Ostdeutschland ist anders. Wir schreiben drüber.

Unsere Heimat

Von 29. Oktober 2012 um 14:00 Uhr

Seit einiger Zeit sind für meine zwei Jahre alte Tochter Schlaf- und Beruhigungslieder wichtig. Also summe ich ihr, da es singend oft holpert, Melodien vor, die ich selbst noch aus Kindertagen kenne. Und weil ich ein nicht mehr so ganz junger Ossi bin, sind dabei auch Lieder, die heute etwas verdächtig wirken: Lieder aus dem DDR-Musikunterricht. Ja, auch so ein Pionierlied. Mein nur halb bewusstes musikalisches Gedächtnis hat damit offenbar kein Problem. Seine getragene Melodie ist ein gutes Schlaflied, und ehrlich: Es gefällt mir heute besser als damals. “Unsere Heimat” heißt es. Wer es nicht kennt, sollte kurz reinhören. Der Text geht so:

Uns’re Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer,
Uns’re Heimat sind auch all die Bäume im Wald.
Uns’re Heimat ist das Gras auf der Wiese, Korn auf dem Feld
Und die Vögel in der Luft und die Tiere der Erde
Und die Fische im Fluss sind die Heimat.

Und wir lieben die Heimat, die schöne.
Und wir schützen sie, weil sie dem Volke gehört,
Weil sie unserem Volke gehört.

Zum Text später. Zuerst geht es ja nur um Töne, die besseres verdient hätten. Doch schon da habe ich mich gefragt, ob ich meine musikalisch noch wehrlose Tochter, damit behelligen darf. Dafür spricht wohl, dass das Lied nicht ganz anspruchslos ist und schon früher nur geübten Chören so richtig gelang. Frei also nach Helge Schneider und Max Hansen: Was können die Töne denn dafür, dass sie so gut sind?!

Doch was ist mit dem Text? Geht der noch? Darf ich ihn meiner Tochter vorsingen und ihr das Lied so nach und nach eintrichtern?

Laut Wikipedia geht es in dem Lied um das “Verständnis des Begriffs Heimat der Freien Deutschen Jugend” und “dessen Bedeutung innerhalb des Kommunismus und des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus”. Das dürfte wohl etwas übertrieben sein. Wikipedia meint aber auch, das Lied sei 1974 entstanden, obwohl es vermutlich aus den 1950er-Jahren stammt. Und der Text, denke ich, hatte eher eine den DDR-Organisatoren genehme Vorstellung von Heimat und Natur als Volkseigentum im Sinn.

Lässt man diesen Kontext aber mal weg, erinnert er heute doch vor allem daran, dass wir nicht nur in Städten leben und dass Natur schützenswert ist. Wo wäre da das Problem? Weil fraglich ist, ob die Natur eines Landes einem Volk gehört oder sie nur darum schützenswert wäre? Und dann Volk und Heimat! Auch wenn ich selbst kein Problem damit habe: Ich weiß wohl, dass die Begriffe mehr Missbrauch erleben als alle Melodien der Welt. Nicht umsonst passt das Lied ja auch halb und ganz rechten Volkstümlern super in den Kram. Kürlich tauchte eine adaptierte Version im YouTube-Clip einer Demo gegen Moschee-Bauten in Berlin auf (findet man bei YouTube auch allein). Aber als zwingend erscheint mir ein Verständnis als DDR-Lied heute jedenfalls nicht mehr.

Sollte man solche Lieder also beschützen oder sogar rekultivieren? Man stelle sich nur vor, “Volk” durch “Menschen” oder “Schöpfung” zu ersetzen. Dann käme “Unsere Heimat” auch auf einem ländlichen Grünen-Parteitag oder in der Kirche ganz nett. Aber ok! Ich spinne mal nur ein bisschen… Vorsummen werde ich es meiner Kleinen aber weiter. Mit Singen klappt es ja doch nicht. Vielleicht fragt sie dann eines Tages ja doch mal, was das für ein Lied war. Das fände ich viel interessanter, als ihr erklären zu müssen, was aus aktuellen Luftnummern wie Lena kommt.

