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Zschäpe-Verteidiger wollen Gutachter auf Abstand halten – Das Medienlog vom Mittwoch, 20. Mai 2015

 

Die Vernehmung des Kasseler Neonazis Bernd T. war am Dienstag Nebensache – im Fokus stand ein Antrag der Anwälte von Beate Zschäpe. Sie forderten, der psychiatrische Sachverständige Henning Saß solle seltener an den Verhandlungen teilnehmen, weil die Angeklagte unter seiner Dauerbeobachtung leide. Mehrere Stunden Debatte folgten, am Schluss lehnte das Gericht ab – wiewohl Bedenken der Verteidigung gegen den Gutachter verständlich seien, analysiert Gisela Friedrichsen auf Spiegel Online: Gutachten wie das zu erwartende hätten „oft mehr mit Kaffeesatzleserei zu tun als mit einer wissenschaftlich begründeten Expertise“.

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Zschäpe spricht nicht mit Saß, so wie sie auch vor Gericht schweigt. Daher fertigt der Psychiater sein Gutachten auf der Grundlage von Akten, Zeugenaussagen und Beobachtungen von Zschäpes Mimik und Gesten – also praktisch aus zweiter Hand. „Es verwundert eher, dass sich immer wieder Gutachter zu einer solchen Vorgehensweise bereit finden“, schreibt Friedrichsen. Die Initiative gegen den Sachverständigen hätten die Anwälte offenbar auf Zschäpes Wunsch hin unternommen.

Konkret forderten sie, ihn während Verhandlungspausen des Saals zu verweisen und bei der Behandlung von Taten, während derer Zschäpe nicht am Tatort war. „Das wäre eine Quasi-Ausladung des Psychiaters“, merkt Annette Ramelsberger von der Süddeutschen Zeitung an. Der Hintergrund: Zschäpe leidet zunehmend unter dem Prozess. „Man sieht es, man spürt es, auch aus der Entfernung.“

Für die Partei der Hauptangeklagten könne das Dienstag vorgetragene Ansinnen „noch heikel werden“, heißt es bei Frank Jansen vom Tagesspiegel. Denn die Anwälte nahmen in ihrem Antrag Bezug auf das Gutachten des Psychiaters Norbert Nedopil, der für das Gericht Zschäpes psychische Gesundheit untersucht hatte. Nun könne diese Expertise womöglich öffentlich in der Verhandlung verlesen werden. Dies „würde den psychischen Stress, dem sich Zschäpe ausgesetzt sieht, noch erhöhen“.

Über den Antrag sprachen Zschäpes Verteidiger auch mit dem Oberstaatsanwalt Jochen Weingarten. Die Situation hat Eckhart Querner vom Bayerischen Rundfunk mit feiner Beobachtungsgabe aufgeschrieben. „Eine gute Figur machen sie dabei nicht“, bilanziert er.

Thies Marsen vom BR greift die Aussage des Zeugen Bernd T. auf. Dieser bekräftigte restlos, was er bei seinem ersten Gerichtstermin bereits angesprochen hatte: Frühere Aussagen zu angeblichem Wissen über den NSU waren komplett gelogen. Der im Gefängnis sitzende T. hatte sich davon Hafterleichterungen versprochen. Somit habe es sich um einen Gerichtstag gehandelt, „der den NSU-Prozess nicht wirklich weitergebracht hat“, schreibt Marsen.

Das nächste Medienlog erscheint am Donnerstag, 21. Mai 2015.

5 Kommentare

  1.   Paul

    Psychologische Gutachten aus zweiter Hand mit kaffeesatzleserei zu vergleichen, das beleidigt die Kaffeesatzleser.

