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Feature

“BoJack Horseman”: Erzähl mir was vom Pferd

Von 22. Oktober 2014 um 15:40 Uhr
bojack horseman

© Netflix

Und dann kann man Pferde kotzen sehen. Am Ende der ersten Folge übergibt sich BoJack Horseman, Protagonist der gleichnamigen animierten Serie über den Balkon seines Anwesens in den Hollywood Hills. Ob es die Zuckerwatte war, die Pferde offenbar nicht vertragen, oder doch die Erkenntnis, dass seine Autobiografin und Ghostwriterin Diane ausgerechnet mit dem Schauspieler-Rivalen und dauerhechelnden Labrador Mr. Peanutbutter zusammen ist, bleibt fürs Erste unbeantwortet.

Moment, bitte was? Kotzende Pferde, sprechende Hunde, die Sex mit Menschen haben, Hollywood? Ja, es ist schon eine seltsame Welt, die BoJack Horseman seinen Zuschauern öffnet. Es überrascht nicht, dass sich einige Rezensenten bereits nach der ersten Folge wieder verabschiedet haben.

Doch sie verpassen etwas. Die Eigenproduktion des Streaming-Anbieters Netflix ist nämlich die beste Animationsserie für Erwachsene des Jahres. Dass Netflix für die Sprecherrollen bekannte Namen wie Will Arnett, Aaron Paul und Alison Brie gewinnen konnte, zeigt, wie ernst es das Unternehmen meint. Nach den erfolgreichen Dramaserien House of Cards und Orange is the New Black möchte Netflix künftig auch mit Animation punkten.

Die Hauptfigur BoJack Horseman war von den späten Achtzigern bis in die Neunziger der Star der Kult-Sitcom Horsin’ Around. Geliebt von den Zuschauern, umgarnt von Hollywood. Doch nach dem Ende der Serie lief es nicht mehr rund, BoJacks Karriere erinnert mehr an Charlie Sheen als an Seinfeld: Der Suff, die Frauen, die Depressionen – inzwischen wankt der auf zwei Beinen stehende Hengst gewaltig. Mithilfe seiner Agentin, der pinken Perserkatze Princess Carolyn, und seines schmarotzenden Mitbewohners Todd soll BoJack endlich wieder Fuß in der Unterhaltungsindustrie fassen. Seine Memoiren sollen den abgehalfterten und missmutigen Star wieder ins Gespräch bringen.

Medienkritik und Popkultur

Was den Zuschauern neben dem etwas retromäßigen Animationsstil auffällt, ist das kuriose Ensemble. Anthropomorphisierte Figuren sind in Trickfilmen zwar üblich, doch selten wurde das Zusammenleben zwischen Menschen und Tieren so normal wie bizarr erzählt. An keiner Stelle werden die Unterschiede explizit erwähnt und doch können sich die tierischen Protagonisten ihrer Herkunft nicht verwehren: Princess Carolyn hat einen Kratzbaum in ihrem Büro stehen, ein Navy Seal ist tatsächlich ein Seehund, ein Leichenbestatter kriecht in Form einer Made um einen Sarg herum, und BoJacks Verleger arbeitet für Penguin Publishing und ist, na klar, ein Pinguin.

Dass dieser kontinuierlich um seine Existenz bangt und unter anderem die Konkurrenz aus dem Netz von BuzzFeed fürchtet, ist eine der eindeutigeren Anspielungen auf den Konkurrenzkampf zwischen den traditionellen und den neuen Medien, die BoJack Horseman immer wieder einfließen lässt. So viel Meta-Medien-Kritik muss sein, schließlich hat Netflix als Streamingportal dem klassischen Fernsehen den Kampf angesagt.

Andere Gags sind subtiler. Zwar kommt BoJack Horseman um einige tief hängende Witze über Sexspielzeug und Stereotype nicht herum. Doch ähnlich wie in Arrested Development gelingt es den Autoren, im Verlauf der zwölf Folgen ein Netz aus Referenzen, aus Call-Backs und Cut-Aways zu spannen. Einige Anspielungen erklären sich erst nach mehreren Episoden, andere sind so unauffällig, dass man sie erst beim zweiten Mal versteht. 136 versteckte Easter-Eggs hat BuzzFeed in der ersten Staffel entdeckt.

© Netflix

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Heiter an der Oberfläche, bitter im Kern

Dass dies funktioniert, liegt an der für Animationsserien ungewöhnlichen Chronologie, die BoJack Horseman verfolgt. Serien wie die Simpsons oder Family Guy bestehen aus in sich abgeschlossenen Folgen. BoJack Horseman dagegen erzählt in den zwölf Episoden der ersten Staffel eine durchgehende Geschichte. Die wird zwar ebenfalls in jeder Folge durch zusätzliche Handlungsstränge angereichert, doch je länger die Serie geht, desto vielschichtiger wird sie.

In dieser Hinsicht ist BoJack Horseman eine typische Netflix-Serie. Jede Episode geht ohne Rückblick in die andere über, was das von Netflix propagierte binge-watching vieler Folgen am Stück nicht bloß zur Option, sondern fast zur Pflicht macht.

Auf der einen Seite ist BoJack Horseman eine beißende Satire der Medien- und Unterhaltungsbranche. Es geht um die bekannte Geschichte des schnellen Aufstiegs und des langsamen Falls. In der Hollywood-Mühle gefangen versucht BoJack vor allem, möglichst viel Ruhm und Anerkennung zu erlangen. Und er ist nicht allein: Seine frühere Sitcom-Kollegin hat sich von einem Teeniestar zu einem dauerfeiernden Drogenwrack gewandelt, seine Agentin steht ebenso unter Druck wie die Autorin Diane, die eigentlich lieber Romane schreiben möchte und aufgrund ihrer besonnenen Art inmitten der Hollywood-Chaoten deplatziert wirkt. In BoJack Horsemans Welt ist niemand wirklich glücklich.

© Netflix

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Das ist die andere Seite der Serie, die Margaret Lyons von Vulture als die “lustigste Show über Depression alle Zeiten” bezeichnet. BoJack ist ein Rüpel, der seine Freunde mit Ignoranz und Lügen bestraft. Doch seine Beweggründe sind nur allzu menschlich. An den Rückblicken auf seine schwere Kindheit und der Erzählung seines schwierigen Verhältnisses zu seinem inzwischen krebskranken Entdecker und Mentor zeigt sich die Komplexität der Serie.

BoJack Horseman führt die Zuschauer in eine Welt aus bunten Tieren und zahlreichen Gags. Hinter denen versteckt sich jedoch ein ernsthafter Kern, der von Animationsserien bis dato kaum oder gar nicht verarbeitet wurde. Netflix, das nicht auf Quoten angewiesen ist, kann sich dieses erzählerische Risiko erlauben. In gewisser Hinsicht ist die Serie so bipolar wie ihr Protagonist: Hier steht ein kotzender Alphahengst, der immer einen flotten Spruch auf den Lippen hat. Dort ein Mensch, der nach dem Sinn in seinem Leben sucht.

“BoJack Horseman” läuft auf Netflix in Englisch, auf Deutsch und mit Untertiteln. Mehr Informationen über Netflix finden Sie hier.

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Star Wars Uncut: “The Empire Strikes Back”

Von 13. Oktober 2014 um 14:10 Uhr
Darth Vader mit Googly Eyes

Kann man machen: Darth Vader mit Googly Eyes

Star Wars Episode VII kommt erst im nächsten Jahr in die Kinos. Doch die Fans der Weltraumsaga haben mindestens genauso sehnsüchtig einen weiteren Film erwartet: Star Wars Uncut: The Empire Strikes Back. Der zweite Teil der wohl wildesten, buntesten und vielleicht auch besten Fanverfilmung aller Zeiten ist seit dem vergangenen Wochenende im Netz zu sehen.

