Nachrichten aus dem Zentrum

Life kannst du dir aufzeichnen

Von Georg Bürstmayr 9. März 2007 um 16:50 Uhr

Erste Beobachtungen eines kleinen, aber imho nicht unbedeutenden Phänomens: am Beginn des 21. Jahrhunderts verschwindet die live-Übertragung.

Jahrlang am Land und den TV-Empfang über Satelit gewohnt waren meine erste Versuche, in Wien ein Fernsehbild “live” zu erhalten, allesamt erfolglos:

- Gegen eine Satelitenschüssel hat der Vermieter was.

- Die Analogantenne versagt im dicht verbauten Gebiet ihren Dienst.

- Außerdem stellt der ORF dieser Tage ganz Österreich auf digitalen terrestrischen Emfpang um. Riesengeschichte: Millionen Haushalte müssen sich eine “dvtb-box” kaufen, die das digitale Signal wieder umrechnet und in’s Fernsehkastel einspeist. Ohne diese “box” gibts demnächst Österreichweit keinen ORF mehr zu sehen, sondern nur mehr graues Rauschen. Aber digital is cool, oder?
Die Infokampagne und dazugehörigen hotlines wären einen eigenen blog-Eintrag wert. Jedenfalls ist es mir gelungen, einem hotline-Mitarbeiter die Auskunft zu entlocken, dass sich durch das hin-und-her-Rechnen des Signals eine Verzögerung von “na, so cirka einer Sekunde” ergibt. Näheres erführe ich unter folgender Telefonnummer (…) – der Vermittlung des ORF. Wow. Der ORF richtet eine eigene hotline für eine technische Neuerung ein, die uns allen ohne zu fragen aufgezwungen wird, und die Leute dort verweisen mich an die Vermittlung? Digital is cool.

- Noch spannender ein neuer Anbieter auf dem Kabelmarkt: die Telekom speist das TV-Signal in ihre Telefonleitungen, die im Zeitalter der verhandy-sierung zusehends nutzloser werden und rechnet mit einer eigenen box diese Daten wieder um. Nein, diese box kannst du nicht verwenden für das digitale ORF-Signal. Brauchst du auch nicht, hast ja Telefon-Kabelfernsehen. Oder so was in der Art, weil: “aon-digital” liefert zwar ganz brauchbare Bilder, aber mit einem time-lag (im Vergleich zum analogen ORF) von geschlagenen acht Sekunden, ich hab’s gestoppt. Also ich stell mir vor, ich guck EM nächstes Jahr, halb Wien brüllt “Tor, Tor, Tor, I wer narrisch” (wünschen wird ja wohl noch erlaubt sein) und ich kann noch gemütlich aufs Klo, bevor ich das Bild dazu zu sehen kriege – nee. Das ist nicht Fernsehen live, das ist die permanente Wiederholung. Wer grade eben das letzte Bayern-Spiel gesehen hat, weiß, welchen Unterschied 8 Sekunden machen können – eben.

Jetzt bin ich ja nicht nur Fußball-TV-Fan, sondern hör ab und zu auch gern Musik. Schön war das als Kind, wenn der ORF Konzerte manchmal parallel im TV und Radio übertragen hat: das Bild vom TV, der Ton aus drei Radios, home-surround sozusagen. Oder die legendären Co Moderationen von Stermann und Grissemann auf FM4 (Radio) zum TV-Bild des Eurovisionssongcontest, hach!
Vorbei, vorbei. Digital is cool, aber leider nicht zeitgleich: Heute kommt das ORF-TV-Bild “so cirka eine Sekunde” nach dem Ton im Radio, und wer über die Telefonleitung Fernsehen guckt, kriegt nochmal 7 Sekunden später die Wiederholung.

Und die Zeiten, wo eine ganze Stadt ein Ereignis, ein Tor, das Passieren der Ziellinie oder whatever im selben Moment gesehen hat – doch, das hatte was Verbindendes! – seltsam, die waren mal im 20.en Jahrhundert, und jetzt, nach zwei Jahrzehnten Fortschritt, hat es sich gehabt mit “live”?

Ihr wenigen Radio-Sportreporter, wartet noch mit der Frühpension. Ich schätze, Ihr werdet noch gebraucht.

Kategorien: Standard
Leser-Kommentare
  1. 1.

    aber geh, wir digitalisieren einfach das radiosignal, und schon ist wieder eitel sonne und wonnenschein.
    außerdem: wen interessiert schon fußball …

    Antworten

  2. 2.

    das ganze geht aber noch besser… etliche anbieter von solchen tollen schuesseln haben/hatten probleme mit dbtv

    heisst auf gut deutsch – mein receiver (teurer hirschmann-schrott) ist seit november nicht im stande ORF/ATV+ zu zeigen. diverse updates von hirschmann helfen nix – bei cosmos & co stapeln sich die geraete zum update, meiner auch.

    aber gott sei dank kann man ja auf ORF und vor allem ATV verzichten.

    bzgl. SAT-Radio kann ich “Frequence Jazz”, vormals “Paris Jazz” empfehlen

    Antworten

    • 10. März 2007 um 12:25 Uhr
    • stefan
  3. 3.

    Also ich kann dazu eigentlich nur “na und?” sagen. Ich sehe wirklich keinen grossen Verlust dadurch, dass ein paar Sekunden Verzögerung drinnen sind – es sei denn, man will nach der ZiB-Uhr die eigene stellen. Mit dem Einzug der Sendervielfalt durch Privatfernsehen und Kabel/Satellit gibt es eben auch keine Strassenfeger mehr, bei denen wirklich jeder vor der gleichen Sendung sitzt, ist ähnlich und genauso egal.

    Echtes Life ist ja auch durch solche Dinge wie Festplattenrecorder, bei denen die Zuseher jederzeit pausieren und weiterschauen können, inzwischen eher ein Anachronismus.

    Antworten

    • 13. März 2007 um 09:25 Uhr
    • —nd
  4. 4.

    [...] Nicht nur die Kommunikationsfreiheit nimmt ab, auch die guten alten Echtzeit-Inhalte sind in Gefahr. Über das Ende der Live-Übertragungen schreibt Georg Bürstmayr im Österreich-Blog der Zeit. Doch weder veränderte Sehgewohnheiten noch die Unlust der Zuseher an medialer Gleichzeitigkeit tragen die Verantwortung: das digitale Fernsehen sorgt mit seiner eingebauten Verzögerung für eine systemimmanente Latenz von einer bis acht Sekunden: Digital is cool, aber leider nicht zeitgleich: Heute kommt das ORF-TV-Bild “so cirka eine Sekunde” nach dem Ton im Radio, und wer über die Telefonleitung Fernsehen guckt, kriegt nochmal 7 Sekunden später die Wiederholung. Und die Zeiten, wo eine ganze Stadt ein Ereignis, ein Tor, das Passieren der Ziellinie oder whatever im selben Moment gesehen hat – doch, das hatte was Verbindendes! – seltsam, die waren mal im 20.en Jahrhundert, und jetzt, nach zwei Jahrzehnten Fortschritt, hat es sich gehabt mit “live”? [...]

    Antworten

  5. Leserbrief zum Thema

    (erforderlich)

    (wird nicht veröffentlicht) (erforderlich)

    (erforderlich)