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Naives Opfer oder williger Helfer der Terroristen?

 

Mindestens acht Zeugen aus dem NSU-Prozess dürften nach dem Urteil in München selbst juristischen Ärger bekommen. So viele Ermittlungsverfahren führt der Generalbundesanwalt gegen mutmaßliche Unterstützer der Terrorgruppe. Einer davon ist Matthias D. Der 38-Jährige ist eine plumpe Erscheinung mit Stiernacken. Doch D. sollte nicht unterschätzt werden. Die Behörden identifizierten ihn als engagierten Rechtsradikalen, als Anführer der Brigade Ost, einer Nazi-Kameradschaft in seiner Heimat im Erzgebirge.

Als Zeuge ist er jedoch nach München geladen, weil er der Zwickauer Gruppe zur Tarnung seine Identität geliehen haben soll. Sein Name stand an Tür und Briefkasten der letzten Wohnung der drei. Wegen der laufenden Ermittlungen darf D. die Aussage verweigern – und beruft sich prompt auf sein Recht. Nach drei Minuten ist der Auftritt vorbei. Wie viele andere mutmaßliche Unterstützer schweigt D. zwar vor Gericht, hatte aber eine Aussage bei der Polizei gemacht. Direkt im Anschluss sagt deshalb der Beamte des Zwickauer Präsidiums aus, der den Zeugen vernommen hatte.

D. kam damals mit einem Anwalt zur Befragung, gerade zwei Tage nach dem Ende des NSU im November 2011. Die Faktenlage war noch dünn und die Ermittler weitgehend ahnungslos. In ihren Augen war der Zeuge durch unglückliche Umstände in die Sache hineingeraten. Die Bundesanwaltschaft, die später die Ermittlungen an sich zog, sah das anders: Anfang Dezember 2011 erreichte sie, dass D. für ein halbes Jahr in Untersuchungshaft genommen wurde.

Max, Gerri und Liese

„Ich habe ihn als etwas naiv eingeschätzt“, beschreibt der Polizist Volker F. seinen Eindruck. So hatte sich D. jedenfalls dargestellt: Er arbeitete als Fernfahrer und lebte im Erzgebirge. Weil er jedoch häufig von Zwickau aus fuhr, suchte er dort ein Zimmer für gelegentliche Übernachtungen. Die Lösung bot ihm sein Kumpel André E. an, der heute neben Beate Zschäpe auf der Anklagebank sitzt: Ein Freund suchte im Jahr 2001 eine Wohnung, bekam aber keine, weil er Schulden und eine negative Kreditauskunft hatte. D. sollte einen Mietvertrag unterschreiben und den Freund offiziell als Untermieter aufnehmen. Dieser sollte dann in der Wohnung leben und D. ab und zu dort schlafen lassen.

D. willigte ein. Auf dem Vertrag für den Untermieter stand der Name Max-Florian B. Dahinter verbarg sich allerdings Uwe Mundlos. Und er zog nicht allein in die Wohnung: Mit ihm lebten ein gewisser Gerri und eine Liese – Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe. D. hielt die beiden für ein Paar. Vor manchen Touren kam der Hauptmieter dann für eine Nacht in die Wohnung, dafür gab er Mundlos 50 bis 70 Euro im Monat. Der zahlte die Miete an den Vermieter.

Sollte die Version stimmen, wäre D. ein Zufallshelfer des NSU, ein Opfer der trickreichen Verschleierung, die sich die Drei ausgedacht hatte. Mit seinem Namen im Mietvertrag konnten die vor der Polizei geflüchteten Rechtsextremen ungestört in einer normalen Nachbarschaft leben. Doch es gibt Indizien, die gegen eine Rolle von D. als naivem Helfer sprechen.