Die Idee hinter Star Wars Uncut datiert in das Jahr 2009 zurück: Der damalige Vimeo-Entwickler Casey Pugh teilte den ersten Star Wars-Film in 472 Einzelszenen ein. Jede war genau 15 Sekunden lang. Im Internet rief er die Fans anschließend auf, sich eine Szene rauszupicken und sie zu verfilmen. Die Anforderungen waren gering: Ob Animationen, Stop-Motion, Live-Action oder Puppenspiel, so ziemlich alles war erlaubt. Hauptsache, sie enthielten die Dialoge des Originals und die Szenen und Figuren waren zumindest grob erkennbar.

Die Einsendungen erschienen anschließend auf der Website des Projekts, für das Pugh 2010 sogar einen Emmy in der Kategorie “Interactive Ficiton” gewann. Doch erst zwei Jahre später erschien der Film dann komplett zusammengeschnitten auf Vimeo. So lange dauerte es, bis die Rechte geklärt waren. Die Reaktionen auf den Film waren riesig, auch wir vom Netzfilmblog haben damals berichtet.

1.500 Einsendungen

Mit The Empire Strikes Back Uncut erscheint nun der zweite Teil des Crowdsourcing-Projekts. Gleiche Idee, anderer Film. Mit einem Unterschied: Diesmal haben sich Initiatoren bereits vorab die Erlaubnis von Lucasfilm (inzwischen Teil von Disney) geholt, weshalb der Film auch im offiziellen Star Wars-Kanal auf YouTube läuft und mit einem Hinweis auf die anstehenden Fan Film Awards versehen ist.

1.500 Einsendungen kamen für die insgesamt 480 Einzelszenen zusammen. Die haben es wieder in sich. Wie schon der erste Teil ist Star Wars Uncut auch in der zweiten Ausgabe vor allem eine Ode an die Kreativität. Jede Einzelszene trägt unweigerlich den Charme ihrer Macher. Die Qualität variiert, verwackelte Handyaufnahmen treffen auf semiprofessionelle Animationen, aufwendige Kostüme auf kuriose Improvisationen, aber genau diese wilde Mischung macht Star Wars Uncut aus.

Kann man das überhaupt am Stück angucken? Sicher, aber mit über zwei Stunden Laufzeit strapaziert die bunte Collage die Aufmerksamkeitsspanne seiner Zuschauer. Deshalb reicht es manchmal auch, immer mal wieder durchzuzappen. Denn witzige Ideen, kulturelle Referenzen (zum Beispiel an Minecraft oder Edvard Munchs Der Schrei) gibt es in Star Wars Uncut im Minutentakt.

Fanverfilmungen als akzeptiertes Genre

Star Wars Uncut war nicht die erste Fanverfilmung, die im Internet entstanden ist, aber sie hat das Genre wesentlich mitgestaltet. Gemeinsam mit Projekten wie Jamie Bennings Filmumentarys, aber auch mit den immer beliebteren Supercuts oder Beiträgen aus der Fan Fiction, haben inzwischen viele Rechteinhaber erkannt, dass die Kreativität der Fans ihrem Produkt nicht schadet. Im Gegenteil, es wird dadurch sogar aufgewertet.

Dass Disney dem Projekt inzwischen offiziell unterstützt, ist vielleicht die größte Leistung von Star Wars Uncut: Es ist ein dezenter Hinweis, dass Mash-ups als Kulturtechnik langsam, aber sicher an Ansehen gewinnen. Vor allem, wenn sie so kreativ sind wie Star Wars Uncut. Möge die Crowd mit ihnen sein!

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Kutiman: Sein Instrument heißt YouTube

Von 24. September 2014 um 08:52 Uhr
Give it Up Kutiman

© Screenshot

Für Ophir Kutiel beginnt dieser Abend im Jahr 2009 wie einer von vielen. Der israelische Musiker klickt sich auf YouTube auf der Suche nach Inspiration und Tipps durch Videos von Schlagzeugern, als ihm zum wiederholten Mal eine Archivaufnahme des legendären Drummers Bernard Purdie begegnet. Kutiel gefällt der Beat und er beginnt, das YouTube-Video mit seinem eigenen Bass und Keyboards anzureichern. Am nächsten Morgen hat Kutiel nicht nur einen neuen Song zusammen, sondern eine Idee: Was wäre, wenn er ein komplettes Album aus YouTube-Videos aufnehmen könnte?

Knapp zwei Monate später veröffentlicht Kutiel, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Kutiman, das Projekt Thru You auf einer Website, die vom Design an das damals noch immer verhältnismäßig junge YouTube angelehnt ist. Sieben Songs hat Kutiman dafür aufgenommen, oder besser: zusammengemischt. Denn Thru You besteht allein aus den Einzelvideos von Hobby- oder semiprofessionellen Musikern: hier ein Drumbeat, hier ein Gitarren-Riff und dort eine geloopte Stimme, alles passgenau zusammengeschnitten in eine Melange aus Funk und Soul.

Thru You ist ein Erfolg für den damals 27-jährigen Kutiman, der bereits mit sechs Jahren Klavier spielte und später Jazz am Rimon Music College in Tel Aviv studierte. “Ich war darauf nicht vorbereitet”, sagt Kutiman heute, der es mit Thru You bis in die Feuilletons schafft und dessen Karriere durch das Projekt einen großen Schub bekommt, obwohl er zu dem Zeitpunkt bereits ein respektables Debütalbum veröffentlicht hatte.

Zwei Jahre später tritt er als Vorband seines Idols DJ Shadow in Tel Aviv auf, die Poprocker von Maroon 5 klopfen an und möchten einen Remix im Stile von Thru You. Kutiman reist um die Welt und bastelt neue Videos aus den Sounds von Tokio, Krakau und Jerusalem und spielt mit einem Streichorchester im New Yorker Guggenheim Museum.

Thru You Too heißt der Nachfolger

Jetzt, fünf Jahre nach Thru You, steht der Nachfolger des Projekts an. Vergangene Woche veröffentlichte Kutiman mit Give it Up den ersten Track von Thru You Too auf YouTube, ein zweiter folgte am Dienstag. Das komplette Album soll am 1. Oktober erscheinen – natürlich gratis im Netz, “dort kommt es her, dort gehört es hin”, sagt Kutiman.

Das Prinzip ist das gleiche, die Ergebnisse ähnlich faszinierend. Erneut gelingt es Kutiel, aus teilweise obskuren Einzelvideos zusammenhängende Lieder zu komponieren. Der erste Song Give it Up enthält unter anderem das Klavierspiel einer Sechsjährigen und den sanften A-capella-Gesang einer Frau, aufgenommen mit der Smartphone-Kamera.

Keine 20.000 Abrufe hatte das Video, bevor es Kutiman entdeckte. “Ich verbringe viel Zeit auf YouTube”, erklärt Kutiman gegenüber Billboard seinen Arbeitsprozess, “manchmal mache ich einfach 20 Browser-Tabs mit Bass-Spielern auf und höre, welches am besten passt.” Knapp vier Monate hat die Arbeit an Thru You Too gedauert.

Eine Hommage an die YouTube-Generation

Kutimans Ansatz ist nicht neu, folgt er doch der Tradition des Samplings, das vor allem im Hip-Hop und der elektronischen Musik seit Jahrzehnten verbreitet ist. Doch mit Thru You gelang es ihm mithilfe von YouTube, den Samples ein Gesicht zu geben. Denn tatsächlich entfalten die Songs erst gemeinsam mit den Videos, im Zusammenspiel mit dem Ausgangsmaterial ihre Wirkung.

In dieser Hinsicht sind Thru You und sein Nachfolger sowohl virale Meta-Mashups als auch eine Hommage an YouTube, das einen maßgeblichen Anteil an der jüngeren Remix-Kultur hat und noch weitere bekannte YouTube-Künstler hervorbrachte: Den Australier Pogo etwa, der mit seinen Disney-Mashups bekannt wurde. Oder Andrew Huang, der seine Lieder regelmäßig aus Alltagsgegenständen komponiert.

