Offene Daten – offene Gesellschaft

Im OpenData-Neandertal

Von 21. Dezember 2010 um 11:47 Uhr

Das Jahr 2010 war ein wichtiges für die Idee der OpenData. Weltweit hat sie inzwischen Karriere gemacht; selbst in der weiter mit dem Internet fremdelnden deutschen Politik und der ihr angegliederten Verwaltung hat sich das Thema niedergeschlagen. Deutlich wurde in diesem Jahr aber auch, dass der Weg noch weit ist, bis das Konzept frei zugänglicher Daten Wirkungsmacht entfalten, bis es die Gesellschaft ändern wird. Ein Kommentar.

OpenData erhält derzeit viele Vorschusslorbeeren. Dem Thema wird Platz eingeräumt, ihm wird Interesse entgegengebracht, es werden Hoffnungen für die politische Zukunft daran geknüpft. Dazu gesellen sich Erwartungen, solche Daten künftig auch wirtschaftlich verwerten zu können.

Die Zivilgesellschaft beispielsweise unterstützt OpenData aus einem radikalliberalen Bürgerrechtsgedanken heraus. Auch wenn noch umstritten ist, wie weit die darin enthaltene Transparenz gehen darf, wie die Vorgänge um die Wikileaks zeigen.

Bislang jedoch fehlt eine entscheidende Komponente, um OpenData als taugliches Konzept zu etablieren: Es gibt keine “Killer App”, keine originäre OpenData-Anwendung, die ohne Firlefanz zeigt, was in der Idee steckt. Großartige Projekte wie OffenerHaushalt und das jüngst erschienene britische OpenCorporates bergen Potenzial, um Zusammenhänge zu verstehen und zu durchdringen. Doch sind sie im Alltag des Jedermann kaum von Nutzen. Vielleicht sehen wir derzeit nur den Anfang dessen, was mit OpenData einst möglich sein wird.

Doch erst einmal ist OpenData anschlussfähig an nahezu alle Facetten des politischen Spektrums. Aus Sicht von Politik und Verwaltung interessiert dabei jedoch weniger der Gedanke der Transparenz. Maßgeblich ist das Potenzial, so einen “schlanken Staat” realisieren zu können. Das wird nicht zuletzt deutlich am starken Engagement der konservativ-liberalen Regierung in Großbritannien. Die versucht mit der Offenlegung ihrer Haushaltsdaten, ihre massiven Sparpläne zu rechtfertigen.

Der OpenData-Bewegung fehlen außerdem Standards und es gibt noch immer Verwirrung um den Begriff selbst: Unter OpenData wird viel subsummiert, was de facto überhaupt nicht “offen” ist. Das riecht nach Fördergeldern und Forschungsstellen, der Reigen von Studien und Gutachten hat bereits begonnen. 2011 dürften mehr und mehr wissenschaftliche Untersuchungen und Bücher zu OpenData und verwandten Themen erscheinen. Wie hilfreich es für die Klärung der Definition ist, dass die Wissenschaften Witterung aufgenommen haben und Forscher sich profilieren wollen, sei dahin gestellt.

Die Bewegung sollte aufhören, mit halbgaren Anwendungen herumzuhantieren und schöne, aber mehr oder minder nutzlose Visualisierungen zu bauen, findet Tom Steinberg. Er ist der Gründer von MySociety, einer der wegweisenden britischen OpenGovernment-Gruppen, und er warnt gleichzeitig davor, nun in Aktionismus zu verfallen. Es gehe darum, nun Anwendungen mit einem konkreten langfristigen Nutzen zu entwickeln. Gleichzeitig dürften Regierungen nicht mit zu radikalen Forderungen nach Offenlegung aller möglichen Datensätze überfordert werden.

Die Gefahr besteht in Deutschland noch nicht. Hier ist OpenData eine überschaubarer Bewegung. Immerhin, ohne sie würde es die OpenGovernment-Initiative des Bundes nicht geben, die für 2013 ist angekündigt wurde. So vage diese Initiative sein mag. Die Bewegung kann sich auch ein wenig die OpenData-Vorhaben in München und in Berlin zu Gute halten.

Beide übrigens wurden von den Verwaltungen angeschoben, nicht von der Politik. Die Politik fällt als Resonanzboden derzeit aus. Wir werden zwar 2011 in den sieben Landtagswahlkämpfen auch diverse Bekenntnisse zu OpenGovernment hören, wahrscheinlich vor allem von den Grünen. Doch das Beispiel Nordrhein-Westfalen zeigt, dass das Thema kaum Priorität haben wird. Dort ist trotz eines Passus’ im Koalitionsvertrag von Rot-Grün nichts in diesem Bereich geschehen.