Kategorien: Allgemein
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Ich finde den Text komplett unverfänglich….. und insofern sollte das Lied keine Bedrohung für die geistig-moralische Entwicklung einer 2-jährigen bedeuten.

    • 29. Oktober 2012 um 19:01 Uhr
    • sauce
  2. 2.

    Einfach vorsingen, aber bitte in der Orginalversion…..entweder man singt ein Lied richtig oder gar nicht aber nicht verstümmelt.

    • 29. Oktober 2012 um 19:02 Uhr
    • Acaloth
  3. 3.

    Frau koennte ja auch einfach dem eigenen Kind ein bisschen vertrauen, vielleicht kann es das Lied frueher oder spaeter ja selbst in den Kontext setzen. Wir haben doch auch eine reflektierte Perspektive ueber die eigene Kindheit. Vielleicht muss man nicht alles auf die Goldwage legen. Solange da jetzt nicht ‘Der heimliche Aufmarsch’ zum Einschlafen ertoent ist das doch im Rahmen…

    Ich persoenlich bin auch ausm Osten, meine Eltern haben mich von solchen Liedern ferngehalten, sie waren in der DDR Oppositionsbewegung aktiv. Ich habe mir die Lieder alle spaeter selbst auf youtube angehoert. Nicht, weil ich Kommunist bin oder Ostalgiker oder sonstwas sondern weil mich interessiert was in den 37 Jahren vor meiner Geburt in meiner Heimat so loswar und die Gesellschaft (Schule, Medien, Politik) schweigt darueber ja beharrlich.

    • 29. Oktober 2012 um 19:10 Uhr
    • Peter Pan
  4. 4.

    Nun, also rein vom Text her kann ich nichts daran finden dass die DDR Diktatur, die Menschen systematisch unterdrückt hat, verherrlicht.

    Das vermittelt eine Wertschätzung der Natur.

    Wer sich da fragt, ob das Lied negative Auswirkungen haben könnte, der lebt meiner Meinung nach in einer anderen Welt oder kann sich keine eigene Meinung bilden. ;-)

    Als Vater würde ich noch andere Kinderlieder lernen und vorsingen. Oder selbst welche erstellen.

    • 29. Oktober 2012 um 19:20 Uhr
    • Kelsi
  5. 5.

    Als “ultrabrutaler Wessie” schreibe ich ein eindeutiges Ja !
    Nichts verwerfliches ist daran und erklären,wenn überhaupt nötig,das kann später geschehen.
    Immerhin gab es sowohl zu DDR-Zeiten ein Heimatgefühl,wie seinerzeit im Westen auch.
    Bitte nicht sich von westlicher Arroganz einvernehmen lassen,denn der “gemeine Wessie” hat auch nicht den tiefen Teller erfunden !

    • 29. Oktober 2012 um 19:24 Uhr
    • Wolfgang
  6. 6.

    der Sozialismus kommt doch gar nicht vor im Text! das man denkt einem gehoeren die Voegel ist vielleicht ein wenig schraeg, aber wenns noetig ist um Verantwortung zu empfinden, warum nicht?
    aber was ist mit Migranten? gehoeren denen auch Voegel, Fische und Baeume hier? war wohl kein Problem in der DDR weil keiner freiwillig dahin wollte, heutzutage geht aber nichts mehr ohne globale Verantwortung im Naturschutz

    • 29. Oktober 2012 um 19:27 Uhr
    • Rosa Koch
  7. 7.

    An den Schulen wird generell nicht mehr gesungen. Als Weihnachtslied geht nur noch “Rudolph the Rednosed Raindeer”. Zuviel Heimat oder Religion im Lied.

    • 29. Oktober 2012 um 19:30 Uhr
    • viola
  8. 8.

    Keine Sorge. In Kindergarten und Schule werden viel bedenklichere Lieder gesungen. Ich erinnere mich, dass wir in der Grundschule z.B. dieses Lied gesungen haben: http://www.volksliederarchiv.de/text620.html

    Dagegen find ich das von ihnen erwähnte Lied völlig harmlos.

    • 29. Oktober 2012 um 19:35 Uhr
    • Max Murks
  9. Kommentar zum Thema

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