare
  1. 25.

    @Stefan Herwig: Das ist richtig, allerdings sieht die Realität häufig anders aus. Allein die Definition der “Schöpfungshöhe” wird heutzutage gerne missbraucht. Ich kenne Musiker, die rechtliche Probleme hatten, weil sie Samples nutzten – und das bei einer Auflage von gerade einmal 1000 Platten für ein Indie-Label. Private Filmemacher werden abgemahnt, weil sie Ausschnitte aus bekannten Filmen zeigen oder bekannte Songs verwenden, obwohl sie damit keinerlei Profit machen. Die Gema lässt inzwischen reihenweise Videos auf YouTube sperren, weil Absprachen über Abgaben fehlen – auf Kosten der Kunden (und tatsächlich auch vieler Künstler). Es gibt Anwaltschreiben, weil Verlage ein eBook aus ihrem eigenen (!) Programm kostenlos anbieten, weil dies angeblich gegen die Buchpreisbindung verstößt – all das sind Auswüchse einer großen Unsicherheit, die das weite Feld des Urheberrechts und das Geflecht aus Urhebern und Verwertern in den letzten Jahren hervorgebracht hat.

    Das soll sicherlich nicht heißen, dass alles schlecht ist. Der Fokus der Serie liegt vielmehr darauf, dass der rechtliche Rahmen um das Urheber- und Patentrecht in vielen Aspekten nicht mehr zeitgemäß ist für die Art, wie wir heute Kultur (und andere Güter) konsumieren – und auch Kultur schaffen.

  2. 26.

    @Reallast: Möchten Sie ihre Kritik noch etwas konstruktiver formulieren oder wollten Sie bloß allgemein stänkern? :)

  3. 27.

    Wenn jemand einen Stuhl zimmert, oder ein Haus baut, dann wird es als Unding angesehen, wenn ihm das jemand einfach klaut/enteignet. Aber bei immateriellem Eigentum gilt die Mitnahme-Mentalität. Eine Doppelmoral.

    • 18. Februar 2012 um 12:15 Uhr
    • Ano Nymus
  4. 28.

    @ Ano Nymus

    Was soll dieser unreflektierte Kommentar? Bitte lesen sie sich erst ein wenig ins Thema ein. Es geht doch überhaupt nicht populistisch um die Enteignung bzw. das Abschaffen des Urheberrechts. Es soll reformiert werden, aber in einer Art in der der Künstler/Schaffer des Werkes wieder direkt davon profitiert, und nicht ein großer Rattenschwanz von (Rechte-)Verwertern vertreten von Lobbyverbänden wie der Deutsche Content Allianz (in der sich ARD, ZDF, der Privatsender-Verband VPRT, die Produzentenallianz, der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, die GEMA, der Bundesverband Musikindustrie und die Spitzenorganisation der Filmwirtschaft zusammengeschlossen haben).

  5. 29.

    Lieber Eike.

    Ich weiss, dass es verboten ist, sich was aus einem anderen Song herauszusamplen und damit einen “neuen” Song zu machen. Das wiederum hat aber nichts mit ACTA zu tun, sondern, wie Sie schon selbst gesagt haben, mit dem Urheberrecht. ACTA wird an dem hier in Deutschland geltenden Urhebergesetz nichts ändern. Sprich: Es wird nichts verschärft, was dieses Thema betrifft. Nachzulesen in ACTA selbst.

    Ich kritisiere Ferguson insofern, dass er überhaupt nichts Neues erzählt. Zumal der “REMIX” eine völlig andere Bedeutung im musikalischen Sinne hat wie in Ferguson’s Film aufgezeigt wird. Der Remix in seinem Ursprung ist eine andere Interpretation eines “kompletten” Stückes und nicht nur die Verwendung einer einzelnen Komponente des Originals.

    Des weiteren finde ich es absolut ok, dass man nicht einfach so etwas aus einem Stück entnehmen kann, um es dann willkürlich zu verwenden. Der Künstler des Originals muss das Recht und die Macht haben das zu steuern. Das dies vielleicht zu oft von Labels gesteuert wird, ist eine andere Diskussion und da bin ich auch strikt dagegen.

    Wie dem auch sei. Für mich ist das Thema eher: Wer redet mit wem. Wenn Künstler A Künstler B fragt, ob er dessen Bassline verwenden darf und Künstler B sagt: Yep, take it. Allet super. Aber Künstler B muss auch sagen können: Nope! DIe Künstler sollen sich ohne Labels einigen. Und wenn da Geld fliesst, dann nur direkt von A nach B. Ohne Label oder andere Abzocker dazwischen. Aber einfach nehmen, nein, das kanns nicht sein.

    Gruss

    • 18. Februar 2012 um 20:24 Uhr
    • Panic
  6. 30.

    Werter Panic,

    so einfach nehme ich Ihnen das nicht ab.
    Es soll nichts durch ACTA verschärft werden, was nicht schon existiert?

    Hmmm. Die Unschuldsvermutung bleibt bestehen? Vergehen müssen hieb und stichfest nachgewiesen werden und nicht der mutmassliche Täter muß nachweisen, dass er es nicht getan hat?
    Niemand anders kann für die Vergehen eines dritten verantwortlich gemacht weren?
    Die Privatsphäre wird vorrangig geschützt und nur im äußersten Fall auf richterlichen Geheiß vorübergehend ausgesetzt?
    Man wird nicht ohne dringenden triftigen Grund an Flughäfen und Zollstationen durchsucht und private elektronische Geräte durchstöbert?
    Es werden keine Daten über mich gesammelt, verbunden und weitergeben, die nicht der direkten Erfüllung der behördlichen Aufgaben dienen – weder grundlos, noch unkontrolliert und auch nicht an dritte mit kommerziellen Interessen?

    Ich finde an Furgeson gut, dass er bekanntes gut verständlich und beispielhaft aufarbeitet.

    Es ging nie um “einfach nehmen”. Sondern immer um nehmen, umwandeln und etwas neues daraus machen. Ab wann etwas etwas neues ist, darüber müsste man sich einigen. Ein Basslinie allein, macht kein eigenes Werk aus. Genausowenig macht ein schwarzer Strich und ein roter Punkt ein Bild – und selbst wenn, wenn ein andere einen blauen Kreis hinzufügt, ist es wieder anders.
    Auf eine Idee soll keiner ein Alleinrecht haben können. Auch nicht auf bumm-baba-dumm.
    Weder auf mathematische Formeln, wissenschaftliche Erkenntnisse, genetischen Code, Wörter und Sätze, Töne und Tonfolgen etc.

    Das heisst nicht, daß ich mir kostenlos einen ganzen Film unverändert runterlade und auf eBay massenhaft weiterverkaufen darf. Das heißt auch nicht, dass ich Alben lade und in einer Disko oder Bar Stundenlang original abspiele oder Bücher digitalisiert weitervertreibe.
    Das sind ganz andere Dimensionen.
    Die Frage, wie man soetwas in der heutigen vernetzten Welt gewährleistet, ist eine eigene.

    • 20. Februar 2012 um 15:11 Uhr
    • Rumble
  7. 31.

    [...] Ein Eintrag von Eike Kühl auf dem Blog von Die Zeit finden Sie hier. [...]

  8. 32.

    [...] interessante Aspekte zu dieser Videoserie findet ihr bald in diesem Blog. In der zwischen Zeit hier ein ebenfalls sehr interessanter Artikel zu “Everything is a remix”. Share [...]

  9. Kommentar zum Thema

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