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Grace Helbig: Neue Inhalte auf alten Kanälen

 
Grace Helbig (Screenshot)
Grace Helbig (Screenshot)

Als sich Grace Helbig im Oktober 2006 auf YouTube anmeldet, geschieht das nicht ganz freiwillig. Es ist Teil eines College-Kurses, ein Video aufzunehmen, zu schneiden und auf die Videoplattform hochzuladen. Knapp sieben Jahre später zählt Helbigs Daily Grace mit fast 2,5 Millionen Abonnenten nicht nur zu den 200 erfolgreichsten Kanälen auf YouTube überhaupt. Helbig ist auch eine der bekanntesten Frauen der Webvideo-Szene.

Nun aber muss die 28-Jährige noch einmal neu anfangen. Jedenfalls auf YouTube. Da ein neuer Vertrag mit ihrem Netzwerk My Damn Channel platzte, besitzt Helbig seit dem 1. Januar keine Rechte mehr an ihrem Kanal und der Marke Daily Grace. Der Fall zeigt, dass in der Webvideo-Szene längst ein Kampf um Geld und Rechte entbrannt ist und Verträge schwerer wiegen als jahrelange Freundschaften.

Von Stand-up zum YouTube-Star

Tatsächlich war die Beziehung zwischen My Damn Channel und Helbig lange Zeit ein Geben und Nehmen. Ursprünglich peilte Helbig eine Karriere als Stand-up-Comedian an und tingelte mehr schlecht denn recht mit Improvisations-Comedy durch die New Yorker Klubs. 2008 wurde Rob Barnett auf die junge Frau und ihre wenigen Videos aufmerksam. Barnett betrieb mit My Damn Channel einen eigenen YouTube-Kanal und suchte junge Talente für neue Formate. Helbigs Onlinepersona – witzig und schrullig, immer etwas lethargisch und nicht selten profan – passte genau in sein Profil.

Im Frühjahr 2008 bekam Helbig mit Daily Grace eine tägliche Show auf My Damn Channel, die im Oktober 2010 schließlich auf einen eigenen Kanal wechselte. Seitdem konnte Helbig ihre Beliebtheit ständig steigern. Sie zog nach Los Angeles, tauchte in diversen Fernsehshows auf, ließ sich von Ford sponsern und drehte jüngst einen Spielfilm mit zwei befreundeten YouTuberinnen. Von ihrem Erfolg profitierte auch My Damn Channel. Helbig war die Werbefigur, das Postergirl des Kanals, und tauchte regelmäßig in dessen Shows auf.

Vergangenes Jahr expandierte My Damn Channel zu einem sogenannten Multi-Channel-Network (MCN). Diese YouTube-Netzwerke bündeln viele unterschiedliche Kanäle und übernehmen für einen Teil der Werbeeinahmen Funktionen wie Talentförderung, Produktionshilfe und die zielgruppengerechte Vermarktung. Das ist prinzipiell gut. Doch die Kritik an den Netzwerken steigt. Vor allem erfolgreiche YouTuber bemängeln immer häufiger die Verträge, die oft über Jahre hinweg geschlossen werden. Manchmal, wie im Fall von YouTube-Star Ray William Johnson, landen beide Parteien deshalb auch vor Gericht.

Die Rechte liegen beim Netzwerk

Das zumindest blieb Grace Helbig erspart. Sie und My Damn Channel trennten sich in gegenseitigem Einverständnis. Es hieß, man habe sich nicht auf einen neuen Vertrag einigen können. Das Netzwerk dankte Helbig auf seiner Website und Helbig sagte in einem letzten Video: „Sie haben mir einen Job gegeben, das war großartig.“

Alles gut also? Nicht ganz. Denn anstatt Helbig und ihren Daily Grace wohlwollend auf die Reise zu schicken, beharrt My Damn Channel auf seinen Rechten. Der Name Daily Grace und somit auch der Kanal bleibt in den Händen des Netzwerks – es sei denn, ein anderes erwirbt ihn. Anders gesagt: Der Kanal, den Helbig nahezu im Alleingang über Jahre hinweg aufbaute, der ihren Namen trägt, und der maßgeblich zum Erfolg von My Damn Channel beitrug, gehört ihr schlicht nicht mehr.

Das klingt bizarr, ist aber rechtens. Für das Netzwerk ist es vor allem eine wirtschaftliche Entscheidung: Der Analysedienst Social Blade schätzt die jährlichen Werbeeinnahmen von Daily Grace auf bis zu 600.000 US-Dollar. Auch wenn dort künftig keine neuen Inhalte mehr erscheinen, dürften die rund 840 Videos im Archiv noch eine ganze Zeit lang Umsätze generieren.

Verträge wie in Hollywood

Der Fall zeigt, wie sehr sich die klassische Filmwirtschaft und die Webvideo-Szene inzwischen annähern. Das YouTube-Ökosystem erfährt im Schnelldurchlauf eine ähnliche Entwicklung wie Hollywood, das heute aus einem komplexen Geflecht aus Film- und Namensrechten, aus Verwertungsketten und Werbeverträgen besteht. Und wo nicht selten die großen Unternehmen am längeren Hebel sitzen.

