Es geht auch ohne Fernsehen

KONY 2012: Mit Social Media gegen den Völkermörder?

Von 8. März 2012 um 09:44 Uhr

In Uganda kennt jeder Joseph Kony. Seit 1987 ist Kony der Gründer und Anführer der Lord’s Resistance Army (LRA), der Rebellengruppe, die seit mehr als zwanzig Jahren Krieg gegen die ugandische Armee führt. Seitdem hat die LRA unter Kony geschätzt zwischen 30.000 und 60.000 Kinder verschleppt. Die genaue Zahl ist unbekannt, die Straftaten Konys sind es nicht: Im Jahr 2005 wurde ein Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshof (ICC) gegen den Warlord erlassen. Zu den 33 Punkten der Anklage zählen unter anderem Mord, Versklavung, Vergewaltigung, Angriffe auf die Zivilbevölkerung, Plünderung und die Zwangsrekrutierung von Kindern.

Seit gestern ist Joseph Kony, jedenfalls vorübergehend, einer der bekanntesten Männer im Internet. Zu verdanken hat er es der Kampagne KONY 2012. Sie möchte ihn berühmt machen, um ihn bis Ende des Jahres hinter Gitter zu bringen. Das Vorhaben ist ambitioniert. Doch die Initiatoren stehen in der Kritik.

Hinter dem Projekt stecken mit Jason Russell und Laren Poole zwei amerikanische Filmemacher. Sie reisten 2003 das erste Mal nach Afrika, um den Völkermord in Darfur zu dokumentieren. Ein Jahr später gründeten sie die Non-Profit-Organisation Invisible Children, mit der sie auf die Entführungen von Kindern in Afrika aufmerksam machen wollen. Seitdem produzieren sie immer wieder Filme und initiieren Projekte wie interaktive Karten. KONY 2012 ist der neuste Versuch, und der mit Abstand erfolgreichste.

Im Mittelpunkt der Kampagne steht ein halbstündiger Film. KONY 2012 erzählt, ausgehend von der Geschichte des jungen Jacob, dessen Brüder in Uganda ums Leben kamen, die Hintergründe von Joseph Kony und der LRA. Es ist weniger ein Dokumentar- als ein Imagefilm, dessen geschickt eingestreute Dokumentaraufnahmen und Interview-Passagen über eine gewisse Selbstinszenierung der Regisseure hinwegtrösten. Die sind von der Tragkraft der Internets überzeugt: “Die Technologie, die unsere Welt zusammengebracht hat, hilft uns auf die Probleme unserer Freunde zu reagieren”, sagt Russell.

Es liegt vor allem an der Emotionalität des Themas, wieso KONY 2012 im Netz etwas bewegt, das selbst die Occupy-Bewegung in dieser Form nicht schaffte. Binnen 48 Stunden hat der Film mehr als sieben Millionen Views auf Vimeo bekommen, mehr als fünf Millionen auf YouTube und mehr als eine Million Likes auf Facebook. Zwischenzeitlich waren die Themen “Uganda”, “Invisible Children” und “Kony 2012″ gleichzeitig unter den Trending Topics auf Twitter. Persönlichkeiten wie Stephen Fry, Zooey Deschanel und Rihanna twitterten das Projekt – ungefragt – an Zehntausende ihrer Fans weiter.

Am 20. April soll die Kampagne dann auch in die Offline-Welt übergreifen. In vielen großen Städten sollen Tausende Poster und Sticker (die es im passenden Onlineshop zu kaufen gibt) angebracht werden.

Die Grafik zeigt die rasante Entwicklung der Klicks (Stand: 8.3., 19:30. Quelle: YouTube)

Ambitioniert ist auch das Ziel, Kony zu fassen. Seit der Anklage des ICC im Jahr 2005 versuchen es die Behörden vergeblich. Eine richtige Infrastruktur in Uganda und dem benachbarten Kongo gibt es nicht, Zeugen sind rar, und selbst die Armee traut sich nur selten in die Gebiete der LRA. Zwar hat die US-Regierung im Rahmen des Northern Uganda Recovery Acts vergangenen Herbst Truppen nach Zentralafrika geschickt, aber eine Erfolgsmeldung gibt es bis heute nicht; sollte Kony überhaupt noch leben oder im Land sein, ist er weiterhin auf freiem Fuß.

