Es geht auch ohne Fernsehen

Netzfilm der Woche: “In Real Life”

Von 24. Februar 2013 um 11:00 Uhr

Wer braucht schon Freunde, wenn man einen Spektraltiger besitzt und den Lichkönig getötet, wenn man mehr als 9.000 Achievementpunkte errungen und 50 Fraktionen angehört hat? So dachte der Brite Anthony Rosner für mehrere Jahre seines Lebens, nachdem er 2005 mit dem Online-Rollenspiel World of Warcraft begann. Er sei zu dieser Zeit depressiv gewesen, erzählt er heute, habe sich abgekapselt von seinen Freunden und sich stattdessen eine zweite Identität im Netz aufgebaut. Als Blutelf Sevrin hat Rosner in World of Warcraft in den kommenden Jahren fast alles erreicht, was es zu erreichen gilt. Er hat einen erfolgreichen Clan geführt, war unter anderen Spielern angesehen, hat zwischenzeitlich im Spiel sogar ein Mädchen aus Norwegen kennengelernt.

Nur im echten Leben, da lief es plötzlich nicht mehr so gut, und das nicht nur bei den Mädels. Bevor Rosner sein Studium begann, legte er ein freiwilliges Jahr Pause ein, um sich noch mehr dem Spiel widmen zu können. Er wurde übergewichtig, schlief schlecht, hatte kaum mehr Kontakt zu seinen Freunden. Zwischenzeitlich zahlte er mehr als 1.000 Pfund in Abogebühren und Extras. Geld, das er eigentlich nicht hatte. Bis er eines Tages merkte: Es geht nicht mehr. Rosner war videospielsüchtig.

In seinem Kurzfilm In Real Life erzählt Rosner die Geschichte von seinem Aufstieg als gefeierter Gamer bis zum Ausstieg als gebeutelter Loser. Ein Prozess, der nicht leicht war: Immer neue Erweiterungen zogen ihn ständig zurück ins Spiel. Doch Rosner schaffte es, sein Sozialleben wieder neu aufzubauen, gesünder zu leben und sich neue Ziele zu setzen. Inzwischen hat er einen Uni-Abschluss als Filmproduzent und mit In Real Life seinen ersten kleinen Erfolg in der Tasche.

Das Clevere an In Real Life ist, dass Rosner die Geschichte fast ausschließlich mit tatsächlichen Spielszenen erzählt, sein Alter Ego im Spiel damit zum Erzähler macht, der bisweilen über sich selbst lachen kann. Überhaupt ist In Real Life kein Anti-Videospiele-Pamphlet, sondern eine ehrliche, persönliche Erzählung, die andere Spieler in ähnlicher Situation nicht bloß warnen, sondern inspirieren möchte.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    auf so vielen ebenen angreifbar und unterworfen allsolcher gedanken und dogma welche man als ganze verwerfen kann

    • 24. Februar 2013 um 11:15 Uhr
    • Acar
  2. 2.

    [...] In seinem Kurzfilm In Real Life erzählt Rosner die Geschichte von seinem Aufstieg als gefeierter Gamer bis zum Ausstieg als gebeutelter Loser. Ein Prozess, der nicht leicht war: Immer neue Erweiterungen zogen ihn ständig zurück ins Spiel. Doch Rosner schaffte es, sein Sozialleben wieder neu aufzubauen, gesünder zu leben und sich neue Ziele zu setzen. Inzwischen hat er einen Uni-Abschluss als Filmproduzent und mit In Real Life seinen ersten kleinen Erfolg in der Tasche. Die Zeit [...]

  3. 3.

    In ein paar Jahren wird man mit einer ähnlichen Obsession sehr wohl ein regelmäßiges Einkommen erzielen können, z.B. bei der Bundeswehr.

    Alles bis auf die Infanterie lässt sich doch heute schon durch Drohnen ersetzen, und jemand wird ja dieses Kriegsgerät steuern. Das werden dann Leute wie Anthony sein. Wer genügend Hardcore-Gamer an der Hand hat, wird bald militärisch in Vorteil sein.

    Aber auch ohne diese Perspektive: Im Grunde hat er sich das falsche Spiel ausgesucht. Wenn er den ganzen Tag Diablo 3 gespielt hätte, wäre er im Echtgeld-Auktionshaus mehrere 1000 Euro im Plus. Und auf Starcraft-Turnieren wird noch viel mehr Geld verdient. Aber für Starcraft muss man wirklich gut sein…

    Wenn ich überlege mit was andere Leute ihr Geld verdienen und wie

    • 24. Februar 2013 um 11:44 Uhr
    • aloha33
  4. 4.

    Wenn ich überlege mit was andere Leute ihr Geld verdienen und wie, dann erscheint dieses Hobby doch in einem milderen Licht.

    P.S.: Cooler Film übrigens!

    • 24. Februar 2013 um 11:47 Uhr
    • aloha33
  5. 5.

    Regt zum Nachdenken an. Guter Film.

  6. 6.

    Schöne Geschichte…es gibt sicherlich Hunderte dieser Erzählungen. Ich könnte ebenso eine erzählen. World of Warcraft war das Spiel meines Lebens. Ich habe gelacht, geweint, getanzt, gefeiert und es aus plausiblen Gründen irgendwann beendet. Ich möchte dennoch meinen, dass dieses Jahre des Coregameings eines meiner besten überhaupt waren (vermutlich habe ich früh genug aufgehört). Die Erzählung Anthony Rosner beschreibt indes, die Geschichte vieler und ich fühle mich damit verbunden. Nun ja, ich bin froh das ich aufgehört habe…so bleiben die Erinnerungen am Schönsten – über das bis jetzt Absolut beste Game meines Lebens.

    Mfg Skrofar, Rising Gods – Exillium a.D., Horde

    • 24. Februar 2013 um 12:35 Uhr
    • Skrofar
  7. 7.

    real life, auch am pc spielen ist ganz real und wenn es keinen Spaß machen würde, wieso machen es dann so viele? am wochende die kante geben halte ich für gefährlicher und dümmer.

  8. 8.

    Onlinespiele sind bei Depressionen nun mal eine sehr einfache Weise um Realitätsflucht zu betreiben.

    Egal wohin die Fluch führt, in Alkohol, Spiele, Sekten oder sonst wo, es bringt nie etwas.

    • 24. Februar 2013 um 13:08 Uhr
    • Kakiss4
  9. Kommentar zum Thema

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