Offene Daten – offene Gesellschaft

Zeitgeschichte in Daten. Wie sich Großbritannien unter der Iron Lady veränderte

Von 12. Januar 2012 um 13:26 Uhr

Erinnerungen sind nie authentisch. Erfolge und Niederlagen erfahren mit wachsendem zeitlichen Abstand erstaunliche Transformationen. Aus einer unappetitlichen Schmach wird im Laufe der Jahre und Jahrzehnte gerne ein heroisches Scheitern. Aus banalem Tagwerk wird schon mal ein hart errungener Triumph. Kein Wunder also, dass auch politische Retrospektiven immer umstritten bleiben. War Helmuth Schmidt tatsächlich der hellsichtigste unter den deutschen Nachkriegsregierungschefs? Oder ragt nicht doch der ungeliebte Wiedervereinigungskanzler Helmut Kohl für alle Zeiten uneinholbar heraus – Trotz aller Spendenaffären und Familientragödien? Die Deutung derartiger Leistungen wird immer von politischen, sozialen und gegenwartsgeprägten Standpunkten aus vorgenommen – und bleiben dementsprechend Interpretationen.

Es verwundert also nicht, dass die Bemühungen wachsen, auch die Analyse zeitgeschichtlicher Ereignisse mit Hilfe von Datenkorrelationen und Datenanalysen zu objektivieren. Wir sprachen an dieser Stelle beispielsweise schon von neuen Formen der Geschichtsschreibung unter dem Schlagwort Data Driven History. Gemeint ist der Versuch, durch die Auswertung historischer Datensätze etablierte Geschichtsbilder zu vervollständigen oder im besten Fall sogar zu erschüttern. Die Auswertungsstrategien erstrecken sich dabei von der Korrelation der Zahl historischer Fundstellen oder Umfang der Funde prähistorischer Artefakte bis hin zu sprachanalytischen Auswertungen von Begriffskonjunkturen in Dokumenten zurückliegender Jahrhunderte.

Das Data Blog des britischen Guardian hat sich nun mit den Spuren beschäftigt, die die Iron Lady, Margaret Thatcher, im Vereinigten Königreich hinterließ. Das Ganze ist natürlich streng datenbasiert. Anlass ist der Start des Kinofilms The Iron Lady, in dem Meryl Streep die mittlerweile an Demenz erkrankte Margaret Thatcher darstellt. Die Produktion hatte in Großbritannien für heftige Debatten gesorgt. Neben der Frage, ob es angemessen ist, ein sogennantes Biopic, also die Verfilmung einer Lebensgeschichte, über Sein und Wirken einer lebende Persönlichkeit zu produzieren, die sich vermutlich nicht mehr mit all ihren geistigen Kräften zur Wehr setzen kann, ist die Bewertung zurückliegender politischer Leistungen Kern der gesellschaftlichen Auseinandersetzung.

Keine Wunder also, dass der Guardian bemüht war, die Leistungen der ehemaligen Regierungschefin mit neuen Methoden sichtbar zu machen beziehungsweise in Frage zu stellen. In einer ganzen Reihe von Infografiken zeigt das Data Blog Team des Guardian, wie sich Großbritannien in der Regierungszeit Margaret Thatchers veränderte. Zu den interessantesten Visualisierungen der Vergangenheit gehören dabei unter anderem Darstellungen der Heirats- und Scheidungsquote. Während die Zahl der Trennungen mehr oder weniger konstant blieb, weist die Statistik einen eindeutigen Rückgang an Hochzeiten auf. Das führt umgehend zu weiteren Fragen: Ist der Regress auf die abschreckende Wirkung der Eisernen Lady auf heiratswillige Männer zurückzuführen oder einfach nur eine Erscheinung der zunehmend unverbindlicheren Lebensstile in einer post- oder sogar postpostmodernen Gesellschaft?

 

 

Die Arbeitslosenquote wiederum besitzt eine ganz eigene Dramaturgie. In den knapp eineinhalb Jahrzehnten ihrer Regentschaft konnte Margaret Thatcher alles vorweisen, was man Politikern vorwirft oder wofür man ihnen typischerweise dankt. Erst ging die Quote der Erwerbslosen dramatisch nach oben, dann wieder dramatisch nach unten. Bleibt also die Frage, wie groß das Verdienst beziehungsweise das Verschulden ist.

 

Ein eher wirres Bild zeigt die Visualisierung der Konjunkturdaten. Die Ausschläge sind stark. In beide Richtungen.

 

 

Die Preisentwicklung, insbesondere die Immobilienpreise, dagegen sprechen eine eindeutige Sprache. Ihr Anstieg ist steil, sehr steil. Nicht gerade das, was sich Mieter und Häuslebauer wünschen. Aber natürlich ideal für all jene, die schon Grund und Haus beziehungsweise Häuser besitzen.

 

 

Klar wird also anhand dieser Beispiele, das alles weiter unklar ist – trotz der Anschaulichkeit der Vergangenheit durch Datenvisualisierung. Die Bewertung politischer Leistungen ist weiter Interpretationssache. Jede Statistik, jede Infografik, jede Visualisierung ist nur soviel wert, wie der Kontext in dem sie auftaucht oder das Wissen, in dessen Licht der Betrachter sie einordnet. Die Wahrheit wird dauerhaft umstritten bleiben. Auch im Zeitalter von Big Data.

 

 

 

 

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Ich hatte mich auf eine scharfsinnige, präzise Analyse gefreut, gerade im Hinblick auf eine fundierte und trotzdem verständliche Datenanalyse.

    Leider bekommt man den Eindruck, dass der Autor seine eigens geposteten Grafiken nicht versteht. Erst recht ist er nicht imstande, sie auch nur ansatzweise schlüssig mit historischem, ökonomischen oder soziologischem Wissen zu interpretieren.

    Es wundert daher auch nicht, dass das Fazit schwammig bleibt.

    Erkenntnisgewinn gleich null.

    • 13. Januar 2012 um 01:11 Uhr
    • statistikjunkie
  2. 2.

    Besten Dank für diesen liebenswürdigen Kommentar. Wir freuen uns natürlich über jede geistreiche Ergänzung, die uns die Grafiken und möglichen Methoden zeitgeschichtlicher Analyse schlüssig mit “historischem, ökonomischen oder soziologischem Wissen” interpretiert. Der Artikel des Guardian Data Blogs war Anlass grundsätzlich Mehrwert und Überschätzung von datenbasiertem Erkenntnisgewinn zu befragen.

    • 13. Januar 2012 um 10:26 Uhr
    • Markus Heidmeier
  3. 3.

    Helmuth mit th?

    • 13. Januar 2012 um 17:04 Uhr
    • Anonym
  4. 4.

    [...] Kino – Kein Schatten von Bedauernsueddeutsche.dePropaganda für eine HassfigurBadische ZeitungZeitgeschichte in Daten. Wie sich Groß Britannien unter der Iron Lady veränderteZEIT ONLINE [...]

  5. 5.

    Sie unterschlagen aber auch einige im Guardian-Artikel angeführte Beispiele, die wesentlich eindeutiger scheinen – wie Armut und Ungleichheit. Im Gegensatz zu den von Ihnen angeführten Beispielen lässt sich hier durchaus ein eindeutiger “Verdienst” der Thatcher-Politik erkennen.

    • 23. Januar 2012 um 16:17 Uhr
    • Fempton
  6. Kommentar zum Thema

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