Kritik wird laut

Und dann wären da noch die Hintergründe der Initiatoren. Denn tatsächlich kritisieren viele die Arbeit von Invisible Children. So wird immer wieder die Spendenpolitik der Organisation hinterfragt: Im vergangenen Jahr steckten sie lediglich ein Drittel der eingenommenen acht Millionen US-Dollar in Aufbauhilfe in Uganda – recht wenig für eine Hilfsorganisation. Der Rest floss in die Organisations-, Film- und Lobbyarbeit. Darüber hinaus lassen die Verantwortlichen wenig Zweifel daran aufkommen, dass sie eine militärische Aktion gegen die LRA (und damit zusätzliche Opfer) in Kauf nehmen und die ugandische Armee unterstützen, die ihrerseits nicht frei von Vorwürfen ist. Auf Bildern posieren sie mit Waffen vor Soldaten. Die politische Agenda der Macher ist daher zumindest fragwürdig. (Update: Die Macher reagierten inzwischen auf die Vorwürfe, erklären die Entstehung des Bildes und legen ihre Spendenausgaben offen.)

Einige Experten kritisieren zudem die Einseitigkeit der Aktion. Sie glauben, dass die Verhaftung Joseph Konys kaum etwas ändern wird. Schließlich ist die Situation in Uganda weitaus komplexer, als es die Macher von KONY 2012 anklingen lassen. Auch die Vorgehensweise der ugandischen Regierung und ihrer Bündnispartner, inklusive der USA, hat Kritik auf sich gezogen. All das sind ernstzunehmende Punkte, die im Rahmen der positiven Resonanz im Netz schnell untergehen.

Ist KONY 2012 deswegen gescheitert?

Nicht unbedingt. Vielleicht sollte man an dieser Stelle die persönlichen Motive der Macher von der grundlegenden Idee trennen. Musa Okwonga, dessen Familie aus Uganda stammt, fasst im Blog des britischen Independent die Meinung vieler Internetnutzer zusammen:

I understand the anger and resentment at Invisible Children’s approach, which with its paternalism has unpleasant echoes of colonialism. I will admit to being perturbed by its apparent top-down prescriptiveness, when so much diligent work is already being done at Northern Uganda’s grassroots. On the other hand, I am very happy – relieved, more than anything – that Invisible Children have raised worldwide awareness of this issue. [...] I don’t think that Invisible Children are naive. My hunch – and hope – is that they see this campaign as a way to encourage wider and deeper questions about wholly inadequate governance in this area of Africa.

“Awareness”, Bewusstsein, ist das Stichwort. Sieht man über die erwähnten Unstimmigkeiten hinweg und KONY 2012 als einen Versuch, ein größeres und gerade in den westlichen Medien häufig vergessenes Thema wieder in die Öffentlichkeit zu rücken, quasi als einen “Test der globalen Internetkultur” (Wired), ist das Projekt durchaus ein Erfolg: Neben den zahlreichen, sicherlich auch reflexartigen Unterstützern sind es gerade auch die kritischen Stimmen, die zeigen, wie das Internet auch komplexe Themen differenziert und reflektiert. Diese Auseinandersetzung ist wichtig. Am Ende liegt es, wie immer, an jedem selbst, sich darüber hinaus zu informieren und die Sachlage abzuwägen.

Die Kampagne muss (und kann), ebenso wenig wie Social Media, nicht alleine “die Welt verändern”, wie es die Macher proklamieren. Aber die Aufmerksamkeit der Massen ist immer ein Anfang, um überhaupt etwas zu bewegen, wenn die Gelegenheit kommt. Und Aufmerksamkeit hat das Projekt bekommen: Joseph Kony und seine Taten dürften jetzt mehr Menschen kennen als zuvor.

Wer sich am Ende inspiriert fühlt, für die Kinder und Menschen in Uganda zu spenden, kann das im Übrigen auch abseits von Invisible Children tun. Zum Beispiel hier:

Update 18:30: Der Guardian hat im Verlauf des Tages in einem Live-Blog zahlreiche Stimmen zu KONY 2012 eingefangen. Sehr lesenswert!

