Trauerminute
Das Wiener Burgtheater zieht, wenn ein Ensemblemitglied stirbt, eine große schwarze Fahne auf, was dem ehrenwerten Haus einen Hauch von Bitternis verleiht. Darum, glaube ich, sind die meisten Burgtheater-Direktoren gar nicht gram, wenn die alten, in die Jahre gekommenen Schauspieler in der Sommerpause, wann der Spielbetrieb eingestellt ist, alle in Urlaub sind und keine schwarze Fahne aufgezogen werden muss, von dieser Welt gehen. Aber natürlich wollen sich die Altmimen die letzte Ehre der schwarzen Fahne nicht nehmen lassen und sterben daher in der Hochsaison, just, wann Premieren sind.
Und wie ist das im Fußball? Da wird, wenn ein verdienter Altbundestrainer stirbt, eine Trauerminute abgehalten, in der sich Spieler und Publikum der eigenen Vergänglichkeit besinnen, was seltsamerweise immer in jubelndem Geklatsche endet. Natürlich sterben auch die Altbundestrainer nie in der Sommerpause, sondern immer vor Länderspielen. Was aber, wenn gleich eine ganze Mannschaft krepiert, wie eben beim Vierländerturnier die der Österreicher? Da war die Trauerminute, die man zu Beginn für den verstorbenen Ex-Teamchef Helmut Senekowitsch abgehalten hatte, wesentlich bewegender als das unbewegliche Trauerspiel, das dann gegen Chile folgte. So tot, wie dieses österreichische Nationalteam momentan agiert, spielt sonst kaum noch eine Mannschaft in Europa. Suboptimal, sagen die Reporter euphemistisch, dabei ist es grauenhaft. Da spielen Scheintote und wandelende Leichen, die weder laufen, spielen oder den Raum aufteilen, sondern nur seelenlos über das Spielfeld geistern. Das, was das österreichische Nationalteam momentan abliefert, ist eine besonders perfide Form der Zuschauer-Folter. Wenn man dieses Gegurke mit dem hawaiianischen Skiteam vergleicht, tut man den Insulanern Unrecht. Österreichs Fußball ist so tot, dass die drohende Europameisterschaft eine Europhobie auslöst. Im Gegensatz zur Schweiz, die zu recht als Mitfavorit gilt, befindet sich Österreichs Fußball derart im Koma, dass es besser wäre, gleich auf die Teilname zu verzichten.
Die einen geben dem Trainer die Schuld, die anderen dem Präsidenten oder der schwachen heimischen Liga. Es ist bezeichnend, dass ein 20jähriger Wechselspieler von Werder Bremen als Hoffnungsträger gilt. Seit Jahren versucht man die Wiederbelebung und scheitert kläglich. Und doch ist dieser Nullpunkt auch eine Chance, niemand erwartet noch etwas, selbst die letzten Hoffnungsfunken in den feurigsten Optimisten sind erloschen. Gerade das ist bei der Euro unsere Chance, denn Fußball wird im Kopf entschieden und wer keinen, aber wirklich keinen Druck hat, kann brillieren. Ist das die Taktik Österreichs? Alles nur Theater?
[...] September 15th, 2007 Nicht nur ich erwarte eine noch nie dagewesene Blamage für den Co-Gastgeber nächstes Jahr, aus Anlass des Todes des letzten gefühlten Erfolgstrainers (3:2 in Cordoba, “I werd’ narrisch”) gibt es hier eine wunderbare Bestandsaufnahme. Da werden “Scheintote und wandelnde Leichen, die weder laufen, spielen oder den Raum aufteilen, sondern nur seelenlos über das Spielfeld geistern” von ähnlich niveaulosen Fernsehreportern als “suboptimal” eingestuft. Dabei ist das “Gegurke” nichts anderes als eine “besonders perfide Form der Zuschauer-Folter”, sogar der Vergleich mit dem “hawaiianischen Skiteam” täte den Insulanern Unrecht. [...]
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Balla, balla und das Burgtheater – Ein Schweigegedanke
Die Burg weiß wenigstens noch, dass sie Theater ist, mit Vorhang, Bühne, Bühnenlicht, Schweißgeruch und Spuckeflug. Selbst das erlösende Lachen kommt aus einem ausgeleuchteten scharzen Loch. Da werden störrische Gedanken wie Bolznägel in Hirne geschlagen und selten Stollen unter die Füße geschraubt.
Mittlerweile darf sich kein medial ernstgenommener Intellektueller noch trauen, zu behaupten, Schachspielen wäre vielleicht besser für die Menschheit. Alle, alle, sind sie bekennende Fußballnarren. Selbst zweitmächtige Politikerinnen massieren sich öffentlich im Ehrenblock und üben die Kunst des beidhändigen Einhandklatschens. – Wehe, es wehrt, sträubt, meidet sich etwas öffentlich gegen die volkssportliche Zuschauerherrschaft.
Ich sage nur, lieber eine theatralische Burg, als ein erfolgreiches Kicker – Nationalteam, ganz abgesehen von den vielfältigen anderen Möglichkeiten, sich über Österreich narrisch zu freuen, oder, im schlimmsten Fall, ein Beidlgesicht zu ziehen.
Grüße
Christoph Leusch
PS: “Beidl” als Beutel, Sack ausgelegt, hätt´ auch den Vorteil der Assoziation mit magenkrank, auf den Magen schlagend, was schon alten hippokratischen Jüngern immer am Gesicht, insbesondere um den Mund herum, aufgefallen ist. Die Magenfalten trägt man mindestens zweifach, außen und innen, Innen und Außen, und der entzündliche Brotbeutel schadet ganz selbstverständlich nicht nur dem Sport, sondern auch der vermehrten Aufnahme geistiger Nahrung.
Für Schweizer, bitte setzen Sie für “balla”, “matto”
ein.
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