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Wie Hinterbliebene die Hoffnung verlieren – Das Medienlog vom Donnerstag, 7. Dezember 2017

 

Am Mittwoch hielten die Eltern des 2006 in Kassel ermordeten Halit Yozgat eigene Plädoyers. Vater İsmail Yozgat, der während des Vortrags seine Tränen nicht zurückhalten konnte, beschuldigte den damals am Tatort anwesenden Verfassungsschützer Andreas Temme und warf dem damaligen hessischen Innenminister Volker Bouffier vor, die Aufklärung behindert zu haben. Zudem zeigten die Eltern sich von der Arbeit des Gerichts enttäuscht.

„Das Feuer der Hoffnung ist nach 395 Verhandlungstagen im NSU-Prozess in sich zusammengesunken, es glimmt nur noch schwach“, schreibt Annette Ramelsberger von der Süddeutschen Zeitung. Die Eltern hätten ihre Gefühle „ohne alle juristischen Formeln, ohne Bremse, mit voller Wucht“ beschrieben. Auch die Anwältin der Familie, Doris Dierbach, kritisierte die Geheimnistuerei des Verfassungsschutzes.

An jedem Werktag sichten wir für das NSU-Prozess-Blog die Medien und stellen wichtige Berichte, Blogs, Videos und Tweets zusammen. Wir freuen uns über Hinweise via Twitter mit dem Hashtag #nsublog – oder per E-Mail an nsublog@zeit.de.

„Wenn bei den Plädoyers der Nebenkläger im Oberlandesgericht München Angehörige von Ermordeten und überlebende Opfer auftreten, ist die Stimmung noch gedrückter als bei den auch schon harten Vorträgen der Anwälte“, beschreibt Frank Jansen vom Tagesspiegel die Atmosphäre im Sitzungssaal. Die Hauptangeklagte Beate Zschäpe habe „ihr Pokerface“ behalten, auch, als die Mutter Ayse Yozgat sie direkt ansprach und aufforderte, den Fall aufzuklären. In ihrer Aussage vor zwei Jahren hatte sie zum Kasseler Mord nichts Erhellendes beigetragen.

„Yozgat ist der Beleg dafür, dass es Deutschland und seiner Politik nicht gelungen ist, eine Versöhnung mit den Opfern zu erreichen – bedingt durch die apathische, fruchtlose Aufklärung der Affäre“, stellen wir auf ZEIT ONLINE fest. Den Vater steuert demnach bis heute das Gefühl, von den Autoritäten nicht gehört zu werden. So beschwerte er sich auch darüber, dass der heutige hessische Ministerpräsident Bouffier ein Gespräch mit ihm ablehnte. Bei dem Vortrag vor Gericht „wird klar, dass die Trauer den Vater noch genauso quält wie in allen Jahren zuvor“.

Detaillierter über die Vorträge der Yozgat-Anwälte berichten Spiegel Online und der Bayerische Rundfunk, wo auch die Vorträge weiterer Anwälte der Hinterbliebenen des Mordopfers Mehmet Kubasik zusammengefasst sind.

Das nächste Medienlog erscheint am Freitag, 8. Dezember 2017.

2 Kommentare

  1.   claus gahr

    ich kann den Schmerz und die innere Wut der Eltern verstehen. die Justiz stellt sich wirklich ein Armutszeugnis aus. Wer, wie ich die Tatorte Heilbronn und Kassel besucht hat, wird verstehen, dass der NSU nicht nur aus 3 Personen bestanden haben kann. Diese und andere Anschlagziele müssen von Dritten ausgewählt worden sein und während der Ausführung der Taten müssen Helfer vor Ort gewesen sein, zur Absicherung und Vermeidung des Entdeckt Werdens, während der Tatausführung. Auch ist es nicht nachvollziehbar, wie aus ca. 450 km Entfernung -Erfurt/Zwickau, gerade diese Städte und Örtlichkeiten auswählen kann ohne in Kenntnis durch Dritte zu sein.

  2.   fliegenklatsche

    Laut Anklage bestand der NSU aud drei Personen, zwei die die Taten ausgeführt haben(sollen) und eine die für die Tarnung zuständig war. Hätte man nicht auch im vorfeld von weiten die Tatorte ausspähen können? Kann man nicht wenn man einige Zeit vorher sich bestimmte Muster ansieht schon abschätzen können wann und wo wie man am besten unauffällig eine Tat begehen kann abschätzen können? Wäre es nicht optimal unwissende mit in so eine tat einzubeziehen um dann noch mehr Verdächtige zu schaffen und so eine Täterschaft (fast unmöglich)nachzuweisen?

    Was mich immer wieder wundert ist was für Beiträge wann wo mit welchen inhalt erscheinen, fehlt es der Bevölkerung an einfühlungsvermögen oder sitzt da eine Strategie hinter? Man muss sich mal in die lage der Täter versetzen, so schlimm sich da anhört erst dann kann man vielleicht etwas verstehen.
    Sich in die Lage von Opfern/Angehörigen versetzen wird sich sicher keiner können, das ist unfassbar.

    Das Wut und verzweifelung aufkommen kann sicher jeder verstehen, es dauert ja auch schon sehr sehr lange, aber man darf die Wahrheit nicht aus dem Auge verlieren und sich täuschen lassen. Ich bin fest davon überzeugt das das Gericht den richtigen weg geht, auch wenn es schwer und mühsam ist.