Auch die deutschen Medienlandschaft ist so gut wie kaum interessiert an OpenData. Geschweige denn betreibt sie Lobbying in dem Bereich, wie es der britische Guardian tut. Doch dürfte sich das 2011 nicht zuletzt wegen Wikileaks ändern. Das Interesse an öffentlichen Datensätzen steigt, wie auch dieses Blog hier oder auch eins bei der taz belegt.

Fazit: Nur weil eine Regierung fleißig Daten veröffentlicht, führt dies nicht automatisch zu einem gesellschaftlichen Wandel. Das zu glauben, ist naiv – zu beobachten beispielsweise in den USA. Präsident Barack Obama machte 2009 OpenGovernment und OpenData zu einem großen Thema. Doch obwohl dort enorm viele Daten einsehbar sind und damit jeder die unheimliche Macht des Lobbyismus auf Gesetze sehen kann, werden nicht einmal ansatzweise die politischen Verhältnisse in Frage gestellt.

Vielleicht ist es grundsätzlich falsch, OpenData ein revolutionäres Potenzial zu unterstellen. Der Wandel, der dadurch möglich wird, ist ein ganz anderer. Offene Daten ermächtigen die Bürger, mehr Teilhabe zu üben. Sie sind ein Instrument, das helfen kann, die von der Alltagswirklichkeit entfremdeten Politiker auf die Boden der Tatsachen zurück zu holen.

Insofern wird 2011 ein spannendes Jahr. Denn das Zeitalter der Datensätze beginnt erst. Wikileaks zeigt, welche Rolle Daten spielen, welche Macht sie entfalten können. Wie mächtig werden sie sein, wenn sie erst miteinander kommunizieren können, wenn sie sich im semantischen Web gegenseitig “verstehen”?

OpenData ist ein Demokratiewerkzeug. Derzeit aber hat es noch die Form eines Faustkeils, und wir selbst befinden uns noch im OpenData-Neandertal.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Ich hoffe, dass die Open Data Bewegung auch in Deutschland an Schwung gewinnt. Transparenz und eine schlankere Verwaltung sind 2 Punkte die wir auch hier dringend brauchen.

    Die Befürchtung, dass von den Lippenbekenntnissen der Grünen, Gelben und Roten nicht viel zu halten ist teile ich allerdings (von der Union erwartet man schon gar nichts in Sachen Modernität).

    Allerdings gibt es durchaus Hoffnung:

    Die PIRATENPARTEI, in Hamburg dürfte sie höchstwahrscheinlich die 5%-Hürde überspringen, und auch in Baden-Württemberg stehen die Chancen gar nicht so schlecht wie man denken mag, tritt sie hier doch in mehr Wahlkreisen an als beispielsweise die Linke!
    Mit Berlin und Bremen gibt es darüber hinaus auch noch 2 Stadtstaaten, in denen Piraten in die Parlamente einziehen können.

    Und selbst wenn es für die 5% nicht ganz reichen sollte: Ein erneuter Erfolg der PIRATEN zeigt den Offline-Parteien, dass sie zumindest ein paar ihrer Versprechen einhalten sollten, wenn sie sich keine neue Konkurrenz heranzüchten möchten.

  2. 2.

    Menschen müssen lernen, fair miteinander umzugehen. Größere Staaten mit kleineren, Konzerne mit Mittelständlern, Angestellten, Kunden etc., die Staaten mit ihrem Bürgern. Bisher haben viele so getan, als ob es bereits und “schon immer” so wäre. Es war aber vielen klar, daß das nur Propaganda ist. Anhand von Daten kann Propaganda entlarvt und fairer Umgang eingefordert werden. Das ist zwar nicht alles, was zu einer Weiterentwicklung der menschlichen Gesellschaft führt, aber ein wichtiger unverzichtbarer Teil. Die Verfügbarkeit von Informationen kann womöglich auch dazu führen, daß sich mehr Menschen als bisher am öffentlichen Leben beteiligen, anstatt sich über Boulevard-Druckerzeugnisse und billige Fernsehpropaganda oberflächlich und zweifelhaft zu informieren, dann zu schimpfen und das Leben auf der Couch oder zwischen seinen Gartenzwergen zu verbringen.

    • 21. Dezember 2010 um 14:33 Uhr
    • kerle51
  3. 3.

    Ein wichtiger Beitrag!

    Was ich noch anfügen möchte ist, dass die pure deskriptive Aufbearbeitung und Visualisierung von Daten nur begrenzt hilfreich ist.
    Es gibt gute Gründe warum Wissenschaftler es nicht mei Torten- und Balkendieagrammen belassen sondern statistische Testverfahren anwenden.

