Offene Daten – offene Gesellschaft

Wir hängen an der Wasserflasche

Von 27. November 2012 um 07:46 Uhr

Die Deutschen lieben Mineralwasser. Nicht nur, dass sie zu den größten Konsumenten weltweit gehören; der Durchschnittsdeutsche trinkt auch viel mehr abgefülltes Wasser als früher. Noch im Jahr 1970 lag der jährliche Verbrauch pro Kopf bei rund 13 Litern Mineral- und Heilwasser. Mittlerweile hat sich die Menge verzehnfacht. Hinzu kommt ein Pro-Kopf-Verbrauch von gut fünf Litern Quell- und Tafelwasser.

Womöglich ist der Verbrauch derart angestiegen, weil man sich mit steigendem Wohlstand lieber abgefülltes Mineralwasser gönnt, statt schnödes Trinkwasser aus der Leitung zu zapfen. Dabei ist dessen Qualität mindestens genauso gut, sagen Verbraucherschützer – und Leitungswasser kostet auch viel weniger. Zwischen den Bundesländern gibt es allerdings große Unterschiede, wie die Grafik zeigt. In Bayern, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein war Leitungswasser im Jahr 2010 besonders günstig, im Saarland, Sachsen und Thüringen besonders teuer.

Unter den abgefüllten Wässern ist Mineralwasser der absolute Favorit der Konsumenten. Das Gesetz definiert genau, wann ein Wasser als Mineralwasser verkauft werden darf. Es muss aus unterirdischen, vor Verunreinigung geschützten Wasservorkommen stammen und darf laut Gesetz fast gar nicht verändert werden. Die Abfüller dürfen es filtern, belüften, ihm Kohlensäure entziehen oder hinzufügen. Um als “Natürliches Mineralwasser” gehandelt zu werden, braucht ein Wasser zudem eine amtliche Anerkennung.

Heil- und Quellwasser stammen ebenfalls aus unterirdischen Quellen. Doch während Heilwasser als Arzneimittel gilt, besonders mineralstoffreich sein muss und seine gesundheitsfördernde Wirkung sogar wissenschaftlich belegt sein muss, sind die Anforderungen an Quellwasser weniger streng. Tafelwasser ist im Gegensatz zu den anderen Wässern kein Naturprodukt, sondern kann auch vom Hersteller zusammengemischt werden, etwa aus Leitungswasser, Mineralwasser, Sole, Kochsalz oder Meersalz und weiteren Zusatzstoffen.

Besonders beliebt sind Mineralwässer mit wenig Kohlensäure und stille Wässer ohne und mit Geschmack. Ihr Absatz hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen, während der Verkauf von Sprudelwasser hingegen leicht sank. Auch Erfrischungsgetränke auf Mineralwasserbasis verkaufen sich gut. Fassbrause sei der neue Trend, sagt der Mineralwasserverband, obwohl sie “eigentlich auf eine lange regionale Tradition zurückblicken” könne.

Den Branchenvertretern zufolge gibt es in Deutschland über 500 verschiedene Mineralwässer aus regionalen Brunnen. Die Karte zeigt: Ein beträchtlicher Teil der Wässer wird auch regional vermarktet. Besonders hoch ist die Quote in Nord- und Ostdeutschland. Allerdings ist die Größe der vom Branchenverband ausgewiesenen Gebiete sehr unterschiedlich, und gerade der Norden und Osten fallen besonders groß aus. Gut möglich, dass unter den dort gehandelten und in der Statistik als “regional” ausgewiesenen Mineralwässern auch solche sind, die über weite Strecken transportiert werden – beispielsweise von Südthüringen nach Berlin. Auffällig ist dennoch, dass ausgerechnet Bayern als relativ großes Flächenland den geringsten Absatzanteil an regionalen Wässern aufweist.

