Offene Daten – offene Gesellschaft

“Mehrwert von Open Data gibt es nur zusammen mit anderen Faktoren”

Von 21. September 2011 um 14:14 Uhr

Claudia Schwegmann founder openaid germany

Claudia Schwegmann hat 2009 OpenAid gegründet – eine Nichtregierungsorganisation, die Transparenz in der Entwicklungszusammenarbeit fördern will. Schwegmann hat selbst einige Jahre in der Entwicklungzusammenarbeit gearbeitet. Im Interview erklärt sie die Hintergründe zu der Konferenz Open Aid Data Ende September in Berlin.

Frau Schwegmann, warum haben Sie Open Aid gegründet?

Claudia Schwegmann: In meiner Arbeit in der Entwicklungszusammenarbeit habe ich mich zuletzt mit der Wirkung von Entwicklungsprojekten befasst. Eine wichtige Voraussetzung für Wirkung ist Feedback. Die Empfänger der Hilfe müssen Rückmeldung über die Qualität der Entwicklungszusammenarbeit geben können. Das ist nur möglich, wenn sie zu einem gewissen Grad die Prozesse und die Planung kennen. Der Mangel an Informationen in der Entwicklungszusammenarbeit war letztlich ausschlaggebend dafür, OpenAid zu gründen. Später bin ich dann auf die 2008 gegründete “International Aid Transparency Initiative” IATI gestoßen, mit der sich OpenAid jetzt schwerpunktmäßig befasst.

Worum geht es bei IATI genau?

Schwegmann: Dieses Frühjahr wurden die IATI-Kriterien für einen Standard für Daten zu Entwicklungsvorhaben schließlich festgeschrieben. In einem maschinenlesbarem Format, als Open Data, sollen fünf grundlegende Informationen über Entwicklungsvorhaben gespeichert werden: Wer ist beteiligt? Worum geht es? Was soll bis wann erreicht werden? Wie lassen sich die Vorhaben einordnen und was sind die finanziellen Details?

Auf der Konferenz OpenAid Ende September in Berlin soll es um diesen Standard gehen. Was soll die Konferenz bringen?

Schwegmann: Wir erwarten 120 Teilnehmer. Ich erhoffe mir, dass so die Diskussion in Deutschland angeregt wird. Dass IATI kein Fremdwort mehr ist, dass viele Leute in der Entwicklungszusammenarbeit erfahren, dass es diesen Standard gibt. Ich möchte, dass Leute kommen, die vielleicht skeptisch, aber auch neugierig sind. Deswegen konzentrieren wir uns auf die drei Länder Deutschland, Österreich und Schweiz. In anderen Ländern, etwa den Niederlanden oder Großbritannien, ist man auch auf staatlicher Seite viel weiter.

Woher rührt die von Ihnen angesprochene Skepsis? Entwicklungshilfe steht doch unter einem enormen Rechtfertigungsdruck. Liegt es nicht nahe, auf Transparenz zu setzen, um die Wichtigkeit der eigenen Arbeit unter Beweis zu stellen?

Schwegmann: Häufig spielt Angst eine Rolle. Ganz schnell wird gefragt: wie ist das mit dem Datenschutz? Mich erinnert das an die Streetview-Debatte; es gibt oft irrationale Ängste beim Thema Offenlegung von Informationen. Häufig beruht die Diskussion nicht ausreichend auf Fakten. Bei IATI geht es um schlichte Basisinformationen, nicht um die Bankkonten der Projektmanager.

Wie steht denn das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit unter Dirk Niebel zu IATI?

Schwegmann: Deutschland war von Anfang bei IATI dabei, damals noch unter Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul von der SPD. Es gibt im BMZ weiterhin ein Team, das regelmäßig an den IATI-Sitzungen teilnimmt. Dennoch ist meine Einschätzung, das das Thema für Niebel keine Priorität hat. Aus Ministeriumskreisen ist auch zu hören, dass der IATI-Standard zu detailliert oder zu anspruchsvoll sei. Anderseits äußert Minister Niebel immer wieder, dass Transparenz sehr wichtig sei. Er meint dann aber vor allem die Empfängerländer, nicht die Transparenz des BMZ. Ich finde die Haltung des Ministeriums unbefriedigend; eigentlich sollte bereits seit diesem Frühjahr feststehen, wann das BMZ mit IATI beginnt. Selbst das steht nicht fest.