Wie seit jeher das traditionelle Sampling, bleibt das YouTube-Sampling allerdings nicht ohne Gefahren im Sinne des Urheberrechts. Denn Kutiman fragt die Urheber der Clips nicht um Erlaubnis, auch wenn er ihnen stets kollektiv dankt und die Credits unter den Songs mitliefert. Dennoch kritisierte die Cellistin, die in Give it Up vorkommt, zunächst, dass Kutiman ihr Video ungefragt verwendet hat. Inzwischen habe man die Sache aber besprochen und sie sei glücklich, ein Teil des Projekts zu sein, heißt es.

1,5 Millionen Abrufe zählt Give it Up bereits nach einer knappen Woche und lässt keinen Zweifel daran, dass Thru You Too ein ähnlicher Erfolg wird wie sein Vorgänger. Ophir Kutiel sind die Klickzahlen egal. “Es geht mir nicht um Geld”, sagt er. Überhaupt könne er schlecht Profit aus den Videos anderer Menschen schlagen. Dass er ihnen einen Teil seiner Karriere verdankt, ist schließlich schon genug.

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Webvideopreis 2014: Viele Rapper, wenig Frauen

Von 25. Mai 2014 um 11:28 Uhr
Die Außenseiter überreichen Moderator Klaas eine Wurst (C. Wolff/Flickr, CC BY 2.0)

“Die Außenseiter” überreichen Moderator Klaas eine Wurst (C. Wolff/Flickr, CC BY 2.0)

Dieses Jahr kam dann also doch der rote Teppich raus, sorgfältig ausgerollt auf dem Vorhof des Düsseldorfer Capitol Theaters. Vergangenes Jahr wählten die Veranstalter des Deutschen Webvideopreises noch die blaue Variante. Doch da gab es auch noch weniger Kamerateams, die den geladenen Gästen auf Schritt und Tritt folgten.

Zum vierten Mal wurden am Samstagabend die “Oscars der Generation YouTube” für die besten deutschsprachigen Webvideos des vergangenen Jahres verliehen. Die Gewinner in den insgesamt 14 netzaffinen Kategorien bestimmten zur Hälfte die Menschen im Netz, indem sie die nominierten Videos in den sozialen Netzwerken teilten. Die andere Hälfte der Stimmen kam von den Mitgliedern der European Web Video Academy, zu denen auch die Vorjahresgewinner zählten. 7.000 Videos wurden in diesem Jahr eingereicht, 78 schafften es in die Endauswahl.

Joko, Klaas und die Droge Internet

Dass der Preis von einem kleinen YouTuber-Klassentreffen zu einer der größten deutschen Webvideo-Veranstaltungen herangewachsen ist, zeigte sich schon vergangenes Jahr mit dem Umzug in das Düsseldorfer Capitol. Und auch diesmal präsentierte sich die deutsche Webvideoszene als eine Sammlung junger Menschen, die wahlweise in Anzug, Abendkleid oder auch im Bademantel durch die Menge flanierten, stets begleitet von Kameras in allen Formen und Größen.

Durch die Veranstaltung führten erstmals Joko und Klaas, das eingespielte Moderatoren-Team von Circus Halligalli. Ausgerechnet die vom Fernsehen, könnte man sagen. Doch die beiden spielten geschickt mit ihrer Rolle als Vertreter des “alten Mediums Fernsehen” im Angesicht der “Droge Internet”, wie sie scherzhaft die Show eröffneten.

Dem Preis tat diese frische Moderation gut. Joko und Klaas feixten und witzelten kurz mit den Gewinnern jeder Kategorie auf der Bühne und nicht zuletzt auch mit sich gegenseitig. Überhaupt waren Bühnenbild und Ablauf in diesem Jahr dynamischer, die Gala wirkte insgesamt weniger gedrungen als noch bei der letzten Ausgabe.

Berliner YouTube-Stars und bayrische Obsthändler

Unter den Gewinnern fanden sich erneut eine bunte Mischung aus Musik, Games und auch den ein oder anderen kuriosen Beitrag, wie der des Hobbybastlers Jörg Sprave in der Kategorie OMG, in dem er eine nicht ganz ernst gemeinte Apparatur zum schmerzhaft-fachgerechten Anlegen von Kondomen vorstellte.

Auch die bekannten deutschen YouTuber durften nicht fehlen: Dr. Allwissend gewann in der Kategorie FAQ mit einer Erklärung, wieso die Menschen von Natur aus schüchtern sind. LeFloid, aktuell für den Grimme Online Award nominiert, war in der Kategorie VIP mit seiner kreativen Nachrichtensendung LeNews erfolgreich. Und auch der Videospieler Gronkh durfte sich nach einer Pause im vergangenen Jahr wieder freuen: Seine 1000. Episode des Spiels Minecraft wurde in der Kategorie Let’s Play nominiert – Gronkh bedankte sich stilecht per Videogruß aus Los Angeles.

In der Kategorie Action gewann Sebastian Linda. Den Leipziger Filmemacher und seinen Skateboard-Film The Revenge of the Beasts hatten wir auch auf ZEIT ONLINE bereits porträtiert. Sein Beitrag ist ebenso künstlerisch wertvoll wie der Song S.p.a.m. der beiden Berliner Musiker Fewjar, die in der Kategorie Now Playing gewannen – und dafür großen Applaus bekamen.

Und dann war da noch Didi, bürgerlich Dieter Schweiger. Seit 30 Jahren betreibt Didi einen Obststand an der LMU München und seit diesem Jahr ist er auch Webvideo-Star. Ein bewusst überdrehter Imagefilm für seinen Obststand gefiel dem Publikum so gut, dass es ihn in der Kategorie Win zum Sieger wählte. “Ich habe zwar eine Facebook-Seite”, sagt Didi, aber er selbst würde nur selten “ins Kastl gucken”, wie er den Computer nennt. Mit den jungen Menschen fühle er sich aber dennoch verbunden. Die seien schließlich seine besten Kunden.

Der Auftritt des Münchner Obsthändlers war eines von zwei großen Highlights. Das andere war ein Auftritt mehrerer YouTuber, die gemeinsam den Song Hey, Mr. Nazi coverten. Die Aktion gegen Fremdenhass war ein Erfolg auf YouTube und zeigte auch beim Deutschen Webvideopreis das Potenzial des Mediums für gesellschaftskritische Themen und gemeinschaftliche Aktionen – auch wenn der Rapper Simon Desue zwischendurch seinen Text vergaß. Doch ein bisschen Improvisation gehört eben auch zum Webvideopreis.

Rapper, Würste, Penisse

Gleich in drei Kategorien, Newbie, AAA und Epic, gewann der Rapper Kollegah. Kollegah hatte erst vor einem halben Jahr seinen YouTube-Kanal Bosshaft TV gestartet und bereits über 46 Millionen Abrufe gesammelt. Nicht überraschend, steht er doch aktuell ganz oben in den Charts und hat über 1,5 Millionen Facebook-Likes. Dass er dadurch einen kleinen Wettbewerbsvorteil im Beliebtheits-Voting hatte, kann wohl niemand abstreiten. Gleichzeitig zeigt es die Probleme eines Publikumspreises, wenn ein klassisches Musikvideo dadurch gleich dreimal YouTube-Formate aussticht.

Als Kollegah am Ende noch den Hauptpreis in der Kategorie Epic einheimste, kamen sogar vereinzelte Buh-Rufe auf. Diesen Erfolg gönnten die Webvideo-Fans im Saal dem Musiker dann offenbar doch nicht. Zumal dieser bereits bei der Annahme des Preises in der Kategorie Newbie für Unmut sorgte, als er einen Freund auf die Bühne bat, der prompt die Hose runterzog und anschließend zwei Biergläser auf die Bühne warf.

