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Der Fall Peggy und der NSU: „Hysterie ist Gift“ – das Medienlog vom Montag, 17. Oktober 2016

 

Der Fund von Erbmaterial des NSU-Mitglieds Uwe Böhnhardt am Leichenfundort der 2001 verschollenen Peggy Knobloch bleibt beherrschendes Thema in den Medien. Eine Thüringer Sonderkommission untersucht nun ungeklärte Fälle von Kindstötungen. Welche Auswirkungen der DNA-Fund auf den NSU-Prozess hat, wird erst in der nächsten Woche klar, wenn das Verfahren fortgesetzt wird. Die Tendenz der Beobachter ist jedoch klar: Der Fall werde „keine Rolle spielen können, so sehr sich das manche Beteiligten auch wünschen mögen“, schreibt Holger Schmidt vom Südwestrundfunk. Die NSU-Angeklagte Beate Zschäpe könne aber als Zeugin im Ermittlungsverfahren um den Tod Peggys vernommen werden.

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„Möglichweise muss die Ermittlung und der NSU-Prozess komplett neu aufgerollt werden“, heißt es hingegen in einem Artikel von Stefan Aust und Dirk Laabs in der Welt (kostenpflichtig). Grund dafür sei die Vermutung, „dass möglicherweise der NSU doch ein größeres Netzwerk sein könnte und es Verbindungen etwa zum organisierten Verbrechen gäbe“, die sich nun verfestige. Die Bundesanwaltschaft, Vertreterin der Anklage, habe sich auffallend schnell auf das Bild eines autark handelnden Trios aus Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos eingelassen. Auffällig sei zudem, dass an den Tatorten des NSU nie DNA-Spuren eines der mutmaßlichen Täter gefunden wurden, nun jedoch in einem anscheinend völlig anders konstruierten Fall.

Belege oder handfeste Anhaltspunkte für Verbindungen in andere Netzwerke gibt es bislang allerdings nicht. Die Folge: „Von einem substanziellen Verdacht kann und darf man nicht reden und nicht schreiben“, meint Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung. Was vorliege, sei ein Anfangsverdacht, der gebiete, dass die Polizei ihre Ermittlungen führe – ohne Begleitung medialer Panik. „Hysterie ist immer Gift für Ermittlungen.“ Auch die Autorin der Süddeutschen Zeitung, Annette Ramelsberger, mahnt, „sehr vorsichtig zu sein mit schnellen Schlüssen“, denn bislang klinge die Verbindung „viel zu unwahrscheinlich, um wahr zu sein“.

Wenn man sich jedoch „die enthemmte Brutalität des Trios noch einmal in Erinnerung ruft, dann, so scheint es, ist nichts mehr auszuschließen“, kommentiert Hagen Strauß von der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen. Stephanie Lahrtz von der Neuen Zürcher Zeitung gibt allerdings zu bedenken, derzeit sei „die neue Sachlage bezüglich der DNA-Spur zu verwirrend, als dass sich daraus ernsthaft etwas neu Be- oder Entlastendes für Zschäpe ergeben könnte“.

„Der Fall Peggy ist ein Puzzlestück, das auf dem Tisch liegt, aber nicht passt. Jeder Versuch, es in den Komplex Nationalsozialistischer Untergrund einzusetzen, scheitert“, merken wir auf ZEIT ONLINE an. Daher ist Vorsicht geboten bei dem Impuls, auf dem Wege des NSU-Prozesses den Tod des Mädchens mit aufklären zu wollen, wie in der Nebenklage bereits überlegt wird. Wahrscheinlich gilt: „Diese Vorstellung wird den Prozess nicht verändern, aber vielleicht den Blick darauf.“

Tatsächlich sind einige Ungereimtheiten im NSU-Komplex möglicherweise besonders kritisch zu betrachten, denn es ist „nicht das erste Mal, dass der NSU mit Kindesmissbrauch und -mord in Verbindung gebracht wird“, merkt Sybille Klormann von ZEIT ONLINE an. Die Autorin hat mehrere Fälle zusammengetragen, die vor dem Hintergrund der Peggy-Spur in einem anderen Licht scheinen. Das Thema DNA-Proben und ihre Zuverlässigkeit ordnet Alina Schadwinkel in einem Hintergrundartikel ein.

Das nächste Medienlog erscheint am Dienstag, 18. Oktober 2016.

13 Kommentare

  1.   GuenterBluemel

    Bevor man überprüft, ob die Erde doch keine Kugel sondern ein Stück von einer Decke ist, sollte man versuchen, wieder nüchtern zu werden. Nicht alle Naturgesetze und Erkenntnisse der Vergangenheit hängen von einem NSU-Mord mehr oder weniger ab.