Kategorien: Dokumentation, Netzfilm
Leser-Kommentare
  1. 113.

    Ich finde es auf jeden Fall wichtig, dass über diese Themen gesprochen wird. Ich finde auch gut das Die Zeit das Thema angesprochen hat aber ich bin auch der Auffassung, das dahinter ein viel komplexeres Unternehmen steckt. Kony ist nur einer von Millionen Leuten, die so schlimme Sachen verrichten. Und wenn die US. Army Kony getötet hat, denken alle Leute die LRA wäre aufgelöst ?

    • 10. März 2012 um 23:04 Uhr
    • Frederik
  2. 114.

    Ich schließe mich der von Daniela, am 08. März 2012, 11:02 Uhr, gepostete Meinung in allen Punkten an:

    “Immer wieder beeindruckend, wie übel hochnäsig wir alle geworden sind. Ich möchte nicht salopp werden, aber lasst doch mal einfach – im Sinne der Aktion – eure verdammten Zweifel beiseite und hört auf mit dem Bildungsbürgertumgeblubber​.

    Wenn die Kampagne nur erreicht, dass Menschen darauf aufmerksam gemacht werden, ist schon viel getan. Ich fasse es nicht, dass sobald eine Sache Erfolg hat, die ersten vermeintlichen Kritiker zur Stelle sind, um sie kaputt zu reden… wie weit sind wir gekommen?
    Es braucht eben starke Bilder um Menschen mitzureißen – und wann lassen sich Menschen mitreißen? Richtig, wenn sie persönlich und in ihren Emotionen angesprochen werden. Mit Argumenen kriegt man die wenigsten zum Nachdenken. Bedenkt das mal.

    Eigentlich ärgert mich das maßlos, dass es immer wieder Leute gibt, die alles sofort verurteilen und schwarz sehen.
    Berechtigte Kritik – ok! Aber diese Schwarzmalerei entbehrt echt jeder Grundlage und ist peinlich für unsere Gesellschaft…”

    • 11. März 2012 um 10:16 Uhr
    • Andreas
  3. 115.

    [...] Kony & Twitterbildchen für den Weltfrieden [...]

  4. 116.

    Solche Aufrufe ziehen jedes mal narzißtische Wettkämpfe um die differenziertere Haltung nach sich. Aber im Informations-Kapitalismus ist Wettbewerb keine schlechte Sache. Auch diese Eitelkeiten sind systemimmanent wertvoll. Die Entrüstung der besser Informierten tritt eine Dialektik von Kampagnen und Gegenkampagnen los, die insgesamt Engagement und Aufklärung zum Thema steigern.
    Aufzuhalten ist die ganze Sache ohnehin nicht. Wir erleben gerade die ödipale Phase eines Mediums, das herausfinden will, zu welchen Masseneffekten es imstande ist. Facebook muß sich austoben und seine Grenzen austesten. Wäre super, wenn da nebenbei ein Global Player der Gräueltatenindustrie zur Strecke gebracht wird.

    • 12. März 2012 um 11:32 Uhr
    • Sommerweizen
  5. 117.

    Liebe Leute,
    in wievielen Ländern gibt es solche Warlords und warum lassen wir diese weiterhin exisitieren?

    1. Sie kaufen Waffen und Kriegsgeräte -> aus unserer Industrie
    2. Sie liefern uns wichtige Rohstoffe -> z.B. für PC’s; Smartphones etc
    3. Sie lassen uns die Länder ausbeuten -> z.B. Fischtrawler,Rosenanbau,..

    Warum jetzt auf ein Schlag Uganda interessant wird und weshalb die USA den Film KONY 2012 “drehen lassen” haben?

    In Uganda wurde 2009 ein gigantisches Ölvorkommen entdeckt!!! !!Aufwachen!! Und das ist der einzige Grund warum die USA tatsächlich da unten aufräumen wollen. Sonst würden Sie ja mehr Gewinn mit den Waffen machen ;-) Schonmal drüber nachgedacht?

    • 12. März 2012 um 18:28 Uhr
    • Wake Up Call!
  6. 118.

