Der tägliche Blick nach München. Was wird verhandelt? Wie berichten die Medien?

“Ablesen kann jeder” – das NSU-Medienlog vom Freitag 7. Juni 2013

Von 7. Juni 2013 um 08:44 Uhr

An jedem Werktag fassen wir im NSU-Prozess-Blog die wichtigsten Medienberichte, Blogs, Videos und Tweets zusammen. Wir freuen uns über Hinweise via Twitter mit dem Hashtag #nsublog – oder per E-Mail an nsublog@zeit.de.

Die Berichterstattung zum siebten Verhandlungstag im NSU-Prozess konzentrierte sich auf das Geständnis des Angeklagten Holger G. und die entschuldigende Erklärung, die er verlas. Unter anderem nachzulesen auf ZEIT ONLINE. Spiegel Online schreibt von “Reue zweiter Klasse”, Focus Online berichtet über einen G, der “aus Freundschaft” half, Frankfurter Rundschau ist erstaunt, dass “dieses Menschlein” eine Terrorgruppe unterstützt haben soll, die Frankfurter Allgemeine Zeitung über einen Angeklagten, der sich durch die Freundschaft zu der Gruppe “sozial aufgewertet” sah, Welt Online schreibt vom “Kronzeugen, der nichts gewusst haben will”. Die Süddeutsche Zeitung hat einen Bericht online und ein Stück in der Druckausgabe.

Ebenfalls vom Prozess berichteten die türkischen Nachrichtensender CNN Türk und TRT Haber und das Online-Portal World Bulletin.

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Bericht in der Printausgabe der Süddeutschen von Annette Ramelsberger

Auf Stefan Geiger von der Berliner Zeitung wirkte Holger G. konfus. Durch seine Aussage sei G. im Stakkato gehetzt, genau so wie durch seine vorbereitete Erklärung. “Das ist keine Schauspielerei. Er ist am Rande des Nervenzusammenbruchs“, schreibt Geiger. Dass er den mutmaßlichen Terroristen geholfen habe, gestand G. Welche Verbrechen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe planten, davon will er nichts gewusst haben.

Für Geiger belegt der Tag vor Gericht, dass G. leicht beeinflussbar ist. Vieles spreche dafür, dass seine Aussage der Wahrheit ziemlich nahe kommen könnte.

 

“Die Bundesanwaltschaft dürfte nicht viel Freude an ihren beiden Kronzeugen haben”, schreiben Hannelore Crolly und Per Hinrichs in der Welt. Das Problem: G. wollte nur eine Erklärung verlesen und keine Fragen “zur Sache” beantworten. Die Anklage jedoch fuße in großen Teilen auf G.’s Aussagen, darauf basierend hätten die Bundesanwälte das Bild der ebenbürtigen Terrorverdächtigen gestrickt.

Doch konkrete Aussagen zur Rolle Zschäpes habe G. nur vor den BKA-Beamten gemacht. “Richter Götzl hatte sich das anders vorgestellt”, mutmaßen die Autoren. “Spannend wäre es vor allem geworden, wenn G. sich von den Verteidigern und den Nebenklägern hätte befragen lassen.”

Die Tatsache, dass Holger G. immer von den “drei” spreche, belaste die Hauptangeklagte Zschäpe schwer, schreibt Lena Kampf auf stern.de. “Einmal fragt der Richter präzise nach: “Wen meinen Sie, wenn sie von den ‘drei’ sprechen?” “Alle drei”, sagt Holger G. – also auch Zschäpe.” Einige Nebenkläger hätten nach der Verhandlung gesagt, sie seien froh gewesen, dass sich zum ersten Mal jemand entschuldige. Richtig glauben könnten sie es jedoch nicht, denn die Reue wurde vom Blatt abgelesen. Nach Einschätzung der Autorin hatte auch ein anderer im Saal Zweifel: “Während Holger G. sich bei den Opfern entschuldigt, lehnt sich Ralf Wohlleben im Stuhl zurück und grinst.”

Zur Entschuldigung des Angeklagten Holger G. sagte sein Verteidiger Stefan Hachmeister im Bayerischen Rundfunk, sein Mandant habe Verantwortung übernommen. Nebenkläger-Anwalt Stefan Lucas dagegen sagte dem Sender: “Er hat sich ganz klar distanziert und in seinen schriftlichen Ausführungen gesagt, dass er das alles so nicht vermutet hat und nicht geahnt hat. Aber das soll er uns doch persönlich sagen. Ablesen ist einfach.”

