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Der Schatten des NSU

 

Wo sich der NSU aufhielt, waren die Eheleute E. nicht fern: Jahrelang unterstützte das Paar die Extremisten. André E. ist deswegen angeklagt, seine Frau Susann schweigt im Zeugenstand.

Der Auftritt dauert nur zwei Minuten. André E., auf der Anklagebank vorne rechts, lächelt seiner Frau Susann zu, die sich an den Tisch für die Zeugen setzt. Die 32-Jährige ist eine auffällige Erscheinung – groß, geschminkt, mit einer Haartönung zwischen rot und violett. Richter Manfred Götzl belehrt sie, dass sie nichts sagen muss, weil sie mit einem der Angeklagten verwandt ist. Susann E. sagt das, womit zu rechnen war: „Ich werde keine Angaben machen.“ Der Fall ist erledigt, das Gericht wendet sich den Morden in Kassel und Heilbronn zu.

E. kennt eine der wichtigsten Regeln der rechten Szene: Auf keinen Fall mit den Behörden reden. Mit ihrer Zeugnisverweigerung am 76. Tag des NSU-Prozesses schützt sie nicht nur ihren Mann und ihre Freundin Beate Zschäpe – sondern auch sich selbst. Gegen sie läuft ein Ermittlungsverfahren, weil auch sie die Terrorzelle unterstützt haben soll, jahrelang. Gemeinsam war das Ehepaar E. dem NSU Ratgeber und Helfer, ein Schatten, der immer da war. Es ist denkbar, dass die Mordserie ohne den Beistand der beiden nicht möglich gewesen wäre.

Die Bundesanwaltschaft nennt André E. in der Anklageschrift „die engste Bezugsperson“ für Zschäpe und ihre Kameraden Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Wie die Ankläger ermittelt haben, lernte er sie spätestens im Frühjahr 1998 in der Chemnitzer Wohnung eines gemeinsamen Freundes kennen. Dorthin hatten sich die drei geflüchtet, kurz nachdem die Polizei in Jena eine Bombenwerkstatt in der Garage von Zschäpe ausgehoben hatte.

Aus der Begegnung in rechten Kreisen wurde eine verhängnisvolle Freundschaft. Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos, die im Geheimen lebten, konnte sich fortan auf einen verschwiegenen Unterstützer verlassen. Im April 1999 mietete E. in seinem Namen eine Wohnung, später auch dreimal ein Wohnmobil für sie. Damit fuhren Mundlos und Böhnhardt zu zwei Banküberfällen, zudem nach Köln, wo sie den ersten Sprengstoffanschlag auf ein Geschäft verübten.

Auch E.s Frau Susann war bei Treffen gern gesehen, sie teilte die rechtsextreme Auffassung ihrer Freunde. Seit 2005 ist sie mit André E. verheiratet, sie haben zwei Söhne, denen sie betont germanische Namen gaben.

Vor allem Zschäpe und Susann E. verband eine innige Freundschaft: Gemeinsam wollten sie im Frühjahr 2010 einen Auftritt der Komikerin Cindy aus Marzahn in Zwickau besuchen – eigens für die Veranstaltung kleideten sich beide wie die Künstlerin im rosa Overall. Anderen Besuchern, die sie vor der Stadthalle kennenlernten, stellten sie sich als Liesl und Sus vor. Die Veranstaltung fiel aus, also gingen sie mit ihren neuen Bekanntschaften Cocktails trinken. Fotos des Abends zeigen die beiden in geselliger Runde, mit Gläsern in der Hand. Eine Zeugin sagte später der Polizei, die Freundinnen hätten sich ständig umarmt. Sus habe zudem erzählt, wie ihr Mann und ihre Söhne heißen.

André und Susann E. kamen häufig bei Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt zu Besuch, meistens donnerstags. Dann brachten sie die Kinder mit. Nachbarn erinnerten sich im Prozess an ein tätowiertes Paar, das sein Auto vor dem Haus in der Frühlingsstraße abstellte. Als mal jemand nachfragte, wer der Besuch sei, sagte Zschäpe, bei der Frau handle es sich um ihre Schwester. Um reine Höflichkeitsbesuche handelte es sich wohl nicht, schließlich brauchten die Kameraden im Untergrund ständig Hilfe bei Angelegenheiten, für die sie nicht unter ihrem eigenen Namen auftreten konnten.