“Jetzt haben wir wohl unser eigenes Penisgate”, sagte der Veranstalter Markus Hündgen etwas zerknirscht. Besonders gefallen haben dürfte ihm der kleine Skandal nicht, denn die Gala wurde auch live auf YouTube ins Netz gestreamt und sollte eigentlich jugendfrei sein. Dass wenig später eine Düsseldorfer Metzgerei Würste an das Publikum verteilte, machte die Witze auf und abseits der Bühne nicht besser. Das offizielle Hashtag #wvp14 stünde in Wahrheit für “Webvideopenis”, twitterte der Journalist Daniel Fiene.

Wo waren die Frauen?

Insgesamt präsentierte sich der Deutsche Webvideopreis 2014 als eine testosterongeschwängerte Angelegenheit: Von den beiden männlichen Gastgebern hin zu den Nominierten gab es vor allem: viel Krawall, viel Geballer, viele Muskeln und viel Alltagssexismus in lustigen Reimen und bunten Bildchen verpackt. Etwas, das leider noch immer die Vorurteile gegenüber der YouTube-Szene in Deutschland bestätigt, obwohl diese längst mehr zu bieten hat.

Die größere Enttäuschung aber ist, dass der Preis die Frauen der Szene nahezu komplett ausblendete. Am Ende standen Gewinner in 14 Kategorien gemeinsam auf der Bühne – es war keine einzige Frau dabei. Zwar waren unter den Nominierten mehr Webvideomacherinnen als noch in den vergangenen Jahren, doch gegen die bekannten männlichen Stars konnten sie beim Publikum nicht bestehen.

Das hatte Marie Meimberg schon vor der Gala erwartet. Die Berlinerin war in der Kategorie Newbie mit einem Video nominiert, in dem sie zeichnet, wie ihr Opa Fahrrad fahren lernt. Dass sie gegen die Konkurrenz um Rapper Kollegah allenfalls eine Außenseiterchance hatte, war ihr klar: “Ich bin trotzdem froh, dass inzwischen mehrere Frauen nominiert waren, die nicht bloß Schmink-Videos drehen”, sagte Meimberg nach der Veranstaltung.

Auch der Veranstalter Markus Hündgen zeigte sich am Ende überrascht, dass es nicht eine Frau bis auf die Bühne schaffte. “Wir hoffen und arbeiten daran, dass der Anteil weiblicher Webvideomacher in den nächsten Jahren weiter steigt”, sagte Hündgen. Dem Deutschen Webvideopreis und der gesamten deutschen YouTube-Szene stünde das mindestens genauso gut wie die Abendgarderobe auf dem roten Teppich.

Alle Gewinner des Deutschen Webvideopreis gibt es hier in der Übersicht.

Kategorien: Feature

Netflix: Die Hoffnung der Serienjunkies

Von 21. Mai 2014 um 15:22 Uhr
Netflix-CEO Reed Hastings (Archivbild © Getty Images)

Netflix-CEO Reed Hastings (Archivbild © Getty Images)

Die Zahlen sind und bleiben beeindruckend: In den Abendstunden entfallen inzwischen 34 Prozent des gesamten Internetverkehrs in den USA auf das Videoportal Netflix. Das ist so viel, dass das Unternehmen vor einigen Monaten sogar die großen Internetanbieter dafür bezahlte, die Streams der Filme und Serien doch bitte möglichst ruckelfrei durchzuleiten – und damit eine neue Diskussion um das sogenannte Zwei-Klassen-Internet auslöste.

Jetzt kommt Netflix nach Deutschland, das bestätigte das US-Unternehmen am Mittwoch. Bis jetzt war der Video-on-Demand-Dienst (VoD) in Europa lediglich in den skandinavischen Ländern, den Niederlanden und Großbritannien vertreten. Ein offizielles Datum für den deutschen Start gibt es noch nicht, es dürfte Insidern zufolge aber auf Ende des Jahres hinauslaufen.

Vor einigen Jahren machte Netflix seinen Hauptumsatz noch mit dem Verleih von DVDs per Post, inzwischen ist das börsennotierte Unternehmen der größte und bekannteste Streamingdienst für Filme und Serien der Welt. In den USA kostet die monatliche Mitgliedschaft gerade einmal 8,99 Dollar, dafür bekommen die Kunden die größte Auswahl an TV-Inhalten im Netz geboten. Wie es im aktuellen Geschäftsbericht heißt, glaubt Netflix, dass das internationale Geschäft den US-Markt früher oder später überholen wird.

Mit selbst produzierten Serien zum Erfolg

In den USA ist Netflix längst eine kulturelle Institution. Mit mehr als 30 Millionen Abonnenten hat der Dienst in den USA mehr Kunden als der Kabelkanal HBO, mit dem Netflix oft verglichen wird. Ab Mitte der neunziger Jahre revolutionierte HBO mit Serien wie den Sopranos, The Wire und Six Feet Under das amerikanische Fernsehen: Sozialkritische Themen, komplexe Erzählungen, Antihelden und bisweilen explizite Sex- und Gewaltdarstellungen – all das galt im quotengetriebenen TV-Geschäft als Kassengift. Doch je mehr Zuschauer zu HBO wechselten, desto mehr öffneten sich die Fernsehsender neuen Inhalten.

Auch Netflix betreibt hochwertiges Original Programming, wie die Produktion eigener, exklusiver Inhalte heißt. Und revolutioniert damit ebenfalls die Branche: Als das Unternehmen vor zwei Jahren erstmals die selbst produzierte Serie House of Cards mit Oscar-Gewinner Kevin Spacey in der Hauptrolle ankündigte, war das eine Zäsur in der Filmindustrie. Zuvor waren Streamingdienste vor allem Zweitverwerter, die Inhalte von den Produktionsstudios, von den Kabelsendern und internationalen Verleihen für viel Geld einkauften.

Netflix hat gezeigt, dass auch ein reiner Onlinedienst qualitativ mit den Fernsehprogrammen mithalten kann. 100 Millionen US-Dollar soll die erste Staffel von House of Cards gekostet haben. Wie viele Abonnenten die Serie tatsächlich sahen? Darüber schweigt Netflix bis heute. Doch kaum jemand bezweifelt, dass es sich gelohnt hat. Inzwischen hat das Unternehmen ein halbes Dutzend Originalserien im Angebot, neben House of Cards die Gefängnisserie Orange is the New Black, die wiederbelebte Sitcom Arrested Development und die Horrorserie Hemlock Grove. Mehrere exklusive animierte Kinderserien sind noch für dieses Jahr geplant.

Die Möglichkeiten des Web nutzen

Netflix möchte aber nicht bloß qualitativ mit dem klassischen Fernsehen mithalten, sondern auch die Sehgewohnheiten revolutionieren. Der Autor Tim Wu nennt es einen “Krieg gegen die Massenkultur”. Da Netflix – wie auch HBO – nicht auf Quoten und Werbung angewiesen ist, können sie ihre Inhalte anders ausliefern. So, wie es die Zuschauer eigentlich bevorzugen, glaubt das Unternehmen. Serien wie House of Cards strahlt das Portal deshalb nicht nacheinander aus, sondern bietet die komplette Staffel auf einmal an, damit die Zuschauer sofort eintauchen können. Das sogenannte binge viewing, der Konsum von Serien am Stück, ist dank Netflix zum geflügelten Wort in der Branche geworden.

Zum anderen nutzt das Portal die Möglichkeiten der Vernetzung und Big Data: Netflix kennt das Sehverhalten seiner Nutzer ganz genau. Auf die Minute genau kann das Portal analysieren, wann ein Zuschauer was guckt und wann er ausschaltet. Auf Basis der Vorlieben ist es Netflix möglich, individuelle Programmpläne und Empfehlungen zu erstellen. Der Vorteil des Streamings: Die Inhalte sind jederzeit verfügbar, und die Zuschauer sind, im Gegensatz zum linearen Fernsehen, auf Netflix ihre eigenen Programmdirektoren. Wie Tim Wu schreibt, wird diese Form des “Konsums per Mausklick” für die kommenden Generationen die erste Wahl sein.

