Es geht auch ohne Fernsehen

Der Fall Matthew Cordle: YouTube als Beichtstuhl

Von 9. September 2013 um 09:57 Uhr

Die Stimme ist tief und verzerrt. “Ich habe einen Mann getötet”, sagt sie. Ein verpixelter Kopf erscheint, dann zwei tätowierte, vernarbte Arme. “Ich habe viel getrunken und bin in meinen Truck gestiegen. Ich kam in den Gegenverkehr und habe ein Auto erwischt.” Langsam steigert sich die Musik. “Die Anwälte sagen, sie könnten meinen Bluttest nichtig machen. Ich würde durchkommen. Ich müsste nur lügen. Doch diesen Weg werde ich nicht gehen.”

Dann blicken die Zuschauer in das unverpixelte Gesicht eines jungen Mannes. “Mein Name ist Matthew Cordle”, sagt dieser, “und am 22. Juni 2013 habe ich Vincent Canzani getötet. Dieses Video ist mein Geständnis.”

Der dreieinhalbminütige Clip wurde am 3. September auf YouTube geladen. Doch erst am Ende vergangener Woche wurde er entdeckt und verbreitet sich seitdem rasant, nachdem unter anderem CNN und die Washington Post die Geschichte aufgriffen.

Cordle schildert sie so: Nach einem feuchtfröhlichen Abend mit seinen Kumpels setzt sich der 22-jährige aus Ohio in den Morgenstunden des 22. Juni in sein Auto und fährt nach Hause. Dabei gerät er auf die falsche Straßenseite und rammt das Auto des 66-jährigen Vincent Canzani. Dieser stirbt noch am Unfallort. Cordle kommt ins Krankenhaus, wird vernommen – und anschließend wieder freigelassen. Bis heute wurde er nicht angeklagt.

Das könnte sich nach Angaben der Staatsanwaltschaft nun ändern. Sie habe das Video vergangene Woche gesehen und plane noch diese Woche eine Anklage Cordles wegen fahrlässiger Tötung. “Ich werde auf schuldig plädieren”, sagt Cordle im Video und bittet alle Zuschauer, niemals betrunken Auto zu fahren.

Eine mutige Tat oder Inszenierung?

Eine eindringliche Nachricht. Doch das Geständnis sorgt für Diskussionen. In den Kommentaren auf YouTube loben viele Cordles Mut, sich seine Fehler einzugestehen und somit ein positives Beispiel für andere zu geben. Andere Nutzer sind kritischer. Sie vermuten hinter dem Video eine versteckte Agenda. Einen Versuch, durch die öffentliche Reue ein milderes Strafmaß zu bekommen.

Tatsächlich ist das Video in mehrfacher Hinsicht problematisch. Da wäre zum einen die professionelle Aufmachung. Der Clip ist in Kooperation mit dem gemeinnützigen Projekt Because I Said I Would entstanden. Wie dessen Gründer Alex Sheen sagt, habe Cordle ihn über Facebook kontaktiert und sie hätten das Video anschließend gemeinsam aufgenommen. Sheen sagt auf Facebook, dass er Cordle deshalb nicht als einen Helden sehe. Er müsse für seine Tat die Schuld tragen und wolle mit dem Video bloß auf die Gefahren des betrunkenen Autofahrens hinweisen. In “Erinnerung an Vincent Canzani”, wie es heißt.

Darin liegt das zweite Problem. Matthew Cordles Entscheidung, sich seiner Tat zu stellen, ist zweifelsfrei richtig. Die Entscheidung, nicht erneut direkt zur Polizei zu gehen – die ihn ja bereits als Hauptverdächtigen führten – sondern das Geständnis präventiv öffentlich im Netz zu machen, ist zumindest fragwürdig.

Denn mit seinem Geständnis zeigt Cordle vor allem, wie YouTube als Plattform instrumentalisiert werden kann. Aus einer fahrlässigen Tötung wird eine Aktion gegen das Autofahren unter Alkoholeinfluss. Aus einem rücksichtslos handelnden Täter ein reumütiges Vorbild, das sich dem Rat seiner Anwälte widersetzt. Der Name des Opfers, der eigentlich gar nicht erwähnt werden müsste, wird plötzlich zum Teil der Kampagne.

Kombiniert mit der orchestralen, fast sakralen Musik und dem plötzlichen Wechsel von Verpixelung zu Klarbild erzählt das Video eine klassische Erlösungsgeschichte, fungiert als eine Art digitaler Ablasshandel. Die Zustimmung gibt es per Daumen-Hoch-Knopf: Mehr als 7.000 YouTube-Nutzer haben das Video bereits positiv bewertet. Es scheint zu funktionieren. Zumindest der Staatswalt Ron O’Brian spricht von einem “überzeugenden Video” und einem Mann, der “reumütig und ehrlich” daherkommt.

Und der Einfluss auf die Zuschauer? Ob sich nun reihenweise mutmaßliche Verkehrssünder schuldig bekennen? Wohl kaum. Ob Cordles Video abschreckender wirkt als alle anderen der zahlreichen Don’t-Drink-and-Drive-Kampagnen? Auch das vermutlich nicht. Am Ende dürfte Cordle als der Mann in Erinnerung bleiben, der auf YouTube ein Geständnis abgelegt hat. Und dem nun zwischen zwei und acht Jahren Haft drohen.

