Offene Daten – offene Gesellschaft

Die schlaue Parkuhr

Von 15. August 2011 um 10:48 Uhr
parking situation sfpark

Sensoren-Parkplätze: Monatlich wird der Preis für das Parken angehoben oder gesenkt

Parkplätze sind in San Francisco rar und dementsprechend teuer. Ein Tag im Parkhaus kann 30 Dollar und mehr kosten, Parkplätze von Hotels sogar leicht das Doppelte dessen. Das Projekt SFpark will daher die begrenzte Ressource nahezu in Echtzeit organisieren. In sechs Vierteln von San Francisco befinden sich nun im Teer von rund 7.000 Parkplätzen Sensoren. Das sind etwa ein Viertel aller mit Parkuhren ausgestatteten Parkplätze in der Stadt. Diese Sensoren sind mit der Parkuhr gekoppelt, die via Internet bekannt gibt, ob der Platz besetzt oder frei ist.

Die Idee: Gemeldet wird nicht nur ein freier Parkplatz. Je nach registrierter Nachfrage schwankt auch der Preis, der an der Parkuhr zu entrichten ist. “Nachfrage-orientierte Preise ermutigen Fahrer, in weniger genutzten Gegenden sowie Parkhäusern zu parken und somit viel genutzte Gegenden zu entlasten”, heißt es in der Selbstdarstellung. Einmal im Monat wird die Nachfrage in den vorherigen 30 Tagen ermittelt und der Stundenparkpreis dementsprechend angepasst. Die Obergrenze liegt derzeit bei 3,50 Dollar pro Stunde. Er kann allerdings bis auf 6 Dollar steigen und zu besonderer Veranstaltungen, etwa Straßenfesten, kurzfristig bis auf 18 Dollar pro Stunde angehoben werden.

Gleichzeitig steigt die mögliche Parkdauer. Normalerweise darf an Parkuhren in der Stadt zwei Stunden lang ein Auto abgestellt werden. Bei Sensor-Parkplätzen sind es vier Stunden, an einigen ist gar eine unbegrenzte Parkzeit erlaubt. Nicht über die Zeit also soll die Fluktuation geregelt werden, sondern über das Geld.

Die Vorbereitungen für SFpark laufen seit vergangenem Jahr. Bis Ende des Sommers sollen noch einmal 1.200 weitere Parkplätze mit Sensoren ausgestattet werden. Ebenfalls sind etwa die Hälfte aller 25.000 Parkplätze in städtischen Parkhäusern an das Projekt angeschlossen. Insgesamt gibt es im Stadtgebiet 280.000 Parkplätze.

SFpark hat im Juli die Daten der Parkraumauslastung erstmals veröffentlicht. Zwar nicht in absoluten Zahlen, immerhin aber werden die Daten als Tabelle im Excel-Format für jeden Straßenzug zur Verfügung gestellt. Zusätzlich wird anhand von Karten dokumentiert, wie sich die Preise je nach Uhrzeit verändern (siehe Bild oben).

Insgesamt hielten sich die Veränderungen die Waage, so SFpark: Rund ein Drittel der Preise sank, ein Drittel blieb gleich und für ein Drittel wurden sie nach oben angepasst.

Eine gute Idee also? Für zwei Jahre, bis Sommer 2012, wird SFpark immerhin zum Großteil aus öffentlichen Geldern finanziert. Doch gibt es auch kritische Stimmen: Das Projekt unterwerfe große Teile des öffentlichen Raums marktwirtschaftlichen Kriterien, sagen Gegner. Es führe dazu, dass ärmere Menschen es sich nicht mehr leisten könnten, nahe ihres Ziels zu parken.

Worin also liegt der größere Gewinn? Darin, dass die vorhandenen Parkplätze besser ausgenutzt werden? Oder darin, dass alle für den gleichen Preis parken können, aber dafür nur eine eng begrenzte Zeit? Eine Antwort darauf gibt es in den Daten nicht, die muss die Gesellschaft finden.

Kategorien: Datenmessung, Datenprojekt
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Es ist eine der Wesensarten des Kapitalismus – für den dieses Parkmodell ein Musterbeispiel ist – lieber eine Ressource gezielt zu verknappen, um den Stückpreis in die Höhe zu trieben, anstatt eine größere Menge jedem zu einem angemssenen Preis zur Verfügung zu stellen.
    Auf seine Grundzüge beschränkt, bedeutet das, dass im Kapitalismus eine Flasche Wasser um so teurer wird, je mehr sich ein Mensch nahe dem Verdursten befindet.
    … wie menschlich. Je mehr Menschen verdursten, um so tiefer werden die noch Lebenden in die Tasche greifen, um Wasser zu bekommen. Man muss dabei im Grunde garkein neues Wasser erzeugen, denn mit dem Wegschütten verdient man genauso viel.