Einen der wichtigsten Freundschaftsdienste erbrachte André E. Anfang 2007. Damals wohnten die drei in der Polenzstraße in Zwickau. In der Wohnung über ihnen hatte es einen Wasserschaden gegeben. Die Polizei nahm Ermittlungen auf, Zschäpe wurde auf ihre Tarnidentität Lisa Dienelt ins Präsidium geladen – auf diesen Namen hatte sie jedoch keinen Ausweis. Deshalb ging sie gemeinsam mit E. zur Polizei und erklärte, es handle sich um eine Verwechslung: Ihr Name sei Susann E., sie wohne nicht in der Polenzstraße, sondern sei dort nur mit ihrem Mann André bei einem gemeinsamen Freund zu Gast gewesen. Nach einer kurzen Vernehmung konnte Zschäpe wieder gehen. Unangenehme Nachfragen mussten sie nicht mehr fürchten.

2009 kauften die E.s bei der Deutschen Bahn zwei Bahncards auf ihre Namen, versehen mit Passbildern von Beate Zschäpe und Uwe Böhnhardt. Im Urlaub mietete Zschäpe auf Susann E.s Namen einen Platz auf einer Campinganlage.

Auch im Moment höchster Not konnte Zschäpe auf die Unterstützung ihrer Gesinnungsgenossen zählen. Am 4. November 2011 erschossen sich Mundlos und Böhnhardt in Eisenach. Zschäpe zündete die Wohnung in Zwickau an, anschließend flüchtete sie. Mehrmals telefonierte sie mit André E. Der fuhr sie schließlich zum Bahnhof, von wo aus die Gesuchte ihre Reise quer durch Deutschland antrat. Dabei trug sie Schuhe, die ihr Susann E. überlassen hatte. Ihre Socken wechselte Zschäpe allerdings nicht, darin fanden Ermittler später Spuren von Benzin.

Als die Polizei mit den Ermittlungen im NSU-Komplex begann, entdeckten sie nach und nach die enge Verflechtung zwischen E.s und dem Trio. Aufschlussreich waren vor allem Computer und Handys. Neben Propagandabildern und Hassschriften fanden sie etliche Dateien, die André E. offenbar mit Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt getauscht hatte.

Für die großzügige Hilfe zeigten sich die drei bei der Familie erkenntlich. Das wohl wertvollste Dankeschön buchte Zschäpe noch 2011 für fast 1.000 Euro bei einem Reiseveranstalter: Die mutmaßlichen Terrorhelfer durften mit ihren Kindern ins Disneyland nach Paris fahren.

4 Kommentare

  1.   bekir_fr

    Die Regel Nr. 1 hat für einen beträchtlichen Teil der Szene-Mitglieder wohl eher geheißen: Fleißig mit den Behörden reden, aber immer heimlich.
    Und für die Behörden Regel Nr. 2: Immer fleißig fahnden, aber nie was finden.

    Apportiert z.B. mal ein Außenstehender aus der Bevölkerung lästigerweise wichtige Spuren, dann sind notfalls die niedrigen Chargen nochmals ausdrücklich anzuweisen, unbedingt Regel Nr. 2 einzuhalten:
    http://www.zeit.de/politik/deutschland/2014-01/nsu-thueringen-lka-chef

    Überwiegen in der Szene die Spitzel, dann gilt mangels „echten“ Nazis die Regel Nr. 3: „Spitzel bespitzelt Spitzel“ wie im Thüringer Heimatschutz mit seinen ca. 40 V-Leuten: http://www.spiegel.de/panorama/nsu-40-v-leute-im-thueringer-heimatschutz-a-853927.html

    Diese Symbiose zwischen Jäger und Gejagten wäre geradezu witzig, ginge es nicht um 10 Morde. Die Kontaktfreudigkeit zeigt beider Lager zeigt sich auch immer wieder im Prozess (wenn auch eher unfreiwillig): Bei allen Angeklagten weiß oder munkelt man von Kontakten zum VS; von Anwerbeversuchen, die tatsächlich oder nur vorgeblich „gescheitert“ waren. Und bei allen Zeugen, die wirklich was sagen (könnten), liegt die Doppelrolle „V-Mann mit schmutzigen Händen“ sowieso nahe.

