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YouTube-Kommentare: Viel Lärm um Google+

 

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Vor einer Woche führte YouTube das neue Kommentarsystem auf Basis von Google+ ein. Dass die Reaktionen zunächst nicht besonders freundlich ausfallen würden, war absehbar. Doch dass die Ablehnung so heftig sein würde, hatte die Google-Tochter sicherlich nicht erwartet. Es ist, wie es so schön heißt, ein richtiger Shitstorm, der YouTube gerade entgegenbläst.

Seit der Umstellung protestieren die Nutzer gegen das neue System, das neben einigen kosmetischen Änderungen die Nutzung eines Profils bei Google+ erfordert. Zuvor genügte ein einfaches und in der Regel anonymes YouTube-Konto. Viele fühlen sich nun genötigt, Googles notorisch zweitrangiges soziales Netzwerk zu nutzen.

So kam Jawed Karim, YouTube-Mitgründer und Uploader des allerersten Videos, nach acht Jahren plötzlich wieder aus der Versenkung – „Warum zur Hölle brauche ich einen Account bei Google+, um ein Video zu kommentieren?“, fragte er.

Karim spricht vielen Nutzern aus der Seele. Eine Petition gegen das neue System hat mittlerweile über 110.000 Mitzeichner. Die Nutzer von Reddit fluteten das Google-Forum, das nun bei über 430.000 Beschwerden steht.

Die Kritiker lassen ihren Unmut aber nicht nur in den Kommentarspalten aus, sondern natürlich auch in Videoform. Nicht alle der Reaktionen fallen so sympathisch aus wie die von Emma Blackery und ihrem passiv-aggressiven Song. In den meisten Videos geht es deutlich derber zur Sache.

Der bekannte Gamer Athene bezichtigt YouTube sogar des Astroturfings: Er will Beweise gefunden haben, in denen die (überraschend positiv ausfallenden) Top-Kommentare in Wirklichkeit von YouTube selbst stammen, um den Gegenwind etwas abzuschwächen.

Zu unübersichtlich, viel Spam, seltsame Integration

Viele kritisieren aber nicht nur die Google-Plus-Pflicht. Die neuen Kommentare bringen ganz andere Probleme mit. So führt die Integration bisweilen zu absurden Ergebnissen: Wer etwa ein Video auf Google+ kommentiert, liefert häufig eine kleine Zusammenfassung für seine Freunde mit, um auf den Link zu klicken. Unter dem YouTube-Video aber wirken diese Zusammenfassungen überflüssig und in der Summe wie Spam.

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Zudem ist es möglich, ganze Romane in einen einzelnen Kommentar zu packen. Die sind zwar in der Ansicht minimiert, aber dennoch lockt es Spammer an. Auch die Option, Links in die Kommentare zu posten, eröffnet Spammern und Kriminellen ganz neue Möglichkeiten: Was wie ein harmloser Link zu einem weiteren Video erscheint, kann Nutzer auf Websites mit Malware führen.

Und dann wären da noch die ASCII-Zeichen. Richtig benutzt, können Nutzer daraus kleine Bilder aus Sonderzeichen erstellen. Herzen und Blümchen etwa. Oder Hakenkreuze und Penisse. Ausgerechnet dieses, vermutlich ungewollte Feature, nutzen die Kritiker nun zum Protest: Unter fast allen populären Videos tauchte in den vergangenen Tagen stets der gleiche Kommentar mit einem Pixelpanzer auf: „This tank and Bob are against Google+„. Jegliche Diskussion soll damit unmöglich gemacht werden – bislang mit Erfolg.

 

Bekannte YouTuber deaktivieren die Kommentare

Am bittersten für YouTube dürfte aber nicht nur der Missmut der Nutzer sein. Auch die Partner wenden sich vom neuen System ab. Der Schwede PewDiePie, bis vor Kurzem hatte er den Kanal mit den meisten Abonnenten, hat die Kommentare zu allen seinen Videos geschlossen, bis das System „repariert“ sei. Das ist eine ernstzunehmende Warnung für die Plattform, die doch eigentlich gerade die Interaktion mit den Fans verbessern wollte. Sollten sich noch weitere bekannte YouTuber für einen Boykott entschließen, dürfte sich der Druck auf die Verantwortlichen erhöhen.

Doch was sagt eigentlich YouTube zu den Reaktionen? In einer Stellungnahme gegenüber VideoInk sagt ein Sprecher des Unternehmens, dass man daran arbeite, die Bugs zu beheben. Man wolle nicht „einfach weglaufen“, sondern weiterhin an dem neuen System arbeiten.

Google steht also zu seiner Entscheidung. Das ist nicht überraschend, schließlich gehört es zur Strategie, sämtliche Produkte früher oder später mit Google+ zu vernetzen. Nur so lassen sich maximal viele Nutzerdaten abgreifen. Für die YouTuber ist das keine gute Nachricht: Es gibt offenbar aller Proteste zum Trotz keinen Weg zurück.

44 Kommentare

  1.   Ryan

    ☻ / Das ist Bob. Kopieren und fügen Sie ihn
    / ▌ ganzen youtube
    / \ So kann er übernehmen
    und kehren die alten Kommentaren


  2. @Ryan: Ok, einmal lasse ich das durchgehen ;)


  3. Youtube lebt und fällt mit seinen Nutzern. Google weiß, dass man nun nicht mehr alleine auf dem Markt ist. Kurzum: Ein anhaltender Protest kann viel bewirken!