  2. 2.

    Schade, dass hier ein wichtiger Aspekt vollkommen unterschlagen wird: in San Francisco fährt schon jedes dritte Auto, das neu angemeldet wird, mit alternativem Energieantrieb! Für diese Autos gelten die normalen Parkplatzgebühren nicht, sie parken teilweise sogar umsonst! Die hohen Gebühren für Verbrennungsmotoren haben also auch noch einen anderen Grund, weil hier die Zahl der Elektroautos noch mehr erhöht werden soll.
    Eine ARD-Reportage berichtete über die günstigen Parkplätze, die gleichzeitig E-Ladestationen sind, schon im vergangenen Jahr:

  3. 3.

    Das hier vorgestellte Modell ist kein Musterbeispiel fuer den Kapitalismus, sondern fuer Marktwirtschaft.

    Natuerlich ist Marktwirtschaft kein Allheilmittel, und sie funktioniert nur, wenn es einen funktionierenden Markt gibt, auf dem keiner in eine Position der Staerke geraet, die er ausnutzt.

    Das Wasserbeispiel ist ein Fall, in dem ein Marktteilnehmer staerker ist: Jeder Mensch braucht Wasser, was ein Wasserbesitzer ausnutzen kann.

    Bei den Parkplaetzen ist dieses nicht der Fall: Ausser Gehbehinderten und Menschen, die schwere Gueter transportieren muessen, benoetigt keiner einen Parkplatz an einer bestimmten Position. Zwar ist ein Parkplatz direkt vorm Kino angenehmer, aber es ist genauso moeglich, einen Kilometer zu laufen. Der Preis ist letztendlich das Mittel, festzulegen, wie viel einem der kuerzere Weg wert ist – wer laeuft hat dafuer dann zum Beispiel mehr Geld, um anschliessend noch Essen zu gehen. Solange also fuer die zuerst genannten Gruppen Ausnahmeregeln geschaffen werden, handelt es sich um eine gerechte Verteilung eines knappen Gutes.

    Eine weitere Voraussetzung, dass diese Methode gerecht ist, ist natuerlich dass der Zugang zu Geld gerecht geregelt sein muss, was in unserer Gesellschaft leider nicht mehr wirklich der Fall ist.

    • 15. August 2011 um 13:38 Uhr
    • joflo
  4. 4.

    Super Idee. Kann die Kapitalismukritik an dieser Stelle nicht verstehen. Hierdurch wird es gelingen eine besser Auslastung und effizientere Belegung der Parkplaetze zu schaffen; defakto werden also mehr Parkplaetze zur Verfuegung stehen. Die Preise der Parkhausbereiber (die in US Grossstaedten wirklich an Wegelagerei grenzen) werden vermutlich zurueck gehen. Was sog. dynamisches pricing bewirken kann haben andere Lebensbereiche ja bewiesen. Allen voran in der Luftfahrt kam es nicht zuletzt auf Grund dessen zwar zu fehlender Transparenz aber zu sinkenden Preisen (zumindest fuer die die diese brauchen). Wenn der oeffentliche Raum nach dieser Art organisiert wird finde ich das postiv. Ich wuerde gerne 500m laufen (oder vlt. sogar meine Verabredung auf eine Wochenende legen) wenn ich 10 Dollar sparen kann. Der Geschaeftsmann halt eben nicht.
    @DerKönig: Kommentar kann ich null verstehen: “lieber eine Ressource gezielt zu verknappen, um den Stückpreis in die Höhe zu trieben”. Das Gegenteil ist doch der Fall: Warum gibt es denn sonst Aldi, Volkswagen und Butterberge?
    Gruss
    DAT

    • 15. August 2011 um 13:47 Uhr
    • DAT
  5. 5.

