Schifaon
Mit dem Skifahren ist es wie mit dem Rauchen, erst wird einem jahrzehntelang suggeriert, es sei ungeheuer cool und lässig, dann gibt es einen Umschwung, wird abgechristelt, und plötzlich soll es ganz gefährlich und unverantwortlich sein. Fahren Sie Ski? Wie lange noch? Seit wann nicht mehr? Nun, da es auf den Pisten immer gefährlicher wird, ständig Skiunfälle mit letalem Ausgang gemeldet werden, die Helmpflicht naht, wird es nicht mehr lange dauern, bis die beliebten EU-Gesundheitshinweise auch auf Skiern stehen: Skifahren kann tödlich sein. Skifahren gefährdet die Menschen in Ihrer Umgebung. Skifahrer sterben früher. Kinder von Skifahrern erben früher. Skifahren während der Schwangerschaft gefährdet die Gesundheit Ihres Kindes, usw.
Also aufhören? Aber wie? Die Entwöhnung von den Skiern ist eine Leistung, die alle Willenskraft erfordert, alle Anstrengung – selbst wenn es dafür keine Medaillen oder Pokale gibt. Manche kleben sich Pflaster ins Gesicht, andere probieren es mit Hypnose, Akupunktur, wieder andere steigen um auf Trockenski. Ich habe alles und schon oft versucht – und bin noch jedes Mal an meiner ausgesuchten Sucht gescheitert. Dabei ist die Nichtskifahrerei nichts Besonderes, heutzutage fährt ja kaum noch jemand, auf öffentlichen Plätzen ist das Skifahren untersagt, in Lokalen sowieso (sogar in Österreich, wo es Skifahrer- und Nichtskifahrer-Bereiche gibt), auf Bahnsteigen und Flughäfen muss man sich in kleine Skifahrer-Ghettos stellen, von Menschen, die sich über das „Nicht“ definieren, wird man verächtlich nicht-angesehen, selbst im Fernsehen wird wenig skigefahren. Kaum noch ein Taxi oder Hotel, in das man seine Ski mitnehmen darf, bald auch in keine Wohnung mehr. Skifahrer sind gerichtlich ge-nichtet und fast vogelfrei, die Aussätzigen unserer alles Risiko vermeidenden Zeit. Die Skifahrer sind die Raucher des 21. Jahrhunderts.
Früher gab es Ski fahrende Königskinder, alle Welt fuhr Ski, die Beatles und James Bond, Prinz Charles und Bruno Kreisky. Und man sang den Ambros-Hit: Weil schifaon is des leiwandste, was ma si nur vurstellen kann… Heute traut sich keiner mehr. Warum? Weil alle länger leben wollen, weil alle Angst um ihre Existenz haben. Aber was machen wir mit dieser zusätzlichen, durch Nichtrauchen, Nichtskifahren und Nichtssündigen gewonnenen Lebenszeit? Wir telefonieren, surfen im Internet, checken E-Mails, spielen in der virtuellen Welt, diskutieren in irgendwelchen Chats und sehen fern. Nur, wer sagt, dass das gesünder ist?
Alle, die wir leben, sind wir zum Tode verurteilt. Und der Konsum gibt uns die Illusion von ewiger Jugend, Kraft, Stärke und Unsterblichkeit. Die Welt der Warenwelt ist in Regale unterteilt, in Preise, Börsenkurse, Sonderangebote und Vorsorgeuntersuchungen. Alles ist sauber, ordentlich, geregelt, ohne Risiko. Und eben darum fahre ich Ski, weil das ein bisschen anarchistisch, widerständig und auch infantil ist. Aber unsäglich blöd ist es natürlich auch, und deshalb hätte ich längst schon aufgehört, wäre nicht die Entwöhnung gar so schwer, tauchen doch sofort, wenn ich mir vornehme, nie mehr Ski zu fahren, sonnige Pisten, herrliche Berglandschaften und gfrührige Schneeszenarien auf. Und sofort ist es um mich geschehen, lifte ich mich hoch zum nächsten Schlepplift, gehe kilometerweit, nur um meinem Gelüst zu frönen. Da nützen alle wohlmeinenden Warnungen nichts. Ich bin abhängig.
Die Entwöhnung von der Sucht ist eine Heldentat, die alle Anerkennung dieser Welt verdient. So bin ich sicher, dass auch Sie in ihrer näheren Umgebung einen solchen Nichtmehrskifahrer haben, einen Helden im Kampf gegen das Runterbretteln. Alle Achtung und Applaus. Oder hat er sich nur das Rauchen abgewöhnt? Das ist nichts Besonderes. Wirklich nicht.


[...] Wolfgang Ambros, selbst ein begnadeter Skifahrer btw. Damit ist’s wohl jetzt vorbei, wie dieser Artikel von franzobel suggeriert. Posted by pivu Filed in Lifestyle, Other [...]
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