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NSU pflegte Kontakte nach Baden-Württemberg – Das Medienlog vom Mittwoch, 22. Oktober 2014

 

War die 2007 in Heilbronn ermordete Polizistin Michèle Kiesewetter wirklich ein Zufallsopfer des NSU? Die Aussage einer baden-württembergischen Ermittlerin schaffte am Dienstag keine Klarheit in dieser Frage – lieferte jedoch interessante Anhaltspunkte: Demnach pflegte das NSU-Trio Kontakte nach Baden-Württemberg. Zwischen 1993 und 2001 reisten Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt mehrmals zu Gesinnungsgenossen nach Ludwigsburg. Die Treffen im Keller eines Kameraden bleiben trotz dieser Erkenntnis mysteriös: „Was dort getrunken wurde, ist überliefert – was gesprochen wurde eher nicht“, schreibt Oliver Bendixen vom Bayerischen Rundfunk.

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Insbesondere im Fall Heilbronn nahmen die NSU-Ermittlungen etliche Schleifen und folgten vielfach falschen Spuren. Die enthüllten Kontakte deuten unterdessen immer wieder auf ein größeres Unterstützernetzwerk hin. „Auch nach dem 152. Verhandlungstag sind Überraschungen durchaus noch möglich“, kommentiert Bendixen.

Die Besuche im Ländle machten offenbar großen Eindruck bei den aus Thüringen stammenden Kameraden. So schilderte Uwe Mundlos einem Kameraden 1996, die Bewaffnung der Ludwigsburger habe ihn beeindruckt, wie Jörg Diehl auf Spiegel Online berichtet.

Zu Beginn des Prozesstags beschäftigte sich das Gericht mit der Zeugin Sitta I., einer früheren Lebensgefährtin von Hans-Ulrich M., der am Schmuggel der NSU-Pistole Ceska 83 beteiligt gewesen sein soll. M. hatte einer Anzeige von I. aus dem Jahr 1996 zufolge bereits damals zehn sogenannte Schießkugelschreiber nach Deutschland eingeführt, wie Kai Mudra von der Thüringer Allgemeinen berichtet. Einen davon erhielt offenbar sein Freund Enrico T. – er soll später die Weitergabe der Ceska vermittelt haben.

Das nächste Medienlog erscheint am Donnerstag, 23. Oktober 2014.

19 Kommentare

  1.   Optimist

    „Zwischen 1993 und 2001 reisten Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt mehrmals zu Gesinnungsgenossen nach Ludwigsburg.“
    Haben Sie dort die letzten operativen Details des Mordes an Kiesewetter im Jahr 2007 vorbesprochen? Das ist eine ganz, ganz heiße Spur!


  2. Kieswetter ist genausowenig ein Zufallsopfer wie die Anwesenheit von Andreas T. im Internetcafe der Familie Yozgat in Kassel ein Zufall war.

    Die Theorie des BKA, dass Kiesewetter ein Zufallsopfer und das Tatmotiv Waffenbeschaffung war, ist komplett absurd. Kiesewetter kaum aus dem thüringschen Oberweißbach, einem 2000-Seelen-Nest und hat dort in unmittelbarer Nähe eines Gasthofes gewohnt, der regelmäßig von Leuten aus der Naziszene, auch Leuten des Thüringer Heimatschutzes, frequentiert wurde. In Kiesewetters privatem Umfeld gibt es zahlreiche und vielfältige Verbindungen zur Szene.

    Wie wahrscheinlich ist es wohl, dass ein angeblich seit Jahren konspirativ im Untergrund lebendes Terrortrio, das von einem hohen Fahndungsdruck ausgehen muss, sein Versteck verlässt, um hunderte Kilometer durch die Republik zu tingeln, um hunderte Kilometer von ihrem Versteck am hellichten Tag in aller Öffentlichkeit eine Polizistin (!) zu erschiessen, was einen noch größeren Fahndungsdruck auslöst – nur um an deren Dienstwaffe zu kommen? Und das, obwohl das Trio bereits zu diesem Zeitpunkt nachweislich über ein schickes Waffenarsenal verfügt und genügend Kontakte in die Szene besitzt, um sich weitere Waffen zu beschaffen?

    Und dann bringen sie nicht irgendeine Polizistin um, sondern ganz ganz zufällig eine aus der Heimat?

    Und das BKA beeilt sich, ein Tatmotiv zu liefern, das alle diese Verbindungen ignoriert?

    http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.nsu-neonazis-in-kiesewetters-umfeld.f9c9fff2-82f0-4d9c-841d-92c433ab5461.html
    http://www.tagesspiegel.de/politik/neonazi-terror-spur-des-polizistenmords-fuehrt-nach-thueringen/5875916.html
    http://friedensblick.de/9889/michele-kiesewetter-waehrend-drogen-fahndung-erschossen/
    http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.nsu-neonazis-in-kiesewetters-umfeld.f9c9fff2-82f0-4d9c-841d-92c433ab5461.html

  3.   waldemar

    “Was dort getrunken wurde, ist überliefert – was gesprochen wurde eher nicht.”

