Ostdeutschland ist anders. Wir schreiben drüber.

Publizistische Ost-West-Pakete

Von 13. Dezember 2012 um 13:46 Uhr

Journalistisch gesehen die bestverkauftesten Geschichten sind doch immer noch die Entdecker-Stories. Für solche Texte, so heißt es in den Zeitungen, räumt man “im Blatt schon mal ‘ne Seite frei”. Argumentiert wird da mit Worten wie “‘n schönes Lesestück!” oder “‘was Buntes, aber mit Tiefgang!”. Diese kleinen Schmäckerchen der journalistischen Schreibkunst werden den Abonnenten nicht immer, aber bevorzugt am Wochenende präsentiert.

Letztens erst hat uns auch die FAZ wieder einmal verwöhnt mit solch einem heimeligen Stück, nachdem allerdings die gleichen Helden bereits im Mannheimer Morgen, im Berliner Tagesspiegel, in der Lausitzer Rundschau, der Chemnitzer Freien Presse und im Neuen Deutschland die Leserherzen erfreut haben: Ost und West vereint bei der journalistischen Themenwahl: “Eine deutsche Brieffreundschaft” hieß das FAZ-Teil.

Drei Mal darf man angesichts dieses “echt total offenen” Titels raten, wer hier noch Briefe schreibt. – Richtig, Lehrer und Rentner, genauer: ein ostdeutscher Rentner und ein westdeutscher Lehrer. Und das extra schnuckelige Lesestückchen auf der FAZ-Seite-Drei war nun was? – Eine hornalte Story über zwei Männer, die meinen, man könnte die deutsch-deutschen Unterschiede friedlich lösen.

Die beiden Werbeträger der Deutschen Post werden seit Jahren alle paar Montate durch das Zeitungsdorf getrieben, weil sie sich brieflich austauschen über den richtigen Weg zum deutschen Glück und weil sie für ihre Pamphlete auch noch einen Buchverlag gefunden haben. Hier soll nun nicht allzu viel verraten werden, nur ein Satz, der die Schärfe und Symbollastigkeit (wichtig für die FAZ) des Zeitungsartikels über diesen Brief-Austausch zwischen den beiden illustriert: “Politisch sind sie sich weiter fremd, menschlich verstehen sie sich.” – Was sagt man dazu. Da fällt einem doch sofort ein: “Frieden schaffen ohne Waffen!”

So richtig krachen tut es in dem Beitrag am Schluss, denn da kommt ein Satz, der mit seinem abendfüllenden Menü-Anspruch das soeben zitierte Sätzchen zu einem Appetithäppchen verkommen lässt: “Zum Abschied in Speyer gibt er Stenzel [der Ostrentner ist also wirklich zu dem Westlehrer nach Speyer gereist! - Ist das nicht schon Schweiz?] das neue Buch von Margot Honecker mit. Der packt es ohne äußere Regung ein.” – Na, bitte, das nennt man dann doch einen guten FAZ-Schluss: Der Ostbesuch hat den gedruckten “Honecker” im Handgepäck auf seiner Westreise, was denn sonst.

Einen ähnlich guten Riecher für die Ost-West-Lager-Geschichten aber haben nicht nur Zeitungen und hat nicht nur die FAZ. Ähnlich gut aufgestellt ist die Partei Die Linke, denn die hat in ihren Reihen eine Journalistin, die Thüringer Bundestagsabgeordnete und Ex-Hessischer-Rundfunk-Chefredakteurin Luc Jochimsen: Auch die hatte natürlich von dem briefschreibenden Westlehrer und dem Ostjuristen gehört, hatte sie getroffen und vor wenigen Tagen nun den Lehrer samt Schülern nach Weimar eingeladen und mit ihnen diskutiert.

Ist gegen so viel Aufklärung, Information und Verständigung nun ‘was zu sagen? Warum meckern, wenn alle Briefe schreiben, lesen, zuhören, sich gegenseitig besuchen, Kinder mitbringen und Bücher verschenken? Was also ist noch offen nach so viel Völkerverständigung? – Richtig, die Frage, welches schicke Buch nun der Lehrer aus Speyer in Thüringen gelassen hat. Aber das ist die nächste Wochenend-Geschichte.

Kategorien: Allgemein
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Kann man statt des geistigen Erich-und-Margot-Honecker-Schmalzes nicht lieber Grimms gesammelte Märchen verschenken? Die sind wenigesten gesamtdeutsch.

    • 13. Dezember 2012 um 17:49 Uhr
    • Siegfried Wittenburg
  2. 2.

    Der Unterschied zwischen einer Diktatur und einer Demokratie ist etwa wie zwischen einem Gartenteich und einem Ozean.

    Der ostdeutsche Rentner war mit seinem Gartenteich zufrieden. Es macht keinen Sinn, ihm im Nachhinein die Freude zu verderben, die er daran hatte. Er hatte mit einem Ozean nichts am Hut. Wer Angst vor dem Ozean hat, soll die Sonne im Garten genießen.

    Wer sich auf den Ozean hinauswagen möchte, soll sich nicht hindern lassen, auch nicht von einem Gartenteichliebhaber.

    Es geht um die Freiheit, beides tun oder lassen zu können.

    • 14. Dezember 2012 um 10:26 Uhr
    • Siegfried Wittenburg
  3. 3.

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