Offene Daten – offene Gesellschaft

Wie Wikileaks inzwischen Transparenz versteht

Von 29. November 2010 um 15:16 Uhr
First Intelligence Agency

Wikileaks Selbstverständnis: Nachrichtendienst der Menschen

Die Geschichte müsse neu geschrieben werde, hatte Wikileaks vor Veröffentlichung der “Embassy Files” per Twitter verkündet. Eine hohe Erwartung. Das zentrale Problem bei der Bewertung: Wikileaks will mit den 251.000 Dokumenten vorerst nur ein Drittel der Depeschen veröffentlichen, die der Organistation insgesamt vorliegen. Die 500.000 weiteren Schriftstücke würden erst im Laufe der kommenden Monate frei gegeben, heißt es auf der dazugehörigen Website cablegate.wikileaks.org.

Das Themenspektrum und der geographische Bezug seien so weit gefasst, dass man nur mit einer schrittweisen Veröffentlichung dem Material gerecht würde. Als Vorgeschmack verwies Wikileaks auf ein Diagramm, das die Verteilung der wohl insgesamt knapp 770.000 Depeschen in 100 Themen einsortiert. Hier finden die sich als Liste.

Nach welchen Kritierien die schon veröffentlichen Depeschen ausgewählt wurden, ist nicht bekannt. Diese Intransparenz seitens Wikileaks könnte sich noch als Bumerang für die eigene Glaubwürdigkeit erweisen. Denn mittlerweile wird die Organisation ihrem eigenen Namen nicht mehr gerecht: Der spielt eindeutig auf das Wikipedia-Prinzip an, das vor allem darauf basiert, dass jeder sich beteiligen und jeder Diskussionen und Entscheidungen nachvollziehen kann.

Wikileaks ist demnach aber längst kein Wiki mehr: Das Archiv der Leaks aus den vergangenen vier Jahren ist seit geraumer Zeit nicht erreichbar; die großen Datensätze zu Afghanistan und Irak wurden erst priviligierten Partnern zugespielt und erst mit Verzögerung allen zugänglich gemacht.

Zu befürchten ist, dass Julian Assange als nunmehr alleiniger Kopf der Organisation nach dem Abgang einiger wichtiger Personen zu einer selbstkritischen Überprüfung seiner Strategie nicht mehr fähig ist. Wenn das Selbstverständnis von Wikileaks wirklich das eines “Nachrichtendienstes für die Menschen” ist, wie es das oben abgebildete Emblem nahe legt, sind die mitterweile notorischen Medienpartnerschaften mit Guardian, New York Times und Spiegel schwer zu erklären.

Spätestens mit der Veröffentlichung der Irak-Tagebücher ist Wikileaks global bekannt genug und benötigt besagte Medien nicht mehr als Multiplikator. Doch sucht man noch mehr. Gerade wurde angekündigt, dass bald bekannt gegeben würde, wie sich potentielle Medienpartner für einen Zugriff auf die noch ausstehenden Depeschen “bewerben” könnten.

Bei der Betrachtung, wie sich die ausgewählten Medien den aktuellen Datensätzen gewidmet haben, wird noch etwas deutlich: Während die Kriegstagebücher sich nicht zuletzt wegen ihrer regionalen Spezifik visuell gut abbilden ließen, sind die diplomatischen Depeschen wesentlich schwerer zu veranschaulichen. Das liegt nicht nur an der geographischen Streuung sondern auch am Inhalt: Entgegen der klar strukturierten militärischen Protokolle sind die Depeschen zum Teil lange Berichte und Analysen: 260 Millionen Worte umfassen laut Wikileaks alle 250.000 Depeschen zusammen – die siebenfache Menge gegenüber den 390.000 Einträgen aus Irak.

