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„Skinhead-Girl“ spielt die Unwissende – Das Medienlog vom Freitag, 11. April 2014

 

Wenn frühere Nazis im NSU-Prozess vor Gericht stehen, haben sie angeblich vieles vergessen oder spielen ihre Taten von damals herunter – die Zeugin Mandy S. ist keine Ausnahme. S. soll das NSU-Trio nach dessen Untertauchen Anfang 1998 in der Wohnung ihres damaligen Freundes untergebracht und Beate Zschäpe ihre Krankenkassenkarte überlassen haben. An ihrem dritten Vernehmungstermin erkundigten sich die Prozessbeteiligten aber vor allem nach S.‘ damaliger Gedankenwelt – und brachten die Frau aus dem Erzgebirge ins Schwimmen. „Man wünschte sich, die Extremisten hätten wenigstens die Größe, sich zu ihren abstrusen politischen Überzeugungen öffentlich zu bekennen“, kommentiert Jörg Diehl auf Spiegel Online.

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Eins der Details, das das Interesse der Nebenkläger geweckt hatte: S. damaliges Autokennzeichen BH 88, das sich als Szenecode für die verbotene Nazi-Organisation Blood & Honour und den Gruß Heil Hitler lesen lässt. S. erklärte, die Buchstaben BH stünden für „Bike-Halterin“, da sie ein Motorrad besitze. Im Saal sorgte das für Gelächter. Diehl bemängelt die fehlende Einsichtsfähigkeit von Szenezeugen: Diese „kriechen (…) zu Kreuze, versuchen sich durchzumogeln, zu lavieren, zu tricksen und sich generell den Anschein tiefster Harmlosigkeit zu geben“. Von Harmlosigkeit kann bei S. aber offenbar keine Rede sein: Ein Abzeichen auf ihrer Bomberjacke trug ihr damals den Spitznamen „White Power Mandy“ ein.

Es sei „mühsam, von dieser Zeugin etwas zu erfahren“, die Vernehmung „eine quälende Prozedur“, schreibt Tanjev Schultz in der Süddeutschen Zeitung. Die Nebenklageanwälte hätten nach vielen Details aus den rechten Kreisen gefragt, auch wenn der Zusammenhang ihrer Fragen nicht immer klar gewesen sei. Dass die 40-Jährige tief in der rechten Szene gesteckt habe, sei sowieso offensichtlich gewesen. „Letztlich bringt das alles das NSU-Verfahren kaum weiter.“

S. habe auch nicht klar benannt, jemals aus der Szene ausgestiegen zu sein, berichtet Per Hinrichs in der Welt: Den Begriff „Ausstieg“ will sie nicht verwendet haben – „ich bin einfach nirgendwo mehr hingegangen“, sagte sie. Auch Hinrichs zweifelt am Sinn der intensiven Befragung früherer Weggefährten des NSU: „Das Dunkelfeld rund um den Wesenskern des NSU hellt sich langsam auf, aber die entscheidenden Fragen werden wohl unbeantwortet bleiben.“

Kai Mudra beobachtet für die Thüringer Allgemeine „die äußerliche Wandlung eines früheren Skinhead-Girls“. Ihr Äußeres lasse ihre Vergangenheit nicht erahnen, vor Gericht gebe sie sich nun „recht unwissend“, auch an politische Ziele ihrer Nazi-Clique habe sie sich angeblich nicht erinnern können.

Der Nebenklageanwalt Alexander Hoffmann ist der Ansicht, dass ein Netzwerk aus Blood-&-Honour-Aktivisten damals das Trio unterstützte – der Organisation könnte auch Mandy S. angehört haben. „Alle Beteiligten standen in einem politischen Bezug. Es war kein individuelles Unterbringen, keine individuelle Hilfeleistung“, sagte Hoffmann der Nachrichtenagentur dpa.

Das nächste Medienlog erscheint am Montag, 14. April 2014.

17 Kommentare


  1. Bitte um Korrektur: In der Überschrift heisst es „Skinhead-Girl“ spielt die Unwissende. Das ist falsch. Ein(e) Skinhead kann kein(e) Faschist(in), Neonazi-Aktivist(in) oder überhaupt in irgendwelchen politischen Schwachsinn verstrickt sein. Wäre benannte NSU-Sympathisatin wirklich ein Skinhead, hätte sie sich mit jedem angelegt, der ihr sagen wollte was sie zu denken, zu tun und zu lassen hat – und mit Sicherheit kein Mitglied in irgendwelchen internationalen „Hasse-den-Fremden-Vereinen“.