    Und doch fühlen sich selbst Jounalisten bemüht, selbst genau solcherlei Küchenpsychologie zu pflegen:
    „Weingarten, gefühlt ein Zwei-Meter-Mann, steht mit breiter Brust vor der Bank der Zschäpe-Anwälte. Stahl sitzt und schaut auf, und Heer mit gebeugtem Rücken, stützt sich auf die Bank und schaut auch zu Weingarten auf.
    Wer hier das Sagen hat, ist klar.“ usw. usf.
    Links s.oben Querner Bayerischer Rundfunk

  2.   bekir_fr

    Gisela Friedrichsen muss ich ausnahmsweise mal beipflichten:
    Die Deutung von Körpersprache grenzt an Kaffeesatz-Leserei. Schon allein wenn der Beobachtete das Beobacht-Werden bemerkt und es ihm nicht gleichgültig ist, wird er versuchen sein Ich zu verstellen oder zu verbergen.

    Und wird ein Beobachter, der abgelehnt wird, kraft seines Expertentums unerschüttlich neutral bleiben oder weckt das auch in ihm (wie bei uns Normalsterblichen) Vorbehalte, bewusste oder unbewusste?

    Wenn er statt eines Gesprächs sich durch Akten beißen muss:
    Färbt die Überzeugung des Justiz-Apparates von Zschäpes Schuld auf ihn ab? Oder hat er eine neutrale Sicht auf Meta-Ebene, obwohl die Akten ihm ja lediglich eine Zschäpe-Perspektive quasi durch die Berichts-Brille von Psycho-Laien bieten?

    Noch vor zwei Monaten titelte die Presse:
    „Beate Zschäpe: die angeschlagene Angeklagte“ / „Der Vorsitzende Richter drosselt deshalb das Tempo der Verhandlung – damit diese nicht scheitert.“
    http://www.tagesspiegel.de/politik/nsu-prozess-beate-zschaepe-die-angeschlagene-angeklagte/11470822.html

    Dass man ständiges Beobachtet-Werden, zumal aus unerträglicher Nähe, als eine Art Stalking empfindet und erleidet, kann ich mir gut vorstellen.
    Dies schafft erneut genau jenes Problem, das die Tempo-Drosselung eigentlich beheben sollte. Nichts gelernt?


  3. Wieso berichtet die ZON so selten über den wichtigsten Neonazi-Terror Prozesse der Nachkriegszeit.

    was Fr. Zschäpes psychische Situation betrifft.

    wer in 12 Jahren 10 unschuldige Menschen ermordet,6 Bänke ausraubt,2 Bomben Attentate verübt und sich nicht schnappen lässt,soltten die langweiligen Sitzungen im Münchener Gerichtssal keine große Psychische Belastung darstellen.

  4.   Karl Müller

    @ 3,

    wünschen Sie noch mehr „Gummiberichterstattung“?

    Oder beteiligen Sie sich bloß an dem neuzeitlichen Hexenwahn, wie es Ihr Kommetar befürchten läßt? NBemerkenswert, den nicht mal die fantasievolle Anklageschrift des GBA unterstellt der Z. eine direkte Tatbeteiligung….

    Vielelicht hat die Z. im sich andeutenden Spiel der verdeckt kämpfenden Kräfte auch einfach immer mehr Angst:

    Man (und Frau) stirbt mit Befund „Suizid“ in Deutschland schneller als gedacht:

    http://www.berliner-zeitung.de/politik/larouche-sekte-vom-kader-seminar-in-den-tod,10808018,27161928.htm

  5.   Gisbert

    Schon normale psychiatrische Gutachten, also als Ergebnis von vielen Stunden Gespräch, sind häufig nichts weiter als Quacksalberei. Denn je besser ein Zwangs-Patient bei den Gesprächen schauspielern kann, desto besser wird er abschneiden. Und demgegenüber ein Gutachten auf Distanz – reiner Voodoo. Es gibt offenbar gute Gründe, warum die Psychobranche einen so schlechten Ruf hat. Genauso gut könnte man die Persönlichkeit der Angeklagten mittels des Flugs der Schwalben analysieren.