Was ist mit den Entwicklungsorganisationen selbst – können die nicht den Standard unabhängig vom BMZ nutzen?

Schwegmann: Meine Erfahrung ist, das nur wenigen Leute IATI bekannt ist. Es gibt auch Insider, die sagen, dass eine solch Transparenz schlicht nicht gewollt ist. Prinzipiell ist es möglich, dass die nicht-staatlichen Organisationen wie Welthungerhilfe, Misereor und Brot für die Welt diesen Standard umsetzen. Der Verband Entwicklungspolitik Deutscher Nichtregierungsorganisationen VENRO jedenfalls wird sich in Kürze auch mit IATI auseinandersetzen.

Was kann Open Data auf der anderen Seite den Empfängerländern von Entwicklungshilfe bringen?

Schwegmann: Angenommen, vor Ort gibt es Leute, die sagen, die Situation hier in unserem Land im Bereich Wasserversorgung ist schlecht. Die könnten Informationen, die über Open Data zugänglich sind, nutzen, um zu sehen, bei welchen Organisationen sie Unterstützung im Bereich Wasser erhalten können. Auch wäre es einfach zu erkennen, in welchen Bereich im eigenen Land viel Geld fließt. Vielleicht gehen Mittel in die falsche Richtung und es könnten die Alarmglocken geläutet werden, wenn es Hinweise auf Korruption gibt. Aber tatsächlich müssen auch die Vorraussetzung dafür stimmen. Es braucht eine aktive Zivilgesellschaft, es braucht Informations- und Versammlungsfreiheit. Hier wird deutlich: Den Mehrwert von Open Data gibt es nur in Zusammenspiel mit anderen Faktoren.

Wesentlich weniger Leute im globalen Süden als hierzulande haben einen internetfähigen Computer. Was ist mit solchen technischen Hürden?

Schwegmann: Es gibt Initiativen, die daran arbeiten, Informationen über Mobilfunk bereitzustellen. In vielen Ländern des globalen Südens sind Mobiltelefone weit verbreitet. Rund um das Erbeben in Haiti Anfang 2010 zeigte sich, dass beispielsweise Projekte wie die Krisenkartierungsplattform Ushahidi gut funktioniert können. Leute konnten dort Notrufe per SMS absetzen: Mir fehlt Wasser, mir fehlt Essen. Ich weiß, dass AidData aus den USA und AidInfo aus Großbritannien daran arbeiten, über Mobiltelefone das Monitoring von Entwicklungsprojekten zu ermöglichen.

In einem Beitrag von Ihnen über das Open-Data-Portal zu EU-Agrarsubventionen farmsubsidy.org kommen Sie zu einem recht ernüchternden Schluss: Trotz mehr Transparenz gebe es hinsichtlich Korruption und Vergeudung in diesem Sektor kaum politische Konsequenzen. Warum sollte das im Entwicklungsbereich anders sein?

Schwegmann: Bei EU-Agrarsubventionen fühlen sich die meisten EU-Bürger nicht direkt betroffen. Daher steht hier eine sehr starke Industrielobby relativ wenigen Aktivisten gegenüber. In der Entwicklungszusammenarbeit sind viele Bürger weltweit direkt von Hilfen beispielsweise im Gesundheitswesen, in der Bildung und im Straßenbau betroffen. Zudem haben auch Bürger im Norden und die Organisationen selber ein Interesse daran, dass die Hilfe wirkt, dass die  Effizienz erhöht, die Koordination verbessert und die Korruption bekämpft wird. Bei offenen Daten in der Entwicklungszusammenarbeit gibt es viele Gewinner und kaum Verlierer.

Kategorien: Dateninterview
Leser-Kommentare
  1. 1.

    [...] Möglichkeiten der Optimierung von Geldflüssen und Projektausrichtungen in der Entwicklungshilfe wurden diskutiert. Dass Open Data Entwicklungszusammenarbeit verbessern kann, ist seit Längerem klar. Jetzt hat der [...]

  2. 2.

    [...] erschienen auf zeit.de Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Interview, Zeit Open Data Blog von Lorenz Matzat. [...]

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