    Man sollte zukünftige Terroristen dazu verpflichten, über jedes ihrer Treffen Wortprotokolle anzufertigen, damit die spätere Verbrechensaufklärung nicht allzu sehr erschwert wird.

  4.   Peter

    Viele Mutmaßungen, keine gesicherten Erkenntnisse.

    Auch wenn die Berichterstattung gern den Eindruck erweckt, man würde über etwas Tatsächliches berichten, berichtet man doch nur, was man ableiten zu können glaubt und was man alles nicht weiß.

    @ Innenminister
    Da gibt es aber auch noch eine andere mögliche Antwort auf Ihre Fragen – der NSU wars im Falle Kiesewetter gar nicht. So schlagend ist das Indiz der gleichen regionalen Herkunft von Opfer und möglichen Tätern nun auch nicht.

  5.   Andre T

    „Kieswetter ist genausowenig ein Zufallsopfer wie die Anwesenheit von Andreas T. im Internetcafe der Familie Yozgat in Kassel ein Zufall war“

    die Rolle des Andreas T ist bis heute nicht vollstaendig erklaert, aber wer an solche Zufaelle glaubt

  6.   Minerva

    Die „official version“, nach der Kiesewetter quasi ein „reines Zufallsopfer“ war, ist ja nun eh lächerlich absurd, und ist in Wahrheit vielmehr sowas wie der beste Beweis, dass „Vadder Staat“ von Anfang an Alles versucht hat, um zu verhindern dass die Wahrheit an’s Licht kommt.

    Einfach mal das hier lesen:
    http://www.br.de/fernsehen/das-erste/sendungen/report-muenchen/dossiers-und-mehr/nsu-polizistenmord102.html

    Zusammengefasst: Der Patenonkel von Kiesewetter (selbst ein Polizist!) hat schon 2007 – nur eine Woche nach dem Mord an Kiesewetter! – in einer Befragung die Vermutung geäussert, dass der Mord im Zusammenhang stehe mit den bundesweiten „Türkenmorden“.
    Wie in aller Welt konnte er das ahnen, wenn es doch angeblich keinerlei Zusammenhang zwischen Kiesewetter und den NSU-Morden gab?

    Die Ermittler scheinen diese doch höchst bemerkenswerte Aussage komischerweise komplett ignoriert zu haben – als hingegen ein Team des bayrischen Rundfunks den besagten Patenonkel einige Zeit später aufsuchte, um ihn auf diese merkwürdige damalige Vermutung anzusprechen, will er sich dazu komischerweise nicht mehr äussern.

    In einer anderen Vernehmung hat der gleiche Patenonkel und Polizist übrigens eingeräumt, im Rahmen seiner Arbeit unter Anderem mit dem berühmt-berüchtigten Tino Brandt zu tun gehabt zu haben, dessen Name im Zusammenhang mit den NSU-Morden ja ständig auftaucht.

    Die „offizielle Version“, die Polizei, BILD, ZEIT & Co. noch immer verbreiten, ist so lächerlich, dass ich mittlerweile ja glaube, dass sie insgeheim von einem Comedian ausgedacht wurde…

  7.   Optimist

    @6
    „Der Patenonkel von Kiesewetter hat schon 2007 .. die Vermutung geäussert, dass der Mord im Zusammenhang stehe mit den bundesweiten “Türkenmorden”.“
    Hat er das wirklich damals schon getan? Oder hat er einfach nach dem 4.11.2011 irgendwann behauptet, er habe die Vermutung schon 2007 geäußert? Das ist wichtig, weil alle sonstigen Hinweise auf die Beteiligung von Mundlos und Böhnhardt an dieser Tat erst nach dem 4.11.2011 gefunden worden sind.
    Erinnern Sie sich noch an die sehr vagen, aber sehr lauten Spekulationen von BKA-Chef Zierke über persönliche Beziehungen zwischen Kiesewetter und ihren Mördern, die an Weihnachten 2011 wieder kassiert wurden?
    Denken Sie mal darüber nach, welche Funktion diese Bemerkung von Zierke im November 2011 gehabt haben könnte angesichts der unglaublich plumpen sonstigen Indizien, die in denselben Wochen in Eisenach und Zwickau gefunden wurden. Eine ernsthafte Suche nach diesen Beziehungen hat es ja nie gegeben, sie wird heute noch beschworen.
    Die Bemerkung des Onkels wurde später bekannt und wirkt bis heute kräftig nach. Könnte es sein, dass der Chef Zierke den Prototypen gebaut und probegefahren hat, der später von Profis feingetunt worden ist?
    (Der Onkel ist Polizist und damit nicht ganz frei gegenüber den Wünschen von Leuten wie Zierke. Es geht ja schließlich in erster Linie um das Staatswohl, nicht um Aufklärung. Ein Polizist hat kleinere Kröten dieser Art unzählige Male geschluckt, bevor ihm ein solches Exemplar zugemutet wird.)