Anrufe nur aus der Telefonzelle

Im Herbst 2008 zogen Max, Gerri und Liese in die Frühlingsstraße 26 in Zwickau – die letzte Wohnung. Wieder unterschrieb D. im Austausch für ein Zimmer den Vertrag. In dem Haus war ausschließlich der Name von D. am Briefkasten und dem Klingelschild angebracht. Ob ihn das nicht gewundert habe, fragte ihn Polizist F. Darauf entgegnete D., Max-Florian B. habe ihm gesagt, er wolle wegen seiner Schulden Ruhe zu Hause haben. Damit habe er sich zufriedengegeben.

Es ist nicht die einzige Merkwürdigkeit: D. hatte keine Telefonnummer seiner Untermieter. Wenn sie etwas von ihm wollten, riefen sie ihn aus einer Telefonzelle an. Vom Mietvertrag bekam er kein Exemplar, das habe B. gleich wieder mitgenommen. Einmal im Jahr gab es zudem eine Rückzahlung überschüssiger Betriebskostenvorschüsse vom Vermieter aufs Konto von D. Das Geld hob er ab und gab es B. in bar – obwohl die Untermieter die Miete per Überweisung an den Hauseigentümer zahlten. Dafür nutzten sie allerdings ein Konto, das auf einen weiteren Tarnnamen lief.

Über so viel Geheimniskrämerei hätten sich normale Mieter gewundert. Nicht so Matthias D. Die Marotten seiner Untermieter akzeptierte er, ohne Verdacht zu schöpfen. Vielleicht, weil er wusste, was die drei im Schilde führten.

Keine Springerstiefel in der Wohnung

Am Nachmittag tritt Jan Böhnhardt in den Zeugenstand, der große Bruder von Uwe Böhnhardt. Der 44-Jährige arbeitet als Kraftfahrer und hat eine Tochter. Im Gegensatz zu seinem acht Jahre jüngeren Bruder kam er mit der rechten Szene nicht in Kontakt. Er habe sich gewünscht, Uwe würde den Absprung schaffen, erzählt er: „In meiner Wohnung durfte er keine Springerstiefel anziehen.“ In die Szene sei er geraten, weil er sich allein gefühlt habe und bei etwas dabei sein wollte – „das war damals Kult“.

Im Januar 1998 ging Uwe Böhnhardt mit Mundlos und Zschäpe in den Untergrund. Er sei „irgendwann ausgerissen“, beschreibt Jan Böhnhardt die Flucht des Bruders. Kontakt hatte er nie wieder mit Uwe, während die Eltern der beiden alle Drei noch dreimal in einem Chemnitzer Park trafen. „Sie wollten mich da nicht mit reinziehen“, sagt Böhnhardt.

2 Kommentare

  1.   the good kkkop

    Aus der „Brigade Ost“ wurde die „Weisse Bruderschaft Erzgebirge“, der neben Matthias D auch André E und dessen Zwilligsbruder angehörten. Auch die Aliasgeberin Mandy S gehörte zu deren näheren Umfeld.
    Die WBE gab es bis 2001, und 2006 trafen sich Mitglieder noch mal in einer Nazi-WG in Zwickau. Dort sollen auch die „Nationalen Sozialisten Zwickau“ ihren Ursprung haben, die im nächsten Jahr in Erscheinung traten. Bei André E in der Wohnung wurde dann eine Spendenbüchse für diese NSZ gefunden.

  2.   paul

    „Die Bundesanwaltschaft, die später die Ermittlungen an sich zog, sah das anders: Anfang Dezember 2011 erreichte sie, dass D. für ein halbes Jahr in Untersuchungshaft genommen wurde.“
    und damit ist er jetzt seit über 2 Jahren auf freiem Fuss und ungeachtet der beträchtlichen Ermittlungsdauer nicht angeklagt?

    Der Rest ist hätte, sollte, wäre und vielleicht, aber so hübsch runtererzählt als ob es so und nur so wahr sein müsse. Gut gemacht, nur eben nicht mehr als eine Deutung von vielen und das „vielleicht, weil er wusste“ bleibt eine bloße Unterstellung.