Offene Daten – offene Gesellschaft

Briten testen zentrales Bürgerportal

Von 2. Juni 2011 um 15:03 Uhr
screenshot neue britische regierungswebsite

Die britische Regierung experimentiert mit alpha.gov.uk

Die britische Regierung arbeitet am Nachfolger eines schon länger existierenden zentralen Bürgerportals in Deutschland bleibt bei Fragen zur Verwaltung nur der Weg über die Suchmaschine.

Noch bis Ende Juni experimentiert die britische Regierung mit einem zentralen Bürgerportal. Die Seite alpha.gov.uk ist ein Prototyp und offen für Kritik. Ihre Idee: Bürger sollen dort einen zentralen Einstiegspunkt finden, um Antworten auf alle möglichen Fragen zu erhalten, vom Urlaubsgeld über den Kindergartenplatz bis hin zum Führerscheintest oder dem verlorenen Reisepass.

Bereits seit 2004 gibt es das ähnliche Angebot direct.gov.uk. Jedoch ist die Seite überladen und wirkt mittlerweile altertümlich. Außerdem gab es von Anfang an Kritik an ihr; Aktivisten bauten schnell eine Alternative dazu auf, directionslessgov.com stellte die Ergebnisse des offiziellen Angebots den Ergebnissen der Suchmaschine Google gegenüber, um die Unübersichtlichkeit von direct.gov.uk zu demonstrieren.

Nun also ein neuer Versuch. Zwei Elemente sind an alpha.gov.uk vor allem neu. Erstens kann ein Nutzer der Website etwa per Postleitzahl seine Position mitteilen. Er erhält dann Hinweise auf Ämter oder Angebote in seiner Nähe. Zweitens findet er verschiedene Werkzeuge, um beispielsweise die Höhe des Urlaubsgeldes zu berechnen oder einen Pass zu beantragen.

Daneben werden die bestehenden Internetinhalte der einzelnen Ministerien in einem einheitlichen Look neu aufbereitet. Schnell lassen sich beispielsweise die Reden des Innnenmisters Damian Green finden. Überhaupt wurde die Seite offensichtlich optimiert, damit Suchmaschinen sie besser lesen können.

Bei der Überarbeitung ging es nicht nur um mehr Service für die Bürger, auch der Staat hat viel davon. Wenn jeder Brite seine durchschnittlich vier bis fünf Besuche auf Ämtern im Jahr online abwickeln würde, ließen sich jährlich eine Milliarde Pfund einsparen. So heißt es zumindest in einer Studie, die die Leiterin der “Digital Public Services Unit” des britischen Ministeriums für Kabinettsangelegenheiten, Martha Lane Fox, in Auftrag gegeben hatte. Die Entwicklungskosten von 250.000 Pfund für alpha.gov.uk sind im Vergleich dazu wenig. Nach Auswertung des Feedbacks und der Zugriffszahlen soll in den kommenden Monaten entschieden werden, wie es mit der Seite weitergeht. Es gelte, erklärte Fox, ein Internetangebot zu entwickeln, dass es so einfach wie möglich macht, notwenige Auskünfte zu erhalten.

Wie sieht nun die Lage in Deutschland aus? Die Zahl der Websites von Bundesregierung und Bundesverwaltung ist hoch: Das Anschriftenverzeichnis des Bundes (pdf) ist 90 Seiten lang, auf denen hunderte Dienststellen und Ämter aufgelistet sind, jede und jedes mit eigener Website.

Zwar versucht die zentrale Website bund.de, einen Einstieg zu geben. Doch interessiert sich jemand für Dinge, die nicht nur mit Stellenangeboten, Immobilien und Ausschreibungen des Bundes zu tun haben, ist er auf bund.de falsch. Fragen zum Kindergeld, zum Reisepass oder zur Steuererklärung werden dort nicht beantwortet, das machen die einzelnen Ministerien. Eine zentrale Website für Bürgeranliegen, die sich an den Bedürfnissen der Nutzer orientiert, gibt es in Deutschland nicht. Dabei will bund.de genau das sein, steht in der Selbstbeschreibung doch, die Seite sei “der zentrale Zugang zu den elektronischen Informationsangeboten und Leistungen der Verwaltung”.

Am Interesse der Bürger kann es nicht liegen. Zeigt doch beispielsweise der Dienst Google Insights, dass gerade Begriffe wie Steuererklärung, Kindergeld und Reisepass rege gesucht werden.

Beispiel Steuererklärung. Der Begriff wird häufig gegoogelt. Doch erst auf Platz sechs der Suchergebnisse findet sich das Bundesfinanzministerium mit einem kurzen glossarhaften Eintrag zum Thema. Tipps, Leitfäden oder gar Onlinewerkzeuge sind nicht zu sehen, nur ein Verweis auf Formulare findet sich noch. Beim Kindergeld sieht es etwas besser aus, finden sich dazu doch gleich Angebote der Bundesagentur für Arbeit mit diversen Auskünften. Das zuständige Bundesfamilienministerium taucht bei Google erst auf Platz acht auf und dann lediglich mit einem wenig auskunftsfreudigen Artikel. Das erste Angebot des Bundes zum Thema Reisepass findet sich auf Platz vier in den Suchergebnissen. Es ist ein Werbevideo zum sogenannten ePass. Was er kostet, wie und wo er zu beantragen ist, wird nicht mitgeteilt.

