Es geht auch ohne Fernsehen

“Other Places”: Reiseführer durch die Pixelwelt

Von 20. August 2013 um 15:09 Uhr

Von schneebedeckten Berggipfeln zum blauen Ozean, von schillernden Metropolen hin zu staubigen Wüstenlandschaften: Other Places nennt der britische Gamesjournalist Andy Kelly eine Serie von Videos auf YouTube, die er vergangene Woche ins Leben rief, und die bereits jetzt über 150.000 Abrufe hat. Hinter dem Reiseführer der besonderen Art verstecken sich ausschließlich Szenen aus Videospielen. Und das ausnahmsweise mal ganz ohne Waffen und Kämpfe, ohne Magie und Missionen.

Für Kelly ist Other Places sowohl eine Hommage an die Entwickler der Spiele als auch eine Ode an die immer wieder faszinierenden Videospielwelten. In den kurzen Videos geht es deshalb auch nicht um das Gameplay, sondern ausschließlich um Landschaften. Gänzlich kommentarlos schwebt die Kamera durch die Welt des jeweiligen Spiels. Die besinnliche Musik verleiht den Aufnahmen etwas Beruhigendes, nahezu Kitschiges – im positiven Sinne.

Zehn dieser kleinen Reisen hat Kelly bereits unternommen. Sie führen die Zuschauer in Klassiker wie Half-Life 2 und Alan Wake, aber auch in neue Welten wie die Wolkenstadt Columbia aus Bioshock Infinite und den düsteren Moloch von Dunwall aus Dishonored. Die Idee kam Kelly, als er, wie so viele Spieler, die offene Welt von Skyrim erkundet hat. Mithilfe der Entwicklerkonsole flog er durch die Welt und erlangte so ganz neue Eindrücke über die Schönheit des Spiels.

Die Welt als aktiver Teil des Spiels

Wie Kelly dem Blog Video Game Tourism erzählt, faszinieren ihn Welten, denen man nicht ansieht, dass sie nach und nach zusammengesteckt wurden. Stattdessen sollen sie den Eindruck vermitteln, dass man tatsächlich darin leben könnte.

Die Spielewelt nicht bloß als Kulisse für die Story, sondern als aktiven Teil des Spiels zu gestalten, ist immer häufiger das Ziel der Entwickler, allen voran Open-World-Games wie GTA oder Skyrim. Dabei benötigt es gar keinen Fotorealismus, wie ihn etwa die Shooter-Reihe Crysis versucht, um Videospielwelten eindringlich zu gestalten. Indietitel wie Journey oder Proteus faszinieren gerade durch ihren Minimalismus, und auch die Klötzchenwelt von Minecraft ermöglicht beeindruckende Landschaften ohne auch nur annähernd realistisch zu sein.

Other Places folgt der Tradition der In-Game-Fotografie. Bei dieser Kunstform suchen die Spieler nach möglichst interessanten, kunstvollen oder auch experimentellen Motiven innerhalb des Spiels, die per Screenshot oder auch per Kamera abgeknipst werden. Längst ist daraus eine Szene entstanden. Der Brite Duncan Harris alias deadendthrills gilt nicht nur als Pionier, sondern sammelt auf Flickr auch besonders gelungene Exemplare, ebenso wie das Sub-Reddit GamerPorn. Auch Rainer Sigl von Video Game Tourism stellt regelmäßig Arbeiten vor.

Dass sich das Konzept auch auf Bewegtbilder übertragen lässt, hat natürlich nicht nur Andy Kelly entdeckt. Die YouTube-Kanäle Polygon Fragments und National Gameographic etwa enthalten ganz ähnliche Videoserien.

Auch der irische YouTube-User Jacksepticeye hat im vergangenen Jahr eine Serie unter dem Titel The Beauty Of… veröffentlicht. Der Unterschied zu Other Places besteht darin, dass er Szenen direkt aus den Missionen genommen hat, man die Spielfigur also sieht, was zumindest etwas von den Landschaften ablenkt.

Damit Kelly das nicht passiert, hat er für Other Places so manche Tricks angewandt. Denn nicht alle Spiele lassen sich einfach mit einer freischwebenden Kamera erkunden. Bei einigen Titeln musste er dabei auf Hacks aus der Community zugreifen oder, wie im Fall von Dishonored, viele kurze Szenen zusammenschneiden. Seine Motivation und Faszination bremst das nicht. Kelly hat bereits weitere Videos geplant.

Kategorien: Webserie
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Ich liebe es durch virtuelle Welten zu laufen. Schade nur dass die meisten Kunden junge Männer sind. Da wird halt geschossen. Dabei haben virtuelle Welten soviel Potenzial. Ich empfehle zum Beispiel in-Game Fotos:

    http://videogametourism.at/taxonomy/term/166

    Wir erleben hier die Geburt einer neuen Kunstform. Schade nur das überhebliche Intellektuelle es übersehen.

  2. 2.

    Der von ihnen erwähnte Link ist bereits im Text drin. Aber Danke für den Hinweis :)

  3. 3.

    Schön das mal jemand darauf hinweist wie viel Liebe so manchen Spielwelten steckt. Leider hat man als Spieler zu selten die Gelegenheit mal eine Minute zu verschnaufen und einfach mal “zu sehen”.
    Skyrim macht das sehr gut aber auch die Deus Ex Serie.
    Die erste Spielwelt die mich jenseits des Spiels faszinierte war makaberer weise “Fallout”.

    • 20. August 2013 um 20:51 Uhr
    • Gerry10
  4. 4.

    @manchmalschon
    “Schade nur dass die meisten Kunden junge Männer sind. Da wird halt geschossen”

    Also mal davon abgesehen, dass inzwischen Frauen verstärkt vertreten sind, ist die Aussage, dass “da halt geschossen” wird, ziemlich falsch. Es gibt ja nicht nur Shooter, es gibt ja auch RPGs, First-Person Adventures usw. Shooter machen nur einen Bruchteil der Spielelandschaft aus, auch wenn sie in den Medien am stärksten vertreten sind.

  5. 5.

    Ich bau mir die Spielwelt selber mit Minecraft, mit einigen Mods und Texture Packs lässt sich auch da einiges rausholen :)

  6. 6.

    Keine Frage, wunderschöne Bilder.
    Für mich sind die meisten Spiele klar Kunstwerke, was da an Arbeit und Kreativität drin steckt ist schon irre. Ich bin absoluter GTA Fan, eben weil man sich dadrin so heftig verlieren kann, mein Lieblingsteil war San Andreas, was man da alles erleben durfte war bisher einmalig. Natürlich konnte man auch “Böse” sein, aber das gehört eben zum Style dazu. Aber “nur” innerhalb der Gangs war es erlaubt zu Töten, ansonsten Swat Team :-)

    Deshalb freue ich mich wie blöd auf den 5. Teil, soll ja wieder richtig groß werden, inkl. Unterwasser Welt + einen Multiplayer der wohl auch die Grenzen sprengen wird.

    • 20. August 2013 um 22:06 Uhr
    • Thraex
  7. 7.

    @ Redaktion: Der Link zum Sub-Reddit GamerPorn scheint nicht zu gehen. Wenn ich “de.” vor reddit.com setze geht’s: http://de.reddit.com/r/GamerPorn ;)

    Und wo sind eigentlich die Kommentar-Überschriften hin?

  8. 8.

    ^ Der Link funktioniert bei mir. Kommentar-Überschriften gibt es in den Blogs nicht, da diese auf einem anderen System laufen als gewöhnliche Artikel auf ZEIT ONLINE.

  9. Kommentar zum Thema

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