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Interaktiver Atlas bei Spiegel Online zu den Diplomatie-Depeschen

Trotzdem verwehrt Wikileaks der Öffentlichkeit einen inhaltlichen Zugriff auf alle Dokumente. Zur Zeit sind nur 200 komplette Depeschen zur sehen; die einzelnen Medien – außer der französischen Zeitung Le Monde – dokumentieren jeweils ein paar Dutzend in voller Länge. Zusätzlich bietet Spiegel Online einen “Atlas” an, der allerdings wenig erhellend ist: Mittels einer interaktiven Zeitleiste auf einer Weltkarte wird gezeigt, wie sich die 250.000 Nachrichten über die Jahre hinweg verteilen. Dies könnte ein nützliches Instrument sein, wenn über die Einträge auf der Karte auf die jeweilige Depesche zugegriffen werden könnte – was nicht der Fall ist.

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Der Guardian bietet Archivartikel zu einzelnen Depeschen mittels einer Karte an

Der Guardian versucht es mit einem anderen Ansatz: Das “Datablog” der Zeitung bietet eine statische Karte, die die Verteilung der Ursprünge der Depeschen über die Welt illustriert. Darüberhinaus findet sich eine Anwendung, die zu ausgewählten Themen, Ländern und Personen sowohl den Text der Depesche als auch entsprechende Artikel aus dem eigenen Archiv liefert. Das ergibt Sinn, da die Depeschen eben nur im jeweiligen politischen und historischen Kontext zu interpretieren sind. Leider erstreckt sich das Angebot des Guardian aber auch nur auf ein dutzend Depeschen.

Die übrigen drei Medien – New York Times, El Pais und Le Monde – bieten keine Visualisierung des Datensatzes an.

Die franzöische Website owni.fr, die schon zu den Afghanistan und Irak-Tagebüchern jeweils Wege zur kolloborativen Recherche angeboten hatte, trägt auch diesmal alle zugänglichen Datensätze in solch einer Anwendung zusammen. Allerdings hatte sich die Datenjournalismus-Agentur dieses Mal gegen eine Kooperation mit Wikileaks entschieden. In der eigenen Blogberichterstattung zu dem Diplomaten-Datensatz heißt es: “Wir wollten uns nicht durch eine Nichtveröffentlichungsvereinbarung einschränken lassen.”

Quelle des Bildes ganz oben: Agents of Chaos (CC by:sa)

Leser-Kommentare
  1. 9.

    Wo stehen Sie, sehr geehrter Hr. Matzat? Von welcher Intransparenz bei Wikileaks reden Sie? Der ganze Dreck, den Wikileaks in der letzten Zeit an die Oberfläche befördert hat ist nur die Spitze. Verdeutlicht jedoch auf sehr schmerzliche Weise worauf die Internationale Beziehungen beruhen, auf Lügen und Verrat. Ich denke, den Begriff Investigativer Journalismus muss ich nicht erklären, wenn doch, hier steht’s: http://de.wikipedia.org/wiki/Investigativer_Journalismus. In den führenden Printmedien werden Redakteure massenhaft rausgeschmissen oder versetzt, wenn sie sich zu weit aus dem Fenster lehnen. Sind Sie bereit diesen ganzen Dreck der uns umgibt, vom Untergrund an die Oberfläche zu befördern? Sind Sie bereit Wikileaks zu Unterstützen? Sind Sie bereit Das Geld von ihrem Konto auf das von Wikileaks zu überweisen? Sind Sie bereit neue Wege zu gehen? Ich frage Sie noch einmal, von welcher Intransparenz reden Sie? Die größte Intransparenz, mit dem Ziel Öffentliche Meinung zu steuern, bescheren uns die Maßmedien. Ihre Scheinheiligkeit ist einfach nur widerlich.

    • 29. November 2010 um 17:16 Uhr
    • Mejan
  2. 10.

    Sehr geehrter Herr Matzat,

    was soll das? Warum diese Kritik? Ist Neid der Grund dafür? Dann verlassen Sie Ihr warmes Büro und bewerben Sie sich bei Wikileaks! Dafür fehlt Ihnen aber wahrscheinlich der Mut.