Wirklich klar ist nicht, warum deutsche Bürger auf Google angewiesen sind, wenn sie wissen wollen, wie wichtige Belange geregelt werden. Es muss ja nicht gleich eine “alpha”-Version her wie in Großbritannien, doch ab und zu sollten sich Regierung und Verwaltung trauen, zumindest “beta” zu sein.

Kategorien: Datengesellschaft
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Ja, eine zentrale Anlaufstelle für Bürger/innen wäre tatsächlich wünschenswert. Interessant zu sehen, wie andere Länder da unterwegs sind.

    Noch ein bisschen Besserwisserei ;-)
    Der letzte Satz ist etwas missglückt, da eine Alpha-Version in der Softwareentwicklung noch VOR der Beta-Version kommt, und entsprechend weniger weit entwickelt ist.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Entwicklungsstadium_(Software)

    Die Briten nennen ihre Seite wohl alpha, weil sie damit auf die Bedeutung “Anfang” oder “Start” (des Alphabets) Bezug nehmen.

    • 6. Juni 2011 um 15:03 Uhr
    • Johann
  2. 2.

    direct.gov… die Seite kenne ich noch von meinem Study Fees von vor 3 Jahren…
    Und ich meine die PKW Anmeldung meiner Mutter war auch nur Chaos…

    Telefonate sind am Ende die Beste Lösung – man bekommt die (meistens) richtige Antwort wesentlich schneller.

    Jede Seite die Versucht die Komplette Verwaltung eines Staates an einem Ort anzubieten muss zwangsläufig irgendwo scheitern.
    Entweder ist sie so verschachtelt dass sich Sachen nicht wiederfinden lassen, oder überhaupt finde, dann bringt das Suchfeld keine relevanten Ergebnisse.
    (Wenn ich mich richtig entsinne kann man bei direct.gov auch nicht jede Unterseite als Link verschicken da sie dynamisch aufgebaut wird – ziemlich nutzlos wenn man jemanden um Hilfe bitten will – er sieht eine andere Seite…)

    Wenn es schon digital sein sollte, dann ist es äußerst Sinnvoll den Inhalt über mehrere Seiten zu verteilen, sortiert nach Inhalt.
    So weiß man wenigstens dass alle Informationen auf einer kleineren Seite zu finden sind.
    In dieser Hinsicht ist ein Suchfeld übrigens gefährlich, da es dem Nutzer durchaus relevante Informationen vorenthalten kann, welcher er durch ein Stöbern & Lesen auf einer Seite durchaus hätte finden können.

    Am Ende ist jedoch die persönlichen Kommunikation mit einem Mitarbeiter wesentlich erfolgversprechender als eine Internetseite – vorausgesetzt der Mitarbeiter kennt sich mit seinem Aufgabenbereich aus.

  3. 3.

    Ich würde eine solche Anlaufstelle sehr begrüßen. Gerade durch die Instant Search fällt es einem leichter an die richtigen Informationen zu gelangen, da sich viele Bürger nicht immer über die genauen Termini im klaren sind.

    Bei den Arbeitszeiten an den Ämtern erreiche ich im Zweifel niemanden zu dem Zeitpunkt zu dem ich die Informationen benötige. Wenn ich doch mit jemandem telefonieren möchte, dann wäre es zumindest hilfreich solche eine Platform zu haben, an der alle Kontaktinformationen vollständig zusammenfließen.

    • 6. Juni 2011 um 18:33 Uhr
    • fredy
  4. 4.

    Wenn schon nicht der Bund, so sind doch einzelne Bundesländer mit Ihren Zuständigkeitsfindern dabei, Informationen über Verwaltungsverfahren an zentraler Stelle zu bündeln und den Zugang – auch den telefonischen – zu den zuständigen Stellen zu ermöglichen (zum Beispiel http://www.service-bw.de, amt24.sachsen.de, http://www.hessenfinder.de und andere mehr). Ein Blick in die jeweilgen Landesportale kann sich lohnen!

    • 8. Juni 2011 um 14:32 Uhr
    • Schwerdel-Schmidt, Heike
  5. 5.

    Das “Alpha” und “Beta” war in diesem Fall, nach meiner Meinung, ein Wortspiel. Deswegen war es auch in Anführungszeichen.
    “Beta” in diesem Kontext hieß, dass Dtl. es England nachmachen sollte. Für mich ein gelungener Abschlussatz. :)

    /Besserwisser [on]
    You failed.
    /Besserwisser [off]

    • 9. Juni 2011 um 17:17 Uhr
    • endonyx
  6. 6.

    Als zentrale Einstiegsseite gibt es den Behördenfinder Deutschland unter http://www.behoerdenfinder.de . Diese Seite fungiert als zentraler Vermittlungsservice für Auskünfte und Zuständigkeiten zu allen Verwaltungsleistungen. Er beinhaltet keine eigenen Daten, sondern führt den Nutzer mit nur zwei einfachen Angaben auf die passenden Angebote in den Ländersystemen. Es nehmen fast alle Bundesländer am Behördenfinder teil, die Flächendeckung soll Anfang 2012 erreicht werden.

    Der Behördenfinder wird in naher Zukunft sowohl technisch, als auch optisch überarbeitet und somit nutzerfreundlicher gestaltet.

    • 22. Juli 2011 um 12:26 Uhr
    • Clemens Lück
  7. 7.

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  8. Kommentar zum Thema

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