Offene Daten – offene Gesellschaft

Malte Spitz’ Vorratsdaten: Der Datensatz unter der Lupe

Von 24. Februar 2011 um 13:57 Uhr
vorratsdaten bewegungsprofil

Spuren: Deutschlandweites Bewegungsprofil in Reinform

Der Grünenpolitiker Malte Spitz ist viel unterwegs. Er nutzt soziale Netzwerke, um über sich und seine Arbeit beim Bundesvorstand der Partei zu berichten, und er schaltet selten sein Mobiltelefon aus. Die sechs Monate Vorratsdaten, die er ZEIT ONLINE  zur Verfügung gestellt hat, bedeuteten daher 35.830 aufgezeichneten Verbindungen – ein eindeutiges Bewegungsprofil.

Spitz hatte im August 2009 die Herausgabe seiner Daten eingeklagt. Er hatte Erfolg und die Telekom übergab ihm sechs Monate seiner Vorratsdaten von August 2009 bis Februar 2010. Wir veröffentlichen ihn hier als Google Doc (ohne die Telefon-, Geräte- und Kartennummern von Spitz).

Nicht enthalten sind die Telefonnummern der Anrufer und Angerufenen. Der Provider T-Mobile hatte sie vor der Herausgabe entfernt, da inzwischen das Bundesverfassungsgericht die Vorratsdatenspeicherung gestoppt hatte. Damit ist mit diesem Datensatz nicht möglich, was Ermittler vor allem wollen: Das Ausforschen und Beobachten sozialer Beziehungsnetze.

Dennoch sind die Daten spannend. Zusammen mit Michael Kreil, der mit Ideen und Können die Programmierung übernommen hat, habe ich die interaktive Karte zu den Vorratsdaten hier auf ZEIT ONLINE umgesetzt.

Bei der Recherche und der Konzeption drehten und wendeten wir die Daten. Wir nahmen sie unter die Lupe und mussten ersteinmal Fachtermina wie IMSI und CFNR entschlüsseln. Und verstehen, was genau die Geopositionen, die in den Vorratsdaten für jede Verbindung angeben wird, bedeutet: Den Standort des Funkmastes, mit dem Malte Spitz gerade verbunden ist.

Jeder der Masten hat drei Antennen, die jeweils etwa eine Region von 120 Grad abdecken: Gespeichert wird, in welcher Himmelsrichtung zum Mast sich das Handys befindet, wenn es Verbindung aufnimmt, nicht aber seine Entfernung zur Antenne. Somit ergeben sich ungefähre Standorte. Je dichter die Funkzellen in einer Region sind und das Handy womöglich gleichzeitig orten, desto genauer ist er. Der Atlas der Mobilfunkantennen, den die Bundesnetzagentur anbietet, zeigt, dass in Städten die Antennen dicht an dicht stehen, nur wenige hundert Meter entfernt. In ländlichen Gegenden dagegen deckt jede viele Quadratkilometer ab.

bewegungsprofil spitz mit karte

Datenspuren: Maltes Touren gehen oft hin und her zwischen Berlin und NRW.

Anhand der Vorratsdaten errechneten wir für jede der 260.640 Minuten in den 181 Tagen den Aufenthaltsort von Malte Spitz: So ließ sich eine sogeannte Heatmap (s.o.) erstellen, die zeigt, wie häufig er an eimem Ort war. Die enge (politische) Bindung an seine Herkunftsregion Nordrhein-Westfalen erschließt sich somit sofort. Aber es ist auch möglich, die Geschwindigkeit zu errechnen, mit der Malte Spitz sich bewegt. 700 Kilometer pro Stunde müssen ein Flugzeug sein; 300 Stundenkilometer sicher ein ICE.

verbindungen

Die Verteilung der 35.830 Verbindungen

Der Umstand, dass Spitz sein Mobiltelefon zu mehr als 80 Prozent der Zeit angeschaltet hatte, macht es einfach, viel über ihn zu erfahren. Im Minutentakt loggt sich das Gerät bei Funkmasten ein, um via GPRS (General Packet Radio Service) E-Mails abzurufen oder Netzwerke wie Twitter zu checken. Dadurch besteht permanent Kontakt zu einem Funkmast. Zwei Drittel aller Verbindungen in dem halben Jahr kommen so zustande.

