Es geht auch ohne Fernsehen

“Tropes vs. Women” analysiert Sexismus in Videospielen

Von 11. März 2013 um 14:37 Uhr

Tropes-vs-videogames

Die Darstellung von Frauen in Videospielen ist meistens eine einseitige Angelegenheit. Zwar bieten viele Spiele die Möglichkeit, einen weiblichen Hauptcharakter zu spielen, doch die klassischen Gender-Stereotypen sind noch immer die Norm. Wenn Frauen überhaupt auftreten (Stichwort Egoshooter), sind sie entweder hilflos und müssen vom männlichen Helden gerettet werden (das sogenannte “Damsel in Distress“-Phänomen), oder sie sind pixelgewordene Männerfantasien, die auch gerne mal draufhauen (das “Tomb Raider”-Phänomen). In den meisten Fällen sind sie sowohl gutaussehend, als auch hilflos.

Die Medienwissenschaftlerin und Videospielerin Anita Sarkeesian bloggt unter Feminist Frequency unter anderem über diese Unzulänglichkeit. Vergangenes Jahr hat sie in einer Kickstarter-Kampagne um Unterstützung für eine Webserie gebeten, in der sie Sexismus und Stereotypen in Videospielen analysieren möchte.

Die erste Resonanz war vor allem erschütternd: Sarkeesian musste sich unter anderem mit Beschimpfungen und Hasstiraden auseinandersetzen, ihre Wikipedia-Seite wurde mehrmals mit pornografischen Inhalten überflutet. Die Reaktionen zeigten, dass sich in der Videospielszene möglicherweise ein viel größerer Sexismus versteckt als angenommen, der gerne als harmlose Tradition abgetan wird. Games seien eben so, heißt es oft, und die Darstellung der männlichen Figuren sei schließlich auch stets ähnlich. Gleichzeitig aber müssen weibliche Spielerinnen fast täglich Anfeindungen und Anspielungen ertragen, wie sie die Seite Fat, Ugly or Slutty sammelt, und auch unter den Entwicklern befinden sich weiterhin kaum Frauen. Der Journalist Rainer Sigl schreibt dazu auf Video Game Tourism:

[Dass] Spiele mit sexistischen Motiven operieren, ist nur ein winziges Mosaiksteinchen eines schwer zu leugnenden Befundes: Nicht nur in den Spielen selbst, sondern auch in der dazugehörigen Industrie und in einem selbstbewusst-lauten Anteil der Spielerschaft ist ein problematischer, oft aggressiver Sexismus die Norm, die zudem in einem falschen Verständnis von “Spielkultur” im Reflex verbissen verteidigt wird.

160.000 Dollar per Kickstarter

Dem Erfolg von Sarkeesians Projekt tat die Diskussion keinen Abbruch, sondern beflügelte sie eher noch. Am Ende brachte die Kampagne fast 160.000 US-Dollar anstelle der erhofften 6.000 ein und aus fünf geplanten Episoden wurden zwölf.

Die erste Episode von Tropes vs. Women ist seit dem Wochenende online. Sarkeesian beschäftigt sich damit vor allem mit der Damsel in Distress, und wie diese Trope schon in frühen Videospielen wie Donkey Kong und Super Mario etabliert wurde – und bis heute die Norm ist. Vor allem Nintendo zieht diese Darstellung durch viele Spiele durch.

Sarkeesian wählt für ihr Format einen nüchternen und unaufgeregten Ansatz, ohne sich dabei mit trockener Theorie zu befassen. Behutsam wurden die Zuschauer in die Problematik eingeführt, einen Schlenker über die Literaturgeschichte gibt es inklusive. Zahlreiche Screenshots und Spielszenen unterstützen Sarkeesians Thesen. Die sind zwar weder neu noch überraschend, aber ein erklärendes YouTube-Format ist vielleicht die richtige Ergänzung zu einer Debatte, die sich häufig in theoretischen und feministischen Diskursen verliert. Und dabei gerade die jüngeren Videospieler oft nicht erreicht. Immerhin: Schon im vergangenen Jahr hatten viele Artikel und Aktionen das Problem in einem größeren Kontext betrachtet.

(für deutsche Untertitel einfach unten im Player auf das Symbol klicken)

Einzig etwas mehr Dynamik wünscht man sich von Tropes vs. Women. Die doch sehr biedere Aufmachung wirkt bei einer stattlichen Länge von 25 Minuten etwas langatmig. Wie auch Benjamin Filitz auf Superlevel schreibt, wünscht man sich das eine oder andere Interview mit Entwicklern oder Wissenschaftlern, oder zusätzliche, belebende Elemente. Aber vielleicht kommt das ja noch in den nächsten Episoden. Die beschäftigen sich unter anderem mit dem “Sexy Sidekick” und der “Sexy Gegenspielerin”.