    So ganz korrekt ist das aber nicht, was Sie da zum Kapitalismus schreiben. Denn wenn die Nachfrage nach einem Gut derart hoch ist kann es sich nur ein Monopolist leisten das Gut einfach durch wegschütten weiter zu verknappen. Ansonsten kommt nämlich der nächste Anbieter und produziert und verkauft es. Und der erste ist aus dem Geschäft. Angebot und Nachfrage eben.
    Dass Wasser hier kein gutes Beispiel ist gebe ich gerne zu. Lebensnotwendige Dinge, genauso wie elementare Infrastruktur, sollten keinen entfesselten Marktkräften überlassen sein.
    Das Parksystem in SF finde ich jedoch sehr spannend. Ob es für einen öffentlichen Raum angemessen ist ist eine sicher zu diskutierende Frage. Ich halte das zwar für ein cleveres System. Allerdings auch für sehr schwer vertretbar, wenn es sich um öffentliche, durch Steuern bezahlte Straßen handelt.

    • 15. August 2011 um 14:00 Uhr
    • Werner Meier
  6. 6.

    [...] ZEIT ONLINE (Blog) [...]

  7. 7.

    Wasser und Wein sind 2 Paar Stiefel. Es ist kein Menschenrecht einen Parkplatz zu finden. Je teurer desto besser…

  8. 8.

    Ich finde den Vergleich zwischen der (lebensnotwendigen) Ressource Wasser und der Ressource Parkraum ziemlich unpassend.

    Viele Leute sehen ein Grundrecht darin, an jedem Ort einen kostenlosen Parkplatz vorzufinden, dabei sind damit erhebliche Probleme verknüpft. Viel zu viele Autofahrer konkurrieren um viel zu wenig Parkplätze, Staus entstehen, die Luftqualität verschlechtert sich, etc. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass zur Peak Hour an bestimmten Orten ca. 50 % der Autofahrer auf Parkplatzsuche sind. Die vermeintliche Lösung mehr Parkplätze zu errichten ist dabei der falsche Weg. Die Bereitstellung von zusätzlichen Parkflächen führt lediglich zu mehr Zersiedelung, Distanzen vergrößern sich und mehr Autoverkehr ist die Folge.

    Der einzig sinnvolle Weg ist deswegen die Preise der Nachfrage anzupassen, sodass immer ein paar Plätze frei sind und weniger Leute auf Parkplatzsuche sind. Das System in SF scheint mir der Weg in die richtige Richtung.

    Ungerecht sind Parkgebühren nur, wenn es keine anderen Möglichkeiten gibt, die Innenstadt zu erreichen. Gerade zentrale Bereiche sind aber meist gut an das ÖPNV-Netz angebunden oder zu Fuß oder Fahrrad zu erreichen. Mobilität ist meiner Meinung nach einer der wichtigsten Grundrechte, um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Mobilität wird aber leider viel zu häufig als Automobilität missverstanden. Wir können es uns heute mit Hinblick auf ökologischen Herausforderungen nicht leisten, dass alle (immer) mit ihrem eigenen Auto an Orte fahren, die auch gut mit Bus und Bahn zu erreichen sind.

    Und noch ein Punkt zur Gerechtigkeit: Ärmere Haushalte haben statistisch deutlich weniger Autos als wohlhabende und sind weniger automobil, trotzdem bezahlen sie, wie alle, indirekt für Parkplätze mit, selbst wenn sie sie nie benutzen. Nicht nur die Folgekosten, die durch den Mehrverkehr durch Parkplätze entstehen, auch die Errichtung von Parkplätzen die bei einem Kino beispielweise in (leicht,( aber in der Summe aller Orte bedeutende)) höhere Ticketpreise einfließen, werden bei kostenlosem Parken von der Gesellschaft bezahlt. Warum nicht die Kosten auf die Leute umleiten, die Parkplätze wirklich nutzen?

    Ich sehe außerdem kein Problem darin, dass das SF-Projekt durch öffentliche Gelder finanziert wird. Ich denke nämlich, dass das System erstens langfristig einen gesellschaftlichen Nutzen hat und zweitens sich durch die erhobenen Gebühren selbst finanziert (wie bei den meisten Parkraumbewirtschaftungskonzepten der Fall). Einige Parkkonzepte stellen die erwirtschafteten Überschüsse den Stadtteilen zur Verfügung, wo die Gebühren erhoben wurden oder fließen in den Ausbau des ÖPNV. Das ist meiner Meinung nach ein guter Weg zu mehr Akzeptanz für (dringend notwendige) Parkkonzepte zu führen.

    • 16. August 2011 um 13:34 Uhr
    • Jan
  9. Kommentar zum Thema

    (erforderlich)

    (wird nicht veröffentlicht) (erforderlich)

    (erforderlich)