In Deutschland ist noch Platz für Netflix

In Deutschland betritt der Dienst einen Markt, der zwar nicht groß, aber zersplittert ist. Mit Apple iTunes, Google Play und Amazon Prime Instant Video (ehemals Lovefilm) sind zum einen drei große Konzerne mit ihren Filmplattformen bereits vertreten. Auf der anderen Seite stehen die klassischen VoD-Portale: Maxdome, ein Angebot von Pro7/Sat1, Watchever, das von der französischen Vivendi-Gruppe betrieben wird, oder Videoload von der Deutschen Telekom. Dazu kommen Portale von Kabelanbietern wie Kabel Deutschland oder Vodafone, sowie Nischendienste wie etwa realeyz für Arthouse-Filme oder das werbefinanzierte Netzkino.

Stefan Schulz, Geschäftsführer von Watchever, sieht die drohende Konkurrenz gelassen. Man sei stark genug, um auch gegen Netflix bestehen zu können. Tatsächlich arbeitet auch Watchever inzwischen an Eigenproduktionen und trumpft mit Inhalten aus dem europäischen Ausland auf wie der Zombieserie The Returned.

Doch können die deutschen Anbieter auf Dauer mit dem weltweiten Marktführer mithalten oder entscheiden sich die Kunden nicht zuletzt doch nur für den Dienst, der sowohl die beste Auswahl als auch die beste Umsetzung hat?

In nahezu allen gängigen Spielkonsolen, mobilen Betriebssystemen, Set-Top-Boxen, Smart-TVs und Streaming-Sticks wie Chromecast ist Netflix als App bereits integriert – ein technischer Vorsprung, der für deutsche Anbieter nur schwer aufzuholen ist. Zudem könnte Netflix als US-Unternehmen etwas mitbringen, das die deutschen Plattformen noch immer nicht für alle Inhalte anbieten: eine Bibliothek an Filmen und Serien im Originalton, am besten natürlich möglichst aktuell.

Möglicherweise könnte Netflix eigene Serien nicht streamen

Doch ausgerechnet hier könnten die Erwartungen enttäuscht werden. Die Hoffnung, dass Netflix in Deutschland für einen monatlichen Abo-Preis von etwa 10 Euro das komplette US-Serienangebot abdeckt, dürfte sich kaum bestätigen. Dafür sind die Lizensierungsmodelle zu komplex, zumal diese oft von Land zu Land verschieden sind, und in Deutschland die bestehenden Plattformen bereits exklusive Deals mit Studios und Verleihen abgeschlossen haben.

Ein Beispiel: Amazon hatte sich vor wenigen Wochen die Rechte an älteren HBO-Serien gesichert. Sollte der Deal international gelten, hätte Amazon auch in Deutschland einen Vorteil gegenüber Netflix. Aktuelle HBO-Serien wie Game of Thrones oder True Detective dagegen wird es zunächst weder bei Amazon noch auf Netflix per Stream geben – die laufen nämlich exklusiv auf Sky.

Es könnte noch kurioser werden, nämlich wenn Netflix seine eigenen Serien in Deutschland nicht streamen dürfte. Der deutsche Sky-Programmchef Gary Davey sagte Die Presse im Januar als Antwort auf eine mögliche Netflix-Expansion, dass Netflix’ House of Cards “nicht in absehbarer Zeit” in Deutschland zeigen könne, da Sky die Rechte für Deutschland besitzt.

Am Ende wird es auf die Frage hinauslaufen, ob Netflix es gelingt, seine ebenso große wie aktuelle Bibliothek von Filmen und Serien im schwierigen deutschen Markt zu etablieren. Im besten Fall könnte Netflix in Deutschland das Gleiche gelingen wie in den USA: Dort ist das Streaming nicht mehr bloß eine Ergänzung zum traditionellen Fernsehen, sondern eine Alternative.

Kategorien: Feature

Maker-Übernahme: Disney sucht den Superstar

Von 26. März 2014 um 15:18 Uhr
PewDiePie mit seiner Freundin (Screenshot YouTube)

PewDiePie mit seiner Freundin (Screenshot YouTube)

Es ist ein Aufeinandertreffen von old media und new media: Der Medien- und Filmkonzern Disney kauft das YouTube-Netzwerk Maker Studios für 500 Millionen US-Dollar. Sollten vereinbarte Geschäftsziele erreicht werden, erhöht sich der Preis um weitere 450 Millionen. Es geht also um fast eine Milliarde Dollar – und die Frage, woher die nächsten Film- und Entertainment-Stars kommen.

Mit Disney steigt die dritte Hollywood-Größe innerhalb eines Jahres ins YouTube-Geschäft ein. Dreamworks übernahm bereits im vergangenen Jahr das Netzwerk Awesomeness TV für 150 Millionen US-Dollar. Die Konkurrenz von Warner investierte vor wenigen Wochen in das Gaming-Netzwerk Machinima.

Bei allen handelt es sich um sogenannte Multi-Channel-Networks (MCN). Diese Netzwerke bündeln eine Vielzahl von Kanälen, im Fall von Maker sind es rund 55.000, die auf bis zu 5,5 Milliarden Abrufe im Monat kommen.

Die Netzwerke sorgen nicht nur für die Vermarktung und PR ihrer Partner, sondern entwickeln auch neue Formate, bieten Produktionsstätten und bringen Partner für Kollaborationen zusammen. Für diesen Service bekommen sie einen Teil der Werbeeinahmen, die YouTuber für jedes Video erhalten. Wie kürzlich der Fall von Grace Helbig zeigte, laufen diese Geschäftsbeziehungen nicht immer problemlos, aber die meisten erfolgreichen YouTuber sind inzwischen Teil von Netzwerken.

Doch was genau erhofft sich Disney von diesem Geschäft?

Der Einfluss auf Google steigt

Da wäre zum einen der Einfluss auf YouTube. Obwohl YouTube-Netzwerke aus dem Webvideo-Ökosystem nicht mehr wegzudenken sind, ist ihr Geschäftsmodell alles andere als sicher: Schließlich hat Google als Eigentümer von YouTube letztlich die Kontrolle über die Technik und die Vermarktung. Immer wieder beschweren sich die Netzwerke und YouTuber, dass die Plattform nicht genug Ressourcen in die Anzeigenvermarktung steckt und zudem einen zu großen Anteil der Werbeeinahmen für sich behält.

Netzwerke wie Maker sind deshalb weiterhin auf die Gelder von Risikokapitalisten und Investoren angewiesen, die jährlich Millionenbeträge in die Netzwerke pumpen. Maker konnte in den vergangenen Jahren zwar seine Umsätze um jährlich 300 Prozent steigern, doch Insider vermuten, dass das Unternehmen Geld verliert.

Durch den Einstieg einflussreicher Konzerne wie Disney und Dreamworks könnte die Netzwerk-Szene sowohl die dauerhafte Finanzierung garantieren, als auch mehr Druck auf Google ausüben. Michael Carney schreibt auf Pando Daily, dass die Übernahme deshalb ein positives Zeichen für die Webvideo-Szene in Los Angeles sei, die zwar professionell ist, mit den finanziellen Strukturen des Filmgeschäfts aber noch lange nicht mithalten kann. Disney wiederum könnte Makers 55.000 Kanäle in der Hinterhand für eigene Lobby-Zwecke nutzen.

YouTube = Kids

Dazu kommen die Inhalte. Obwohl Disney längst ein vielseitiger Medienkonzern ist, liegt das Kerngeschäft noch immer in der Unterhaltung junger Menschen. Und ausgerechnet diese sind inzwischen immer häufiger auf YouTube als vor dem Fernseh- oder Kinobildschirm zu finden. Für die Kleineren hat sich YouTube zwar noch nicht etabliert, doch auch das könnte sich ändern. Gerüchten zufolge könnte die Google-Tochter noch in diesem Jahr eine Videoplattform für Kinder unter 10 Jahren starten.

