Ostdeutschland ist anders. Wir schreiben drüber.

Damals war’s: Ein Film vom Abschied

Von 9. November 2012 um 14:10 Uhr

Damals war’s ist eine Sendung des Mitteldeutschen Rundfunks. Damals heißt hier nicht “vor dem Krieg”, “vor der großen Inflation” oder “als es noch kein Feuer gab”. Nein: Es heißt – “zu Ostzeiten”. Die Sendung spielt DDR- und Westschlager, zeigt Ausschnitte aus der Aktuellen Kamera und der Tagesschau, Berichte über “das pulsierende Alltagsleben” von “damals”. Oma und Opa holen dann gerne die Enkel ran und sagen: “Hier, so war das, DAS ist Geschichte.” Und weil Oma und Opa die Nase vorn haben, wenn es um “früher” geht, haben die Enkel keine Chance.

Wie kann man Oma und Opa widersprechen, wie kann man wegkommen von der MDR-Masche, wonach der Osten damals aus Trabi, Nudossi, FKK und Frank Schöbel bestand? Man könnte etwa nach Cottbus fahren und ins Kino gehen, zum Festival des Osteuropäischen Films, das sich in diesen Tagen mit dem auseinandersetzt, was im Osten war und und ist.

Eine Chronistin des Ostens ist Helke Misselwitz. Sie machte vor allem Dokumentarfilme im Osten, bei der DEFA und später auch ohne sie. Ihrem Werk hat das Filmfestival Cottbus 2012 einen Schwerpunkt gewidmet. Von ganz besonderer Größe und Bedeutung ist dabei ihr Film Winter adé von 1988, in dem sie Frauen in der DDR portraitierte. Misselwitz fuhr damals mit dem Zug durchs Land, von Zwickau an die Ostsee. Sie traf Frauen, die von ihrem Leben erzählten, von kleinen und großen Lieben, von Träumen und Enttäuschungen, Hoffnungen und Kämpfen. Sie sprach mit Müttern und Omas, mit Jugendlichen in der Tanzstunde, vor dem Jugendwerkhof oder der Einberufung der Söhne, in der Fabrik, bei der diamantenen Hochzeit oder der Auszeichnung zum Banner der Arbeit.

Der Film schaffte es irgendwie durch die Zensur und wurde 1988 auf der Dokfilmwoche in Leipzig ausgezeichnet. Erst danach offenbar schauten die Funktionäre genauer hin und sahen, was auch die Kinozuschauer und die Jury der Dokwoche entdeckt hatten: Dass Misselwitz in brillianter Klarheit dokumentiert hat, dass die Menschen der DDR – in diesem Fall die Frauen – nicht mit gedruckten Bilanzen arbeiteten oder nickend die Aktuelle Kamera sahen, dass sie vielmehr ihr Leben bilanzierten und – ehrlich waren.

Heute wie damals ist man tief berührt von Misselwitz’ Kunst, die Frauen zum Reden zu bringen, sie erzählen zu lassen ohne Floskeln und Phrasen. Sie zeigte, wie wenig die Menschen damals wollten und wie enttäuscht sie doch trotzdem wurden. Sie hat gezeigt, wie schwer es wiegt, betrogen zu werden.

Natürlich kann man den MDR in Schutz nehmen und sagen, dass er sich um den Osten und osteuropäische Filme kümmert. Aber so viele Filme können und konnten Filmemacher wie Helke Misselwitz, Volker Koepp oder Jürgen Böttcher gar nicht machen. So viele “echte” Filme kann man gar nicht zeigen, um den Gedächtnisschaden zu reparieren, den “Damals war’s” anrichtet.

Im Jahr 1989 wurde Winter adé zwar nicht im Fernsehen, zumindest aber in einigen Kinos der DDR gezeigt. Der Film endet auf einem Schiff am Meer – mit dem Bild eines damals fernen Traums. “Winter adé” war schon 1988 ein Abschiedsfilm. Für ein Land, dass sich nur ein Jahr später, am 9. November 1989, endlich doch auf die Reise gemacht hat.

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Leser-Kommentare
  1. 1.

    Danke für den tollen Filmtipp. Ich lebe im Sendebereich des NDR, der von den Niederlanden bis nach Polen reicht. Doch wenn ich diesen Sendebereich in Richtung Südosten verlasse, erlebe ich, wie die Menschen anders denken und reden.

    Liegt es tatsächlich am Einfluss des MDR und an der Zeitschrift, die mit Super anfängt und mit illu aufhört? Bis auf sehr wenige Ausnahmen jedenfalls ist der MDR beim Zappen kaum zu ertragen. Es wird fast jeden Abend geschunkelt und kollektiv im Takt geklatscht. Und gute Filme aus dem Osten kommen im Westen auch gut an. Es ist diese Verkitschung und Verklärung, die nervt, im Norden wie im Westen. Es liegt wohl an den Einschaltquoten der Omas und Opas. Aber ein öffentlich-rechtlicher Sender hat auch ein Bildungsaufgabe!

    • 9. November 2012 um 15:35 Uhr
    • Siegfried Wittenburg
  2. Kommentar zum Thema

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