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Brief wirft neues Licht auf Zschäpe – Das Medienlog vom Donnerstag, 22. September 2016

 

Im Jahr 2013 schrieb Beate Zschäpe einen langen Brief an den damals in Bielefeld inhaftierten Neonazi Robin S. Das Schreiben wurde beschlagnahmt und in die Prozessakte geheftet, ist bislang jedoch kein Beweisstück. Das wollen Vertreter der Nebenklage jetzt ändern und das Dokument verlesen lassen. Am Mittwoch sprachen sich Zschäpes Verteidiger dagegen aus. Schließlich erlaubt der Brief tiefe Einblicke in die Angeklagte: Er sei „eine ungefilterte und nicht auf eine Verteidigungsstrategie und den Akteninhalt abgestimmte Selbstdarstellung“, analysiert Gisela Friedrichsen auf Spiegel Online. Gegenüber S. habe sie sich „stark, selbstbewusst, ja fast abgebrüht“ gezeigt – und damit ganz anders als in der mithilfe ihrer Verteidiger abgefassten Aussage.

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„Die Verlesung des Briefes könnte dazu dienen, Zschäpes Persönlichkeit weiter aufzuhellen, vielleicht sogar in ein anderes Licht zu stellen“, meint auch Alf Meier vom Bayerischen Rundfunk. Wohl auch deswegen hätten sich ihre Anwälte vehement gegen die Verlesung gestemmt. Altanwalt Wolfgang Stahl berief sich in seiner Stellungnahme auf das Brief- und Postgeheimnis sowie das Verbot der Weitergabe von Privatgeheimnissen. Tatsächlich sei der Brief sogar zu vernichten. Stahls energischer Vortrag habe Zschäpes neuen Pflichtverteidiger Mathias Grasel „zeitweise blass aussehen“ lassen.

Ein neuer Antrag kam von dem Nebenklageanwalt Hardy Langer. Er fordert, einen Chemnitzer Bauarbeiter ausfindig zu machen und als Zeugen zu laden. Hintergrund: Der Mann war einem Zeitungsbericht zufolge im Juni 2000 mit einem Luftgewehr angeschossen worden. Dies könnte zu einem Ereignis passen, das der Mitangeklagte Ralf Wohlleben dem ebenfalls auf der Anklagebank sitzenden Carsten S. geschildert haben soll: Laut S. sagte er, das Trio aus Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt habe „jemanden angeschossen“. Die Tat von 2000 geschah in derselben Straße, in der die drei Untergetauchten damals wohnten. Eine Erhebung des Bundeskriminalamts hatte keine Fälle zutage gefördert, die auf den Vorfall passen. Anwalt Langer recherchierte nun zwei Zeitungsartikel, die von den Schüssen auf den Bauarbeiter berichten. Von seinem Antrag berichtet Tim Aßmann vom Bayerischen Rundfunk.

Ebenfalls mit einem Antrag meldeten sich Wohllebens Verteidiger zu Wort. Sie beantragten, eine Schweizer Kriminalbeamtin zu laden, die in einem Bericht Probleme bei den Ermittlungen zum Verkaufsweg der NSU-Mordpistole Ceska 83 eingeräumt habe. Über das Gesuch berichtet Kai Mudra in der Thüringer Allgemeinen.

Das nächste Medienlog erscheint am Freitag, 23. September 2016.

4 Kommentare

  1.   jonimuc

    „eine ungefilterte und nicht auf eine Verteidigungsstrategie und den Akteninhalt abgestimmte Selbstdarstellung“

    Ist es nicht genau das, was das Gericht erreichen sollte, eine ungefilterte Darstellung der Angeklagten und nicht die „konstruierte“ Persönlichkeit, als die sie wahrgenommen werden möchte, unabhängig von ihrem wahren Charakter?

  2.   izquierd

    „Sie beantragten, eine Schweizer Kriminalbeamtin zu laden, die in einem Bericht Probleme bei den Ermittlungen zum Verkaufsweg der NSU-Mordpistole Ceska 83 eingeräumt habe.“

    Das ist aber eine arg euphemistische Umschreibung des Vorganges. Es gab hier nämlich keine Probleme bei den Ermittlungen. Die Schweizer Ermittler konnten schlicht und einfach keine Belege für den von der GBA postulierten Verkaufsweg der mutmaßlichen NSU Mordwaffe finden. Und eben das wurde ja auch genauso von der Schweizer Kriminalbeamtin vermerkt. Eigentlich müsste damit die GBA ein ernsthaftes Problem haben. Das ficht diese aber natürlich nicht weiter an. Wozu braucht man Belege für die eigene Version des Ceska Verkaufsweges?! Die sind doch völlig überwertet. Die Leute werden das auch schon so schlucken. Und die Medien werden sowieso nicht kritisch nachfragen. Also ist ja alles in Ordnung…
    Aus meiner Medienschelte möchte ich hier unbedingt die Thüringer Allgemeine rausnehmen, weil dies so ziemlich die einzige Zeitung ist, in welcher in regelmäßigen Abständen ziemlich gut recherchierte Artikel über den NSU-Komplex erscheinen. Diesbezüglich ein kleiner Lichtblick in der Medienlandschaft.

  3.   Sidonie12

    Seit wann gilt das Briefgeheimnis im Knast?
    Was spricht dagegen, den Brief zu lesen, wenn die Zeugin die Fragen im Prozess wahrheitsgemäß beantwortet hat?
    Was gibt es zu befürchten?
    Wird durch diese Verteidigungsstrategie das Misstrauen in Bezug auf die Glaubhaftigkeit der Angeklagten erst recht erschüttert?

  4.   keats

    Ich weiss, dass sich ein Angeklagter nicht selbst belasten muss. Wenn aber der Brief selbstbelastend wäre, dann wäre er äußert relevant für die Wahrheitsfindung. Und da verstehe ich das Strafrecht nicht – wenn Geständnisse strafmildernd wirken, warum erlaubt das Gesetz dann, dass sich ein Angeklagter der Aufklärung verweigert. Geständnis zu Gunsten des Angeklagten, Schweigen nicht zu seinen Lasten. Ich finde das unlogisch.