  2.   bx16v

    Es wurden an den Tatorten bislang keine Spuren der Verdächtigen gefunden?
    Ist das nicht sehr ungewöhnlich bei der Vielzahl der Fälle?

  3.   shnickshnack

    diese Leute haben „Spuren“ in Form von Munition in den Körpern der Opfer hinterlassen. Und die ließ sich auf eine einzelne Waffe zurückführen.

  4.   Achtsamkeit

    Neonazis und Kindesmissbrauch. Das passt.

    Kinder zu missbrauchen ist wohl der höchste Grad der Menschen- /Selbstverachtung!

  5.   Helmut Mayr

    Eines ist jetzt sicher. Ulvi Kulac war unschuldig. Das sollte den Ermittlern eine Lehre sein, dass sie nicht noch einmal einen Unschuldigen auf die Anklagebank setzen. Es wird weiter ermittelt werden müssen. Wenn sich kein Schuldiger findet, muss man auch das akzeptieren.

  6.   sqrt

    Nach der Lektüre diverser Artikel zu dem Fund DNA-Spuren um die sterblich Überreste des getöteten Mädchens, sehe Ich in der Presse eine Möglichkeit unerwähnt: der Pilzsammler, der Peggy’s Knochen fand, hätte die Spuren Böhnhardt’s selber mit gebracht haben, entweder weil mit NSU im Kontakt, oder aber weil unwissentlich irgendwo durch gelatscht, wo die NSU-Kranken ihre Spuren hinterlassen haben… und damit die Spur weiter gestreut.

    Das ist der Fluch der DNA-Spuren.

    Wenn dazu noch die berüchtigte Spurensicherung, ja sagen wir besser -vernichtung wie beim NSU-Wohnwagen am Werk (als ginge es um Kaugummi-Diebstahl in irgendeinem Tante-Emma-Laden), dann wird es richtig tragisch.

  7.   Axcoatl

    ‚Hysterie ist immer Gift für Er,ittlungen“ Die Art vorschnelle Festlegun , die eine Hysterieund ‚Döner-Morde‘ zur Folge hatte? Ja, das half damals jahrelang nicht weiter – geradezu manisch wurde in der falschen richtung nach den Tätern gesucht.
    Und nun? Nun will man sich wieder Zeit nehmen.

  8.   Axcoatl

    Es gibt eine Person, die all das aufklären könnte. Aber sie schweigt.

    Nun leiden also, neben den Angehörigen und Familien der früheren Mordopfer, auch die Eltern von Peggy, die nicht wissen, ob der Tod ihrer Tochter ebenfalls auf diese Neonazi Gruppe zurückgeführt werden kann.

    Und die einzige Person, die das aufklären könnte – schweigt.

  9.   Sheldon45

    Also ich denke ja wohl, daß im ‚DNA – Labor‘ sauber gearbeitet wird…
    Aber wäre es denkbar, daß die DNA – Probe irgendwie ‚verschmutzt‘ worden ist?
    Das also Genmaterial von diesem Böhnhardt mit den Beweisstücken (mir fällt leider kein anderer Begriff ein) vom Fall ‚Peggy‘ vermischt wurde, bzw. die Träger des Genmaterials?

    Leider gab es ja in letzter Zeit genug Ermittlungs- und Justizpannen – da wundert mich nix mehr, sorry!

  10.   Cem Özgönül

    „…„Der Fall Peggy ist ein Puzzlestück, das auf dem Tisch liegt, aber nicht passt. Jeder Versuch, es in den Komplex Nationalsozialistischer Untergrund einzusetzen, scheitert“, merken wir auf ZEIT ONLINE an….“

    Bitte: erst gestern machte die Meldung die Runde, dass Peggys Mutter nur wenige Tage nach dem Verschwinden des Mädchen einen neonazistischen Hassbrief erhalten hatte, der seither in den Akten schlummert. Sie, die wohl 1998 zum Islam konvertiert war, bisweilen auch Kopftuch trug und mit einem Türken in „Rassenschande“ lebte, habe „ein arisches Mädchen nicht verdient“, heißt es darin wörtlich. Mir scheint, dass man allenthalben nun vielleicht doch etwas vorschnell die Phrase von den „unpassenden Puzzleteilen“ bedient. Ist es wirklich so unpassend oder will man damit lediglich einer neuerlichen Debatte vorbeugen, die – genau wie bei den „Dönermorden“ – vorurteilsbeladene Ermittlungsansätze beklagt? Ich bin jedenfalls ziemlich baff ob dessen, was nun auf einmal über den Fall Peggy und die familiären Hintergründe nach außen dringt. In all den Jahren wurde derlei nie gegenüber einer breiteren Öffentlichkeit kommuniziert; stattdessen wurde der geistig zurückgebliebene Türke Ulvi K. als Sündenbock verkauft.