Das englischsprachige Portal Windsorstar veröffentlichte einen Beitrag, der sich der Erklärung G.s widmet. Eine Meldung gibt es auch bei Kansas.vom

Das nächste Medienlog erscheint am Montag, den 10. Juni.

Kategorien: Medienschau
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Faschismus ist keine Meinung sondern ein Verbrechen!

    • 7. Juni 2013 um 17:46 Uhr
    • Der Erlöser
  2. 2.

    Wenn die ganze Sache nicht so ernst wäre könnte man ja in Gelächter ausbrechen.
    “ … wie der mutmaßliche NSU-Helfer Holger G. vor dem Münchner Oberlandesgericht seine Erklärung verliest“

    Einer nach dem anderen verliest Erklärungen. So so.

    Jetzt stellt sich natürlich für jeden aufmerksamen Beobachter die Frage, wer diesen Text verfasst hat, den der Arme da vorlesen musste. Ich tippe mal auf Juristen vom Verfassungsschutz oder anderen Diensten.

    Da wird peinlichst darauf geachtet, dass man nicht versehentlich mal die Wahrheit sagt, und/oder seine Auftraggeber (beim VS und anderen Diensten) verpfeift.
    Der Richter stellt ja auch keine Fragen, die für eine Aufklärung der Morde hilfreich wären, sondern bereits vorgefertigte Fragen.
    Und sollte doch mal versehentlich eine Frage gestellt werden, die der Aufklärung dienlich wäre, dann kann sich niemand an etwas erinnern. Die Armen wissen dann nicht mal mehr, wann sie geboren wurden.
    So wird das nix.
    Ein perfekt organisierter Schauprozess! Also alles wie geplant. Ode habe ich da wieder was falsch verstanden?

    • 7. Juni 2013 um 19:03 Uhr
    • Siggi40.de
  3. 3.

    Das habe ich gerade in einem Leserkommentar einer anderen Zeitung gefunden. Da hat sich jemand mehr arbeit gemacht, als die meisten Journalisten in diesem Land und vielleicht auch als die Polizei und andere angeblich ermittelnden Behörden:

    Ich habe spaßeshalber mal „robin s nsu“ bei Google eingeben, um zu sehen, ob es anderswo mehr Informationen dazu gibt, wer nun dieser ominöse Brieffreund ist. Man verliert ja bei all den Kontaktpersonen, die im Fall NSU aufgerufen werden, schnell schon mal den Überblick.

    Und siehe da: Anhand der Artikel, die nach der Google-Anfrage auftauchen, und ein paar kleineren weiterführenden Recherchen stößt man auf eine konkrete Person. Aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich um einen Mann, der Anfang 2007 in der Dortmunder Nordstadt vor einem Supermarkt einen Tunesier niederschoss.

    Dortmund? NSU? Richtig. Rund ein halbes Jahr zuvor töteten dort, ebenfalls im Stadtteil Nordstadt, vermutlich Mundlos und Böhnhardt einen türkischen Kioskbesitzer. (Böhnhardt hatte in diesem Zeitraum ein Wohnmobil angemietet, Mundlos wurde laut Zeugenaussage wenige Tage vor der Tat mit Dortmunder Neonazis gesichtet; allerdings wird diese Zeugenaussage angezweifelt)

    Jener Brieffreund Robin S. gehörte laut WAZ-Recherchen der Dortmunder „Blood & Honour“-Gruppierung an. „Blood & Honour“ spielt ja auch in der Vergangenheit des Thüringer Trios eine Rolle. Und: Eine Person aus dem NSU-Umfeld pflegte, wiederum laut WAZ, Kontakt zu dieser Dortmunder Gruppierung. Thomas S. Jener Thomas S., der in den 90ern kurze Zeit mit Beate Z. liiert war und dem Trio den Sprengstoff lieferte, der 1998 in der Garage entdeckt wurde.

    Beweist das irgendetwas? Nein. Aber merkwürdige Zufälle und Verknüpfungen, die möglicherweise weit zurückreichen, sind das schon. Finde ich.

  4. 4.

    Der Prozess ist eine Farce, Micky-Mausmässig auf banalster Ebene; eine Schande für die Angehörigen und für alle Migranten. Die Verhandlungen werden sich hinziehen wie Kaugummi, immer ausgelutschter bis schlussendlich kein Schwein mehr danach kräht. Schmierenkomödie; die Hintermänner kennen sich untereinander, sie bezahlen den Friseur für die Môrderbraut und irgendwann ist sie raus und taucht unter, mit anderer Frisur. Mehr ist da nicht. Pfui!

  5. Kommentar zum Thema

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