Für Disney ist YouTube in jedem Fall eine Möglichkeit, seine Inhalte ans Publikum zu bringen und die kommende Generation von Kindern und Teenagern noch einfacher zu erreichen. Disney-Inhalte könnten von bekannten YouTubern aufgegriffen werden, wie es etwa der virale Erfolg von Let it Go, dem Titelsong des Disney-Films Die Eiskönigin, gezeigt hat.

Doch wie Peter Kafka auf Re/Code vermutet, ist das für Disney vermutlich nur ein netter Nebenaspekt. Wenn es darum geht, eine eigene YouTube-Präsenz aufzubauen, benötigt Disney nicht die Hilfe von Maker. Der Konzern könnte bekannte Namen für eine Zusammenarbeit direkt ansprechen, wie er es mit den Muppets getan hat.

Auf der Suche nach dem Superstar

Plausibler scheint, dass Disney sich eine Beziehung in der anderen Richtung vorstellt: Also YouTube-Inhalte, die zu Disney wandern statt umgekehrt. Netzwerke wie Maker sind schließlich ein riesiger Talentpool. Mit der Übernahme holt sich Disney die Expertise gleich mit ins Haus. “Mit Maker gewinnt Disney Einblicke, wie Nutzer Webvideoinhalte finden und damit interagieren”, heißt es in einer Pressemitteilung des Konzerns.

Maker Studios könnte unter dem neuen Besitzer vermehrt Partner suchen, die kinderfreundliche Formate entwickeln. Gleichzeitig säße Disney direkt an der Quelle zu bereits etablierten Kanälen und Machern, die möglicherweise auch außerhalb der Plattform bestehen können. YouTube-Stars wie Grace Helbig, Smosh oder Ray William Johnson zeigen, dass sich Onlinepräsenz und ein Flirt mit dem vermeintlich uncoolen Fernsehgeschäft nicht ausschließen müssen.

Das naheliegende Beispiel ist der Schwede Felix Kjellberg. Unter dem Namen PewDiePie ist er das Aushängeschild von Maker Studios, und hat es mit seiner Mischung aus Videospielen und pubertärem Humor zum erfolgreichsten YouTuber der Welt gebracht: 25 Millionen Abonnenten hat PewDiePie inzwischen, jedes seiner Videos erreicht bis zu fünf Millionen Abrufe im Schnitt – das ist mehr als manche TV-Serie im Primetime-Programm. Für Kjellberg sprechen aber nicht nur die Zahlen. Er ist auch noch jung und sieht gut aus.

 

Das klingt oberflächlich, ist aber sowohl in der TV- als auch der Webvideowelt kein Nachteil. Selena Larson erinnert bei ReadWrite an den Mickey Mouse Club – Disneys TV-Show, die Stars wie Ryan Gosling, Britney Spears und Justin Timberlake hervorbrachte. Für Disney könnte YouTube der nächste Mickey Mouse Club sein. Auch wenn es unvorstellbar scheint, PewDiePie abseits seines Computers in einer TV-Show zu sehen. “Nicht jeder YouTuber funktioniert auch auf anderen Plattformen”, sagt der frühere Disney-Mitarbeiter und jetzige Berater David Beebe gegenüber VideoInk. Und auch PewDiePie stellte auf Twitter klar, dass ihn niemand gekauft habe.

Disney möchte Maker Studios weiterhin als eigenständiges Unternehmen führen. Für die Macher dürfte sich deshalb nichts ändern – vorerst. Sicher ist aber, dass Disney sich von seiner Investition früher oder später Erfolge erhofft. Der 500 Millionen-Dollar-Deal ist einer der größten in der Geschichte von YouTube, und gleichzeitig eine der größten Annäherungen der traditionellen Filmwirtschaft an die Webvideo-Szene. Es wird nicht die letzte bleiben.

Kategorien: Feature

Veronica, der Film ist da

Von 17. März 2014 um 16:57 Uhr
© Robert Voets / Warner Bros. Entertainment

© Robert Voets / Warner Bros. Entertainment

“Ein Liebesbrief an die Fans” sei dieser Film, sagt der Drehbuchautor Rob Thomas über das am Wochenende erschienene Veronica Mars: The Movie. Die Spielfilm-Adaption der gleichnamigen TV-Serie hat tatsächlich noch einmal alle zusammengebracht: die Protagonistin, die ihre Zeit als jugendliche Hobby-Detektivin hinter sich gelassen hat und nun in New York lebt. Der Ex-Freund, der unter Mordverdacht steht und Veronica um Hilfe bittet, was zu einem warmen Wiedersehen mit alten Freunden und Feinden in der kalifornischen Kleinstadt führt. Dazu etwas Mystery und Noir, flotte Dialoge und ein bisschen Teenage Drama. Wer die Serie mochte, wird von dem Film nicht enttäuscht sein.

Doch die Geschichte von Veronica Mars ist nicht bloß die eines ungewohnten Comebacks. Die Entstehung des Films ist dem Internet und den Fans der Serie zu verdanken. Und sie stellt die Frage, ob Veronica Mars eine neue Ära der Filmwirtschaft einleiten könnte oder ein kurioser Einzelfall bleibt.

Wo Fans sind, ist auch ein Markt

Dass Veronica Mars überhaupt noch einmal auf den Bildschirmen auftaucht, ist jedenfalls bemerkenswert. Die Serie lief ursprünglich in drei Staffeln zwischen 2004 und 2007. Obwohl von den Kritikern gelobt und den Fans geliebt, schaffte es die Serie nie aus der Nische im umkämpften US-Primetime-Geschäft. Zum Ende hatte Veronica Mars mit die schlechtesten Einschaltquoten aller Serien und wurde schließlich abgesetzt.

Rob Thomas präsentierte dem Rechteinhaber Warner Brothers schon früh ein Drehbuch für eine mögliche Filmfortsetzung. Offenbar verschreckt von Experimenten wie Serenity, der gelobten, aber finanziell enttäuschenden Spielfilm-Adaption von Josh Whedons Sci-Fi-Serie Firefly, lehnten die Verantwortlichen ab. Zudem untersagten sie Thomas, den Film unabhängig zu produzieren.

Für Thomas und die Hauptdarstellerin Kristen Bell war die Sache damit erledigt. Nicht aber für die Fans. Wie auch Arrested Development, das inzwischen von Netflix wiederbelebt wurde, florierte Veronica Mars abseits des Fernsehens. Der Kultstatus der Serie sprach sich herum und so blieben die DVD-Verkäufe über Jahre hinweg beständig. Dazu kamen die neuen Medien: Über Streamingportale erreichte die Serie die Wohnzimmer neuer Fans, die sich zunehmend auch über die sozialen Medien austauschten.

Thomas und Bell, beides aktive Twitter-Nutzer, merkten, dass auch Jahre nach dem Ende der Serie viele Menschen an einer Fortsetzung interessiert waren. Es gab offenbar einen Markt – aber wie konnten sie ihn erschließen und gleichermaßen die Verantwortlichen von Warner überzeugen?

Crowdfunding erobert Hollywood

Die Antwort kam Thomas erstmals im Jahr 2011, als er Kickstarter entdeckte. Zwei Jahre später startete er die Kampagne für Veronica Mars: Zwei Millionen US-Dollar peilten er und Bell an. 5,7 Millionen kamen am Ende dabei zusammen. Es ist die höchste Summe, die ein Filmprojekt jemals erreichte. 91.585 Unterstützern bedeuten zudem einen neuen Rekord auf der Plattform Kickstarter.