    Am so entstandenen Verwechsel-Spiel könnte am Ende der ganze Prozess scheitern: Wer ist ein kleines Licht, ein Verführter? Und ist er „unschuldiger“ als der Große, der Verführer, der aber hervorragend mit den Ämtern kann? Wer ist ein Böser, der zum Schein mit den Guten kooperiert hat und wer ist ein Guter, der zum Schein mit den Bösen kooperiert hat? Oder kann, angesichts so viel faustischer Verblendung, niemand mehr Gut und Böse auseinanderhalten?

    Hat Wohlleben den (später glaubhaft ausgestiegenen) Mitangeklagten Carsten S. als „Werkzeug“ benutzt, um den NSU mit Waffen zu versorgen? Oder versucht dieser nur, seine (wenig glaubhaft dargelegte) Rolle vor dem Ausstieg herunterzuspielen (kleines Licht, Befehlsempfänger?) und dem (immer noch rechtslastigen, ergo als Bösewicht tauglichen) Wohlleben die (eigene) Hauptschuld in die Schuhe zu schieben? Hat ein Nazi-Boss Tino Brandt nur zum Schein den Spitzel gemacht, um für nutzlose Infos den gefoppten Behörden satte Gagen (Szene-„Subventionen“) abzutrotzen? Oder ist diese Deutung die Schutzbehauptung eines Verräters, der die Rache der Verratenen fürchtet?

    Ist das große Schweigen der Zschäpe normale Prozesstaktik oder steht bereits dahinter ein Deal? Der Doppelselbstmord ihrer zwei Uwes inkl. Brandstiftung dauerte nur 20 Sekunden – keine Zeit für einen Abschiedsanruf. Einsatzleiter Menzel will (allerdings nach ursprünglich anderen Angaben) die Identität der Uwes erst am Folgetag erfahren haben. Zschäpe floh aber fast sofort und mit merkwürdigem Verhalten: Während noch Beweise (in der Wohnung) verbrannten, ging sie daran, gleich einen ganzen Beweis-Film in zahlreichen Kopien fleißig zu verteilen (auf der Flucht). Mehr als ihre Verhaftung fürchtete Zschäpe offensichtlich so etwas wie einen Killer und NSU-Beseitiger. Dieses Verhalten kann nur durch den geheimnisvollen, bestimmt gut informierten Anrufer aus dem sächsischen Innenministerium ausgelöst worden sein, den seine Vorgesetzten noch immer nicht vor Gericht aussagen lassen wollen.

    Das führt uns zur Regel Nr. 4: Alle Beteiligten (ohne Mordopfer) berede(te)n miteinander Wichtiges, aber keiner geht mit der Wahrheit an die Öffentlichkeit.

  2.   Case793

    Das ist jetzt etwas merkwürdig. Hat Richter Götzl Frau E. tatsächlich nur unter Hinweis auf das Verwandtschaftsverhältnis bzgl. ihres Zeugnisverweigerungsrechts belehrt? Das wäre dann allerdings juristisch fragwürdig, wenn auch gegen sie im Rahmen des NSU-Komplexes ermittelt wird.

    Daher halte ich folgende Passage des Artikels auch nicht für gelungen: „E. kennt eine der wichtigsten Regeln der rechten Szene: Auf keinen Fall mit den Behörden reden. “
    Wenn gegen einen ermittelt werden sollte, ist das für jeden die wichtigste Regel; zumindest wenn kein guter Anwalt dabei ist!

  3.   m.klein

    „E. kennt eine der wichtigsten Regeln der rechten Szene: Auf keinen Fall mit den Behörden reden.“

    ist das so?
    ich dachte, dass die permanent mit den behörden reden, und deshalb der erste npd-verbotsantrag platze.
    weil eben der staat die halbe rechte szene ausmacht…


  4. In der Wohnung über ihnen hatte es einen Wasserschaden gegeben. Die Polizei nahm Ermittlungen auf.

    War das wirklich die Polizei? Oder war das der Klempner?