    „Dönermorde“, „Skinhead-Girl“ usw, wen wollt ihr als nächstes stigmatisieren, weil ihr unfähig seid dieWahrheit zu sagen? Es gibt in diesem Land eine braune Brut, aus gewaltbereiten Kretins,einer breiten Schicht überforderter Spießer, vertreten von anzugtragenden Heuchlern und vornehm agierenden Staatsanwälten sowie ungebildeten Journalisten denen die Realität zu Komplex ist um damit Quote zu machen und die aus diesem Grund polykausale Ereignisse immer nur verkürzt und zu flach betrachten! Punkt.

    Einfach nochmal (in der Redaktion) die 1979 Scheibe on the Clash auf legen und zu hören. Das dürfte genug Recherche sein um in Zukunft die wirklich freien und ernsthaften Jungs und Mädchen an euren Fließbändern, Supermarktkassen und Walzwerken nicht einfach so in die falsche Ecke zu schieben.

    Fuerza, El jumbo.

  2.   bh88

    aha, mal wieder n ‚Geheimcode‘ BH 88; was soll das für ein Geheimcode sein, wenn er bereits der Zeitung und dem gesamten Gerichtssaal bzw. einer breiteren Öffentlichkeit bekannt ist ?? Darüberhinaus, heisst das, dass jeder der eine solche Kombination im Nummernschild hat, dann zur rechten Szene gehört ? Was mache ich denn nun jetzt als Einwohner von Bühl mit Kennzeichen BH ?? Wollte unbedingt auch möglichst viele Achter in der Nummernkombination haben, da dies nach dem in Asien weitverbreiteten (Aber-)Glaube Glück und Reichtum verspricht. Diese ganze Diskussion um Geheimcodes wird allmähich wirklich abstrus, mittlerweile werden sogar bestimmte Kennzeichenmuster nicht mehr ausgegeben, da sie als Geheimcodes dienen sollen. Meine Empfehlung als bestes Mittel dagegen: die angeblichen Geheimcodes werden in allen möglichen Kombinationen von den zulassungsstellen bevorzugt an alle vergeben, die kein Wunschkennzeichen haben möchten, dann hat sich das mit den ‚Geheimcodes‘ relativ schnell erledigt. Wie lange wollen wir uns noch unsere Lebensweise und Vorlieben von irgendwelchen Spinnern und Ewig- Gestrigen diktieren lassen ?

  3.   Philipp Weis

    @phelipe jumbo

    Ich kann es nachvollziehen, dass man die Skinhead-Subkultur durch rechte Kameraden missbraucht sieht. Der Skinhead Phänotypos hatte in die subkulturelle Neonaziszene jedoch so stark Einzug gehalten, dass die Begriffe fälschlicherweise von vielen synonym verwendet werden.

    Das ist aber etwas ganz anderes als die rassistische Begriffsfindung „Dönermorde“. Darum hinkt der vergleich doch sehr.
    Nabenbei, habe ich den Begriff zumindest in der Zeit schon länger nicht mehr gelesen – von den Kommentarspalten mal abgesehen ;)

    @bh88
    Sie berichten, dass bestimmte Kennzeichenmuster nicht mehr ausgegeben werden. Haben sie dazu ein Quelle?
    Mir ist lediglich bekannt, dass Kennzeichen nicht gegen die guten Sitten verstoßen dürfen und darum keine Schimpfworte ergeben dürfen. Lächerliche Vorschrift, ohne Frage, hat mit Nazis jedoch nichts zu tun.
    Die Buchstabenkombinationen KZ, SS, SA u.ä. wurden noch nie ausgegeben.

    Ich persönlich finde es auch gar nicht so schlecht, dass man am Rande von Demonstrationen die Fahrzeuge der Neonazis an den Kennzeichen mit „18“ und „88“ erkennen kann.

    Mit einem haben sie jedoch recht. Dank zivilgesellschaftlicher Initiativen sind die Szenecodes längst kein Geheimnis mehr.


  4. Die sind so doof, die Neonazis wissen wahrscheinlich nicht einmal was „Blood & Honour“ bedeutet. Eventuell vom Hörensagen. Ausserdem ist es total undeutsch sich als Nazis mit einem englischen Namen zu schmücken. :)


  5. Das dieser prozess ÜBERHAUBT was bringen wird…..diesen gedanken habe ich schon längst aufgegeben……

  6.   Sven77

    Das ganze Brimborium ist um die Zahlencodes ist doch lachhaft.
    Allein Wikipedia führt 3 Duzend Codes auf. Spielt man jetzt noch mit Umcodierungen (A=1 etc.) fällt wahrscheinlich jedes dritte deutsche Autokennzeichen unter Naziveracht.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Rechtsextreme_Symbole_und_Zeichen

  7.   Peter

    „Ihr Äußeres lasse ihre Vergangenheit nicht erahnen“
    Na sowas aber auch … das ist übrigens auch bei ganz anderen Leuten so.