Dennoch war die Kampagne umstritten. Kritiker warfen den Initiatoren vor, nicht nur sich, sondern auch Warner von den Fans bezahlen zu lassen. Sollte der Film tatsächlich ein Erfolg werden, würde davon schließlich vor allem die Filmfirma profitieren. Und das, ohne dafür viel getan zu haben. Ähnliches musste sich auch Zach Braff anhören, als er seinen kommenden Film auf Kickstarter vorstellte.

Eines zeigt die Kampagne in jedem Fall: Crowdfunding ist nicht mehr nur für die vermeintlich kleinen Hobbyfilmer. In Zeiten, in denen die Budgets für kleinere Titel und unbekannte Filmemacher auch in Hollywood sinken, kann die Unterstützung der Masse über ein Projekt entscheiden. Junge Filmemacher wie Freddy Wong drängen mit diesem Modell von YouTube aus in das traditionelle Filmgeschäft. Die Voraussetzung ist, dass die Zuschauer und Fans sich nicht als Geldgeber sehen, sondern für ihre Unterstützung einen fairen Gegenwert bekommen.

© Robert Voets / Warner Bros. Entertainment

© Robert Voets / Warner Bros. Entertainment

Ein Experiment mit wenig Risiko

Bei Warner war man dennoch skeptisch, als Thomas die Idee des Crowdfundings vorstellte. Dass die Aktion dennoch zustande kam, ist vor allem einer Person im Warner-Management zu verdanken: Thomas Gewecke, der Leiter des digitalen Verleihgeschäfts.

Was Rob Thomas präsentierte, war für Gewecke nicht bloß die Fortsetzung einer mäßig erfolgreichen TV-Serie und Gratis-Film für sein Studio. Es war eine Form des viralen Marketings: Statt Millionen in ein Werbebudget zu stecken, sorgen die Fans im Netz für Aufmerksamkeit. Warner lenkte schließlich ein und übernahm außerdem die Versandkosten der Kickstarter-Geschenke sowie der fertigen DVDs für die Unterstützer.

Auch wenn Warner das finanzielle Risiko durch das Geld der Fans minimierte, ist die Entscheidung für die Crowdfunding-Kampagne eine Besonderheit im Filmgeschäft. Erstmals öffnet sich damit ein großes Studio einer alternativen Finanzierungsmöglichkeit.

Die Implikationen könnten weitreichend sein – theoretisch: Filmemacher und Fans bekommen mehr Entscheidungskraft, längst abgesetzte Serien könnten wiederbelebt werden. Vor allem bringt es die Zuschauer und die Filmwirtschaft näher zusammen. Entscheidend ist, ob sich die ganze Sache lohnt oder lediglich einen nostalgischen Wert für die Fans der Serie bereithält.

© Robert Voets / Warner Bros. Entertainment

© Robert Voets / Warner Bros. Entertainment

Aber lohnt das?

Obwohl Veronica Mars am Ende mehr als drei Millionen US-Dollar mehr einnahm als geplant, ist das Budget für einen zweistündigen Film im Vergleich zur klassischen Finanzierung verschwindend gering. Wie Thomas betont, war die Realisierung nur möglich, weil sich die Darsteller und Crew mit einer geringen Gage zufrieden gaben. Nur 23 Drehtage standen dem Team zur Verfügung. Dem Film sieht man das nicht an, aber es stellt sich die Frage, ob dieses Low-Budget-Modell nicht doch eine Ausnahme bleibt.

In etwa 290 US-Kinos lief Veronica Mars am vergangenen Wochenende an. Es ist kein gewöhnlicher Kinostart, denn Warner mietete diese Kinos vorab an. Im Gegenzug bekommt das Studio die kompletten Ticketeinnahmen anstelle der üblichen 50 Prozent. Knapp 242.000 Zuschauer sahen den Film am ersten Wochenende, was in etwa einem Erlös von zwei Millionen US-Dollar entspricht. Das sei nicht schlecht, aber zu wenig, um tatsächlich von einem Erfolg zu sprechen, schreibt Adam B. Vary auf Buzzfeed. Schließlich fehlten noch 3,7 Millionen US-Dollar, um die Produktionskosten wieder reinzuholen. Und wer, wenn nicht die Fans der Serie sollten ins Kino gehen?

Streaming ist keine Resteverwertung

Die Details stecken im Online-Verleih. Dass Warner die Kinos angemietet hat, ist nämlich dem Umstand geschuldet, dass Veronica Mars zeitgleich zum Kinostart auch online erscheint – jedenfalls in den USA. In Deutschland müssen die Fans noch auf einen VoD-Termin warten. In der Regel lassen sich die Kinobetreiber in den USA ein Exklusivfenster von 90 Tagen zusichern. Dass Warner mit Veronica Mars das umgeht, ist ein weiterer mutiger Schritt und gleichzeitig ein Eingeständnis an die Online-Community: Nur so ist garantiert, dass alle Unterstützer den Film auch zum Start sehen konnten.

Ganz ideal lief der Start nicht. Warner hatte den Kickstarter-Unterstützern zum Start lediglich einen Code für das eigene Streamingportal Flixster geschickt, was bei vielen nicht lief. Sie hatten gehofft, den Film auf Plattformen wie iTunes oder Amazon gratis sehen zu können. Inzwischen hat Warner reagiert und allen Spendern eine Erstattung angeboten, um den Film auch auf anderen Portalen kaufen zu können.

Den Startproblemen zum Trotz könnte das von den Studios oft als Resteverwertung geschasste VoD-Geschäft entscheidend sein. Nicht nur löst Veronica Mars das traditionelle Modell mit Vertriebsfenstern auf. Am Wochenende war der Film auf Platz drei der Filmcharts und die erste Staffel der Serie auf Platz eins der TV-Charts in iTunes. Die Mundpropaganda in den sozialen Netzwerken scheint also zu funktionieren und den Film auf diesem Weg zum Erfolg zu machen.

Und auch wenn Veronica Mars am Ende bloß ein Einzelphänomen ist, dass von einer Gruppe leidenschaftlicher Fans finanziert wurde: Eines hat der Film schon jetzt erreicht. Die großen Studios sind einmal mehr aufmerksam geworden auf die Möglichkeiten, die aus dem Netz kommen. Und auch für die pfiffige Detektivin muss es nicht der letzte Auftritt sein. Man habe sich mit Warner auf eine Zahl geeinigt, sagt Rob Thomas, bei der über einen weiteren Film nachgedacht wird.

Kategorien: Feature

Der Kampf ums Kabel

Von 18. Februar 2014 um 16:00 Uhr
Die Netflix-Zentrale in Los Gatos (© Justin Sullivan/Getty Images)

Die Netflix-Zentrale in Los Gatos (© Justin Sullivan/Getty Images)

Als Netflix am vergangenen Freitag die zweite Staffel von House of Cards veröffentlichte, dürften die US-Internetbetreiber ganz genau hingesehen haben. Die Kombination aus Valentinstag, Wochenende und schlechtem Wetter an der Ostküste versprach neue Rekorde für die Streaming-Plattform und damit einen Härtetest für die Provider. Denn längst ist Netflix eine Macht im Internet. Aber nicht alle spielen mit. Es geht schließlich um die Vorherrschaft von Streaming-Angeboten im Netz – und wer davon profitiert.

Im vergangenen Jahr zählte Netflix 31,7 Millionen Abonnenten in den USA und übertraf damit erstmals den Pay-TV-Sender HBO. Netflix-Gründer Reed Hastings glaubt, dass der Dienst eines Tages zwischen 60 und 90 Millionen US-Bürger erreichen könnte und sich damit der rückläufigen Anzahl der Kabelanschlüsse annähert. Eine Prognose, die den Kabelanbietern, die in vielen Fällen auch als Internetprovider fungieren, gar nicht gefällt.