Kategorien: Feature
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Geschmacklos, wie so vieles was im Netz möglich ist.

  2. 2.

    Auf der Eingangsseite der Zeit wird diese Story mit der Frage verbunden, ob man den Gestehenden loben solle für seine Offenbarung. Die Frage so zu stellen ist provokativ, im einem ganz üblen Sinne…. Zur Sache aber folgendes: Skeptisches Publikum (der Begriff erscheint mir angebrachter als kritische Nutzer) mögen mit der Vermutung einer Strafmaßbeeinflussung schon richtig liegen, auch ob sich der Herr sich ‘gegen’ den Rat seiner Anwälte stellt, ist daher fraglich. Mit Blick auf die Zukunft steht aber hier an, ob sich ein Publikumskanal öffnet, der jetzt lose aber zunehmend strukturell verbunden wird mit dem Rechtssystem? Das Geständnis wirkt ja gerade in den USA mitunter strafmildernd, wenn gegenüber den Ermittlern und/oder der Staatsanwaltschaft getätigt (‘to cut a deal’, man kennt das ja auch aus Krimi-Serien). Sollten also früher oder später derlei Web-geständnisse anerkannt werden (müssen)? Tun sich dabei nicht auch gefährliche Abgründe auf? Das Negativ einer neuen, pastoralen Geständniskultur, die Foucault für Zeitalter beschrieben beschrieben hat, in denen die Kirche pastorale Macht ausübte? Also frei nach dem Motto: Wir alle gestehen unsere kleinen Vergehen, und wenn du noch nichts im Web für alle sichtbar gestanden hast, musst du ja etwas so schlimmes gemacht haben, dass du es verheimlichen musst. Und gleichzeitig wird in schwer zugänglichen Nischen freimütig kriminelles gestanden, als Vorsorge falls man erwischt wird, Anwälte publizieren Augenblicke nach der Verhaftung Geständnisse, Hacker helfen mit Rückdatierungen, usw. Man kann dies Szenario weiterspinnen, ganz unwahrscheinlich ist es nicht.

    • 9. September 2013 um 15:16 Uhr
    • Alexander I. Stingl
  3. 3.

    “Als Beichtstuhl?” Dieser Begriff ist hier m. E nicht angemessen. Die Beichte ist kein Deal, sondern eine Auseinaderstezung mit Gott und sich selbst. Auch wenn rheinische Komiker das mitunter meisterhaft parodieren und der kleine Sünder exculpiert wird. Und das weltliche Gericht und das göttliche sind zweierlei.

    Wenn ihm das hilft, mag er sich in dieser Weise entblößen. Nur sollte vor Gericht sein Verhalten im Zusammenhang mit dem Unfall stehen. Und was ist eigentlich mit den Angehörigen, wenn das Schule machen würde und jemand gesteht auf diese Weise einen Kindesmord? M. E. verdient er wegen des Geständnisses auf diese Weise keine “Gnade”. Er macht das Publikum doch im Grunde zum Helfer seiner Feigheit, seine Tat Auge in Auge zu gestehen ungeachtet dessen, was ihm dann blühen könnte.

    Ob Ablasshandel, Aktion gegen Alkohohl oder Verständis des Staatsanwalts der übrigens jetzt schon als befangen gelten könnte. Für mich hat er nur getan, was er hätte längst tun sollen oder aber schweigen. Ob die mangelnde Kraft, mit seiner Schuld zu leben, ihm als positiv angerechnet werden kann, eben nicht so skrupellos, muss im Prozess aufgearbeitet werden. Ich hoffe jedenfalls, dass dieses Handeln nicht Schule macht. Der Marktplatz als Gerichtsstsätte ist ja glücklicherweise abgeschafft.

    • 9. September 2013 um 15:58 Uhr
    • TDU
  4. 4.

    Eigentlich ist es recht einfach.

    Er wäre ein Held wenn er erst sich bei der Politzei gestellt hätte und dort sein Geständnis gemacht, und dann privat noch mal für sich selber vor der Allgemeinheit gesteht.

    Ein Gesändnis nur vor der allgemeinhait aber nicht vor der Politzei ist fragwürdig, da dann vor Gericht es möglich ist es anzuzweifeln oder gar komplet zurückzunehmen.

    Auserdem kann im Netz kaum nachgeürft werden, ob er diese Tat denn auch begangen hat, oder nur Aufmerksamkeit will. So sollte man einen solchen Kanal dann nur im Zusammenhang mit der Politzei betreiben um verurteilten Tätern die sich bei der allgemeinheit entschukdigen wollen die möglichkeit zu geben. Aber die Schuld muss vorher von einen Gericht festgestellt werden.

  5. 5.

    die Familie des Getöteten ist bestimmt ganz stolz auf ihn!

  6. 6.

    Soweit ich das verstanden habe, ist er für diese Tat schon abgeurteilt worden und kann doch in USundA nich nochmals für die selbe Tat angeklagt werden?!
    Jedenfalls hat dieses YT-Geständnis eher was mit Eigenhass zu tun und Absolution von Freunden und Bekannten.

  7. 7.

    Ekelhaft. Diese selbstdarstellerische Inszenierung mit der geheuchelten Agenda soll wohl verschleiern, was der eigentliche Zweck ist: pure Selbstdarstellung.

  8. 8.

    [...] “I killed a man”-Video Zeit Online Blog [...]

  9. Kommentar zum Thema

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