Kategorien: Webserie
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Beim verlinkten Youtube-Video ist die Kommentar-Funktion deaktiviert. Ein Klassiker wenn feministische Anliegen thematisiert werden.

    Für mich kommt damit eine Haltung zu Meinungsfreiheit zum Ausdruck, die ich bedauerlich finde.

    • 11. März 2013 um 19:18 Uhr
    • Storrento
  2. 2.

    In den meisten Videospielen findet die Identifikation jedoch immer mit dem Hauptcharakter statt unabhängig davon, ob er männlich oder weiblich ist. Gerade Mario- und Zelda-Spiele sind wohl die schlechtesten Beispiele für eine “sexistische” Darstellung von Frau und Mann. Gerade dort kann eine weibliche Spielerin in die typische Männerrollen schlüpfen und das Abenteuer erleben. Sie steuert den Hauptcharakter und nicht umgekehrt.
    Nettes Video aber nach meiner Meinung nicht das eigentlich Problem.

    Die angesproche Rollenverteilung ist eher in den üblichen Hollywood-Filmen problematisch und dort sollte die Kritik eher ansetzen als an Videospielen.

    Nichtsdestotrotz ein interessantes Video.

  3. 3.

    Zitat: >Die Darstellung von Frauen in Videospielen ist meistens eine einseitige Angelegenheit. <

    Genau. Hilflos, ängstlich, muss gerettet oder getröstet werden (jetzt mal mit Ausnahmen von Lara Croft) und hat überdimensionierte Formen dort, wo "Männer" es toll finden..

    Und die Darstellung der Männer: Draufgänger, zwar mutig und stark, aber oftmals ziemlich hirnlos handelnd und haben überdimensionierte Formen dort, wo "Frauen" es toll finden..

    Willkommen beim sexistischen Vergleich der Sexes (=Geschlechter).

    Mein Gott…es sind SPIELE !

    Niemand kann mir weis machen, dass Spieler, die solche Spiele spielen, sich über so etwas Gedanken machen (falls sie während desw Spielens überhaupt denken). Und niemand kann mir erzählen, dass diese klischeehafte Rollenverteiluzng bei vielen Spielen überhaupt irgendjemanden interessiert oder aufregt…ausser natürlich die, die Probleme mit so ziemlich allem haben, was nach Rollenverteilung a la Großmutters – um nicht sexistisch zu wirken: und Großvaters – Zeiten aussieht.

    • 11. März 2013 um 19:21 Uhr
    • mugu1
  4. 4.

    Liebe Kommentatoren/innen, an dieser Stelle gleich der Hinweis aus eigener Erfahrung bei diesen Themen: In diesem Blog gibt es eine Moderationsschleife und ich werde nichts freischalten, was polemisch ist oder ein ernstes Thema verharmlost oder ins Lächerliche zieht. Sparen Sie sich also die Zeit, wenn Sie etwas in der Richtung loswerden möchten. Gut begründete Gegenargumente- und -thesen sind in der Diskussion natürlich erwünscht.

  5. 5.

    Etliche der Kommentare auf “Fat, Ugly or Slutty” erinnern mich verdächtig an Schulte’s Law (aus Usenet-Zeiten):

    “Flameversuche gegen Frauen beginnen immer mit ‘Du bist häßlich’.”

  6. 6.

    Man muss sich die Frage stellen, wer früher bei Computerspielen angesprochen werden sollte und das waren nunmal in der Regel männliche Zocker. Spiele wurden also produziert nach dem Motto “Von uns, für uns”.
    Auf der anderen Seite ist die Debatte eigentlich auch geprägt von einer gewissen Doppelmoral. Duke Nukem verkörpert auch nicht gerade das klassische Männerbild (quasi als Analogie zu Lara Croft).
    Auch muss man klar differenzieren nach Genre. In Rollenspielen kann man oft Frauen spielen (die Elderscrollsreihe ist ein gutes Beispiel, genauso wie Knights of the old Republic), während in Shootern nunmal es auch eine Frage der Authentizität ist. Beispiel. Die ersten Teile von Max Payne würden mit einem weiblichen Charakter nicht funktionieren.
    Auch bei historischen Spielen, wie z.B. Assassins Creed ist eine Frau als Titelheldin eher deplaziert in dem Setting.
    Ähnlich bei Kriegsshootern, da es nunmal deutlich mehr Männer in Armeen gibt, als Frauen. Oder die Gothic Reihe. Soll sich dann eine Frau in der unwirtlichen Welt von Myrtana prügeln?
    Sexismus findet man dann eher wirklich wieder bei überzeichneten Spielen, wie dem Duke und das kann man zurecht bemängeln.