  8.   bekir_fr

    Wie von der Verteidigung erwartet, konnte Zeugin Sitta I., Ex-Lebensgefährtin von Hans-Ulrich M., der die „NSU-Pistole Ceska 83“ ins Land gebracht haben soll, nichts mit Beweiswert für das Verfahren beitragen.
    Der Schweizer M. „hatte einer Anzeige von I. aus dem Jahr 1996 zufolge bereits damals zehn sogenannte Schießkugelschreiber nach Deutschland eingeführt (…). Einen davon erhielt offenbar sein Freund Enrico T. – er soll später die Weitergabe der Ceska vermittelt haben“.

    Ergo: Kein Wissen und keine Aussage zur Ceska, bei deren fraglicher Übergabe sie schon nicht mehr liiert war. Dass M. und T. Waffen-Narren waren, wusste man dagegen schon lange vor dieser „Zeugen“-Aussage.

    Zum schier endlosen Verzetteln des Gerichts auf dem Ceska-Lieferweg meldet die Thüringer Allgemeine im verlinkten Artikel Interessantes:
    Der „entscheidende Satz am Vormittag des 152. Verhandlungstages fällt gleich zu Beginn. Richter Götzl machte klar: Die Frage, ob dem Lieferweg der Pistole Relevanz zukomme, bleibe der Urteilsbegründung vorbehalten. Das Gericht versucht seit Monaten intensiv zu klären, wie die mutmaßliche Mordwaffe in die Hände von Böhnhardt und Mundlos gelangen konnte.“

    Also macht ein eigentlich ratloser Richter hier nur „klar“, wie wenig klar ihm selber der Nutzen der endlos-langwierigen Lieferweg-Analyse ist und verschiebt die Antwort auf diese Frage ganz an den Schluss des Prozesses?

    Dabei wäre Wohlleben bereits dann belangbar, wenn er den Uwes Waffen zukommen ließ, während er von deren Mordplänen wusste – egal ob unter den Waffen die spätere Mordwaffe war oder nicht.
    Denn nach unserem Strafrecht ist selbst der untaugliche Versuch strafbar, z.B. Lieferung einer Spielzeug-Pistole, die der Lieferant irrtümlich für eine echte hält. Wenn aber schon eine untaugliche Pistole für die Strafbarkeit reicht, dann reicht erst recht irgendeine beliebige taugliche, die weder Ceska sein noch aus der Schweiz stammen muss.

    Allerdings wird dem NSU wird ein ganzes Arsenal echter Waffen zugeschrieben und man fragt sich, warum die Lieferanten der anderen ca. zehn „NSU-Waffen“ nicht ge-sucht und auf ihren Mord-(Unterstützungs-) Willen unter-sucht werden. Oder sollte etwa der Lieferant der Ceska per se der „Vordenker“ bzw. Ideengeber bzgl. Ceska-Mordserie sein?

    Dann sollte der Nachweis hierfür aber schleunigst erbracht werden und sich nicht auf Deutungen und Abwägungen während Urteilserstellung beschränken.

  9.   the good kkkop

    @7 :
    “ Eine ernsthafte Suche nach diesen Beziehungen hat es ja nie gegeben, sie wird heute noch beschworen. “
    Sie wissen ja selbst wer so in der Sicherheitsfirma des Lebensgefährten der Freundin von Kiesewetter gearbeitet hat. Hatten wir ja eben.
    Und den Onkel wollen sie nun umdatieren ? Was nicht passt wird paaend gemacht ?


  10. @6 Wenn Brandt etwas wusste warum hat er dann nicht ausgepackt? Zum einen winkte eine satte Belohnung zum anderen hätte er sich in ein besseres Licht stellen könen als das in welches er nun gestellt wird.

    Ich vermute die ganze zeit schon das die Staatlichenbehörden eine Ahnung hatten aber nichts konkretes und daher auch keinen Ansatz einer Lösung.
    Auf VS und BKA oder andere schimpfen ist einfach wenn man nur zusieht.
    Spurensuche und Tätersuche ist kein Kartenspiel.

    Das einige Waffen beim NSU gefunden wurden ist ja klar, aber da waren leider keinen Quittungen oder Kassenbons bei um den Verkäufer sicher zu stellen.

    Ich denke das eine suche nach einem Baum der ein Baltt verloren hat noch ein vielfaches einfacher ist als den ehemaligen Besitzer einer Illegalen Waffe zu finden.
    Und wenn diese nicht mal genutzt wurden, ist es fast verschenkte Zeit sie zu suchen.
    es sei denn Beate Zschäpe könnte würde mal etwas dazu sagen.

    Mich beeindruckt es aber immer wieder mit was für einem Aufklärungswillen an diesem Fall gearbeitet wird, es wird aber wirklich nichts ausgelassen da werden Zeugen geladen und befragt die einige dinge sicher nur nebenbei erlebt haben und das dann auch schon jahre her ist, und das „nur“ um ein richtiges Urteil fällen zu können, in einer Bananenrepublik sähe das sicher anders aus.
    Trotz einiger „Pannen“ kann man manchmal doch aufatmen wenn man liest was sich da so tut und was alles so ans Tageslicht kommt und vorallem wie es zu funktionieren scheint.