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Rechtsradikaler bedroht Journalisten – Das Medienlog vom Freitag, 6. März 2015

 

Der Zeuge Hendrik L. aus Chemnitz war die wichtigste Person am Donnerstag im Gerichtsverfahren: Er ist ein alter Bekannter der NSU-Gruppe aus Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Mit den dreien verkehrte er sowohl vor als auch nach deren Untertauchen 1998. Vor allem mit Mundlos war er nach eigenen Angaben gut befreundet. Ein rechtes Weltbild zu haben, empfand L. offenbar als völlig normal: “Damals habe man zuerst an die eigene Nation gedacht”, gibt Alf Meier vom Bayerischen Rundfunk L.s Aussage wieder. Ansonsten gab er sich “wortkarg, unkonkret, will Namen alter Freunde nicht preisgeben”.

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Für den Vorsitzenden Richter Manfred Götzl sei es eine “mühsame Befragung” gewesen, “die seiner Contenance einiges abverlangt”, schreibt Harald Biskup in der Berliner Zeitung. L. gilt als eine der Schlüsselfiguren der rechten Szene in Chemnitz. Doch die Situation der drei Geflüchteten will er als unspektakulär eingeschätzt haben, was für Biskup “nicht sehr glaubwürdig klingt”. Sein damals anscheinend ungezwungener Umgang mit den dreien lässt allerdings einen interessanten Schluss zu: “Glaubt man seinen Aussagen, hätten sich die drei polizeilich gesuchten Neonazis Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe auch nach ihrem Untertauchen relativ frei in Chemnitz bewegt”, schreibt Ina Krauß vom Bayerischen Rundfunk.

Im Anschluss an die Vernehmung kam es zu einem Zwischenfall auf der Besuchertribüne: Ein Zuschauer bedrohte den Korrespondenten der Chemnitzer Freien Presse, indem er ihm dessen Privatadresse zuraunte. Später zog er gemeinsam mit Zeuge L. von dannen. Der Journalist erstattete Strafanzeige. “Ganz offensichtlich haben ihn die Rechtsradikalen ausspioniert. Und bedrohen ihn nun mitten im Gerichtssaal”, berichtet Annette Ramelsberger von der Süddeutschen Zeitung. “Doch da springt auf der Besuchertribüne, unter den Journalisten, plötzlich ein Mann auf, kurze Haare, sportlich angezogen”, schreibt sie. “Er hat zwei Ringe am Finger, die schwarze Sonne, ein Zeichen der Neonazis, und den Thorshammer. Unterm Hemd ist er wild tätowiert. Ganz offensichtlich gehört er zum Zeugen.”

Beate Zschäpe scheint gesundheitlich angeschlagen, zuletzt war sie häufiger krankgeschrieben. Dem trägt das Gericht nun Rechnung: Im März wird nur noch an zwei statt drei Tagen pro Woche verhandelt. Grundlage der Entscheidung war ein Gutachten des Münchner Psychiaters Norbert Nedopil.

Vor dem Strafjustizzentrum demonstrierte am Donnerstag eine Initiative, die den Mord an dem Berliner Burak Bektas von 2012 als Nachahmungstat der NSU-Morde vermutet. Der Anwalt der Familie, Mehmet Daimagüler, der auch Nebenklageanwalt im NSU-Prozess ist, fordert aufgrund zahlreicher Parallelen intensivere Ermittlungen. Über die Ähnlichkeiten beider Komplexe berichtet Frank Jansen im Tagesspiegel.

Das nächste Medienlog erscheint am Montag, 9. März 2015.

12 Kommentare

  1.   H. Ford

    Ein Zuschauer bedrohte den Korrespondenten der Chemnitzer Freien Presse, indem er ihm dessen Privatadresse zuraunte…. aha… dann werden wir mal sehen vor welchem Gericht diese Tat als strafbar angesehen wird.

  2.   fliegenklatsche

    “Ganz offensichtlich haben ihn die Rechtsradikalen ausspioniert.

    Kommt mir bekannt vor, nur eben umgekehrt.
    Hatte auch schon mal besuch von einem MA eines Presseverlages ;-)
    scheint wohl gang und gebe zu sein.

    Muss man das akzeptieren?


  3. @H.Ford:
    Der Journalist hat in der Vergangenheit häufiger Drohungen aus der Szene erhalten. Seine Adresse hat er daher nirgendwo eintragen lassen. Insofern ist das, was damit bezweckt werden soll, wohl eindeutig: Wir wissen wo du wohnst. Und das soll zumindest Angst erzeugen.

    Oder sehen Sie einen anderen triftigen Grund, warum irgendwer irgendjemandem die eigene Adresse zuraunen sollte? Manchmal muss man sich anstrengen, wenn man etwas erfolgreich bagatellisieren will.

  4.   fliegenklatsche

    @Roland_s für so schlimm halte ich das nun auch nicht, die Presse berichtet ja auch immer schön frei drauf los ohne hemmungen, und was ersteinmal gelesen ist bleibt in den köpfen der Leser.
    Ich meine immer es wird nichts so heiß gegessen wie es gekocht wird.

    Eines meiner beliebten beispiel, die Bildzeitung, es war im gesamten Gerichtsgebäude ein Film und Fotoverbot, doch die Bild druckte ein Foto eines Zeugen das aus der Hüfte herraus geschossen wurde.
    Das man da irgendwann auch mal etwas “enttäuscht” ist kann man ja wohl nachvollziehen.

  5.   Hr. Schulz

    Die übliche vorfabrizierte Aufregung hat auch diese Woche wieder Schlagzeilen gemacht.

    MFG

  6.   Peter

    @roland_s
    Die Frage war, welches Gericht dies bestrafen würde.

    Der Hinweis, dass die Presse gern “Rechte” outet und es daher nicht verwundert, dass das auch mal anders herum laufen kann, ist durchaus nicht ohne Relevanz.
    Wer sich engagiert, egal wofür, muss schon mit Gegenwind rechnen – solange das im Bereich des Verbalen bleibt.


  7. @fliegenklatsche: schlimm wäre es nur dann nicht, wenn es bei solchen verbalen Geschichten bliebe. Dem ist aber nicht so!

    Rechtsradikale Gewalt hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen! Auch wenn darunter “nur” Schmierereien und Sachbeschädigungen sind, die ja auch gerne mal bagatellisiert werden, der weit überwiegende Teil davon hat das Kaliber von Körperverletzungen.

    Womit wir dann bei Ihrem letzten Satz sind – gilt der dann immer noch?

  8.   fliegenklatsche

    @roland_s Es gibt grenzen, für alles.
    Gewalt lehne ich erstmal ab, nur kann man sich irgendwann auch verteidigen.

    Einfach mal miteinander nicht übereinander reden kann schon helfen!

  9.   Tapir

    “Rechtsradikale Gewalt hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen!”

    Da muss ich Dich enttäuschen. Rechtsradikale Gewalt hat in den letzten Jahren abgenommen. Genaugenommen gibt es fast gar keine mehr.


  10. Rauswerfen aus dem Gerichtssaal, Hausverbot und Anzeige ( falls möglich).
    Hart durchgreifen.