    Schon bei vorigen Veröffentlichungen ist deutlich geworden, welch enorme Datenmengen die wenigen Leute von Wikileaks sichten und freigeben mussten. Nun ist die Menge sogar beträchtlich größer. Das schreiben Sie selbst.

    Es ist daher nachvollziehbar, dass eine Handvoll wahrhaftiger Menschen mit Rückgrat es nicht schaffen kann, sofort alle Dokumente zu prüfen und freizugeben.

    Im Übrigen ist es immer noch ein Wiki. Denn es steht jedem, auch Ihnen, frei, Wikileaks Dokumente zukommen zu lassen.

    Stehen Sie doch bitte mit solchen Beiträgen nicht der Wahrheit im Weg!

    • 29. November 2010 um 17:37 Uhr
    • Karl Koch
  3. 11.

    Es ist nicht falsches dabei, unmengen an Daten schrittweise zu veröffentlichen. Das hat nichts mit Intransparenz zu tun, sondern viel mehr mit Serverkapazitäten. Genauso sieht es mit den Kooperationen mit einzelnen Medien aus. Diese dienen weniger als Multiplikator, sondern vielmehr als Geldquelle, was absolut legitim ist, schließlich ist es ziemlich teuer, eine ganze Reihe Server zu unterhalten.

    Wie wärs, wenn sie statt der oberflächlichen, was schon krampfhaften Beschäftigung mit Wikileaks die geleakten Dokumente lesen (und nebenbei den Spion in der FDP suchen)? ;-)

    • 29. November 2010 um 17:38 Uhr
    • Achereto
  4. 12.

    Ist Wikileaks die Transparenz abhanden gekommen, oder ist sie Ihnen weggenommen worden?
    Sehr kritisch wird hier nun auch von der Zeit auf Wikileaks eigene Fehler hingewiesen. Das ist sicher richtig und wichtig, gerade bei einer Organisation mit solchem Selbstverständnis.
    Allerdings ist dieser Artikel doch zu sehr darauf ab, Wikileaks Fehler zu überzeichnen. Zum einen wird hier zum Teil ihre Leistung heruntergespielt und zum anderen wird zu wenig auf die Hintergründe eingegangen.
    Das beispielsweise nicht alle Unterlagen zugleich erreichbar und einsehbar sind ist so sicherlich nicht unabhängig und unparteiisch, wenn hier aber auf diesen Umstand hingewiesen wird sollte zugleich auch erwähnt werden das die Organisation unter massiven Angriffen auf ihre Mitarbeiter und vor allem auf ihre Internetpräsenz leidet. Schliesslich war die Seite ausgerechnet an dem Tag nicht zu erreichen an dem diese neuen Daten dort erscheinen sollten.. Das die USA damit die Veröffentlichung verhindern oder herauszögern wollten, dürfte qohl klar sein (auch wenn das nie bewiesen wird)! In anderen Fällen ist die Zeit auch schonmal bereit sich an Spekulationen zu beteiligen (z.B. beim IT- Angriff auf Iran vor wenigen Monaten) hier aber ist nichts dergleichen zu finden. Gerade die Zusammenarbeit von Wikileaks mit Anderen Medienvertretern wie dem Spiegel, soll helfen diese “geklauten” Daten zu verifizieren und journalistisch aufzuarbeiten und die ausgewählten Medienvertreter lesen sich ja immerhin auch wie das who is who der seriöstesten Zeitungsverläge der Welt. Die Frage die sich stellt wenn man den Artikel so kritisch sieht wie Ich es leider tue ist: Macht die Zeit das aus Neid(am Spiegel,etc.) oder vielleicht weil die Dokumente bis dato inhaltlich nicht wirklich brisant sind und trotzdem was berichtet werden muss? Oder tuen sie es weil sie in irgendeiner Form versuchen Wikileaks zu verunglimpfen? Schliesslich hat es da ja bereits verschiedene Ansätze gegeben, wie die Frauen die Herr Assange vergewaltigt haben soll, was zuerst in einem Haftbefehl mündete, der aber nachdem innerhalb weniger stunden auf verschiedensten Plattformen Theorien auftauchten die über eine amerikanische Verbindung zu den Vorwürfen auftauchten, wieder zurückgezogen wurde und jetzt plötzlich doch eine Untersuchung nach sich zieht..

