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Worte voller Wut – Das Medienlog vom Donnerstag, 11. Januar 2018

 

Am Mittwoch hat der Sohn des ersten NSU-Mordopfers Enver Şimşek sein eigenes Plädoyer gehalten. Abdul Kerim Şimşek war 13 Jahre alt, als sein Vater im September 2000 in Nürnberg erschossen wurde. Er wählte bewegende Worte und schilderte, wie sehr die Tat ihn traumatisierte und wie die Trauer das Leben der Familie aushöhlte.

„Es ist oft berührend, wenn die Angehörigen der NSU-Opfer selbst das Wort ergreifen. Dann steht unüberhörbar im Raum, weswegen Beate Zschäpe und ihre vier Mitangeklagten hier wirklich sitzen“, schreiben Annette Ramelsberger und Wiebke Ramm von der Süddeutschen Zeitung. Wenn bald die Plädoyers der Verteidigung beginnen, werde die letzte Möglichkeit vergangen sein, über die Opfer zu sprechen.

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Enver Şimşek, der 1985 nach Deutschland kam und sich beruflich selbstständig machte, bekam zwei Kinder. „Mit dem Mord aber gefriert das Leben der Şimşeks“, bilanziert Konrad Litschko von der taz. Die Wut, die der Sohn empfinde, sei in dem Vortrag deutlich herauszuhören gewesen. „Man muss nur die Stimme von Abdulkerim Şimşek hören, um einen kleinen Eindruck davon zu bekommen, wie ihn das Geschehen von damals bis heute mitnimmt – und wie er sich beherrschen muss, um seine Trauer und seine Wut unter Kontrolle zu halten“, heißt es auch bei Ina Krauß vom Bayerischen Rundfunk.

In unserem Bericht auf ZEIT ONLINE geben wir weite Teile des Vortrags wörtlich wieder. Dabei entsteht ein Bild vom Leid, mit dem sowohl der Sohn als auch seine Schwester und die Witwe bis heute leben müssen. Zugleich wurde jedoch die Bereitschaft zur Versöhnung deutlich, als Şimşek die Entschuldigung des Mitangeklagten Carsten S. annahm, der umfassend über seine Tat ausgesagt hatte. Für Bete Zschäpe und die anderen Angeklagten forderte er die höchstmögliche Strafe – auch, weil er etwa von Zschäpe nicht erfahren habe, ob ihr Vater bewusst oder zufällig als Opfer ausgewählt wurde. „Familie Şimşek weiß es nicht, und das ist es, was sie bis heute quält.“

Die Verdächtigungen, die die Ermittler gegen die Familie erhoben, die unsensiblen Fragen, die sie der Witwe stellten und die falschen Spuren, denen sie nachgingen, stellte die Anwältin Seda Basay in ihrem Plädoyer dar. Sie vertritt zusammen mit anderen die Familie Şimşek. Den Vortrag fassen Julia Jüttner und Thomas Hauzenberger auf Spiegel Online zusammen.

In einem Kommentar für die Südwest Presse kritisiert Patrick Guyton das Schweigen von V-Männern und Szeneangehörigen, die – wie die Hauptangeklagte Beate Zschäpe – nichts zur Aufklärung beitrugen. „Das erzeugt Wut und die berechtigten Fragen, wie groß dieser NSU-Komplex wirklich war und warum es nur fünf Angeklagte gibt.“ Allerdings hätten auch die Anwälte der Nebenklage der von ihnen so häufig gescholtenen Bundesanwaltschaft keine entscheidenden Fehler nachweisen können.

Das nächste Medienlog erscheint am Freitag, 12. Januar 2018.