Ostdeutschland ist anders. Wir schreiben drüber.

Hafenkapitän in Bitterfeld

Von 16. Oktober 2012 um 23:47 Uhr

“Und sehen wir uns nicht in dieser Welt, dann seh’n wir uns Bitterfeld”. Diesen Satz sagt der Hauptdarsteller im Film Go Trabi Go beim Aufbruch der Familie aus Bitterfeld mit dem Trabi in Richtung Süden, nach Italien, ans Meer. Der Spruch hat seinen Ursprung in der DDR, wo er den Zustand der Chemie-Stadt Bitterfeld versinnbildlichte, die mit ihren Chemiewerken, Schmutz, tropfenden Leitungen und verpesteter Luft so etwas wie die Hölle auf Erden war.

Diese schmutzige Bild von Bitterfeld stimmt nun schon eine ganze Weile nicht mehr. Es gibt nach wie vor viel Chemie-Industrie in der Stadt und ihrer Umgebung, doch sind die Produktionsanlagen heute – jedenfalls ihrem äußeren Anschein nach – sauber. Man kann sich das anschauen, wenn man durch den Chemiepark Bitterfeld-Wolfen fährt.

Heute müssen die Bitterfelder auch nicht mehr an die See fahren, wenn sie mal saubere Luft schnuppern und die weite Welt spüren wollen. Eine Fahrt an den Goitzschesee östlich der Stadt genügt. Das ist ein künstlicher See, der in den vergangenen Jahren durch die Flutung eines Tagebau-Restlochs entstanden ist. Am Westufer des Sees gibt es einen richtigen kleinen Hafen, mit Segelbooten, einem Fischkutter, in dem Räucherfisch verkauft wird, einer Hafenpromenade, Cafés und Fischgaststätten und einem Piratenschiff, auf dem man Rundfahrten über den See machen kann.

Hafen am Goitzschesee bei Bitterfeld

Im Hafen von Bitterfeld

Der Hafen veranschaulicht ein bisschen die Sehnsucht der Binnenländer nach dem Meer. Und weil die Sehnsucht so groß ist, gibt es in der Region rund um Leipzig, Merseburg, Delitzsch, und Bitterfeld auch erstaunlich viele Häfen. Das hat zunächst einmal damit zu tun, dass es recht viele Seen dort gibt. Deren Existenz ist die Folge des Braunkohle-Bergbaus, der jahrzehntelang die Landschaft verwüstet und einige ziemlich große Löcher hinterlassen hat. Nachdem die meisten dieser Tagebaue nach der Wiedervereinigung stillgelegt worden waren, hat man aus den Löchern mit Millionenaufwand Seen gemacht mit Badestränden und eben den Häfen – oder Marinas, wie das richtig heißt. Das Ganze wirkt zwar ziemlich künstlich, ist aber immer noch natürlicher als der Europapark in Rust.

Man kann die kleinen Häfen mit ihren Booten also als Zeichen der Liebe der Menschen in Mitteldeutschland zur Seefahrt verstehen. Nicht umsonst stammten viele Seeleute in der DDR aus Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt. Und auch heute noch zieht es so manche Landratte aus der Region aufs Schiff. Warum sonst betreibt die Bundesagentur für Arbeit eine Beratungs- und Werbestelle für Jobs auf Kreuzfahrtschiffen ausgerechnet in Suhl im Thüringer Wald?

Und wenn die Seeleute aus Thüringen dermaleinst nicht mehr die sieben Meere befahren wollen, dann heuern sie auf dem Piratenschiff von Bitterfeld oder als Hafenkapitän irgendwo im „Neuseenland“ an.

Kategorien: Allgemein
Leser-Kommentare
  1. 1.

    “Man kann die kleinen Häfen mit ihren Booten also als Zeichen der Liebe der Menschen in Mitteldeutschland zur Seefahrt verstehen.”

    Mhm, der Wunsch nach einer kleinen oder großen Yacht, um damit als Freizeitkapitän etwas herumzuschippern, entsteht aber nicht aus der Lust zur Seefahrt und hat schon gar nichts mit dem Fernweh der Menschen aus der DDR zu tun. Die Besitzer dieser Wasserfahrzeuge haben schlicht und einfach Zeit und Geld.

    “Warum sonst betreibt die Bundesagentur für Arbeit eine Beratungs- und Werbestelle für Jobs auf Kreuzfahrtschiffen ausgerechnet in Suhl im Thüringer Wald?”

    Na, weil Leute gesucht werden, die für wenig Geld rund um die Uhr arbeiten!

    • 17. Oktober 2012 um 10:36 Uhr
    • Siegfried Wittenburg
  2. 2.

    @ S. Wittenburg: Ich bezweifle, dass Leute sich nur deshalb kleine oder große Yachten kaufen, um sie zu besitzen. Ein bisschen Spaß am “Herumschippern” dürfte schon bei den meisten “Freizeitkapitänen” dabei sein – sonst könnten sie ja auch schlicht am See wandern gehen. ;-) Viele Grüße, Dirk Reinhardt

    • 17. Oktober 2012 um 10:58 Uhr
    • Dirk Reinhardt
  3. 3.

    @ Dirk Reinhardt

    “Ich bezweifle, dass Leute sich nur deshalb kleine oder große Yachten kaufen, um sie zu besitzen…”

    Kennen Sie die durschnittliche Betriebsdauer einer neuen Yacht, wenn sie auf dem Sekundärmarkt zum Weiterverkauf angeboten wird?

    • 17. Oktober 2012 um 11:04 Uhr
    • Siegfried Wittenburg
  4. 4.

    @ S. Wittenburg: Sie werden sie mir bestimmt gleich mitteilen.

    • 17. Oktober 2012 um 11:08 Uhr
    • Dirk Reinhardt
  5. 5.

    Schätzen Sie mal. :-)

    • 17. Oktober 2012 um 11:12 Uhr
    • Siegfried Wittenburg
  6. Kommentar zum Thema

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