Vor allem die Schnelllebigkeit macht es aufstrebenden YouTubern schwierig, die richtigen Verträge zu unterzeichnen. Ob Grace Helbig vor fünf Jahren zugestimmt hätte, ihre Rechte an Daily Grace abzutreten, wenn sie den Erfolg geahnt hätte? Wohl kaum. Helbigs Bruder Tim twitterte etwas zynisch, dass er nun zwei Schwestern im Netz hätte: eine Echte und eine im Besitz von Unternehmen.

 

Ein Neuanfang, der keiner ist

Grace Helbig kehrt nun zurück auf den Kanal, auf dem im Jahr 2006 alles begann. It’s Grace wird noch eine Weile brauchen, bis die Einnahmen das alte Niveau erreichen. Doch die Chancen auf Erfolg stehen gut. Denn auch wenn Helbig noch einmal von null anfängt, ist sie ja kein Neuling mehr im Geschäft. Zahlreiche andere YouTuber rühren zurzeit kräftig die Werbetrommel für den neuen Kanal – etwas, das Helbig per Vertrag zuvor nicht durfte.

Vor allem aber kann Helbig auf ihre treue Fangemeinde zählen. Schon nach einer Woche wird deutlich, wie die Fans Helbig von ihrem alten Kanal auf den neuen folgen. Bei der jetzigen Entwicklung dürfte es nur wenige Wochen dauern, bis sie wieder an die alte Abonnentenzahl anschließt. Helbig wäre damit der erste YouTube-Star, der einen Kanalwechsel erfolgreich vollzieht und ihr gesamtes Archiv hinter sich lässt.

Die Entwicklung von Daily Grace und It's Grace
Die Entwicklung von Daily Grace und It’s Grace

All das ist auch ein Zeichen an die Netzwerke. Denn in der ganzen Sache kommt My Damn Channel alles andere als gut weg. Viele Nutzer auf Reddit und in den Kommentarspalten kündigten an, künftig Inhalte des Netzwerks zu boykottieren. Auch könnte es aufstrebende YouTuber davon abschrecken, mit My Damn Channel zusammenzuarbeiten.

Das Webvideo-Portal VideoInk fasst es zusammen: Die Inhalte mögen auf YouTube König sein. Doch nur wer die Rechte an ihnen besitzt, hat auch den Schlüssel zum Königreich. Grace Helbig mag Daily Grace verloren haben. Ihre Persönlichkeit hat sie behalten.

22 Kommentare

  1.   Talan068

    Okay, sie sieht verdammt gut aus, aber sonst? Wundere mich schon sehr, was im Netz gehypte wird. Hohes Niveau, scheint ein Klick-Töter, erster Klasse zu sein.


  2. ^ Sie meinen das hohe Niveau, das es sonst nur im Fernsehen gibt oder woran machen Sie das fest?

  3.   Bert

    ….noch eine Nervensäge….

  4.   Colis

    Niemand hat sie gezwungen, diese Verträge zu unterschreiben. Ich verstehe nicht, was es daran auszusetzen gibt. Ist eben blöd gelaufen für die Grace.

  5.   Talan068

    @Eike Kühl
    Nun es gibt aich Bücher, Filme und andere kulture Veranstaltungen.
    In der Tat, meine ich aber Fernsehen, auch da gibt es natürlich, megaflache Sendungen. Aber eben auch Anspruchvolles oder eben Unterhaltung, die aber wenigstens von Profis gemacht wird.
    Ich lese oft, Fernseh wäre so langweilig, dann kommen irgendwelche Links, zu super witzigen, Channels und die meist hlät man keine 5 Minuten aus.

  6.   DerSachenMacher

    Neidisch auf den Erfolg? Kann ich verstehen. Wer hätte nicht gern unzählige Fans. Und was tät man nicht alles, um auch auf so einen Zug aufzuspringen. Wenn man bloß selber auch mal die richtige Idee zur richtigen Zeit hätte, gell…

  7.   Marie

    Was wird wohl ihr Therapeut dazu sagen?? Zum ersten Video.


  8. @Talan068: Ich finde, man sollte das beides nicht vergleichen. Grace Helbig ist eben eine klassische „Vloggerin“ und ist in diesem noch immer jungen Genre sehr erfolgreich, wie die Zahlen beweisen. Auch ich persönlich verstehe das nicht immer, aber gerade jüngere Generationen wachsen mit diesem Format auf. Was für uns (ich sage jetzt einfach mal uns) früher vielleicht die Soap Operas im TV waren, sind für andere vielleicht die täglichen Vlogs von Grace Helbig oder Jenna Marbles. Auch hier gibt es Qualitätsunterschiede, aber das gesamte Genre als niveaulos abzustempeln, finde ich zu einfach, um nicht zu sagen falsch. Und ja: auch eine Grace Helbig ist „Profi“ in dem, was sie macht.

  9.   Oliver

    Ich find‘ sie witzig^^

  10.   MrWho

    Ich würde eher mit der Musikindustrie und Musikinterpreten (wie neuen Bands, so sich diese nicht auflösen) vergleichen als mit Hollywood.

    Dort werden neue Künstler auch häufig mit wenig vorteilhaften Verträgen durch die Unternehmen, welche zu dem Zeitpunkt am längeren Hebel sitzen, gebunden, aus denen man sich erst mit zunehmendem Ruhm lösen kann, manchmal steht am Ende sogar ein eigenes Label usw. Trotzdem hat man zu dem Zeitpunkt häufig kaum mehr Rechte an seinen eigenen Werken aus der Frühzeit.

 

Kommentare sind geschlossen.