Netflix lahmt bei vielen Providern

Der Erfolg von Netflix ist jedenfalls schon jetzt messbar. Nach Analysen des Dienstleisters Sandvine war Netflix im vergangenen Jahr in der Primetime zwischen 21 und 0 Uhr für 31,6 Prozent des gesamten Internetdownstreams in den USA verantwortlich, gemeinsam mit YouTube sogar für rund die Hälfte. In dieser Zeit sinken die Downloadgeschwindigkeiten, was bei vielen Nutzern bisweilen zum Buffering und damit zu Pausen beim Abspielen führt. Das Problem könnte noch größer werden, wenn Netflix Inhalte in datenintensiver 4K-Auflösung für die nächste Generation von Fernsehgeräten ausspielt.

Interessant ist, welche Betreiber davon am meisten betroffen sind. Nach Netflix’ Messungen liefern mit Comcast, AT&T und Verizon drei der fünf größten amerikanischen Breitbandanbieter regelmäßig unterdurchschnittliche Geschwindigkeiten für den Dienst. An der mangelnden Bandbreite liegt es aber gar nicht: Die allgemeine Downloadgeschwindigkeit ist meist völlig normal. Lediglich Netflix und andere Videodienste scheinen gedrosselt zu sein. Wie kann das sein? Verstößt das nicht offensichtlich gegen das Prinzip der Netzneutralität, wonach sämtliche Datenpakete gleich behandelt und zugestellt werden müssen?

Alles eine Frage des Peerings

Nicht unbedingt. Ein Begriff, der in den vergangenen Monaten im Webvideo-Bereich immer wieder auftauchte, ist das sogenannte Peering. Dabei handelt es sich um eine grundlegende Funktion des Internets. Peering bedeutet nichts anderes, als den Zusammenschluss zweier Netzwerke zum Datenaustausch. Große Internetprovider geben die Daten ihrer Netzwerke untereinander entweder direkt oder an den Knotenpunkten weiter – in der Regel kostenlos im gegenseitigen Einverständnis. Das System funktioniert, denn jeder profitiert von jedem und keiner wird diskriminiert. Theoretisch.

Praktisch gibt es um diese Peering-Absprachen immer mal wieder Streit – und seit einiger Zeit geraten Webvideo-Anbieter wie YouTube, Amazon oder eben Netflix in den Mittelpunkt der Diskussion.

Etwa im vergangenen Sommer, als die Netzbetreiber Cogent und Verizon aneinandergerieten. Beide Anbieter haben eine Peering-Absprache und tauschen kostenlos Daten aus. Sollte es zu einem hohen Datenaufkommen kommen, sollten beide entsprechend mehr Kapazitäten bereitstellen. Doch das tut Verizon nicht für Cogent. Der – inoffizielle – Auslöser des Streits ist Netflix. Der Dienst liefert nämlich seit einiger Zeit einen Großteil seiner Inhalte über das Netz von Cogent aus – und Verizon möchte den Traffic offenbar nicht einfach übernehmen.

In diesem Fall verstößt Verizon nicht direkt gegen die Netzneutralität (gegen die Verizon unlängst klagte), denn der Anbieter blockiert nicht gezielt Netflix. Er gibt lediglich nicht genug Kapazitäten frei für das Netz, aus dem die Netflix-Daten kommen, die deshalb “Umwege” nehmen müssen. Das Ergebnis? Verizons DSL gehört heute zu den langsamsten Anbietern in Sachen Netflix. Das Nachsehen haben die Kunden beider Dienste.

Ein Milliardendeal der Kabelanbieter

Hinter der Entscheidung von Verizon steckt aber mehr als die Angst vor verstopften Leitungen. Es geht um das immer attraktivere Geschäft mit Videos im Netz. Mit Redbox ist Verizon nämlich selbst Teilhaber eines Streaming-Services, der in direkter Konkurrenz zu Netflix steht. Auch andere Kabelanbieter betreiben oder planen eigene Video-on-Demand-Dienste und möchten nicht zusehen, wie Netflix ihre Angebote dominiert. Die Konkurrenz einfach auszubremsen, scheint da eine naheliegende Option.

Vor diesem Hintergrund erscheint auch der neueste Deal im US-Fernsehgeschäft in einem anderen Licht. Vor wenigen Tagen kündigte der größte amerikanische Kabelanbieter Comcast an, den Konkurrenten Time Warner Cable für 45 Milliarden US-Dollar zu schlucken. Sollte die Regulierungsbehörde FCC der Übernahme zustimmen, wäre Comcast der mit Abstand größte Kabel- und Internetanbieter des Landes.

Entsprechend nervös blicken die Kritiker auf die Übernahme. Einige vermuten, dass Comcast mit seiner quasi-Monopolstellung die Preise für Kabel- und Internetanschlüsse diktieren könnte. Andere glauben, dass der Kauf vor allem Druck auf Anbieter wie Netflix, aber auch Amazon oder Apple ausüben soll. Erste Indizien gibt es bereits: Nur wenige Tage nach der Übernahme stocken die Verhandlungen zwischen Netflix und Time Warner. Netflix hatte gehofft, seinen Dienst in die Set-Top-Box der künftigen Comcast-Tochter integrieren und somit sein Portfolio im Smart-TV-Bereich ausbauen zu können. Da aber Comcast selbst an einem Streaming-Dienst arbeitet, scheint dieser Deal nun unwahrscheinlich.

Wer hat die besseren Inhalte?

Doch Comcast verfügt nicht bloß über die technische Infrastruktur, die Netflix für seinen Service benötigt. Comcast besitzt auch Inhalte, nachdem man 2011 das Medienunternehmen NBC Universal, zu dem unter anderem das Filmstudio Universal und die Sender NBC und Syfy gehören, übernahm. In einer Auflage der Regulierungsbehörde verpflichtete sich Comcast zwar, sowohl die Prinzipien der Netzneutralität zu befolgen, als auch die Inhalte von NBC Universal anderen Anbietern zu Verfügung zu stellen. Diese Regelung gilt aber bloß noch bis zum Jahr 2018.

Der Zusammenschluss der beiden großen Kabelanbieter könnte also in absehbarer Zeit massive Folgen für Netflix haben. Comcast hätte dann mehr Einfluss auf die Peering-Absprachen mit anderen Providern, was dazu führen könnte, dass Netflix bei einem Großteil der amerikanischen Internetnutzer schlicht nicht ideal läuft.

Zudem könnte Comcast sich exklusive Inhalte aus dem NBC-Umfeld für den eigenen Kabel- und On-Demand-Service vorbehalten und gleichzeitig andere TV-Sender gängeln, ihnen und nicht Netflix die Serien und Filme zu lizensieren. Denn kein TV-Sender möchte von einem Kabelbetreiber aufgrund mieser Deals “nach Sibirien verlegt” werden, wie es Michael Weinberg von der NGO Public Knowledge beschreibt. Netflix hätte das Nachsehen. Denn auch wenn das Unternehmen vermehrt eigene Serien wie House of Cards produziert, besteht ein Großteil des Geschäfts in der Lizensierung von Filmen und Serien Dritter.

Auch in Deutschland gibt es bereits Diskussionen. Etwa darüber, ob die Telekom in ihren DSL-Flatrates den firmeneigenen Videoservice Entertain von der Datenbegrenzung ausnimmt. Und auch Kabel Deutschland – ebenfalls Anbieter eines VoD-Services – sagt, dass man bei einer “Überlastung des Netzes” unter Umständen priorisieren müsse. Das klingt bewusst vage, aber es zeigt: Der Kampf um die Bewegtbilder im Netz fängt gerade erst an.

Update 24.2.

Medienberichten zufolge haben sich Netflix und Comcast auf einen neuen Vertrag geeinigt, der dem Streaming-Anbieter schnellere Verbindungen im Comcast-Netz zusagt. Obwohl die Details nicht bekannt sind bedeutet das, dass mit Netflix erstmals ein Inhalte-Provider einen ISP bezahlt. Kritiker fürchten deshalb, dass der Deal die Prinzipien der Netzneutralität aushebelt.

Kategorien: Feature