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Der Einpeitscher aus Thüringen

 

Tino Brandt lernte Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt kennen, als diese den radikalen NSU gründeten. Nun hat das Gericht seine Vernehmung verschoben – und Nebenkläger müssen noch länger auf wichtige Antworten warten.

Nur selten gilt ein Zeuge als so wichtig, dass das Gericht einen ganzen Tag für seine Befragung reserviert. Für Tino Brandt beraumte der Münchner Staatsschutzsenat gleich zwei Vernehmungstage an. Große Hoffnungen ruhten auf der Aussage von Brandt, der bis Anfang des Jahrtausends wichtigster Vordenker der Neonazis in Thüringen war und dann als V-Mann enttarnt wurde. Es sollte um die Entwicklung des NSU gehen, um den Kreis der Unterstützer und die Rolle des Verfassungsschutzes.

Daraus wurde vorerst nichts: Brandt wurde abgeladen, weil „im Umfeld des Zeugen eine Krankheit aufgetreten ist, die vom Gesundheitsamt überwacht wird“, wie das Gericht mitteilte. Einen neuen Termin gibt es noch nicht. Für die Nebenkläger, die immer wieder ihr Bedürfnis nach Aufklärung betonen, bedeutet das einmal mehr eine Geduldsprobe. Auch die Hamburger Anwältin Doris Dierbach hätte Brandt gerne schon diese Woche befragt, weil er „bis über beide Ohren in die rechte Szene verstrickt gewesen“ war, wie sie ZEIT ONLINE mitteilt. Auch könne er helfen, Beate Zschäpe zu überführen, weil er sagen könne, wie sich die Hauptangeklagte in der Szene engagiert habe – schließlich sei sie innerhalb des NSU „nicht nur Köchin und Katzenkraulerin“ gewesen.

Die Bundesanwaltschaft wusste ebenfalls genau, mit wem sie es zu tun hatte, als die Ermittlungen gegen den NSU auf Hochtouren liefen. Beamte des Bundeskriminalamts drückten Brandt persönlich seine Ladung zum Verhör in die Hand. Im Januar 2012 packte der Zeuge dann in Karlsruhe aus – und ließ keinen Zweifel daran, dass sich seine Einstellung in all den Jahren nicht geändert hatte.

Brandt brachte die Rechten zusammen

Für die rechte Szene Thüringens war Brandt der Einpeitscher, der Menschen zusammenbringen konnte. Im Lebenslauf hatte Brandt, 1975 in Saalfeld geboren, sonst nicht allzu viel vorzuweisen. Zwei Lehren machte er, arbeitete zwischenzeitlich als Landwirt. Sein Talent lag darin, Gesinnungsgenossen auf Linie zu bringen und für die nationale Sache zu begeistern. Zwischen 1993 und 1994 gründete er in einer Rudolstädter Gaststätte den sogenannten Mittwochsstammtisch, eine einschlägige Anlaufstelle. Aus einer kleinen Runde sei bald eine regelmäßige Veranstaltung mit 100 Teilnehmern geworden, sagte er bei der Bundesanwaltschaft. Der Stammtisch wurde später in Anti-Antifa-Ostthüringen, 1995 schließlich in Thüringer Heimatschutz umbenannt. Brandt hatte ein Sammelbecken geschaffen.

So wurde er nicht nur zum Anführer der Rechten in Thüringen – er war auch stets nah dran an einem vergleichsweise engen Zirkel, der sich zu Beginn der neunziger Jahre in Jena gebildet hatte. Zu diesem Zirkel gehörten neben Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt auch Ralf Wohlleben und Holger G., die heute mit auf der Anklagebank sitzen. Auch der Zeuge André K., der bereits zweimal im Prozess vernommen worden war, war einer der Vordenker für die Jenaer Rechten.

Kein Platz für Prügelglatzen

Der Zusammenschluss vor Ort nannte sich Nationaler Widerstand Jena und begriff sich als Elitegruppe, in der dumpfe Prügelglatzen keinen Platz hatten. Das passte bestens zu Brandts Vorstellungen. Der Nationale Widerstand wurde als „Sektion Jena“ Teil des Thüringer Heimatschutzes. Zu den Führungstreffen in Rudolstadt erschien neben K. auch das spätere NSU-Trio.

Man lernte sich kennen. Uwe Mundlos sei sehr kommunikativ gewesen und habe schnell Anschluss gefunden, außerdem habe er gut argumentieren können, sagte Brandt im Januar 2012 bei einer Vernehmung durch die Bundesanwaltschaft aus. Sein Kamerad Böhnhardt sei militant und ein Waffennarr gewesen, jedoch keineswegs dumm. Dann war da noch Zschäpe – Brandt beschrieb sie als ruhig, sie habe jedoch über fundiertes Wissen zum Germanentum und zur Zeit des Nationalsozialismus verfügt und habe sich in Diskussionen einbringen können.

