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„Marco Polo“: Willkommen im Mainstream

 
© Netflix
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Eine fremde, mysteriöse Welt, ein Ränkespiel aus Familien, Königen und charismatischen Helden, ein bisschen Fantasy, etwas Martial-Arts, die eine oder andere Sexszene und ein internationales Ensemble vor spektakulären Kulissen: Nein, die Rede ist nicht von Game of Thrones, sondern von der neuen Netflix-Serie Marco Polo. Die Vergleiche hinken – und sind dennoch offensichtlich.

Schließlich ist Marco Polo die bis dato wohl eindeutigste Reaktion des Streamingportals auf den Kabelsender HBO. Dessen Game of Thrones ist eine der zurzeit erfolgreichsten Serien im Fernsehen, und Fantasy im historischen Gewand ist auch sonst angesagt bei den Zuschauern. Geschätzte 90 Millionen US-Dollar hat Netflix deshalb in Marco Polo investiert und das Action-Drama um den gleichnamigen italienischen Entdecker an internationalen Schauplätzen gedreht.

Als eine bombastische Serie wurde Marco Polo angekündigt. Als eine Serie, die es einmal mehr mit den Kinofilmen aufnehmen kann. Und als eine Serie, die Netflixs Ambitionen als Inhaltelieferant weiter stärken soll. In fünf Jahren wolle Netflix in den meisten Ländern verfügbar sein, sagte Programmchef Ted Sarandos erst vor wenigen Tagen, und dann möchte man bis zu 20 eigene Serien pro Jahr produzieren. Ambitionierte Pläne, aber der Erfolg gibt dem Unternehmen aus dem Silicon Valley Recht – bis jetzt.

Durchschnittliche Kritiken für Marco Polo

In diese Erfolgsgeschichte passt es nun scheinbar gar nicht, dass Marco Polo allem Bombast zufolge offenbar nicht zündet. Die Kritiken sind äußerst durchschnittlich. Als eine „bombastische Leere“ bezeichnet Oliver Kaever die Serie auf ZEIT ONLINE, „nicht-so-episch episch“ titelt der AV Club, TIME nennt es ein „irrsinniges Chaos“. Auf Metacritic hat die Serie aktuell einen Kritiker-Score von 47 von 100.

Solche Reaktionen kennt man nicht bei Netflix. Und das, obwohl längst nicht alle eigenproduzierten ein Hit waren: Lilyhammer, Hemlock Grove und auch die vierte Staffel des wiederbelebten Arrested Development waren alles andere als perfekt. Doch sie wurden eben nicht als Flaggschiff-Shows beworben, die Netflix neue Abonnenten rund um den Globus besorgen sollten. Und unter den Kritikerlieblingen House of Cards, Orange is the New Black und auch Bojack Horseman sind sie leicht zu vergessen.

Bei Marco Polo wird das aufgrund der riesigen PR-Kampagne und Kosten schwieriger. Doch hat Netflix mit der der Serie den ersten großen Flop gelandet?

Nicht unbedingt. Auch wenn die genauen Zahlen nur Netflix selbst kennt und wie ein Geheimnis behütet, dürfte die Serie genau die Lücke zu den massenkompatiblen Inhalten füllen, die Netflix bis dato fehlte. Denn eines man darf nicht vergessen: Trotz aller positiven Stimmen waren die Netflix-Serien keine Crossover-Hits. House of Cards etwa wurde im deutschen Free-TV aufgrund miserabler Quoten mit einem Marathon schnell wieder beendet.

Netflix sucht die Mainstream-Lücke

Für den internationalen Erfolg aber braucht Netflix nicht nur anspruchsvolle Dramaserien, sondern eben auch andere Inhalte. Mit Marco Polo kommt Netflix deshalb in Sachen Eigenproduktionen endgültig im Mainstream an. Es ist Bombastfernsehen auf dem Stand der Zeit, hochpoliert, erzähltechnisch altbekannt und mit einigen Schockmomenten versehen. Das muss den Kritikern nicht gefallen, solange es die Nutzer letztlich angucken. Und tatsächlich sind die Metacritic-Bewertungen der Nutzer weitaus besser als die der Kritiker.

Für die Konkurrenz von HBO, dem traditionellen Fernsehen und anderen On-Demand-Diensten wie Amazon dürfte Marco Polo am Ende sowohl eine gute als auch eine schlechte Nachricht darstellen. Schlecht, weil Netflix das Geld hat, um solche Serien überhaupt erst zu produzieren und dies auch in Zukunft weiter tun wird. Gut, weil sich auch Netflix nicht darauf verlassen kann, mit jeder neuen Serie die Fernsehgeschichte neu zu erfinden.