Aber es lässt sich auch nachvollziehen, wie lange Telefonate im Durchschnitt dauern (102 Sekunden) und ob Malte Spitz überhaupt ans Telefon geht (in der Hälfte der Fälle ist er nicht erreichbar). Wäre noch bekannt, mit wem er telefonierte, ließen sich anhand solcher Faktoren – Länge und Häufigkeit der Annahme des Gesprächs – klare Präferenzen in seinen Beziehungen identifizieren.

Dieser kurzer Abriss über den Datensatz macht deutlich: Im digitalen und mobilen Zeitalter entstehen permanent Spuren. Wer Zugriff auf sie hat und sich in ihnen auskennt, kann fast alles über die betroffene Person herausfinden. Daraus folgt: In einer Demokratie sollte jedermann jederzeit wissen dürfen, wer welche Informationen über ihn hat. Und sollte bestimmen dürfen, wer darauf wie zugreifen darf.

UPDATE 25.02.11: Mehr dazu hier im Blog im Text “Der Funkmast als Wachturm“: Wo war Malte Spitz während der Demonstration “Freiheit statt Angst” am 12.09.2009?

Leser-Kommentare
  1. 9.

    [...] Bewe­gungs­pro­fil der letz­ten sechs Monate. Der dazu erschie­nene Arti­kel “Der Daten­satz unter der Lupe” the­ma­ti­siert, was  Vor­rats­da­ten zu ver­ra­ten in der Lage sind und wie man die [...]

  2. 10.

    [...] Malte Spitz’ Vorratsdaten: Der Datensatz unter der Lupe “Dieser kurzer Abriss über den Datensatz macht deutlich: Im digitalen und mobilen Zeitalter entstehen permanent Spuren. Wer Zugriff auf sie hat und sich in ihnen auskennt, kann fast alles über die betroffene Person herausfinden. Daraus folgt: In einer Demokratie sollte jedermann jederzeit wissen dürfen, wer welche Informationen über ihn hat. Und sollte bestimmen dürfen, wer darauf wie zugreifen darf.” [...]

  3. 11.

    [...] Malte Spitz´Vorratsdaten: Der Datensatz unter der Lupe [...]

    • 4. März 2011 um 10:41 Uhr
    • Michma
  4. 12.

    [...] Vorratsdaten-App: Etwas Making-off zu der Vorratsdaten-Anwendung findet sich im OpenData Blog auf ZEIT Online. Oben ist ein Mockup aus der Konzeptionsphase zu sehen. Von den ganzen Schaltern/Filtern verabschiedeten wir uns recht bald – sehr aussagekräftig wäre diese Funktionalität nicht gewesen. [...]

  5. 13.

    Also als Spielzeug für wildgewordene Polizeien sehe ich das ganze nicht:
    Allein die Datenmenge zeigt , dass nicht jedermann einfach mal so ausspioniert werden kann! Da bräuchte man glatt die Hälfte der Bevölkerung zum Bespitzeln der anderen Hälfte! (Frag deine Frau, deinen Freund, zu welcher Hälfte er gehört…oder frag doch mal die Maus!)
    Also kann dieses System bei den Behörden nur eingesetzt werden in besonderen Fällen der schweren Kriminalität, Terrorismus und so. Ich denke mal in fällen die uns als Bevölkerung direkt zugute kommen. Alles andere wäre gar nicht zu handhaben. Da muß der Obermacker entscheiden, auf welches Problem er seine wenigen Leute ansetzen will. Schließlich müssen die so gewonnenen Daten erst einmal abgeglichen werden mit den übrigen Ermittlungsergebnissen, damit man einen Staatsanwalt auch wasserdicht von der Schuld des Betroffenen überzeugen kann. Wenn nicht, hat man für die Tonne gearbeitet. Und da auch die Ermittler Datenspuren erzeugen, lassen sich auch ihre im Falle eines Missbrauchs sehr genau zurückverfolgen.
    Gruß Peter

    • 7. März 2011 um 20:47 Uhr
    • PeterPan
  6. 14.

    [...] Lebensgewohnheiten ablesen lassen. Weitere Infos zum Hintergrund dieses Projekts gibt es im Blog der [...]

  7. 15.

    [...] (nicht mehr ganz neu, aber so gut gemacht, dass es hier Erwähnung finden soll) Das Bewegungsprofil des Malte Spitz,  Zeit Online [...]

  8. 16.

    [...] Denn es ist nur allzu offensichtlich, dass weder Nacktscanner, noch Videoüberwachung, weder Funkzellenabfragen noch Staatstrojaner, weder Einschüchterung noch Gesetzesübertretungen durch Behörden einen [...]

  9. Kommentar zum Thema

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