  8.   Optimist

    „An ihrem dritten Vernehmungstermin erkundigten sich die Prozessbeteiligten aber vor allem nach S.’ damaliger Gedankenwelt…“
    Die Frau ist Zeugin! Wie soll damit eigentlich die Schuld der Angeklagten geklärt werden? Wie wäre es, wenn endlich Zeugen auftreten würden, die belegen könnten, dass Mundlos und Böhnhardt in Heilbronn Michelle Kiesewetter und in Kassel Herrn Yozgat erschossen haben? Und dazu dann noch Zeugen, die erhärten, dass Beate Zschäpe davon gewusst und das unterstützt hat? Das funktioniert natürlich nicht, wenn in Kassel ein Verfassungs“schützer“ näher dran war als irgendjemand sonst, aber dummerweise gar nichts gewusst, gesehen, gehört oder gerochen hat. Oder wenn in Heilbronn alle Zeugen nur Unpassendes gesehen haben: viel mehr Tatbeteiligte und auch noch mit den falschen Gesichtern.
    Das ist natürlich saublöd und deshalb haben die Ankläger nur jeweils ein Indiz für den Tatvorwurf, nämlich die Tatwaffe und die Polizistenwaffen, die die beiden Uwes aus Jux und Tollerei jahrelang mit sich herumgeschleppt haben, sogar in ein auf Zeit gemietetes Wohnmobil.
    Weil es andere Beweise außer diesen offensichtlich sonderbaren Beweisen nicht gibt, geht es vor Gericht immer wieder um Gesinnungen. Für diese kruden Gesinnungen muss man gar nichts übrig haben, um sich zu fragen, ob das ein Strafprozess ist oder doch eher ein Schauprozess zur Vernebelung der eigentlich interessierenden Taten.


  9. Ich habe das schon zu Bewginn des Verfahrens gesagt:
    Die „Nebenkläge“ erwartet sich zuviel von diesem Prozess und dass ist eher dem PR-Sucht der Anwälte geschuldet, als dem Wunsch nach Aufklärung.

    Nochmal ein Stzrafprozess ist keine historisch-soziologische Studie wo man lang und breit nach Gründen sucht.

    Hier geht es um Schuld und Bestrafung.
    Das interesse der Angeklagte ist es natuürlich so wenig Schuld einzuräumen wie möglich und auch mit einer minimalen Strafe davon zu kommen.

    Das hier in „epischer Breite“ etwas aufgeklärt werden kann ist eine Mär, die die Verteidiger ihren Mandanten erzählt haben.

    Das verfahren wird sich noch ein paar Monaten hinschleppen und dann wird die Kammer sehen was sie revisonssicher urteilen kann.


  10. @Philipp Weis

    Einen Vergleich zwischen den beiden Begriffen habe ich nicht getätigt. Lediglich darauf hin gewiesen, dass bei dem zu Grunde liegenden Thema (immernoch „Rassismus,Vorurteile und ihre Strukturen“) die Presse, also meine Kollegen, derart undifferenziert berichten und recherchieren, das man sie selbst schon zu jenen Strukturen zählen müsste/muss. Nur zur Klarstellung: Wenn ich an das Mädchen denke, mit der ich den Begriff „Skinhead-Girl“ als erstes verbinde: Sie steht immer in der ersten Reihe wenn der Rechte-Sektor mal wieder irgendwo marzialisch aufmaschiert und schon vor dem ersten Wort durch Habitus und Darstellung Einschüchtern und Ausgrenzen will – und von dort aus, lässt sie sich nicht einschüchtern, die Idioten niemanden ausgrenzen und nutzt ihren Zugang zu „Gewalt“ um für diejenigen in die Bresche zu springen, denen dafür die Courage fehlt. Also auch für unsere Medien. Wie beim nachplappern des Begriffs „Dönermorde“ schieben unsere „Informations-Kanäle“ sie dabei in der Wahrnehmung für Andere in die komplett falsche Richtung. Daher die Nennung in Reihe.

    Verstehn sie mich nicht falsch, aber ihr Ansatzpunkt ist in meinen Augen genau der falsche um dann doch noch „zu differenzieren“. Das muss passieren bevor Vor-Verurteilt wird, und damit Stimmung „gemacht“ (egal wie unabsichtlich dies geschiet). Sonst haben wir in dem poltitisch ungern besetzten Themenkomplex der platten braunen Propaghanda wirklich nichts entgegen zu halten. Gruß, PJ