    Es wurde Literatur angesprochen und das Beispiel Iny Lorentz zeigt deutlich, dass sich weibliche Protagonistinen sehr gut verkaufen können. Warum sollte das für Games nicht gelten, nur wäre es dann toll, wenn Entwicklerstudios auf versoftungen verzichten. Das Frauen wirklich in der Gamescommunity noch nicht sonderlich etabliert sind, könnte auch mit dem Versuch zusammenhängen, diese “Männerbastion” zu verteidigen, auch wenn es völlig sinnlos ist.
    Aber ein Vorwurf kann man wirklich nicht gelten lassen. Das wenn Frauen in Games vorkommen, diese Männerfantasien sind. Die männlichen Akteure sind ebenfalls überdurchschnittlich sexy dargestellt, oder läuft jeder Mann mit einem Sixpack und Armen wie ein Schmied herum? In diesem Punkt sind die Figuren also durchaus gleichberechtigt dargestellt und das ist ok.
    Der Vollständigkeitshalber noch ein paar Frauen, die selbstbewußt und smart daherkommen. Die Protagonistin aus Prince of Persia, Risen, KotoR, Venetica, TombRaider, Fahrenheit, Die Gilde, Morrowind, Oblivion, Deus Ex, und und und

    • 11. März 2013 um 19:32 Uhr
    • lxththf
  7. 7.

    Auch in der Werbung dominieren nach wie vor klassischen Rollenbilder. Schon mal den Knoppers-Spot gesehen? — Fürsorgliche Mami mit ihren zwei wilden Jungs, die nun mal Jungs sind …

    Ich bin mir sicher, Spieleentwickler und Werbetreibende würden die Rollenbilder nicht bedienen, wenn das bei den Zielgruppen nicht ankäme – um deren Erwartungen zu evaluieren werden schließlich teure Studien durchgeführt. Wenn der Verbraucher auf baumkraxelnde Wildfang-Mädchen stünde, denen der Papa den Schokoriegel bringt, dann wären beide Figuren auf dem Bildschirm längst präsent.

    Wenn sich Anbieter und Verbraucher einig sind, wüsste ich nicht, mit welchem Recht ihnen da irgendwelche Gutmenschen unter Berufung auf ihre überlegene Weisheit und politische Korrektheit dazwischenfunken sollten. Der Bürger ist auf die missionarischen Belehrungen der selbsternannten Volksaufklärer weitaus weniger angewiesen, als diese sich selbst einzureden pflegen.

  8. 8.

    warum soll das jetzt wieder nur sexistisch gegen frauen sein? wenn überhaupt sind die darstellungen in beiden richtungen sexistisch. frauen werden als schwach und wehrlos dargestellt, männer dagegen oft als muskelbepackte draufgänger und helden.
    aber was ist, wenn ich als mann auch gerne schwach und wehrlos sein möchte und von einer starken heldin aus dem brennenden turm herausgetragen werden möchte? sexismus!

    wie soll man es denn nach meinung der autorin machen? rettet die frau den mann ist es nicht minder sexistisch als umgekehrt. also gleich auf storyplots wie bei mario oder zelda verzichten, um bloß nicht sexistisch zu sein? und was war eigentlich zuerst da , das ei oder das huhn? sind mädchen als zocker in der absoluten minderheit, weil ihnen keine identifikationsfiguren geboten werden oder werden ihnen keine identifikationsfiguren geboten, weil sie eine unbedeutende minderheit in der community sind und sich das produkt nunmal nach der (männlichen) nachfrage ausrichtet?

    und wieso wird eigentlich das genre mit den meisten spielern, nämlich das mmorpg, ausgelassen? wohl weil man dort immer die geschlechter frei wählen darf und es daher nicht so skandalträchtig wäre? wieso werde ich bei solchen “projekten” nie das gefühl los, dass hier das ergebnis der these schon vor der untersuchung da war und nur nach einer bestätigung gesucht wurde, anstatt ergebnisoffen zu forschen?

    • 11. März 2013 um 19:45 Uhr
    • JayJay
  9. Kommentar zum Thema

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