    ☻ /
    / ▌
    / \

  4.   Jens

    Nun ja, abgesehen von Bugs (Kommentare und Begleittext zum Teilen müssen natürlich getrennte Dinge sein und können es technisch natürlich auch) ist das neue System nicht so übel. Ja, es wird die Welt der Youtubekommentare verändern, was natürlich Protest verursacht, aber „früher“ war der überwältigende Anteil aller Kommentare qualitativ nicht gerade überragend – Youtube war eines der bekanntesten Aushängeschilder für Kommentare, die man nicht lesen wollte. Um diese Kommentar-„Kultur“ ist es nicht schade. Die einzige Frage ist es, ob Youtube inzwischen die kritische Masse erreicht hat und das überlebt oder ob jetzt Konkurrenten stark werden können. Ehrlich gesagt würde /mich/ ein Konkurrent, der die alte Kommentarkultur übernähme, abschrecken. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass der Aufschrei zwar laut, in absoluten Zahlen natürlich auch nicht klein, relativ aber sehr dünn ist. „Anarchisch“ ist schon seit Jahren nicht mehr eine Kernzkompetenz von Youtube, das ist lediglich ein Rest des alten Images. In der gewaltigen Masse ist es eine brave Veranstaltung. Eine Konkurrenz würde halt nur die 4chan-Anteile übernehmen können und zu einem ebensolchen Hinterhof verkommen.

    Und dass es jetzt einen expliziten Google-Account statt eines impliziten braucht: War doch von Anfang an klar, dass es darauf hinausläuft und ist für das Unternehmen auch in jeder Hinsicht sinnvoll, für den Nutzer eigentlich egal. Einige müssen halt jetzt bitter erkennen, dass sie nur Produkte nutzen und nicht „ihr“ Youtube als Teil einer Bewegung.


  5. Ich finde es gut,
    wie heißt es so schön,
    wenn man nichts zu verbergen hat… :)
    Eine Zwangsregistrierung mehr oder weniger juckt die Mehrheit auch nicht.


  6. Gefällt mir nicht, ich wollte keinen Account bei G+, jetzt habe ich einen, weiß nicht so recht wie der zustande kam, oder wie ich den wieder loswerde. vermutlich gar nicht ohne auf meinen yt account zu verzichten.

    das ist nicht fein. gar nicht fein.


  7. Aber trotzdem kann man einen Aliasnamen einrichten, unter dem man bei YT kommentieren kann. Nur Google kennt den „richtigen“ User.

  8.   lufkin

    Mir ist es ziemlich egal, mein G+ Account wird genauso unter Pseudonym geführt wie mein alter Youtube Account und es ist tatsächlich so, dass die bisherige Kommentar Kultur bei YT sehr zu wünschen übrig ließ… gefühlte 95% waren Beleidigungen oder WerbeSpam ala online 300€ in einer Stunden verdienen…

  9.   EinEhmaliger

    @Halsflache
    Wenn du einen Gmail Account,in Verbindung mit dem YT Account, hast,kannst du dich bei Google+ abmelden.
    Geht bei: Account -> Account Management.

    Seitdem Google ihr Netzwek gestartet hat,wird es immer peinlicher.
    Anfangs war ich noch ziemlich begeistert,was sich dann ziemlich schnell in Ernüchterung gewandelt hat,als Google+ die Klarnamenpolitik eingeführt hat.
    Selbst prominente User,die nur unter ihrem Nickname bekannt waren,mussten
    ihren echten Namen angeben.Wenn nicht,wurde der Account stillgelegt.
    Nach einem längere hin und her mit Google hab ich dies auch gemacht,
    da sie von mir eine Kopie meines Personalausweises haben wollten.
    Thanks but no thanks Google.

  10.   dispot2

    4 riecht irgendwie nach Astroturfing…
    Es ist für den Nutzer überhaupt nicht egal, jetzt G+ verwenden zu müssen. Vorher (und zwar bevor überhaupt eine Verknüpfung eingeführt wurde) war es ein spezifischer Account für einen Dienst, jetzt ist man ohne es zu wollen, Mitglied eines „sozialen Netzwerks“, welches G ermöglicht, die Nutzer per Überwachung und Drohung zu disziplinieren. Wer möchte schon seinen Haupt-Account, mglw mit dem das Handy verknüpft ist, wegen zweifelhafter (und zwar definiert diese Zweifelhaftigkeit der Betreiber: google) Äußerungen verlieren?

    Zudem war das alte Kommentsystem vollkommen in Ordnung, über up und downvoting und „Spam“ wurden viele Hate-Comments entschärft. Zudem ist die Welt nicht so sauber und clean wie „Jens“ es gerne hätte, mir fällt dazu der Spruch ein „if you can’t stand the heat, leave the kitchen!“

    Google ist jedenfalls alarmiert, der Counter des Videos von Emma wird mit hoher Wahrscheinlichkeit künstlich gedrückt, was der langsame Anstieg dieses megaviralen Clips m.E. zeigt.
    Der klassische Monopolist: hat die meisten Clips des Planeten und diktiert jetzt schamlos die Bedingungen. „Don’t be evil“, war mal der Wahlspruch – das war einmal, lange lange ist das her.
    Meine Wenigkeit wird den Aufstieg alternativer Portale jedenfalls vollumfänglich unterstützen.

 

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