Nur wenige der deutschen Abfüller verkaufen ihr Wasser dem Verband zufolge international. Ebenso wird nur wenig des hier konsumierten Wassers aus dem Ausland eingeführt. Der Importanteil am Umsatz mit Mineral- und Heilwasser, gemessen in Litern, liegt seit Jahren relativ konstant zwischen acht und neun Prozent. Die Wässer, die wir einführen, kommen allerdings auch aus exotischen Gegenden. Aus den Einfuhrdaten des Bundesamtes für Statistik geht beispielsweise hervor, dass der Löwenanteil an importiertem Mineralwasser ohne Kohlensäure aus Frankreich kommt. Aber eine kleine Menge, vermutlich hochpreisiges Luxus-Wasser , stammt von den Fidschi-Inseln. Auch aus Norwegen, Russland, den USA, selbst aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien wird Mineralwasser ohne Kohlensäure nach Deutschland importiert. Ob das Wasser auch in der Wüste abgefüllt wurde, verrät die Statistik freilich nicht.

Importiertes kohlensäurehaltiges Mineralwasser kommt überwiegend aus Italien, das Tafelwasser aus den Niederlanden. Gezuckertes Import-Wasser, das nicht unbedingt Mineralwasser sein muss, aber sein kann, stammt vor allem aus Frankreich, Österreich, Dänemark und der Türkei. Und schließlich gibt es noch eine Kategorie von Importwasser, die Mineralwasser ausdrücklich ausschließt, aber Eis und Schnee mit einbezieht. Für solches Wasser sind die Niederlande unser größter Lieferant. Aber winzige Mengen kommen auch aus der Wüste der Vereinigten Arabischen Emirate, von den weit entfernten Salomonen – und sogar aus der Antarktis.

Leser-Kommentare
  1. 9.

    Interessant wäre auch ein Vergleich der Entwicklung des Mineralwasserverbrauchs mit der für andere Getränke. So ist ja z.B. der Bierkonsum seit langem rückläufig.

    • 27. November 2012 um 16:01 Uhr
    • Jan Forty-Two
  2. 10.

    @Frank Weißenborn
    Wo genau sehen Sie Probleme an den Diagrammen? Ich habe nochmal alle Diagramme betrachtet und sehe keinerlei Unklarheiten!

    • 27. November 2012 um 17:29 Uhr
    • Amelie
  3. 11.

    [...] http://blog.zeit.de/open-data/2012/11/27/mineralwasser-trinkwasserpreise/ Dieser Beitrag wurde unter DieZeit veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. ← Euro-Krise: Euro-Gruppe beschließt neue Hilfen für Griechenland [...]

  4. 12.

    Als ehemaliger DDR-Bürger kann ich nur sagen, dass der Gebrauch des Trinkwassers entsprechend der Bezeichnung nicht geschadet hat. Ich lebe noch immer.
    Ist nicht das verkaufte Tafelwasser nicht auch nur industriell verpacktes Trinkwasser?

  5. 13.

    Vielen Dank für den ausführlichen Artikel und die vielen Daten. Dürfen einzelne Grafiken inkl. Quellenangabe verwendet werden? Würde den Artikel gern etwas zusammen fassen auf http://www.wasseraufbereitungshilfe.de veröffentlichen.

    Was die Inhalte angeht. Ich finde 140 Liter im Jahr Mineralwasserkonsum extrem wenig. Ich trinke pro Tag um die 2 Liter, wäre damit alleine schon bei über 700 Liter im Jahr.

    • 2. Dezember 2012 um 15:11 Uhr
    • Julian
  6. 14.

    Habe mir zum Thema Wasser und Mensch auch mal ein paar Gedanken gemacht und einen Blog-Beitrag verfasst, der wohl hauptsächlich für Frauen interessant ist. ;)

    http://ann-joy.blog.de/2012/08/12/to-do-liste-punkt-1-trinken-14468527/

    • 17. Februar 2013 um 18:07 Uhr
    • Ann
  7. 15.

    [...] der Schwede lediglich 27 Liter abgefülltes Wasser pro Jahr, in Deutschland sind es ganze 135 Liter pro [...]

  8. 16.

    […] vor allem der Lebensmittel- und Tourismusbranche. Wir essen “Naturjoghurt”, trinken “100 Prozent natürliches” Mineralwasser, werden mit Fotos angeblich “unberührter Natur” in Urlaubsgebiete gelockt. Natur steht […]

  9. Kommentar zum Thema

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