    Hallo daniela. mich regen eher die Leute auf die andere Menschen verurteilen weil sie eigene nachforschungen betreiben anstatt einfach ein fragwürdiges, übernacht bekannt gewordenes video ohne zu hinterfragen runterschlucken nur weil sie weinende kinder zeigen.
    Dieses video ist höchst heuchlerisch und ausserdem ein pro-kriegs film.
    Mittlerweile 75 mil menschen hat das video erreicht und was war der inhalt? Die menschen sollen aufwachen…jaja natürlich das grösste problem zur zeit ist ein sogenannter Kony der seit 6 jahren nicht mehr in uganda ist.
    Seit ihr eigentlich alle wahnsinnig geworden? Leute die in Uganda leben haben sich zum video geäussert und verstehn die welt nicht mehr. Seit 6 jahren leben diese Leute wieder in frieden. Das video kommt 6 jahre zu spät. Und wäre dieses video von Herzen ernst gemeint dan wär da nicht nur kony thematisiert sondern alg. dinge die wirklich die menschheit in den abgrund führen, aber das findet natürlich nicht statt und wieso? weil es von der regierung unterstützt wird.

    In uganda wurde 2011 ein riesiges öl vorkommen gefunden, grösser als das in saudi arabien….und jetz sollten mal deine alarmglocken leuten falls sie noch intakt ist, vor lauter abstumpfung und mainstream nonsense der uns jeden tag umgibt.

    Es gibt hier genau drei reaktionsarten von mesnchen zum video:
    1. Leute schauen sich es an, sind betroffen, handeln naiv und belassen es bei dem video ohne eigene intensive recherche zu betreiben. Sie schlucken es, weil es ja schliesslich 75 mil menschen auch tun. da kann es ja nur gut sein.

    2. Leute denen es völlig egal ist was da passiert. Sich nicht drum kümmern. ja es sogar schlecht machen, einfach weil sie selbst unzufrieden sind mit sich selbst.

    3. Hier kommen nun die wenigen menschen zum zug die aus dem tiefschlaf aufgewacht sind, und bei jeder grösseren sache erstmal ein gesunden misstrauen an den tag legen. Sie hinterfragen und betreiben recherche, aus liebe zur wahrheit, aus liebe zu den menschen die schlafen und nicht in der lage sind zu hinterfragen.

    Schöne Grüsse
    hoffe ich konnte dir wenigstens ein bisschen was klar machen.

    • 13. März 2012 um 02:52 Uhr
    • kony = pro war
  7. 119.

    In dieser Diskussion geht es viel darum, ob die Organisation Invisible Children tatsächlich ausschließlich aus eigenem Antrieb handelt oder ob es Initiatoren aus der Wirtschaft oder Politik gibt.

    Fakt ist allerdings, dass die Organisation als eigenständig auftritt und mit ihrem Video in kurzer Zeit Millionen von Menschen erreicht hat. Das sollte entsprechend jedem möglich sein, der eine griffige Idee, das nötige propagandistische know how und die entsprechenden Mittel hat.
    Die Social Media haben sich also zu einem Werkzeug zur Machterzeugung entwickelt, das jedem zugänglich ist. Wir sollten uns mit den Wirkungsweisen auseinandersetzen, sie verstehen und sie nützlich machen. Kommunikation ist einfacher denn je.

    ich bin kein Befürworter der Jagt auf das personifizierte Böse, viel mehr finde ich es dramatisch, wie viel Zuspruch mit einem so einfachen Schema zu erreichen ist. Vor allem mit einem so alten Hut.

    Aber ist es überhaupt denkbar mit einem komplexeren umfassenden Ansatz die Massen auf dem selben Weg zu mobilisieren?
    Ich denke das ist ein erstrebenswertes Ziel!

    • 13. März 2012 um 14:53 Uhr
    • christoph
  8. 120.

    Ich fand die Idee auch gut…bis um 20. April! Hitlers Geburtstag…. schon komisch oder? Ich wär auch dafür Kony zu fassen, aber irgendwie riechts hier nach ÖL! Und wenn Amis Öl wollen sind sie meist sehr kreativ! Ich fände es schade wenn es so wäre, aber man sollte mal dran denken…

    • 14. März 2012 um 08:55 Uhr
    • Arno Nym
  9. Kommentar zum Thema

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