In den Jahren, die Brandt gemeinsam mit Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt verbrachte, formten diese den Nationalsozialistischen Untergrund. Die Radikalisierung der Gruppe spielte sich praktisch vor Brandts Augen ab – doch der beteuerte, von all dem nichts mitbekommen zu haben. Innerhalb des Thüringer Heimatschutzes hätten sich die drei konspirativ verhalten. Einmal hängten sie eine Puppe mit der Aufschrift „Jude“ und eine Bombenattrappe an einer Autobahnbrücke auf – davon, sagte der Zeuge, habe er erst nach dem Untertauchen erfahren.

Viele dieser Informationen hatte Brandt schon zuvor weitergegeben – an das Thüringer Landesamt für Verfassungsschutz, das ihn 1994 als Spitzel anwarb. Brandt positionierte sich in der Öffentlichkeit als Rechter, der auf politische Arbeit statt auf Gewalt setzte. Das kam bei den Staatsschützern gut an. Im Abstand von wenigen Wochen traf sich Brandt mit seinem V-Mann-Führer, berichtete ihm Neuigkeiten aus der Szene – und ab 1998 auch von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt, die nach einer Razzia in den Untergrund geflüchtet waren. Brandt blieb über ein Netz aus Telefonzellen mit ihnen in Kontakt, nach Aussage von André K. beauftragte er diesen, gefälschte Pässe für sie zu besorgen – woraus letztlich nichts wurde.

Gericht muss noch Wochen auf Brandts Aussage warten

Auch Geld ließ Brandt den abgetauchten Kameraden zukommen, sammelte kurz nach der Flucht mehrere Hundert Mark. Laut Berichten des Verfassungsschutzes gingen die Spendenaktionen bis zum Jahr 2001 weiter. In dem Jahr wurde Brandt durch einen Zeitungsbericht als V-Mann enttarnt.

Die vielen Jahre in der Szene und das damals ausgesprochen gute Netzwerk, das der Zeuge geschaffen hatte, sind Anlass für viele Fragen der Nebenkläger: Wusste Brandt damals besser über den Aufenthaltsort der drei Bescheid, als er im Verhör zugab? Anwältin Dierbach sieht Indizien, die diese These stützen. Und: Wenn der Verfassungsschutz einen V-Mann im direkten Umfeld des Trios beschäftigte – wie konnten Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt dann so einfach aus dem Blickfeld der Fahnder verschwinden?

Brandt, der auch schon Fernsehinterviews gegeben hat, zeigte sich wesentlich auskunftsfreudiger als viele andere, die in den Neunzigern der Szene angehörten. Ob das auch vor Gericht so bleibt, wird noch mehrere Wochen lang ein Rätsel bleiben.

5 Kommentare


  1. „Wenn der Verfassungsschutz eine V Mann im direkten Umfeld des Trios beschäftigte…“ Einen ? Bitte zählen Sie noch einmal nach.Das Umfeld des Trios agierten diverse V Leute, selbst die V Mann Tätigkeit Wohllebens ist noch nicht völlig ausgeräumt.Und selbstverständlich gab es immer wieder Meldungen in den Medien, die die Vermutung aus Sicherheitskreisen bestätigten, Teile des Trios seien selber im Dienst des Verfassungsschutzes gestanden,bzw. würden von diesem gedleckt.In Anbetracht diverser Aktenvernichtungen,Schwärzungen,abgesagter Festnahmen,behinderter Ermittlungen und der hohen V Mann Dichte stellt sich von daher nicht die Frage wie die drei aus dem Blickfeld der Fahnder geraten konnten, denn dem war einfach nicht so.Die Frage ist warum wird vertuscht,was wird verschwiegen,warum werden Medienberichte zensiert?Thomas Moser, dessen NSU Reportage z.B. Auf WDR 5 abgesetzt wurde,der bei Kontext gekündigt wurde,berichtet aktuell,dass ein weiter NSU Reporter bei Kontext gekündigt wurde.


  2. „Große Hoffnungen ruhten auf der Aussage von Brandt, der bis Anfang des Jahrtausends wichtigster Vordenker der Neonazis in Thüringen war und dann als V-Mann enttarnt wurde.“

    Unser toller Staat stellt bzw. unterstützt also die Vordenker der Neonazis. Ich muss mich jetzt erstmal übergeben. Wäre der braune Sumpf letztlich ohne staatliche Hilfe nicht viel mehr als eine unorganisierte, saufende Prügeltruppe? Warum fördert unser Staat so einen Mist. Der Fisch stinkt hier gewaltig vom Kopfe her.

  3.   simulator

    @ 2
    Unterliegen Sie bitte nicht dem mitte-links gern gepflegten Irrtum von des „rechten Sumpfes“ als unorganisierter saufender Prügeltruppe die der V-Mann-Hilfe des Staates bedarf. Schon die Existenz des NSU-Trios und deren vermutliche Taten beweisen das Gegenteil und man geht kaum fehl, wenn man meint, dass eine Wiederholung dessen nicht unmöglich wäre.