    • 29. November 2010 um 17:43 Uhr
    • sopome
  5. 13.

    @alle Bitte Argumente bringen und nicht nur Meinungen – und Beschimpfung bitte unterlassen.

    @sopome Es geht nicht darum, die Verdienste von Wikileaks herabzuwürdigen. Wenn der Eindruck entstanden sein sollte, dann tut mir das leid. Ich persönlich bin kein zeit.de Angestellter, sondern arbeite explizit für das Blog zu OpenData als freier Mitarbeiter. Sprich: Mir geht es nicht um Neid etc., sondern eben um die Praxis seitens Wikileaks im Umgang mit den Daten.

    Auch bin ich immer wieder darüber erstaunt, dass seitens der Leser erwartet wird, in einem Artikel immer eine Abhandlung über jeden einzelnen Aspekt eines recht komplexen Zusammenhangs finden zu können. Dies erledigen in der Regel Bücher.

    • 29. November 2010 um 17:53 Uhr
    • Lorenz Matzat
  6. 14.

    Soso, die “notorischen Medienpartner”… Hört man da eine Spur von Neid heraus?

    • 29. November 2010 um 18:02 Uhr
    • Flin
  7. 15.

    Genau mein Gedankengang! Was denken eigentlich alle ständig, wo das Geld für die enorme Server-Kapazität herkommt?
    Garantiert aus keinem staatlichem Förderfonds!
    Für alle, die sich im geringsten mit öffentlichen Servern wie Wikileaks oder auch Wikipedia beschäftigt haben weiß sehr genau an was alles mit seidenem Faden hängt: Geld.
    Und da können wir doch froh sein, dass es noch Geldgeber wie Spiegel, NYT,… gibt!
    Totale Fehlanalyse eben.

    • 29. November 2010 um 18:04 Uhr
    • mo
  8. 16.

    Wenn der Spiegel regelmäßig exklusiven Zugriff auf wikileaks-Enthüllungen bekommt, dann stellt das einen wirtschaftlichen Vorteil in Millionenhöhe gegenüber anderen deutschen Verlagen dar. Es ist nachvollziehbar, dass den anderen Verlagen diese Wettbewerbsverzerrung sauer aufstößt. Juristisch ist das aber wohl nicht angreifbar.

    Ansonsten kann ich die Kritik an Wikileaks teilweise nachvollziehen. In der Vergangenheit hat Wikileaks politische Schweinereien aufgedeckt. Bei den aktuellen Dokumenten scheinen 95% eher boulevardeske Informationen zu enthalten. Die Veröffentlichung dieser Dokumente hätte man sich sparen sollen. Sie verschaffen der Öffentlichkeit keinen nennenswerten Erkenntnisgewinn und schaden einfach den USA und der internationalen Diplomatie. Wikileaks hätte sich auf die Veröffentlichung der 5% beschränken sollen, die politisch wichtige, neue Informationen enthalten.

    Ich kann nicht erkennen, warum Wikileaks veröffentlichen muss, dass de Frau des russischen Präsidenten irgendwelche Listen führt, Berlusconi ein Partyhengst ist oder die Frau des Präsidenten von Aserbaidschan nach 4 Liftings eine steife Visage hat. Und dann stellt sich die Frage, ob Julian Assange mittlerweile auf dem Rücken der Welt eine Privat-Fehde mit den USA führt.

    • 29. November 2010 um 18:13 Uhr
    • Guido3
  9. Kommentar zum Thema

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