    Jeder kann sehen, ob sich zwei Balken unterscheiden, aber wer sich auch nur rudimentär mit Statistisk auskennt weiß, dass dies noch nicht bedeutsam sein muss. Messfehler oder Stichprobenfehler müssen beachtet werden.

    Ebenso fehlt häufig der gesamte Rahmen der Erkenntnis- und Messtheorie. Was sind Daten? Wie werden sie erhoben? Welche Konsequenzen und Eigenheiten haben verschiedene Methoden? Und ganz zentral: Wie ist eigentlich das Verhältnis der Daten zur Realität.

    Derzeit scheint Open Data ein Fest der Designer und Informatiker zu sein, die sich gerade mal darum bemühen noch Journalisten mit ins Boot zu hohlen. Aber dabei werden Jahrhunderte der Erkenntnisgeschichte der relevanten Disziplinen ausgeblendet. Man kann aus Daten alles lesen und mit ihnen alles Begründen. Systematisches, wissenschaftliches Vorgehen ist somit Voraussetzung für wirklichen Wandel. Auch gerade als Schutz vor Lobbyisten.

    • 21. Dezember 2010 um 15:48 Uhr
    • Ranjit
  4. 4.

    “Open Data” bekommt erst dann gewaltiges Potenzial, wenn es mit den richtigen Auswertemethoden kombiniert wird: Wie wär’s mit einem öffentlichen Zugriff z.B. auf das Monitoring-Netzwerk des Trink- und Abwassers der Berliner Wasserwerke? – Jeder, der die Rohdaten auswerten kann und weiß, was die einleitenden Betriebe produzieren, kann die Mengen der Schadstoffe ausrechnen, die vom Betrieb nebenan ins Wasser freigesetzt werden – jeder sieht den Entnahmetrichter, in dem das Grundwasser um einen Betrieb herum abgesenkt wird und braucht sich über vertrocknende Bäume in seinem Garten nicht mehr zu wundern.

    Jeder kann kontrollieren, wieviel die Deutsche Bahn im Vorjahr in den Winterdienst investiert hat und kann anhand der dafür beschafften Materialien die Kosteneffizienz berechnen (die Effektivität der Maßnahmen erfährt er gerade selber).

    Niemand muss mehr offizielle Statistiken glauben – er nimmt die Rohdaten und rechnet sich aus, dass der Median der Löhne und Gehälter pro Kopf in den letzten acht Jahren sowohl nominell, als auch real gesunken ist (während er in der Zeitung nur zu lesen bekommt, dass das arithmetische Mittel gestiegen ist). Er folgert daraus, dass ein paar unverschämt viel mehr verdienen und den Mittelwert nach oben treiben, während es dem Durchschnittsmenschen immer weniger gut geht.

    Einerseits ist das Regieren ohne diese Zahlen kaum möglich (und eine Volksherrschaft ohne Open Data nur auf Treu- und Glaubens-Basis funktionell), andererseits muss das Wissen um die Auswertung breiten Raum schon in der Schulausbildung einnehmen.

    Vielleicht wird man auch das Aufkommen bezahlter “Auswerte-Agenturen” erleben, die als Freiberufler alle möglichen Schlüsse aus den Datensätzen ziehen (meist zu Nutz und Frommen ihrer Auftraggeber), und diesen muss durch öffentlich-rechtlich finanzierte Statistische Bürgerbüros Paroli geboten werden…

    Für Forscher wäre die Arbeit auf alle Fälle einfacher. Wie in den USA schon jetzt die Daten, die mit Hilfe öffentlicher Mittel erhoben werden, laut Freedom of Information Act Allgemeingut sind, sollte man sich auch in Deutschland demnächst z.B. hochaufgelöste Satellitendaten unterschiedlicher Spektralbereiche herunterladen und selber verarbeiten können.

  5. 5.

    @JaredMyers – Danke für den Kommentar. Knackpunkt ist: Wie “roh” sind die Daten wirklich – spricht wie werden Manipulationen usw. der Datenmessungen und -erhebungen verhindert?

    • 21. Dezember 2010 um 16:52 Uhr
    • Lorenz Matzat
  6. 6.

    [...] ZEIT.de: “Schöne Visualisierungen reichen nicht, bloggt Lorenz Matzat. Bislang gibt es keine Anwendung… [...]

  7. 7.

    Ohne offene Standards, also lizenzfreie Formate, braucht man gar nicht über Open Data reden.

  8. 8.

    [...] versprechen, ist leider oft noch zu unkonkret, als dass die Politik es als Chance erkannt hätte. So meint Lorenz Matzat im Zeit Blog, dass zwar 2010 viel Fortschritt erzielt wurde (er spricht dabei primär von Deutschland), aber die [...]

  9. Kommentar zum Thema

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