  4.   bekir_fr

    „Wenn der Verfassungsschutz einen V-Mann im direkten Umfeld des Trios beschäftigte – wie konnten Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt dann so einfach aus dem Blickfeld der Fahnder verschwinden?“

    Zumindest hier kann der Anwältin Dierbach mit einer Antwort geholfen werden:
    Nicht das Trio verschwand aus den Augen der Fahnder, sondern die Fahnder hatten zu verschwinden – auf Befehl von oben.

    2011, wenige Tage nach dem Tod des Uwe-Duos ging durch die Presse, dass Zielfahnder schon ganz am Anfang (1998-99) das Trio in Chemnitz aufgespürt hatten, ihr Zugriff aber in letzter Minute von oben gestoppt wurde, http://www.bild.de/news/inland/nsu/weitere-neonazis-im-visier-21092600.bild.html

    @Realpolitik, #1 :
    Von den überaus zahlreichen (erwiesenen und möglichen) V-Leuten um und im NSU ist die interessanteste die Hauptperson des Münchners Prozesses selbst, Beate Zschäpe.
    Am Sterbetag der Uwes erhielt Zschäpe etliche Anruf-Versuche aus dem Nummernkreis des sächsischen Innenministeriums, somit vermutlich von einem Verfassungsschützer:
    http://www.stern.de/panorama/die-nsu-und-der-verfassungsschutz-ruf-doch-mal-beim-nazi-an-1838271.html

    Warum rief er bei ihr an statt dies der Polizei zu überlassen, die ebenfalls Anruf-Versuche startete? Hatte seine Behörde (immer noch?) irgendwelche Kontakte zu ihr als V-Frau? Egal was er wollte: Er musste ihr bekannt und vertrauenswürdig gewesen sein, ein wildfremder Anrufer hätte vor dem Hintergrund der Tagesereignisse (2 tote Uwes etc.) bei Zschäpe von vorneherein nicht mit Aussicht auf Gehör rechnen können.

    Gäbe es eine harmlose Erklärung, dann hätte das Ministerium längst Klarheit geschaffen und den Mann aussagen lassen. Also gibt es was zu verbergen!

    Und solange daran keiner rührt, ist der Prozess verlorene Zeit; alles kreist übervorsichtig um den wahren Kern, um die Nuss, die sich keiner zu knacken traut.

  5.   bekir_fr

    Tino Brandt und André K. werden im Artikel (und wohl auch von der Justiz) als „Vordenker“ der rechten Szene (d.h. des Thüringer Heimatschutzes und damit wohl auch des NSU) bezeichnet. Zugleich werden sie in diesem Prozess als „Zeugen“ geführt – warum?
    Ihre Sachkenntnis mag zwar so unbestreitbar sein wie ihre „Führungseignung“, aber wie „unparteiisch“ (und damit erst brauchbar) muss man sich ihre Aussagen zu den Angeklagten vorstellen? Von einer Läuterung dieser „Vordenker“ (aus Saulus wird Paulus) ist nichts bekannt, so dass die Annahme heimlicher oder offener Sympathien sehr naheliegend ist.

    Zugleich stecken sie selber drin, jede Aussage könnte gefiltert oder beschönigend sein, um die eigene Rolle zu verdecken und zu verharmlosen.

    Oder erhielten sie heimlich eine Art Kronzeugen-Status, um ihnen den Mund zu öffnen? Bei Brandt, der nicht nur Vordenker und Boss, sondern zugleich V-Mann war, scheint dies sogar naheliegend.

    Was soll man sich aber unter einem „Vordenker“ gewaltbereiter Neonazis anderes vorstellen als einen „Anstifter“? Und der „wird gleich einem Täter bestraft“, zählt also nach § 26 StGB als Mittäter.
    Soll ausgerechnet der Mittäter (Anstifter) geeignet sein, die (angestiftete) Mittäterin zu überführen? Beide haben ja nicht selbst geschossen, und über Zschäpes rechtsradikale Gesinnung wissen wir weniger als über die des Tino Brandt!

    Soll das Schweigen der Beate Z. (immerhin ihr gutes Recht) ausgerechnet in der Weise gegen sie verwendet werden, dass einem undurchsichtig-doppelgesichtigen „Vordenker- / V-Mann“ eine Bühne geboten wird? Einem Mann, dessen „Broterwerb“ über lange Jahre das Hetzen („Vordenker“) und das Lügen (heimlicher V-Mann mit einer angeblich noch heimlicheren Illoyalität gegenüber seine Geldgebern) war?

    Der Verfassungsschutz hat es über Jahre gewusst und für richtig gehalten, einen Anstifter (und Boss / Organisator) nicht nur gewähren zu lassen, sondern auch noch finanziell sehr großzügig zu unterstützen. Auch da sind wir schon beim Thema Mittäterschaft – also keine rein gesellschaftspolitische oder verwaltungstechnische Frage. Letztere wird von der Anklage zu Recht als nicht prozessrelevant bezeichnet, aber bei der Mittäterschaft der Behörden macht eine blockierende Anklage sich selber völlig unglaubwürdig.